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Full text of "Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 1893—1906"

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2 
| Sammlung kleiner Schriften 
| zur “ 
NEUROSENLEHRE 


Jahren 1893—-1906 


von 


Prof. Dr. Sigm. Freud. 


LEIPZIG UND WIEN 
FRANZ BBRUTICKE 
1906. 


Sammlung kleiner Schriften 


NEUROSENLEHRE 


aus den 
Jahren 1893—1906 


von 


Prof. Dr. Sigm. Freud. 


8 - 


LEIPZIG UND WIEN 
FRANZ DEUTICKE 
1906. 


Verlags-Nr. 1279. 


UTHM. KUNSTANBTALT, K. K, HOFTHEATER-DRUCKEREN, WIEN, IX. BERGQASBE 7. 


Vorwort. 


Mehrfach geäußerten Wünschen folgend, habe ich mich 
entschlossen, meine kleineren Arbeiten über Neurosen seit 
dem Jahre 1893 den Fachgenossen gesammelt vorzulegen. 
Es sind vierzehn kurze Aufsätze, meist vom Charakter vor- 
läufiger Mitteilungen, die in wissenschaftlichen Archiven oder 
ärztlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden, drei unter ihnen 
in französischer Sprache. Die beiden letzten (XIII und XIV), 
sehr knapp gehaltenen Darlegungen meines gegenwärtigen 
Standpunktes in der Ätiologie wie in der Therapie der Neu- 
rosen, sind den bekannten Werken von L.Löwenfeld, „Die 
psychischen Zwangserscheinungen“, 1904, und „Sexualleben und 
Nervenleiden“, 4. Auflage, 1906, entnommen, für welche ich 
sie über Aufforderung des befreundeten Autors abgefaßt hatte. 

Diese Sammlung bildet die Vorbereitung und Ergänzung 
meiner größeren Publikationen, welche die gleichen Themata 
behandeln (Studien über Hysterie [mit Dr. J. Breuer], 1895 
— Traumdeutung, 1900 — Zur Psychopathologie des Alltags- 
lebens, 1901 und 1904 — Der Witz und seine Beziehung zum 
Unbewußten, 1905 — Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 
1905 — Bruchstück einer Hysterieanalyse, 1905). Daß ich den 
Nachruf an J.M. Charcot an die Spitze der hier vereinigten 
kleinen Aufsätze gestellt habe, soll nicht nur einer Pflicht der 
Dankbarkeit genügen, sondern auch den Punkt hervorheben, 
an welchem die eigene Arbeit von der des Meisters abzweigt. 

Wer mit der Entwicklung menschlicher Erkenntnis 
vertraut ist, wird ohne Verwunderung hören, daß ich einen 
Teil der hier vertretenen Meinungen seither überwunden, 
einen anderen zu modifizieren verstanden habe. Doch habe 
ich den größeren Teil unverändert festhalten können und 
brauche eigentlich nichts als völlig irrig und ganz wertlos 
zurückzunehmen. 


I. 
1I. 


II. 


EV. 


Inhalts-Verzeichnis. 


Seite 
Charcot (1893) . . . . Be 
Über den psychischen Mechanike.ne Nettes: Pre 
von Dr. J. Breuer und Dr. Sigm. Freud (1898) ....14 
Quelques considerations pour une etude comparative des para- 
lysies motrices organiques et hysteriques (1898). . . . . .. 30 


Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen 
Theorie der acquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangs- 
vorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen (1894) 45 


. Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 


Symptomenkomplex als „Angstneurose“ abzutrennen (1895) 60 


. Obsessions et phobies. Leur mecanisme psychique et leur 


etiologie (1895) . . . ee ar) 


. Zur Kritik der Mn neuen (1895) . Be: Be et 


Weitere Bemerkungen über die an nen nz 112 


. L’heredite et Y’etiologie des Növroses (186) . . . . . 155 
. Zur Ätiologie der Hysterie (18596) . . . . en) 
. Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen as) . 32:12:18] 
. Über Psychotherapie (1905) . . . . ee 20h 
. Die Freud’sche psychoanalytische Methode (1904) 2 

. Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie 


der Neurosen I00 0 2.0. un Bann 205 


I. 
Charcot.') 


Mit J. M. Charcot, den nach einem glücklichen und 
ruhmvollen Leben am 16. August d. J. ein rascher Tod ohne 
Leiden und Krankheit ereilt, hat die junge Wissenschaft der 
Neurologie ihren größten Förderer, haben die Neurologen 
aller Länder ihren Lehrmeister, hat Frankreich einen seiner 
ersten Männer allzu früh verloren. Er war erst 68 Jahre alt, 
seine körperliche Kraft wie seine geistige Frische schienen 
ihn im Einklange mit seinen unverhohlenen Wünschen für 
jene Langlebigkeit zu bestimmen, die nicht wenigen Geistes- 
arbeitern dieses Jahrhunderts zuteil geworden ist. Die statt- 
lichen neun Bände seiner Oeuyres completes, in denen seine 
Schüler seine Beiträge zur Medizin und Neuropathologie ge- 
sammelt hatten, dazu die Lecons du Mardi, die Jahresberichte 
seiner Klinik in der Salp6triere u. a. m., alle diese Publikationen, 
die der Wissenschaft und seinen Schülern teuer bleiben werden, 
können uns den Mann nicht ersetzen, der noch viel mehr zu 
geben und zu lehren hatte, dessen Person oder dessen Werken 
noch niemand genaht war, ohne von ihnen zu lernen. 

Er hatte eine rechtschaffen menschliche Freude an seinem 
großen Erfolg und pflegte sich gerne über seine Anfänge und 
den Weg, den er gegangen, zu äußern. Seine wissenschaftliche 
Neugierde war frühzeitig durch das reiche und damals völlig 
unverstandene Material neuropathologischer Tatsachen erregt 
worden, wie er erzählte, schon als er junger Interne (Sekundar- 
arzt) war. Wenn er damals mit seinem Primararzt die Visite 
auf einer der Abteilungen der Salpetrisre (Versorgungshaus 
für rauen) machte, durch all die Wildnis von Lähmungen, 
Zuckungen und Krämpfen, für die es vor 40 Jahren keine 


!) „Wiener Medizinische Wochenschrift“, Nr. 37, 1898. 


Freud, Neurosenlehre. 1 


Namen und kein Verständnis gab, pflegte er zu sagen: „Fau- 
drait y retourner et y rester“ und er hielt Wort. Als er 
Medecin des höpitaux (Primararzt) geworden war, trachtete 
er alsbald in die Salpötriere zu kommen, auf eine jener Ab- 
teilungen, die die Nervenkranken beherbergten, und einmal 
dort angelangt, verblieb er auch dort, anstatt, wie es den 
französischen Primarärzten freisteht, im regelmäßigen Turnus 
Spital und Abteilung und damit auch die Spezialität zu wechseln. 

So war sein erster Eindruck und der Vorsatz, zu dem 
er geführt hatte, bestimmend für seine gesamte weitere Ent- 
wicklung geworden. Die Verfügung über ein großes Material 
an chronisch Nervenkranken gestattete ihm nun, seine eigen- 
tümliche Begabung zu verwerten. Er war kein Grübler, kein 
Denker, sondern eine künstlerisch begabte Natur, wie er es 
selbst nannte, ein „visuel“, ein Seher. Von seiner Arbeits- 
weise erzählte er uns selbst folgendes: Er pflegte sich die 
Dinge, die er nicht kannte, immer von neuem anzusehen, 
Tag für Tag den Eindruck zu verstärken, bis ihm dann plötz- 
lich das Verständnis derselben aufging. Vor seinem geistigen 
Auge ordnete sich dann das Chaos, welches durch die Wieder- 
kehr immer derselben Symptome vorgetäuscht wurde; es er- 
gaben sich die neuen Krankheitsbilder, gekennzeichnet durch 
die konstante Verknüpfung gewisser Symptomgruppen; die 
vollständigen und extremen Fälle, die „Typen“, ließen sich 
mit Hilfe einer gewissen Art von Schematisierung hervor- 
heben, und von den Typen aus blickte das Auge auf die lange 
Reihe der abgeschwächten Fälle, der „formes frustes“, die 
von dem oder jenem charakteristischen Merkmal des Typus 
her ins Unbestimmte ausliefen. Er nannte diese Art der 
Geistesarbeit, in der er keinen Gleichen hatte, „Nosographie 
treiben“ und war stolz auf sie. Man konnte ihn sagen hören, 
die größte Befriedigung, die ein Mensch erleben könne, sei, 
etwas neues zu sehen, d. h. es als neu zu erkennen, und in 
immer wiederholten Bemerkungen kam er auf die Schwierig- 
keitund Verdienstlichkeit dieses „Sehens“ zurück. Woher esdenn 
komme, daß die Menschen in der Medizin immer nur sönen, 
was sie zu sehen bereits gelernt haben, wie wunderbar es sei, 
daß man plötzlich neue Dinge — neue Krankheitszustände — 


sehen könne, die doch wahrscheinlich so alt seien wie das 
Menschengeschlecht, und wie er sich selbst sagen müsse, er 
sehe jetzt manches, was er durch 30 Jahre auf seinen Kranken- 
zimmern übersehen habe. Welchen Reichtum an Formen die 
Neuropathologie durch ihn gewann, welche Verschärfung und 
Sicherheit der Diagnose durch seine Beobachtungen ermög- 
licht wurde, braucht man dem Aırzte nur anzudeuten. Der 
Schüler aber, der mit ihm einen stundenlangen Gang durch 
die Krankenzimmer der Salpetriere, dieses Museums von klini- 
schen Fakten, gemacht hatte, deren Namen und Besonderheit 
größtenteils von ihm selbst herrührten, wurde an Cuvier 
erinnert, dessen Statue vor dem Jardin des plantes den großen 
Kenner und Beschreiber der Tierwelt, umgeben von der Fülle 
tierischer Gestalten, zeigt, oder er mußte an den Mythus von 
Adam denken, der jenen von Charcot gepriesenen intellek- 
tuellen Genuß im höchsten Ausmaß erlebt haben mochte, als 
ihm Gott die Lebewesen des Paradieses zur Sonderung und 
Benennung vorführte. 

Charcot wurde auch niemals müde, die Rechte der rein 
klinischen Arbeit, die im Sehen und Ordnen besteht, gegen die 
Übergriffe der theoretischen Medizin zu verteidigen. Wir waren 
einmal eine kleine Schar von Fremden beisammen, die, in der 
deutschen Schulphysiologie auferzogen, ihm durch die Bean- 
ständung seiner klinischen Neuheiten lästig fielen: „Das kann 
doch nicht sein“, wendete ihm einmal einer von uns ein: „das 
widerspricht ja der Theorie von Young-Helmholtz.“ Er 
erwiderte nicht: „Um so ärger für die Theorie, die Tatsachen 
der Klinik haben den Vorrang“, u. dgl., aber er sagte uns 
doch, was uns einen großen Eindruck machte: „La theorie, 
c’est bon, mais ca n’empäche pas d’exister.“ 

Durch eine ganze Reihe von Jahren hatte Charcot die 
Professur für pathologische Anatomie in Paris inne und seine 
neuropathologischen Arbeiten und Vorlesungen, die ihn rasch 
auch im Auslande berühmt machten, betrieb er ohne Auftrag 
als Nebenbeschäftigung; für die Neuropathologie war es aber 
ein Glück, daß derselbe Mann die Leistung zweier Instanzen 
auf sich nehmen konnte, einerseits durch klinische Beobachtung 
die Krankheitsbilder schuf und anderseits beim Typus wie 

1* 


bei der forme fruste die gleiche anatomische Veränderung als 
Grundlage des Leidens nachwies. Es ist allgemein bekannt, 
welche Erfolge diese anatomisch-klinische Methode Charcot’s 
auf dem Gebiete der organischen Nervenkrankheiten, der Tabes, 
multiplen Sklerose, der amyotrophischen Lateralsklerose usw. 
erzielte. Oft bedurfte es jahrelangen geduldigen Harrens, ehe 
bei diesen chronischen, nicht direkt zum Tode führenden 
Affektionen der Nachweis der organischen Veränderung gelang, 
und nur ein Siechenhaus, wie die Salpötriere, konnte gestatten, 
die Kranken durch so lange Zeiträume zu verfolgen und zu 
erhalten. Die erste Feststellung dieser Art machte Charcot 
übrigens, ehe er über eine Abteilung verfügen konnte. Der 
Zufall führte ihm während seiner Studienzeit eine Bedienerin 
zu, die an einem eigentümlichen Zittern litt und wegen ihrer 
Ungeschicklichkeit keine Stelle bekommen konnte. Charcot 
erkannte ihren Zustand als die von Duchenne bereits be- 
schriebene „Paralysie choreiforme“, von der aber nicht bekannt 
war, worauf sie beruhe. Er behielt die interessante Bedienerin, 
obwohl sie ihm im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen an 
Schüsseln und Tellern kostete, und als sie endlich starb, konnte 
er an ihr nachweisen, daß die „Paralysie choreiforme“ der 
klinische Ausdruck der multiplen cerebrospinalen Sklerose sei. 

Die pathologische Anatomie hat für die Neuropathologie 
zweierlei zu leisten: neben dem Nachweis der krankhaften 
Veränderung die Feststellung von deren Lokalisation, und wir 
alle wissen, daß in den letzten beiden Dezennien der zweite 
Teil der Aufgabe das größere Interesse gefunden und die 
größere Förderung erfahren hat. Charcot hat auch an diesem 
Werke in hervorragendster Weise mitgearbeitet, wenngleich 
die bahnbrechenden Funde nicht von ihm herrühren. Er 
folgte zunächst den Spuren unseres Landsmannes Türck, 
der, wie es heißt, ziemlich einsam in unserer Mitte gelebt 
und geforscht hat, und als dann die beiden großen Neuerungen 
kamen, die eine neue Epoche für unsere Kenntnis der „Loka- 
lisation der Nervenkrankheiten“ einleiteten, die Reizungsver- 
suche von Hitzig-Fritsch und die Markentwicklungsbefunde 
von Flechsig, hat er in seinen Vorlesungen über die Loka- 
lisation das Meiste und das Beste dazu getan, die neuen 


Lehren mit der Klinik zu vereinigen und für sie fruchtbar zu 
machen. Was speziell die Beziehung der Körpermuskulatur zur 
motorischen Zone des menschlichen Großhirns betrifft, so er- 
innere ich daran, wie lange die genauere Art und Topik 
dieser Beziehung in Frage stand (gemeinsame Vertretung 
beider Extremitäten an denselben Stellen — Vertretung der 
oberen Extremität in der vorderen, der unteren in der hinteren 
Zentralwindung, also vertikale Gliederung), bis endlich fort- 
gesetzte klinische Beobachtungen und Reiz- wie Exstirpations- 
versuche am lebenden Menschen bei Gelegenheit chirurgischer 
Eingriffe zugunsten der Ansicht von Charcot und Pitres 
entschieden, daß das mittlere Drittel der Zentralwindungen 
vorwiegend der Armvertretung, das obere Drittel und der 
mediale Anteil der Beinvertretung diene, daß also eine hori- 
zontale Gliederung in der motorischen Region durchgeführt sei. 

Es würde nicht gelingen, die Bedeutung Charcot’s 
für die Neuropathologie durch die Aufzählung einzelner 
Leistungen zu erweisen, denn es hat in den letzten zwei 
Dezennien überhaupt nicht viele Themata von einigem Belang 
gegeben, an deren Aufstellung und Diskussion die Schule 
der Salpetriere nicht einen hervorragenden Anteil genommen 
hätte. „Die Schule der Salp6triere*, das war natürlich 
Charcot selbst, der mit dem Reichtume seiner Erfalırung, 
der durchsichtigen Klarheit seiner Diktion und der Plastik 
seiner Schilderungen unschwer in jeder Schülerarbeit zu er- 
kennen war. Aus dem Kreise von jungen Männern, die er so 
an sich heranzog und zu Teilnehmern seiner Forschungen 
machte, erhoben sich dann Einzelne zum Bewußtsein ihrer 
Individualität, gewaunen für sich selbst einen glänzenden 
Namen, und hie und da kam es auch vor, daß einer mit einer 
Behauptung hervortrat, die dem Meister mehr geistreich als 
richtig erschien, und die er in Gesprächen und Vorlesungen 
sarkastisch genug bekämpfte, ohne daß das Verhältnis zu 
dem geliebten Schüler darunter litt. Tatsächlich hinterläßt 
Charcot eine Schar von Schülern, deren geistige Qualität 
und bisherige Leistungen eine Bürgschaft bieten, daß die 
Pflege der Neuropathologie in Paris nicht so bald von der 
Höhe heruntergleiten wird, zu der Charcot sie geführt hat. 


Wir haben in Wien wiederholt die Erfahrung machen 
können, daß die geistige Bedeutung eines akademischen 
Lehrers nicht ohneweiters mit jener direkten persönlichen 
Beeinflussung der Jugend vereinigt sein muß, die sich in der 
Schöpfung einer zahlreichen und bedeutsamen Schule äußert. 
Wenn Charcot in diesem Punkte so viel glücklicher war, 
so mußte man dies den persönlichen Eigenschaften des 
Mannes zuschreiben, dem Zauber, der von seiner Erscheinung 
und Stimme ausging, der liebenswürdigen Offenheit, die sein 
Benehmen auszeichnete, sobald einmal die gegenseitigen Be- 
ziehungen das Stadium der ersten Fremdheit überwunden 
hatten, der Bereitwilligkeit, mit der er seinen Schülern alles 
zur Verfügung stellte, und der Treue, die er ihnen durch 
das Leben hielt. Die Stunden, die er auf seinen Kranken- 
zimmern verbrachte, waren Stunden des Beisammenseins und 
des Gedankenaustausches mit seinem gesamten ärztlichen 
Stab; er schloß sich da niemals ein; der jüngste Externe 
hatte Gelegenheit, ihn bei der Arbeit zu sehen und durfte 
ihn in dieser Arbeit stören, und dieselbe Freiheit genossen 
die Fremden, die in späteren Jahren niemals bei seiner 
Visite fehlten. Endlich, wenn am Abend Madame Charcot 
ihr gastliches Haus einer auserlesenen Gesellschaft öffnete, 
unterstützt von einer hochbegabten, in der Ähnlichkeit des 
Vaters aufblühenden Tochter, so standen die nie fehlenden 
Schüler und ärztlichen Gehilfen ihres Mannes als ein Teil 
der Familie den Gästen gegenüber. 

Das Jahr 1882 oder 83 brachte die endgiltige Gestaltung 
in Charcot’s Lebens- und Arbeitsbedingungen. Man war 
zur Einsicht gekommen, daß das Wirken dieses Mannes 
einen Teil des Besitzstandes der nationalen Gloire bilde, der 
nach dem unglücklichen Kriege von 1870/71 um so eifer- 
süchtiger behütet wurde. Die Regierung, an deren Spitze 
Charcot’s alter Freund Gambetta stand, schuf für ihn 
einen Lehrstuhl für Neuropathologie an der Fakultät, für 
welchen er der pathologischen Anatomie entsagen konnte, 
und eine Klinik samt wissenschaftlichen Nebeninstituten in 
der Salpötriere. „Le service de M. Charcot“ umfaßte jetzt 
nebst den früheren mit chronisch Kranken belegten Räumen 


mehrere klinische Zimmer, in welche auch Männer Aufnalıme 
fanden, eine riesige Ambulanz, die Consultation externe, ein 
histologisches Laboratorium, ein Museum, eine elektrothera- 
peutische, Augen- und Ohrenabteilung und ein eigenes photo- 
graphisches Atelier, als ebenso viel Anlässe, um ehemalige 
Assistenten und Schüler in festen Stellungen dauernd an die 
Klinik zu binden. Die zwei Stock hohen, verwittert aussehen- 
den Gebäude mit den Höfen, die sie umschlossen, erinnerten 
den Fremden auffällig an unser Allgemeines Krankenhaus, 
aber die Ähnlichkeit ging wohl nicht weit genug. „Es ist 
vielleicht nicht schön hier“, sagte Charcot, wenn er dem 
Besucher seinen Besitz zeigte, „aber man findet Platz für 
alles, was man machen will.“ 

Charcot stand auf der Höhe des Lebens, als ihm diese 
Fülle von Lehr- und Forschungsmitteln zur Verfügung ge- 
stellt wurde. Er war ein unermüdlicher Arbeiter, ich glaube, 
immer noch der fleißigste der ganzen Schule. Eine Privat- 
ordination, zu der sich die Kranken „aus Samarkand und von 
den Antillen“ drängten, vermochte es nicht, ihn seiner Lehr- 
tätigkeit oder seinen Forschungen zu entfremden. Sicherlich 
wandte sich dieser Zulauf von Menschen nicht allein an den 
berühmten Forscher, sondern ebensosehr an den großen Arzt 
und Menschenfreund, der immer einen Bescheid zu finden 
wußte und dort ahnte und erriet, wo der gegenwärtige Zustand 
der Wissenschaft ihm nicht gestattete, zu wissen. Man hat 
ihm vielfach seine Therapie zum Vorwurfe gemacht, die durch 
ihren Reichtum an Verschreibungen ein rationalistisches Ge- 
wissen beleidigen mußte. Allein er setzte einfach die örtlich 
und zeitlich gebräuchlichen Methoden fort, ohne sich über 
deren Wirksamkeit viel zu täuschen. Inder therapeutischen 
Erwartung war er übrigens nicht pessimistisch und hat früher 
und später die Hand dazu geboten, neue Behandlungsmethoden 
an seiner Klinik zu versuchen, deren kurzlebiger Erfolg von 
anderer Seite her seine Aufklärung fand. Als Lehrer war 
Charcot geradezu fesselnd, jeder seiner Vorträge ein kleines 
Kunstwerk an Aufbau und Gliederung, formvollendet und in 
einer Weise eindringlich, daß man den ganzen Tag über das 
gehörte Wort nicht aus seinem Ohr und das demonstrierte 


Objekt nicht aus dem Sinne bringen konnte. Er demonstrierte 
selten einen einzigen Kranken, meist eine Reihe oder Gegen- 
stücke, die er mit einander verglich. Der Saal, in welchem er 
seine Vorlesungen hielt, war mit einem Bilde geschmückt, 
welches den „Bürger“ Pinel darstellt, wie er den armen Irr- 
sinnigen der Salpötriere die Fesseln abnehmen läßt; die Sal- 
petriere, die während der Revolution so viel Schrecken gesehen, 
war doch auch die Stätte dieser humansten aller Umwälzungen 
gewesen. Meister Charcot selbst machte bei einer solchen 
Vorlesung einen eigentümlichen Eindruck; er, der sonst vor 
Lebhaftigkeit und Heiterkeit übersprudelte, auf dessen Lippen 
der Witz nicht erstarb, sah dann unter seinem Samtkäppchen 
ernst und feierlich, ja eigentlich gealtert aus, seine Stimme 
klang uns wie gedämpft, und wir konnten etwa verstehen, wieso 
übelwollende Fremde dazu kamen, der ganzen Vorlesung den Vor- 
wurf des Theatralischen zu machen. Die so sprachen, waren wohl 
die Formlosigkeit des deutschen klinischen Vortrags gewöhnt 
oder vergaßen daran, daß Charcot nur eine Vorlesung in 
der Woche hielt, die er also sorgfältig vorbereiten konnte. 

Folgte Charcot mit dieser feierlichen Vorlesung, in der 
alles vorbereitet war und alles eintreffen mußte, währscheinlich 
einer eingewurzelten ‚Tradition, so empfand er doch auch 
das Bedürfnis, seinen Hörern ein minder verkünsteltes Bild 
seiner Tätigkeit zu geben. Dazu diente ihm die Ambulanz 
der Klinik, die er in den sogenannten Lecons du Mardi per- 
sönlich erledigte. Da nahm er ihm völlig unbekannte Fälle 
vor, setzte sich allen Wechselfällen des Examens, allen Irr- 
wegen einer ersten Untersuchung aus, warf seine Autorität 
von sich, um gelegentlich einzugestehen, daß dieser Fall keine 
Diagnose zulasse, daß in jenem ihn der Anschein getäuscht 
habe, und niemals erschien er seinen Hörern größer, als nach- 
dem er sich so bemüht hatte, durch die eingehendste Rechen- 
schaft über seine Gedankengänge, durch die größte Offenheit 
in seinen Zweifeln und Bedenken die Kluft zwischen Lehrer 
und Schülern zu verringern. Die Veröffentlichung dieser im- 
provisierten Vorträge aus den Jahren 1887 und 1888 zu- 
nächst in französischer, gegenwärtig auch in deutscher Sprache, 
hat auch den Kreis seiner Bewunderer ins Ungemessene er- 


g 


weitert, und niemals hat ein neuropathologisches Werk einen 
ähnlichen Erfolg im ärztlichen Publikum erzielt wie dieses. 

Ungefähr gleichzeitig mit der Errichtung der Klinik und 
dem Zurücktreten der pathologischen Anatomie vollzog sich 
eine Wandlung in Charcot’s wissenschaftlichen Neigungen, 
der wir die schönsten seiner Arbeiten verdanken. Er erklärte 
nun, die Lehre von den organischen Nervenkrankheiten sei 
vorderhand ziemlich abgeschlossen, und begann, sein Interesse 
fast ausschließlich der Hysterie zuzuwenden, die so mit einem 
Schlage in den Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit 
gelangte. Diese rätselhafteste aller Nervenkrankheiten, für 
deren Beurteilung die Ärzte noch keinen tauglichen Gesichts- 
punkt gefunden hatten, war gerade damals recht in Mißkredit 
geraten, der sich sowohl auf die Kranken als auf die Ärzte 
erstreckte, die sich mit der Neurose beschäftigten. Es hieß, 
bei der Hysterie ist alles möglich, und.den Hysterischen wollte 
man gar nichts glauben. Die Arbeit Charcot’s gab dem Thema 
zunächst seine Würde wieder; man gewöhnte sich allmählich 
das höhnische Lächeln ab, auf das die Kranke damals sicher 
rechnen konnte; sie mußte nicht mehr eine Simulantin sein, 
da Charcot mit seiner vollen Autorität für die Echtheit und 
Objektivität der hysterischen Phänomene eintrat. Charcot 
hatte im kleinen die Tat der Befreiung wiederholt, wegen 
welcher das Bild Pinel’s den Hörsaal der Salpötriere zierte. 
Nachdem man nun der blinden Furcht entsagt hatte, von den 
armen Kranken genarrt zu werden, welche einer ernsthaften 
Beschäftigung mit der Neurose bisher im Wege gestanden 
war, konnte es sich fragen, welche Art der Bearbeitung auf 
dem kürzesten Wege zur Lösung des Problems führen würde. 
Für einen ganz unbefangenen Beobachter hätte sich folgende 
Anknüpfung dargeboten: Wenn ich einen Menschen in einem 
Zustande finde, der alle Zeichen eines schmerzhaften Affektes 
an sich trägt, im Weinen, Schreien, Toben, so liegt mir der 
Schluß nahe, einen seelischen Vorgang in diesem Menschen 
zu vermuten, dessen berechtigte Äußerungen jene körper- 
lichen Phänomene sind. Der Gesunde wäre dann imstande 
mitzuteilen, welcher Eindruck ihn peinigt, der Hysterische 
würde antworten, er wisse es nicht, und das Problem wäre 


10 


sofort gegeben, woher es komme, daß der Hysterische einem 
Affekt unterliegt, von dessen Veranlassung er nichts zu wissen 
behauptet. Hält man nun an seinem Schlusse fest, daß ein 
entsprechender psychischer Vorgang vorhanden sein müsse, 
und schenkt dabei doch der Behauptung des Kranken Glauben, 
der denselben verleugnet, sammelt man die vielfachen Anzeichen, 
aus denen hervorgeht, daß der Kranke sich so benimmt, als 
wüßte er doch darum, forscht man in der Lebensgeschichte 
des Kranken nach und findet in derselben einen Anlaß, ein 
Trauma, welches geeignet ist, gerade solche Affektäußerungen 
zu erzeugen, so drängt dies alles zur Lösung, daß der Kranke 
sich in einem besonderen Seelenzustande befinde, in dem das 
Band des Zusammenhanges nicht mehr alle Eindrücke oder 
Erinnerungen an solche umschlinge, in dem es einer Erinnerung 
möglich sei, ihren Affekt durch körperliche Phänomene zu 
äußern, ohne daß die Gruppe der anderen seelischen Vorgänge, 
das Ich, darum wisse oder hindernd eingreifen könne; und 
die Erinnerung an die allbekannte psychologische Verschieden- 
heit von Schlaf und Wachen hätte das Fremdartige dieser 
Annahme verringern können. Man wende nicht ein, daß die 
Theorie einer Spaltung des Bewußtseins als Lösung des Rätsels 
der Hysterie viel zu ferne liegt, als daß sie sich dem unbe- 
fangenen und ungeschulten Beobachter aufdrängen könnte. 
Tatsächlich hatte das Mittelalter doch diese Lösung gewählt, 
indem es die Besessenheit durch einen Dämon für die Ursache 
der hysterischen Phänomene erklärte; es hätte sich nur darum 
gehandelt, für die religiöse Terminologie jener dunkeln und aber- 
gläubischen Zeit die wissenschaftliche der Gegenwart einzusetzen. 

Oharcot betrat nicht diesen Weg zur Aufklärung der 
Hysterie, obwohl er aus den erhaltenen Berichten der Hexen- 
prozesse und der Besessenheit reichlich schöpfte, um zu er- 
weisen, daB die Erscheinungen der Neurose damals dieselben 
gewesen seien wie heute. Er behandelte die Hysterie wie ein 
anderes Thema der Neuropathologie, gab die vollständige 
Beschreibung ihrer Erscheinungen, wies Gesetz und Regel in 
denselben nach, lehrte die Symptome kennen, welche eine 
Diagnose der Hysterie ermöglichen. Die sorgfältigsten Unter- 
suchungen, die von ihm und seinen Schülern ausgingen, ver- 


11 


breiteten sich über die Sensibilitätsstörungen der Hysterie an 
der Haut und den tiefen Teilen, das Verhalten der Sinnes- 
organe, die Eigentümlichkeiten der hysterischen Kontrakturen 
und Lähmungen, der trophischen Störungen und der Verän- 
derungen des Stoffwechsels. Die mannigfachen Formen des 
hysterischen Anfalles wurden beschrieben, ein Schema auf- 
gestellt, welches die typische Gestaltung des großen hyste- 
rischen Anfalles in vier Stadien schilderte und die Zurück- 
führung der gemeinhin beobachteten „kleinen“ Anfälle auf 
den Typus gestattete; ebenso die Lage und Häufigkeit der 
sogenannten hysterogenen Zonen, deren Beziehung zu den 
Anfällen studiert usw. Mit all diesen Kenntnissen über die 
Erscheinung der Hysterie ausgestattet, machte man nun eine 
Reihe iberraschender Entdeckungen; man fand die Hysterie 
beim männlichen Geschlechte und besonders bei den Männern 
der Arbeiterklasse mit einer Häufigkeit, die man nicht ver- 
mutet hatte, man überzeugte sich, daß gewisse Zufälle, die 
man der Alkohol-, der Blei-Intoxikation zugeschrieben hatte, 
der Hysterie angehörten, man war imstande, eine ganze Anzahl 
von bisher unverstanden und isoliert dastehenden Affektionen 
unter die Hysterie zu subsummieren und den Anteil der Hysterie 
auszuscheiden, wo sich die Neurose mit anderen Affektionen 
zu komplexen Bildern vereinigt hatte. Am weittragendsten 
waren wohl die Forschungen über die Nervenerkrankungen 
nach schweren Traumen, die „traumatischen Neurosen“, deren 
Auffassung jetzt noch in Diskussion steht, und bei welchen 
Charcot das Recht der Hysterie erfolgreich vertreten hat. 

Nachdem die letzten Ausdehnungen des Begriffes der 
Hysterie so häufig zur Verwerfung ätiologischer Diagnosen 
geführt hatten, ergab sich die Notwendigkeit, auf die Ätiologie 
der Hysterie einzugehen. Charcot stellte eine einfache Formel 
für diese auf: als einzige Ursache hat die Heredität zu gelten, 
die Hysterie ist demnach eine Form der Entartung, ein Mit- 
glied der „famille nevropathique*; alle anderen ätiologischen 
Momente spielen die Rolle von Gelegenheitsursachen, von 
„agents provocateurs“. 

Der Aufbau dieses großen Gebäudes fand natürlich nicht 
ohne heftigen Widerspruch statt, allein es war der unfrucht- 


‘2 


bare Widerspruch einer alten Generation, die ihre Anschauungen 
nicht verändert wissen wollte; die Jüngeren unter den Neuro- 
pathologen, auch Deutschlands, nahmen Charcot’s Lehren 
in größerem oder geringerem Ausmaße an. Charcot selbst 
war des Sieges seiner Lehren von der Hysterie vollkommen 
sicher; wollte man ihm einwenden, daß die vier Stadien des 
Anfalles, die Hysterie bei Männern etc., anderswo als in Frank- 
reich nicht zu beobachten seien, so wies er darauf hin, wie 
lange er diese Dinge selbst übersehen habe, und wiederholte, 
die Hysterie sei allerorten und zu allen Zeiten die nämliche. 
Gegen den Vorwurf, daß die Franzosen eine weit nervösere 
Nation seien als andere, die Hysterie gleichsam eine nationale 
Unart, war er sehr empfindlich und konnte sich sehr freuen, 
wenn eine Publikation „über einen Fall von Reflexepilepsie“ 
bei einem preußischen Grenadier ihm auf Distanz die Diagnose 
der Hysterie ermöglichte. 

An einer Stelle seiner Arbeit ging Charcot noch über 
das Niveau seiner sonstigen Behandlung der Hysterie hinaus 
und tat einen Schritt, der ihm für alle Zeiten auch den Ruhm 
des ersten Erklärers der Hysterie sichert. Mit dem Studium 
der hysterischen Lähmungen beschäftigt, die nach Traumen 
entstehen, kam er auf den Einfall, diese Lähmungen, die er 
vorher sorgfältig von den organischen differenziert hatte, 
künstlich zu reproduzieren, und bediente sich hiezu hysterischer 
Patienten, die er durch Hypnotisieren in den Zustand des 
Somnambulismus versetzte. Es gelang ihm durch lückenlose 
Schlußfolge nachzuweisen, daß diese Lähmungen Erfolge von 
Vorstellungen seien, die in Momenten besonderer Disposition 
das Gehirn des Kranken beherrscht hatten. Damit war zum 
ersten Male der Mechanismus eines hysterischen Phänomens 
aufgeklärt, und an dieses unvergleichlich schöne Stück klini- 
scher Forschung knüpfte dann sein eigener Schüler P. Janet, 
knüpften Breuer u. a. an, um eine Theorie der Neurose zu 
entwerfen, welche sich mit der Auffassung des Mittelalters 
deckt, nachdem sie den „Dämon“ der priesterlichen Phantasie 
durch eine psychologische Formel ersetzt hat. 

Charcot’s Beschäftigung mit den hypnotischen Phäno- 
menen bei Hysterischen gereichte diesem bedeutungsvollen 


13 


Gebiet von bisher vernachlässigten und verachteten Tatsachen 
zur größten Förderung, indem das Gewicht seines Namens 
dem Zweifel an der Realität der hypnotischen Erscheinungen 
ein- für allemal ein Ende machte. Allein der rein psycho- 
logische Gegenstand vertrug die ausschließlich nosographische 
Behandlung nicht, die er bei der Schule der Salpetriere fand. 
Die Beschränkung des Studiums der Hypnose auf die Hyste- 
rischen, die Unterscheidung von großem und kleinem Hypno- 
tismus, die Aufstellung dreier Stadien der „großen Hypnose“ 
und deren Kennzeichnung durch somatische Phänomene, 
dies alles unterlag in der Schätzung der Zeitgenossen, als 
Liebault’s Schüler Bernheim es unternahm, die Lehre 
vom Hypnotismus auf einer umfassenderen psychologischen 
Grundlage aufzubauen uud die Suggestion zum Kernpunkt 
der Hypnose zu machen. Nur die Gegner des Hypnotismus, 
die sich damit zufrieden geben, ihren Mangel an eigener Er- 
fahrung durch Berufung auf eine Autorität zu verdecken, 
halten noch an den Aufstellungen Charcot’s fest und lieben es, 
eine aus seinen letzten Jahren stammende Äußerung zu verwerten, 
die der Hypnose eine jede Bedeutung als Heilmittel abspricht. 

Auch an den ätiologischen Theorien, die Charcot in 
seiner Lehre von der „famille nevropathique* vertrat, und die 
er zur Grundlage seiner gesamten Auffassung der Nerven- 
krankheiten gemacht hatte, wird wohl bald zu rütteln und 
zu korrigieren sein. Charcot überschätzte die Heredität 
als Ursache so sehr, daß kein Raum für die Erwerbung von 
Neuropathien übrig blieb, er wies der Syphilis nur einen be- 
scheidenen Platz unter den „agents provocateurs“ an, und 
er trennte weder für die Ätiologie, noch sonst hinreichend 
scharf die organischen Nervenaffektionen von den Neurosen. 
Es ist unausbleiblich, daß der Fortschritt unserer Wissen- 
schaft, indem er unsere Kenntnisse vermehrt, auch manches 
von dem entwertet, was uns Charcot gelehrt hat, aber 
kein Wechsel der Zeiten oder der Meinungen wird den Nach- 
ruhm des Mannes zu schmälern vermögen, um den wir jetzt 
— in Frankreich und anderwärts — alle trauern. 


Wien, im August 1893. 


I. 


Über den psychischen Mechanismus hyste- 
rischer Phänomene.’) 


Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien. 
1 


Angeregt durch eine zufällige Beobachtung, forschen 
wir seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten 
Formen und Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, 
dem Vorgange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten 
Male, oft vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der großen 
Mehrzahl der Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn 
auch noch so eingehende Krankenexamen, diesen Ausgangs- 
punkt klarzustellen, teilweise, weil es sich oft um Erlebnisse 
handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, 
hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, 
den ursächlichen Zusammenhang des veranlassenden Vorganges 
und des pathologischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist 
es nötig, die Kranken zu hypnotisieren und in der Hypnose 
die Erinnerungen jener Zeit, wo das Symptom zum ersten 
Male auftrat, wachzurufen; dann gelingt es, jenen Zusammen- 
hang aufs deutlichste und überzeugendste darzulegen. 

Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer großen 
Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie 
in praktischer Hinsicht wertvoll erscheinen. 

In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen 
haben, daß das akzidentelle Moment weit über das bekannte 
und anerkannte Maß hinaus bestimmend ist für die Pathologie 
1%) „Neurologisches Centralblatt“, 1893, Nr. 1 u. 2. (Auch abgedruckt 
als Einleitung der »Studien über Hysterie«, 189, in welchen J. Breuer 


und ich die hier dargelegten Anschauungen weiter ausgefürt und durch 
Krankengeschichten erläutert haben.) 


15 


der Hysterie. Daß es bei „traumatischer“ Hysterie der 
Unfall ist, welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja 
selbstverständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus 
den Äußerungen der Kranken zu entnehmen ist, daß sie in 
jedem Anfall immer wieder denselben Vorgang halluzinieren, 
der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier 
der ursächliche Zusammenhang klar zutage. Dunkler ist der 
Sachverhalt bei den anderen Phänomenen. 

Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, daß die 
verschiedensten Symptome, welche für spontane, 
sozusagen idiopathische Leistungen der Hysterie 
gelten, in ebenso stringentem Zusammenhang mit 
dem veranlassenden Trauma stehen, wie die oben 
genannten, in dieser Beziehung durchsichtigen 
Phänomene. Wir haben Neuralgien wie Anästhesien der 
verschiedensten Art und von oft jahrelanger Dauer, Kontrak- 
turen und Lähmungen, hysterische Anfälle und epileptoide 
Konvulsionen, die alle Beobachter für echte Epilepsie gehalten 
hatten, Petit-mal und ticartige Affectionen, dauerndes Er- 
brechen und Anorexie bis zur Nahrungsverweigerung, die 
verschiedensten Sehstörungen, immer wiederkehrende Gesichts- 
halluzinationen u. dgl. m. auf solche veranlassende Momente 
zurückführen können. Das Mißverhältnis zwischen dem jahre- 
lang dauernden hysterischen Symptom und der einmaligen 
Veranlassung ist dasselbe, wie wir es bei der traumatischen 
Neurose regelmäßig zu sehen gewohnt sind; ganz häufig sind 
es Ereignisse aus der Kinderzeit, die für alle folgenden Jahre 
ein mehr oder minder schweres Krankheitsphänomen herge- 
stellt haben. 

Oft ist der Zusammenhang so klar, daß es vollständig er- 
sichtlich ist, wieso der veranlassende Vorfall eben dieses und 
kein anderes Phänomen erzeugt hat. Dieses ist dann durch die 
Veranlassung in völlig klarer Weise determiniert. So, um das 
banalste Beispiel zu nehmen, wenn ein schmerzlicher Affekt, 
der während des Essens entsteht, aber unterdrückt wird, dann 
Übelkeit und Erbrechen erzeugt, und dieses als hysterisches Er- 
brechen monatelang andauert. — Ein Mädchen, das in qualvoller 
Angst an einem Krankenbette wacht, verfällt in einen Dämmer- 


16 


zustand und hat eine schreckhafte Halluzination, während ihr 
der rechte Arm, über der Sessellehne hängend, einschläft; es 
entwickelt sich daraus eine Parese dieses Armes mit Kon- 
traktur und Anästhesie. Sie will beten und findet keine Worte; 
endlich gelingt es ihr, ein englisches Kindergebet zu sprechen. 
Als sich später eine schwere, höchst komplizierte Hysterie 
entwickelt, spricht, schreibt und versteht sie nur englisch, 
während ihr die Muttersprache durch 1!/, Jahre unverständ- 
lich ist. — Ein schwerkrankes Kind ist endlich eingeschlafen, 
die Mutter spannt alle Willenskraft an, um sich ruhig zu 
verhalten und es nicht zu wecken; gerade infolge dieses 
Vorsatzes macht sie („hysterischer Gegenwille!“) ein schnalzen- 
des Geräusch mit der Zunge. Dieses wiederholt sich später 
bei einer anderen Gelegenheit, wobei sie sich gleichfallsabsolut 
ruhig verhalten will, und es entwickelt sich daraus ein Tic, 
der als Zungenschnalzen durch viele Jahre jede Aufregung 
begleitet. — Ein hochintelligenter Mann assistiert, während 
seinem Bruder das ankylosierte Hüftgelenk in der Narkose 
gestreckt wird. Im Augenblick, wo das Gelenk krachend 
nachgibt, empfindet er heftigen Schmerz im eigenen Hüft- 
gelenk, der fast ein Jahr andauert u. dgl. m. 

In anderen Fällen ist der Zusammenhang nicht so ein- 
fach; es besteht nur eine sozusagen symbolische Beziehung 
zwischen der Veranlassung und dem pathologischen Phänomen, 
wie der Gesunde sie wohl auch im Traume bildet: wenn 
‚etwa zu seelischem Schmerze sich eine Neuralgie gesellt oder 
Erbrechen zu dem Affekt moralischen Ekels. Wir haben Kranke 
studiert, welche von einer solchen Symbolisierung den aus- 
giebigsten Gebrauch zu machen pflegten. — In noch anderen 
Fällen ist eine derartige Determination zunächst nicht dem 
Verständnis offen ; hierher gehören gerade die typischen hyste- 
zischen Symptome, wie Hemianästhesie und Gesichtsfeldein- 
engung, epileptiforme Konvulsionen u. dgl. Die Darlegung 
unserer Anschauungen über diese Gruppe müssen wir der aus- 
führlicheren Besprechung des Gegenstandes vorbehalten. 

Solche Beobachtungen scheinen uns die pa- 
thogene Analogie der gewöhnlichen Hysterie mit 
der traumatischen Neurosenachzuweisenund eine 


17 


Ausdehnung des Begriffes der „traumatischen 
Hysterie“ zu rechtfertigen. Bei der traumatischen Neu- 
rose ist ja nicht die geringfügige körperliche Verletzung die 
wirksame Krankheitsursache, sondern der Schreckaffekt, das 
psychische Trauma. In analoger Weise ergeben sich aus 
unseren Nachforschungen für viele, wenn nicht für die meisten 
hysterischen Symptome Anlässe, dieman als psychische Traumen 
bezeichnen muß. Als solches kann jedes Erlebnis wirken, 
welches die peinlichen Affekte des Schreckens, der Angst, 
der Scham, des psychischen Schmerzes hervorruft,und es hängt 
begreiflicherweise von der Empfindlichkeit des betroffenen 
Menschen (sowie von einer später zu erwähnenden Bedingung) 
ab, ob das Erlebnis als Trauma zur Geltung kommt. Nicht 
selten finden sich anstatt des einen großen Traumas bei der 
gewöhnlichen Hysterie mehrere Partialtraumen, gruppierte 
Anlässe, die erst in ihrer Summierung traumatische Wirkung 
äußern konnten, und die insofern zusammengehören, als sie 
zum Teil Stücke einer Leidensgeschichte bilden. In noch 
anderen Fällen sind es an sich scheinbar gleichgültige Umstände, 
die durch ihr Zusammentreffen mit dem eigentlich wirksamen 
Ereignis oder mit einem Zeitpunkt besonderer Reizbarkeit 
eine Dignität als Traumen gewonnen haben, die ihnen sonst 
nicht zuzumuten wäre, die sie aber von da an behalten. 
Aber der kausale Zusammenhang des veranlassenden 
psychischen Traumas mit dem hysterischen Phänomen ist 
nicht etwa von der Art, daß das Trauma als Agent provocateur 
das Symptom auslösen würde, welches dann, selbständig ge- 
worden, weiter bestände. Wir müssen vielmehr behaupten, 
daß das psychische Trauma, respektive die Erinnerung an 
dasselbe, nach Art eines Fremdkörpers wirkt, welcher noch 
lange Zeit nach seinem Eindringen als gegenwärtig wirkendes 
Agens gelten muß, und wir sehen den Beweis hiefür in einem 
höchst merkwürdigen Phänomen, welches zugleich unseren 
Befunden ein bedeutendes praktisches Interesse verschafft. 
Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer größten Über- 
raschung, daß dieeinzelnen hysterischen Symptome 
sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, 
wenn es gelungen war, dieErinnerunganden ver- 
Freud, Neurosenlehre. 2 


18 


anlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu er- 
wecken, damit auch den begleitenden Affekt 
wachzurufen, und wenn dannderKranke den Vor- 
ganginmöglichstausführlicher Weise schilderte 
und dem Affekt Worte gab. Affektloses Erinnern ist fast 
immer völlig wirkungslos; der psychische Prozeß, der ur- 
sprünglich abgelaufen war, muß so lebhaft als möglich wieder- 
holt, in statum nascendi gebracht und dann „ausgesprochen“ 
werden. Dabei treten, wenn es sich um Reizerscheinungen 
handelt, diese: Krämpfe, Neuralgien, Halluzinationen — noch 
einmal in voller Intensität auf und schwinden dann für immer. 
Funktionsausfälle, Lähmungen und Anästhesien schwinden 
ebenso, natürlich ohne daß ihre momentane Steigerung deut- 
lich wäre.!) 

Der Verdacht liegt nahe, es handle sich dabei um eine 
unbeabsichtigte Suggestion; der Kranke erwarte, durch die 
Prozedur von seinem Leiden befreit zu werden, und diese Er- 
wartung, nicht das Aussprechen selbst, sei der wirkende Faktor. 
Allein, dem ist nicht so; die erste Beobachtung dieser Art, 
bei welcher ein höchst verwickelter Fall von Hysterie auf 
solche Weise analysiert und die gesondert verursachten Symp- 
tome auch gesondert behoben wurden, stammt aus dem 
Jahre 1881, also aus „vorsuggestiver“ Zeit, wurde durch 
spontane Autohypnosen der Kranken ermöglicht und bereitete 
dem Beobachter die größte Überraschung. 

In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus, 
dürfen wir wohl aus diesen Beobachtungen schließen: der 

1) Die Möglichkeit einer solchen Therapie haben Delboeuf und 
Binet klar erkannt, wie die beifolgenden Zitate zeigen: Delboeuf, Le 
magnetisme animal, Paris 1889: „On s’expliqueraitd&s lors comment le mag- 
netiseur aide A la guerison. Il remet le sujet dans l’etat oü le mal s’est 
manifeste et combat par la parole le möme mal, mais renaissant.! — 
Binet, Les alterations de la personnalite, 1892, p. 248: „.. . peut-ötre 
verra-t-on qu’en reportant le malade par un artifice mental, au moment 
möme oüi le symptöme a apparu pour la premiere fois, on rend ce malade 
plus docile ä& une suggestion curative.“ — In dem interessanten Buche 
von P. Janet: L’automatisme psychologique, Paris 1889, findet sich die 
Beschreibung einer Heilung, welche bei einem hysterischen Mädchen 


durch Anwendung eines dem unserigen analogen Verfahren erzielt 
wurde. 


19 


veranlassende Vorgang wirke in irgend einer Weise noch 
nach Jahren fort, nicht indirekt durch Vermittlung einer Kette 
von kausalen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als aus- 
lösende Ursache, wie etwa ein im wachen Bewußtsein er- 
innerter psychischer Schmerz noch in später Zeit die Tränen- 
sekretion hervorruft: der Hysterische leide größten- 
teils an Reminiszenzen.') 


I. 


Es erscheint zunächst wunderlich, daß längst vergangene 
Erlebnisse so intensiv wirken sollen, daß die Erinnerungen 
an sie nicht der Usur unterliegen sollen, der wir doch alle 
unsere Erinnerungen verfallen sehen. Vielleicht gewinnen 
wir durch folgende Erwägungen einiges Verständnis für diese 
Tatsachen. 

Das Verblassen oder Affektloswerden einer Erinnerung 
hängt von mehreren Faktoren ab. Vor allem ist dafür von 
Wichtigkeit, ob auf das affizierende Ereignis ener- 
gisch reagiert wurde oder nicht. Wir verstehen hier 
unter Reaktion die ganze Reihe willkürlicher und unwillkür- 
licher Reflexe, in denen sich erfahrungsgemäß die Affekte 
entladen: vom Weinen bis zum Racheakt. Erfolgt diese 
Reaktion in genügendem Ausmaß, so schwindet dadurch ein 
großer Teil des Affektes; unsere Sprache bezeugt diese Tat- 
sache der täglichen Beobachtung durch die Ausdrücke „sich 
austoben, ausweinen“, u. dgl. Wird die Reaktion unterdrückt, 
so bleibt der Affekt mit der Erinnerung verbunden. Eine 
Beleidigung, die vergolten ist, wenn auch nur durch Worte, 
wird anders erinnert, als eine, die hingenommen werden mußte. 
Die Sprache anerkennt auch diesen Unterschied in den psy- 
chischen und körperlichen Folgen und bezeichnet höchst 
charakteristischerweise eben das schweigend erduldete Leiden 

») Wir können im Texte dieser vorläufigen Mitteilung nicht sondern, 
was am Inhalte derselben neu ist und was sich bei anderen Autoren, 
wie Moebius und Strümpell, findet, die ähnliche Anschauungen für 
die Hysterie vertreten haben. Die größte Annäherung an unsere theore- 
tischen und therapeutischen Ausführungen fanden wir in einigen gelegent- 
lich publizierten Bemerkungen Benedikt’s, mit denen wir uns an 


anderer Stelle beschäftigen werden. 
2* 


20 


als „Kränkung“. — Die Reaktion des Geschädigten auf das 
Trauma hat eigentlich nur dann eine völlig „kathartische* 
Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaktion ist, wie die Rache. 
Aber in der Sprache findet der Mensch ein Surrogat für die 
Tat, mit dessen Hilfe der Affekt nahezu ebenso „abreagiert“ 
werden kann. In anderen Fällen ist das Reden eben selbst 
der adäquate Reflex, als Klage und als Aussprache für die 
Pein eines Geheimnisses (Beichte!). Wenn solche Reaktion 
durch Tat, Worte, in leichtesten Fällen durch Weinen nicht 
erfolgt, so behält die Erinnerung an den Vorfall zunächst 
die affektive Betonung. 

Das „Abreagieren“ ist indes nicht die einzige Art der 
Erledigung, welche dem normalen psychischen Mechanismus 
des Gesunden zur Verfügung steht, wenn er ein psychisches 
Trauma erfahren hat. Die Erinnerung daran tritt, auch wenn 
sie nicht abreagiert wurde, in den großen Komplex der 
Assoziation ein, sie rangiert dann neben anderen, vielleicht 
ihr widersprechenden Erlebnissen, erleidet eine Korrektur 
durch andere Vorstellungen. Nach einem Unfall zum Beispiel 
gesellt sich zu der Erinnerung an die Gefahr und zu der 
(abgeschwächten) Wiederholung des Schreckens die Erinnerung 
des weiteren Verlaufes, der Rettung, das Bewußtsein der 
jetzigen Sicherheit. Die Erinnerung an eine Kränkung wird 
korrigiert durch Richtigstellung der Tatsachen, durch Erwä- 
gungen der eigenen Würde u. dgl., und so gelingt es dem 
normalen Menschen, durch Leistungen der Assoziation den 
begleitenden Affekt zum Verschwinden zu bringen. 

Dazu tritt dann jenes allgemeine Verwischen der Ein- 
drücke, jenes Abblassen der Erinnerungen, welches wir „ver- 
gessen* nennen und das vor allem die affektiv nicht mehr 
wirksamen Vorstellungen usuriert. 

Aus unseren Beobachtungen geht nun hervor, daß jene 
Erinnerungen, welche zu Veranlassungen hysterischer Phäno- 
mene geworden sind, sich in wunderbarer Frische und mit 
ihrer vollen Affektbetonung durch lange Zeit erhalten haben. 
Wir müssen aber als eine weitere auffällige und späterhin 
verwertbare Tatsache erwähnen, daß die Kranken nicht etwa 
über diese Erinnerungen wie über andere ihres Lebens ver- 


21 


fügen. Im Gegenteile, diese Erlebnisse fehlen dem 
Gedächtnis der Kranken in ihrem gewöhnlichen 
psychischenZustande völlig oder sind nur höchst 
summarisch darin vorhanden. Erst wenn man die 
Kranken in der Hypnose befragt, stellen sich diese Erinne- 
rungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit frischer Ge- 
schehnisse ein. 

So reproduzierte eine unserer Kranken in der Hypnose 
ein halbes Jahr hindurch mit halluzinatorischer Lebhaftigkeit 
alles, was sie an denselben Tagen des vorhergegangenen 
Jahres (während einer akuten Hysterie) erregt hatte; ein ihr 
unbekanntes Tagebuch der Mutter bezeugte die tadellose 
Richtigkeit der Reproduktion. Eine andere Kranke durchlebte 
teils in der Hypnose, teil in spontanen Anfällen mit halluzi- 
natorischer Deutlichkeit alle Ereignisse einer vor 10 Jahren 
durchgemachten hysterischen Psychose, für welche sie bis 
zum Momente des Wiederauftauchens größtenteils amnestisch 
gewesen war. Auch einzelne ätiologisch wichtige Erinnerungen 
von 15—25jährigem Bestande erwiesen sich bei ihr von er- 
staunlicher Intaktheit und sinnlicher Stärke und wirkten bei 
ihrer Wiederkehr mit der vollen Affektkraft neuer Erlebnisse. 

Den Grund hierfür können wir nur darin suchen, daß 
diese Erinnerungen in allen oben erörterten Beziehungen zur 
Usur eine Ausnahmsstellung einnehmen. Es zeigt sich 
nämlich, daß diese Erinnerungen Traumen ent- 
sprechen, welche nicht genügend „abreagiert“ 
worden sind, und bei näherem Eingehen auf die Gründe, 
welche dieses verhindert haben, können wir mindestens zwei 
Reihen von Bedingungen auffinden, unter denen die Reaktion 
auf das Trauma unterblieben ist. 

Zur ersten Gruppe rechnen wir jene Fälle, in denen die 
Kranken auf psychische Traumen nicht reagiert haben, weil 
die Natur des Traumas eine Reaktion ausschloß, wie beim 
unersetzlich erscheinenden Verlust einer geliebten Person, 
oder weil die sozialen Verhältnisse eine Reaktion unmöglich 
machten, oder weil es sich um Dinge handelte, die der Kranke 
vergessen wolte, die er darum absichtlich aus seinem bewußten 
Denken verdrängte, hemmte und unterdrückte. Gerade solche 


22 


peinliche Dinge findet man dann in der Hypnose als Grund- 
lage hysterischer Phänomene (hysterische Delirien der Heiligen 
und Nonnen, der enthaltsamen Frauen, der wohlerzogenen 
Kinder). 

Die zweite Reihe von Bedingungen wird nicht durch 
den Inhalt der Erinnerungen, sondern durch die psychischen 
Zustände bestimmt, mit welchen die entsprechenden Erlebnisse 
beim Kranken zusammengetroffen haben. Als Veranlassung 
hysterischer Symptome findet man nämlich in der Hypnose 
auch Vorstellungen, welche, an sich nicht bedeutungsvoll, 
ihre Erhaltung dem Umstande danken, daß sie in schweren 
lähmenden Affekten, wie zum Beispiel Schreck, entstanden 
sind, oder direkt in abnormen psychischen Zuständen wie 
im halbhypnotischen Dämmerzustand des Wachträumens, in 
Autohypnosen u. dgl. Hier ist es die Natur dieser Zustände, 
welche eine Reaktion auf das Geschehnis unmöglich machte. 

Beiderlei Bedingungen können natürlich auch zusammen- 
treffen und treffen in der Tat oft zusammen. Dies ist der 
Fall, wenn ein an sich wirksames Trauma in einen Zustand 
von schwerem lähmenden Affekt oder von verändertem Be- 
wußtsein fällt; es scheint aber so zuzugehen, daß durch das 
psychische Trauma bei vielen Personen einer jener abnormen 
Zustände hervorgerufen wird, welcher dann seinerseits die 
Reaktion unmöglich macht. 

Beiden Gruppen von Bedingungen ist aber gemeinsam, 
daß die nicht durch Reaktion erledigten psychischen Traumen 
auch der Erledigung durch assoziative Verarbeitung entbehren 
müssen. In der ersten Gruppe ist es der Vorsatz der Kranken, 
welcher an die peinlichen Erlebnisse vergessen will und die- 
selben somit möglichst von der Assoziation ausschließt. In 
der zweiten Gruppe gelingt diese assoziative Verarbeitung 
darum nicht, weil zwischen dem normalen Bewußtseinszustand 
und den pathologischen, in denen diese Vorstellungen ent- 
standen sind, eine ausgiebige assoziative Verknüpfung nicht 
besteht. Wir werden sofort Anlaß haben, auf diese Verhält- 
nisse weiter einzugehen. 

Man darf also sagen, daß die pathogen ge- 
wordenen Vorstellungen sich darum so frisch 


2 


und affektkräftig erhalten, weil ihnen die nor- 
male Usur durch Abreagieren und durch Repro- 
duktion in Zuständen ungehemmter Assoziation 
versagt ist. 

II. 

Als wir die Bedingungen mitteilten, welche nach unseren 
Erfahrungen dafür maßgebend sind, daß sich aus psychischen 
Traumen hysterische Phänomene entwickeln, mußten wir be- 
reits von abnormen Zuständen des Bewußtseins sprechen, in 
denen solche pathogene Vorstellungen entstehen, und mußten 
die Tatsache hervorheben, daß die Erinnerung an das wirk- 
same psychische Trauma nicht im normalen Gedächtnis des 
Kranken, sondern im Gedächtnis des Hypnotisierten zu finden 
ist. Je mehr wir uns nun mit diesen Phänomenen beschäftigten, 
desto sicherer wurde unsere Überzeugung, jene Spaltung des 
Bewußtseins, die beiden bekannten klassischen 
Fällen als double conscience so auffällig ist, be- 
stehe in rudimentärer Weise bei jeder Hysterie, 
die Neigung zu dieser Dissoziation und damit 
zum Auftreten abnormer Bewußtseinszustände, 
die wir als „hypnoide* zusammenfassen wollen, 
sei dasGrundphänomen dieser Neurose. Wir treffen 
in dieser Anschauung mit Binet und den beiden Janet 
zusammen, über deren höchst merkwürdige Befunde bei 
Anästhetischen uns übrigens die Erfahrung mangelt. 

Wir möchten also dem oft ausgesprochenen Satz: „Die 
Hypnose ist artefizielle Hysterie“ einen anderen an die Seite 
stelen: Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die 
Existenz von hypnoiden Zuständen. Diese hypnoiden Zustände 
stimmen bei aller Verschiedenheit unter einander und mit der 
Hypnose in dem einen Punkte überein, daß die in ihnen auf- 
tauchenden Vorstellungen sehr intensiv, aber von dem Asso- 
ziativverkehr mit dem übrigen Bewußtseinsinhalt abgeperrt 
sind. Unter einander sind diese hypnoiden Zustände assoziierbar 
und deren Vorstellungsinhalt mag auf diesem Wege ver- 
schieden hohe Grade von psychischer Organisation erreichen. 
Im übrigen dürfte ja die Natur dieser Zustände und der 
Grad ihrer Abschließung von den übrigen Bewußtseinsvor- 


24 


gängen in ähnlicher Weise varlieren, wie wir es bei der 
Hypnose sehen, die sich von leichter Somnolenz bis zum 
Somnambulismus, von der vollen Erinnerung bis zur absoluten 
Amnesie erstreckt. 

Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der mani- 
festen Erkrankung, so geben sie den Boden ab, auf welchem 
der Affekt die pathogene Erinnerung mit ihren somatischen 
Folgeerscheinungen ansiedelt. Dies Verhalten entspricht der 
disponierten Hysterie. Es ergibt sich aber aus unseren Be- 
obachtungen, daß ein schweres Trauma (wie das der trau- 
matischen Neurose), eine mühevolle Unterdrückung (etwa des 
Sexualaffektes) auch bei dem sonst freien Menschen eine 
Abspaltung von Vorstellungsgruppen bewerkstelligen kann, 
und dies wäre der Mechanismus der psychisch acquirierten 
Hysterie. Zwischen den Extremen dieser beiden Formen muß 
man eine Reihe gelten lassen, innerhalb welcher die Leichtig- 
keit der Dissoziation bei dem betreffenden Individuum und 
die Affektgröße des Traumas in entgegengesetztem Sinne 
varlieren. 

Wir wissen nichts neues darüber zu sagen, worin die 
disponierenden hypnoiden Zustände begründet sind. Sie ent- 
wickeln sich oft, sollten wir meinen, aus dem auch bei Ge- 
sunden so häufigen „Tagträumen*, zu dem zum Beispiel die 
weiblichen Handarbeiten so viel Anlaß bieten. Die Frage, 
weshalb die „pathologischen Assoziationen“, die sich in 
solchen Zuständen bilden, so feste sind und die somatischen 
Vorgänge so viel stärker beeinflussen, als wir es sonst von 
Vorstellungen gewohnt sind, fällt zusammen mit dem Problem 
der Wirksamkeit hypnotischer Suggestionen überhaupt. Unsere 
Erfahrungen bringen hierüber nichts neues, sie beleuchten 
dagegen den Widerspruch zwischen dem Satz: „Hysterie ist 
eine Psychose“, und der Tatsache, daß man unter den Hyste- 
rischen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten 
und kritischesten Menschen finden kann. In diesen Fällen ist 
solche Charakteristik richtig für das wache Denken des 
Menschen, in seinen hypnoiden Zuständen ist er alieniert, 
wie wir es alle im Traum sind. Aber während unsere Traum- 
psychosen unseren Wachzustand nicht beeinflussen, ragen die 


25 


Produkte der hypnoiden Zustände als hysterische Phänomene 
ins wache Leben hinein. 


EV. 


Fast die nämlichen Behauptungen, die wir für die hyste- 
rischen Dauersymptome aufgestellt haben, können wir auch 
für die hysterischen Anfälle wiederholen. Wir besitzen, wie 
bekannt, eine von Charcot gegebene schematische Be- 
schreibung des „großen“ hysterischen Anfalles, welcher zu- 
folge ein vollständiger Anfall vier Phasen erkennen läßt, 
1. die epileptoide, 2. die der großen Bewegungen, 3. die der 
attitudes passionnelles (die halluzinatorische Phase), 4. die 
des abschließenden Deliriums. Aus der Verkürzung und Ver- 
längerung, dem Ausfall und der Isolierung der einzelnen 
Phasen läßt Charcot alle jene Formen des hysterischen 
Anfalles hervorgehen, die man tatsächlich häufiger als die 
vollständige Grande attaque beobachtet. 

Unser Erklärungsversuch knüpft an die dritte Phase, die 
der attitudes passionelles an. Wo dieselbe ausgeprägt ist, 
liegt in ihr die halluzinatorische Reproduktion einer Erinnerung 
bloß, welche für den Ausbruch der Hysterie bedeutsam war, 
die Erinnerung an das eine große Trauma der xar’E£oxnv so- 
genannten traumatischen Hysterie oder an eine Reihe von 
zusammengehörigen Partialtraumen, wie sie der gemeinen 
Hysterie zugrunde liegen. Oder endlich der Anfall bringt 
jene Geschehnisse wieder, welche durch ihr Zusammentreffen 
mit einem Moment besonderer Disposition zu Traumen erhoben 
worden sind. 

Es gibt aber auch Anfälle, die anscheinend nur aus 
motorischen Phänomenen bestehen, denen eine phase passionelle 
fehlt. Gelingt es bei einem solchen Anfall von allgemeinen 
Zuckungen, kataleptischer Starre oder bei einer attaque de 
sommeil sich während desselben in Rapport mit dem Kranken 
zu setzen, oder noch besser, gelingt es, den Anfall in der 
Hypnose hervorzurufen, so findet man, daß auch hier die 
Erinnerung an das psychische Trauma oder an eine Reihe 
von Traumen zugrunde liegt, die sich sonst in einer hallu- 
zinatorischen Phase auffällig macht. Ein kleines Mädchen 
leidet seit Jahren an Anfällen von allgemeinen Krämpfen, 


26 


die man für epileptische halten könnte und auch gehalten hat. 
Sie wird zum Zwecke der Differentialdiagnose hypnotisiert 
und verfällt sofort in ihren Anfall. Befragt: Was siehst Du 
denn jetzt? antwortet sie aber: Der Hund, der Hund kommt! 
Und wirklich ergibt sich, daß der erste Anfall dieser Art 
nach einer Verfolgung durch einen wilden Hund aufgetreten 
war. Der Erfolg der Therapie vervollständigt dann die diag- 
nostische Entscheidung. 

Ein Angestellter, der infolge einer Mißhandlung von 
seiten seines Chefs hysterisch geworden ist, leidet an Anfällen, 
in denen er zusammenstürzt, tobt und wütet, ohne ein Wort 
zu sprechen oder eine Halluzination zu verraten. Der An- 
fall läßt sich in der Hypnose provozieren und der Kranke 
gibt nun an, daß er die Szene wieder durchlebt, wie der 
Herr ihn auf der Straße beschimpft und mit einem Stock 
schlägt. Wenige Tage später kommt er mit der Klage wieder, 
er habe denselben Anfall von neuem gehabt, und diesmal 
ergibt sich in der Hypnose, daß er die Szene durchlebt hat, 
an die sich eigentlich der Ausbruch der Krankheit knüpfte, 
die Szene im Gerichtssaal, als es ihm nicht gelang, Satisfak- 
tion für die Mißhandlung zu erreichen usw. 

Die Erinnerungen, welche in den hysterischen Anfällen 
hervortreten oder in ihnen geweckt werden können, entsprechen 
auch in allen anderen Stücken den Anlässen, welche sich uns 
als Gründe hysterischer Dauersymptome ergeben haben. Wie 
diese, betreffen sie psychische Traumen, die sich der Erledigung 
durch Abreagieren oder durch assoziative Denkarbeit entzogen 
haben; wie diese, fehlen sie gänzlich oder mit ihren wesent- 
lichen Bestandteilen dem Erinnerungsvermögen des normalen 
Bewußtseins und zeigen sich als zugehörig zu dem Vorstellungs- 
inhalt hypnoider Bewußtseinszustände mit eingeschränkter 
Assoziation. Endlich gestatten sie auch die therapeutische 
Probe. Unsere Beobachtungen haben uns oftmals gelehrt, 
daß eine solche Erinnerung, die bis dahin Anfälle provoziert 
hatte, dazu unfähig wird, wenn man sie in der Hypnose zur 
Reaktion und assoziativen Korrektur bringt. 

Die motorischen Phänomene des hysterischen Anfalles 
lassen sich zum Teil als allgemeine Reaktionsformen des die 


27 


Erinnerung begleitenden Affektes, wie das Zappeln mit 
allen Gliedern, dessen sich bereits der Säugling bedient, zum 
Teil als direkte Ausdrucksbewegungen dieser Erinnerung 
deuten, zum anderen Teil entziehen sie sich ebenso wie 
die hysterischen Stigmata bei den Dauersymptomen dieser 
Erklärung. 

Eine besondere Würdigung des hysterischen Anfalles 
ergibt sich noch, wenn man auf die vorhin angedeutete Theorie 
Rücksicht nimmt, daß bei der Hysterie in hypnoiden Zuständen 
entstandene Vorstellungsgruppen vorhanden sind, die, vom 
assoziativen Verkehr mit den übrigen ausgeschlossen, aber 
unter einander assoziierbar, ein mehr oder minder hoch 
organisiertes Rudiment eines zweiten Bewußtseins, einer con- 
dition seconde darstellen. Dann entspricht ein hysterisches 
Dauersymptom einem Hineinragen dieses zweiten Zustandes 
in die sonst vom normalen Bewußtsein beherrschte Körper- 
innervation; ein hysterischer Anfall zeugt aber von einer 
höheren Organisation dieses zweiten Zustandes und bedeutet, 
wenn er frisch entstanden ist, einen Moment, in dem sich 
diesesHypnoidbewußtsein der gesamten Existenz bemächtigt hat, 
also einer akuten Hysterie; wenn es aber ein wiederkehrender 
Anfall ist, der eine Erinnerung enthält, einer Wiederkehr 
eines solchen. Charcot hat bereits den Gedanken aus- 
gesprochen, daß der hysterische Anfall das Rudiment einer 
condition seconde sein dürfte. Während des Anfalles ist die 
Herrschaft über die gesamte Körperinnervation auf das hyp- 
noide Bewußtsein übergegangen. Das normale Bewußtsein 
ist, wie bekannte Erfahrungen zeigen, dabei nicht immer 
völlig verdrängt, es kann selbst die motorischen Phänomene 
des Anfalles wahrnehmen, während die psychischen Vorgänge 
desselben seiner Kenntnisnahme entgehen. 

Der typische Verlauf einer schweren Hysterie ist be- 
kanntlich der, daß zunächst in hypnoiden Zuständen ein Ver- 
stellungsinhalt gebildet wird, der dann, genügend angewachsen, 
sich während einer Zeit von „akuter Hysterie* der Körper- 
innervation und der Existenz des Kranken bemächtigt, Dauer- 
symptome und Anfälle schafft und dann bis auf Reste abheilt. 
Kann die normale Person die Herrschaft wieder übernehmen, 


28 


so kehrt das, was von jenem hypnoiden Vorstellungsinhalt 
überlebt hat, in hysterischen Anfällen wieder und bringt die 
Person zeitweise wieder in ähnliche Zustände, die selbst 
wieder beeinflußbar und für Traumen aufnahmsfähig sind. 
Es stellt sich dann häufig eine Art von Gleichgewicht zwischen 
den psychischen Gruppen her, die in derselben Person ver- 
einigt sind; Anfall und normales Leben gehen neben einander 
her, ohne einander zu beeinflussen. Der Anfall kommt dann 
spontan, wie auch bei uns die Erinnerungen zu kommen 
pflegen, er kann aber auch provoziert werden, wie jede Er- 
innerung nach den Gesetzen der Assoziation zu erwecken 
ist. Die Provokation des Anfalles erfolgt entweder durch die 
Reizung einer hysterogenen Zone oder durch ein neues Er- 
lebnis, welches durch Ähnlichkeit an das pathogene Erlebnis 
anklıngt. Wir hoffen zeigen zu können, daß zwischen beiden 
anscheinend so verschiedenen Bedingungen ein wesentlicher 
Unterschied nicht besteht, daßin beiden Fällen an eine hyper- 
ästhetische Erinnerung gerührt wird. In anderen Fällen ist 
dieses Gleichgewicht ein sehr labiles, der Anfall erscheint 
als Äußerung des hypnoiden Bewußtseinsrestes, so oft die 
normale Person erschöpft und leistungsunfähig wird. Es ist 
nicht von der Hand zu weisen, daß in solchen Fällen auch 
der Anfall seiner ursprünglichen Bedeutung entkleidet als 
inhaltslose motorische Reaktion wiederkehren mag. 

Es bleibt eine Aufgabe weiterer Untersuchung, welche 
Bedingungen dafür maßgebend sind, ob eine hysterische In- 
dividualität sich in Anfällen, in Dauersymptomen oder in 
einem Gemenge von beiden äußert. 


N 


Es ist nun verständlich, wieso die hier von uns dar- 
gelegte Methode der Psychotherapie heilend wirkt. Sie hebt 
die Wirksamkeit der ursprünglich nicht abrea- 
gierten Vorstellungdadurch auf, daß siedem ein- 
geklemmten Affektederselben den Ablauf durch 
die Rede gestattet, und bringt sie zur assozia- 
tiven Korrektur, indem sie dieselbe ins normale 
Bewußtsein zieht (inleichter Hypnose)oder durch 


29 


ärztliche Suggestion aufhebt, wie esim Somnam- 
bulismus mit Amnesie geschieht. 

Wir halten den therapeutischen Gewinn bei Anwendung 
dieses Verfahrens für einen bedeutenden. Natürlich heilen 
wir nicht die Hysterie, soweit sie Disposition ist, wir leisten 
ja nichts gegen die Wiederkehr hypnoider Zustände. Auch 
während des produktiven Stadiums einer akuten Hysterie kann 
unser Verfahren nicht verhüten, daß die mühsam beseitigten 
Phänomene alsbald durch neue ersetzt werden. Ist aber dieses 
akute Stadium abgelaufen und erübrigen noch die Reste des- 
selben als hysterische Dauersymptome und Anfälle, so beseitigt 
unsere Methode dieselben häufig und für immer, weil radikal, 
und scheint uns hierin die Wirksamkeit der direkten sugges- 
tiven Aufhebung, wie sie jetzt von den Psychotherapeuten 
geübt wird, weit zu übertreffen. 

Wenn wir in der Aufdeckung des psychischen Mecha- 
nismus hysterischer Phänomene einen Schritt weiter auf der 
Bahn gemacht haben, die zuerst Charcot so erfolgreich 
mit der Erklärung und experimentellen Nachahmung hystero- 
traumatischer Lähmungen betreten hat, so verhehlen wir uns 
doch nicht, daß damit eben nur der Mechanismus hysterischer 
Symptome und nicht die inneren Ursachen der Hysterie 
unserer Kenntnis näher gerückt worden sind. Wir haben die 
Ätiologie der Hysterie nur gestreift und eigentlich nur die 
Ursachen der acquirierten Formen, die Bedeutung des acciden- 
tellen Momentes für die Neurose beleuchten können. 


Wien, Dezember 1822. 


IL. 
Quelques considerations pour une e&tude 
comparative des paralysies motrices or- 
saniques et hysteriques.') 


M. Charcot, dont j’ai ete l’eleve en 1885 et 1886, a bien 
voulu, & cette epoque, me confier le soin de faire une etude 
comparative des paralysies motrices organiques et hysteriques, 
basee sur les observations de la Salpötriere, qui pourrait ser- 
vir a saisir quelques caracteres generaux de la nevrose et con- 
duire & une conception sur la nature de cette derniere. Des 
causes accidentelles et personnelles m’ont emp&che pendant 
longtemps d’obeir & son inspiration; aussi je ne veux apporter 
maintenant que quelques resultats de mes recherches, lais- 
sant & cöte les details necessaires pour une d&emonstration com- 
plete de mes opinions. 

I. — D faudra commencer par quelques remarques sur 
les paralysies motrices organiques, d’ailleurs gensralement 
admises. La clinique nerveuse reconnait deux sortes de para- 
lysies motrices, la paralysie periphero-spinale (ou bulbaire) et 
la paralysie cerebrale. Cette distinction est parfaitement en 
accord avec les donnees de l’anatomie du systeme nerveux 
qui nous montrent qu’il n’y a que deux segments sur le par- 
cours des fibres motrices conductrices, le premier qui va de la 
peripherie jusqu’aux cellules des cornes anterieures dans la 
moelle, et le second qui va de l& jusqu’a l’ecorce cerebrale. 
La nouvelle histologie du syst&me nerveux, fondee sur les 
travaux de Golgi, Ramön y Cajal, Kölliker, ete., traduit ce 
fait par les mots: „le trajet des fibres de conduction motrices 
est constitue par deux neuron (unitesnerveuses cellulo-Abrillaires), 


1) Archives de Neurologie, No. 77, 18%. 


31 


qui se rencontrent pour entrer en relation au niveau des cellules 
dites motrices des cornes anterieures“. La difference essentielle 
de ces deux sortes de paralysies, en clinique, est la suivante: La 
paralysie periphero-spinale est une paralysie detaillee, la paralysie 
cerebrale est une paralysie en masse. Le type de la premiere 
est la paralysie faciale dans la maladie de Bell, la paralysie 
dans la poliomyelite aigu&ö de l’enfance, etc. Or, dans ces 
affections, chacque muscle, on pourrait dire chaque fibre mus- 
culaire, peut &tre paralysee individuellement et isolöment. Cela 
ne depend que du siege et de l’etendue de la l&sion nerveuse, 
et il n’y a pas de regle fixe pour que l’un des &el&ments peri- 
pheriques echappe & la paralysie, tandis que Y’autre en souffre 
d’une maniere constante. 

La paralysie cerebrale, au contraire, est toujours une 
affection qui attaque une grande partie de la peripherie, une 
extrömite, un segment de celle-ci, un appareil moteur complique. 
Jamais elle n’affecte un muscle individuellement, par exemple 
le biceps du bras, le tibial isol&ment, etc., et s’l y a des excep- 
tions apparentes 4 cette regle (le ptosis cortical, par exemple), 
on voit bien qu’il s’agit de muscles qui, 4 eux seuls, remplissent 
une fonction de laquelle ils sont l’instrument unique. 

Dans les paralysies cerebrales des extremites, on peut 
remarguer que les segments peripheriques souffrent toujours 
plus que les segments rapproches du centre; la main, par 
exemple, est plus paralysee que l’epaule. Il n’y a pas, que je 
sache, une paralysie cerebrale isolee de l’epaule, la main 
conservant sa motilite, tandis que le contraire est; la regle 
dans les paralysies qui ne sont pas completes. 

Dans une &tude critique sur l’aphasie, publi&ee en 1891, 
Zur Auffassung der Aphasien, Wien, 1891, j’ai täch&e de montrer 
que la cause de cette difference importante entre la paralysie 
periphero-spinale et la paralysie cerebrale doit ötre cherchee 
dans la structure du systeme nerveux. Chaque element de la 
peripherie correspond & un element dans l’axe gris, qui est, 
comme le dit M. Charcot, son aboutissant nerveux; la peri- 
pherie est pour ainsi dire projetee sur la substance grise de 
la moelle, point pour point, element pour element. J’ai propose 
de denommer la paralysie detaillee periphero-spinale, paralysie 


32 


de projection. Mais il n’en est pas de möme pour les relations 
entre les elements de la moelle et ceux de l’Ecorce. Le nombre 
des fibres conductrices ne suffirait plus pour donner une 
seconde projection de la peripherie sur l’ecorce. I faut sup- 
poser que les fibres qui vont de la moelle & l’&corce ne repre- 
sentent plus chacune un seul element peripherique, mais plu- 
töt un groupe de ceux-ci et que möme, d’autre part, un 
element peripherique peut correspondre ä plusieurs fibres con- 
ductrices spino-corticales. C’est qu’l y a un changement 
d’arrangement qui a eu lieu au point de connexion entre les 
deux segments du systeme moteur. 

Alors, je dis la reproduction de la peripherie dans 
l’&corce n’est plus une reproduction fidele point par point, 
n’est plus une projection veritable; c’est une relation par 
des fibres, pour ainsi dire representatives et je propose, 
pour la paralysie ceröbrale, le nom de paralysie de representation. 

Naturellement, quand la paralysie de projection est 
totale et d’une grande etendue, elle est aussi une paralysie 
en masse, et son grand caractere distinctif est efface. D’autre 
part, la paralysie corticale, qui se distingue parmi les para- 
lysies cerebrales par sa plus grande aptitude & la dissocia- 
tion, presente cependant toujours le caractere d’une paralysie 
par representation. 

Les autres differences entre les paralysies de projection 
et de representation sont bien connues; je cite parmi elles 
V’integrite de la nutrition et de la reaction Electrique qui se 
rattache & la derniere. Bien que tr&s importants dans la 
clinique, ces signes n’ont pas la portee theorique qu’il faut 
attribuer au premier caractere differentiel que nous avons 
releve, & savoir: paralysie detaillee ou en masse. 

On a assez souvent attribue a l’hysterie la facults de 
simuler les affections nerveuses organiques les plus diverses. 
I s’agit de savoir si d’une facon plus precise elle simule les 
caracteres des deux sortes de paralysies organiques, s’il y a 
des paralysies hysteriques de projection et des paralysies 
hysteriques de representation, comme dans la symptomatologie 
organique. Ici, un premier fait important se detache: l’hysterie 
ne simule jamais les paralysies periphero-spinales ou de pro- 


33 


jeetion; les paralysies hysteriques partagent seulement les 
caracteres des paralysies organiques de reprösentation. ÜO’est 
lä un fait bien interessant, puisque la paralysie de Bell, la 
paralysie radiale, etc., sont parmi les affections les plus com- 
munes du systeme nerveux. 

OD est bon de faire observer ici, de maniere & 6&viter 
toute confusion, quejene traite que de la paralysie hysterique 
flasque et non de la contracture hysterique. Il me parait im- 
possible de soumettre la paralysie et la contracture hysteriques 
aux mömes regles. Ce n’est que des paralysies hysteriques 
flasques qu’on peut soutenir qu’elles n’affectent jamais un seul 
muscle, excepte le cas oü ce muscle est l’instrument unique 
d’une fonction, qu’elles sont toujours des paralysies en masse, 
et qw'elles correspondent sous ce rapport & la paralysie de 
representation, ou cerebrale organique. En outre, en ce qui 
concerne la nutrition des parties paralysees et leurs reactions 
electriques, la paralysie hysterique presente les mömes carac- 
teres que la paralysie cerebrale organique. 

Si la paralysie hysterique se rattache ainsi & la paralysie 
cerebrale et particulierement & la paralysie corticale, qui pre- 
sente une plus grande facilit& de dissociation, elle ne manque 
pas de s’en distinguer par des caracteres importants. D’abord 
elle n’est pas soumise & cette regle, constante dans les paraly- 
sies cör&brales organiques, & savoir que le segment periphe- 
rique est toujours plus affecte que le segment central. Dans 
V’hysterie, l’epaule ou la cuisse peuvent ötre plus paralysees 
que la main ou le pied. Les mouvements peuvent venir dans 
les doigts tandis que le segment central est encore absolument 
inerte. On n’a pas la moindre difficult& de produire artificiel- 
lement une paralysie isol&e de la cuisse, de la jambe etc., et 
on peut assez souvent retrouver, en clinique, ces paralysies 
isol&es, en contradiction avec les regles de la paralysie orga- 
nique cerebrale. 

Sous ce rapport important, la paralysie hysterique est pour 
ainsi dire intermediaire entre la paralysie de projection et la 
paralysie de representation organique. Si elle ne possede pas 
tous les caractöres de dissociation et d’isolement propres & la 
premiere, elle n’est pas, tant s’en faut, sujette aux stricetes 


Freud, Neurosenlehre. 3 


34 


lois qui regissent la derniere, la paralysie cerebrale. Ces res- 
trietions faites, on peut soutenir que la paralysie hysterique 
est aussi une paralysie de representation, mais d’une repre- 
sentation speciale dont la caracteristique reste & trouver!!). 
II. — Pour avancer dans cette direction je me propose 
d’etudier les autres traits distinctifs entre la paralysie hyste- 
rique et la paralysie corticale, type le plus parfait de la para- 
lysie cerebrale organique. Le premier de ces caracteres dis- 
tinctifs, nous l’avons deja mentionne, c’est que la paralysie 
hysterique, peut ötre beaucoup plus dissoci&e, systematisee 
que la paralysie cerebrale. Les symptömes de la paralysie orga- 
nique se retrouvent comme morceles dans l’hysterie. De l’hemi- 
plegie commune organique (paralysie des membres superieur 
et inferieur et du facial inferieur) V’hysterie ne reproduit que 
la paralysie des membres et dissocie möme assez souvent, et 
avec la plus grande facilite, la paralysie du bras de celle de 
la jambe sous forme de monoplegies. Du syndrome de l’aphasie 
organique, elle reproduit l’aphasie motrice & l’etat d’isole- 
ment, et ce qui est chose inonie dans l’aphasie organique, elle 
peut creer une aphasie totale (motrice et sensitive) pour telle 
langue, sans attaquer le moins du monde la faculte de com- 
prendre et d’articuler telle autre, comme je l’aı observe dans 
quelques cas inedits. Ce möme pouvoir de dissociation se ma- 
nifeste dans les paralysies isolees d’un segment de membre 
avec integrite complete des autres parties du möme membre, 
ou encore dans l’abolition complete d’une fonction (abasie, 
astasie) avec integrite d’une autre fonction executee par les 
mömes organes. Cette dissociation est d’autant plus frappante, 


1) Chemin faisant, je ferai remarguer que ce caractere important de 
la paralysie hysterique de la jambe que M. Charcot a releve d’apres Todd, 
& savoir que l’hysterique traine la jambe comme une masse morte au 
lieu d’ex&cuter la circumduction avec la hanche que fait I’hemiplegique 
ordinaire, s’explique facilement par la propriete de la nevrose que j’ai 
mentionne. Pour l’hemiplegie organique, le partie centrale de ’extremite 
est toujours un peu indemne, le malade peut remuer la hanche et il en 
fait usage pour ce mouvement de circumduction, qui fait avancer la 
jJambe. Dans Y’hysterie, la partie centrale (la hanche) ne jouit pas de ce 
privilege, la paralysie y est aussi complete que dans la partie periphe- 
rique et en consequence, la jambe doit ätre trainee en masse. 


35 


quand la fonction respectee est la plus complexe. Dans la symp- 
tomatologie organique, quand il y a affaiblissement inegal de 
plusieurs fonctions, c’est toujours la fonction la plus complexe, 
celle d’une acquisition posterieure, qui est la plus atteinte en 
consequence de la paralysie. 

La paralysie hysterique presente de plus un autre carac- 
tere qui est comme la signature de la nevrose et qui vient 
s’ajouter au premier. En effet, comme je l’ai entendu dire & 
M. Charcot, !’hysterie est une maladie & manifestations exces- 
sives, ayant une tendance a produire ses symptömes avec la 
plus grande intensite possible. C’est un caractere qui ne se 
montre pas seulement dans les paralysies, mais aussi dans les 
contractures et les anesthesies. On sait jusqw’a quel degre de 
distorsion peuvent aller les contractures hysteriques, qui sont 
presque sans egales dans la symptomatologie organiqnue. On 
sait aussi combien sont frequentes dans V’hysterie les anesthe- 
sies absolues, profondes, dont les l&sions organiques ne peu- 
vent reproduire qu’une faible esquisse. I en est de möme pour 
les paralysies. Elles sont souvent on ne peut plus absolues; 
l’aphasique ne profere pas un mot, tandis que l’aphasique 
organique garde presque toujours quelques syllabes, le „oui 
et non“, un juron, etc.; le bras paralyse est absolument 
inerte, etc. Ce caractere est trop bien connu pour y persister 
longuement. Au contraire, on sait que, dans la paralysie orga- 
nique, la paresie est toujours plus frequente que la paralysie 
absolue. 

La paralysie hysterique est donc d’une limitation exactc et 
d’une intensitd excessive; elle possede ces deux qualites & la 
fois et c’est en cela qu’elle contraste le plus avec la paralysie 
cerebrale organique, dans laquelle, d’une maniere constante, 
ces deux caracteres ne s’associent pas. Il existe aussi des mono- 
plegies dans la symptomatologie organique, mais celles-ci sont 
presque toujours des monoplegies «a potiori et non exactement 
delimitees. Si le bras se trouve paralyse en cons&quence d’une 
lesion corticale organique, il y a presque toujours aussi atteinte 
concomitante moindre du facial et de la jambe, et si cette 
complication ne se voit plus a un moment donn&, elle a cepen- 
dant bien existe au commencement de l’affection. La mono- 

3* 


36 


plegie corticale est, & vrai dire, toujours une hömiplegie dont 
telle ou telle partie est plus ou moins effacee, mais toujours 
reconnaissable. Pour aller plus loin, supposons que la para- 
lysie n’ait affecte aucune autre partie que le bras, que ce 
soit une monoplegie corticale pure; alors on voit que la para- 
lysie est d’une intensite modöree. Aussitöt que cette monople- 
gie augmentera en intensite, qu’elle deviendra une paralysie 
absolue, elle perdra son caractere de monoplegie pure et s’ac- 
compagnera de troubles moteurs dans la jambe ou la face. 
Elle ne peut pas devenir absolue et restee delimitee a la Jois. 

C’est ce que la paralysie hysterique peut, au contraire, 
fort bien realiser, comme la clinique le montre chaque jour. 
Elle affecte par exemple le bras d’une facon exclusive, on 
n’en trouve pas trace dans la jambe ou la face. De plus, au 
niveau du bras, elle est aussi forte qu’une paralysie peut l’tre, 
et c’est 1A une difference frappante avec la paralysie organique, 
difference qui pröte grandement & penser. 

Naturellement, il y a des cas de paralysie hysterique 
dans lesquels l’intensite n’est pas excessive et ou la dissociation 
n’offre rien de remarquable. Ceux-ci, on les reconnait au moyen 
d’autres caracteres; mais ce sont des cas qui ne portent pas 
V’empreinte typique de la nevrose et qui, ne pouvant en rien 
nous renseigner sur sa nature ne presentent point d’interdt au 
point de vue qui nous occupe Ici. 

Ajoutons quelques remarques d’une importance secondaire, 
qui möme depassent un peu les limites de notre sujet. 

Je constaterai d’abord que les paralysies hysteriques 
s’accompagnent beaucoup plus souvent de troubles de la sen- 
sibilit6 que les paralysies organiques. En general, ceux-ci sont 
plus profonds et plus fröquents dans la n&vrose que dans la 
symptomatologie organique. Rien de plus commun que 
Vanesthösie ou l’analgeösie hysterique. Qu’on se rappelle par 
contre avec quelle tenacite la sensibilit& persiste en cas de l&sion 
nerveuse. Si l’on sectionne un nerf peripherique, l’anesthesie 
sera moindre en &tendue et intensite qu’on ne s’y attend. Si une 
lesion inflammatoire attaque les nerfs spinaux ou les centres 
de la moelle, on trouvera toujours que la motilite souffre en 
premier lieu et que la sensibilit& est epargn&e ou seulement 


affaiblie, car il persiste toujours quelque part des &l&ments 
nerveux qui ne sont pas completement detruits. En cas de 
lesion cörebrale, on connait la frequence et la duree de !’hemi- 
plegie motrice, tandis que l’hemianesthesie concomitante est 
indistinete, fugace et ne se trouve pas dans tous les cas. 
I n’y a que quelques localisations tout & fait speciales qui 
puissent produire une affection de la sensibilite intense et 
durable (carrefour sensitif), et m&me ce fait n’est pas exempt 
de doutes. 

Cette maniere d’&tre de la sensibilite, differente dans les 
lesions organiques et dans l’hysterie, n’est guere explicable 
aujourd’hui. D semble qu’il y ait la un probleme dont la 
solution nous renseignerait peut-&tre sur la nature intime 
des choses. 

Un autre point qui me parait digne d’ötre releve, c’est 
qu’il y & quelques formes de paralysie cerebrale qui ne se 
trouvent pas r&alisees dans l’hysterie, pas plus que les paralysies 
periphero-spinales de projection. D faut citter en premier lieu 
la paralysie du facial inferieur, la manifestation la plus frequente 
d’une affection organique du cerveau et, si je me permets de 
passer dans les paralysies sensorielles pour un moment, l’he- 
mianopsie laterale homonyme. Je sais que c’est presque une 
gageure que de vouloir afirmer que tel ou tel symptöme ne 
se trouve pas dans l’hysterie, quand les recherches de M. Char- 
cot et de ses @l&ves y decouvrent, on pourrait dire journelle- 
ment, des symptömes nouveaux qu’on n’avait point soupgonnes 
jusque-la. Mais il me faut prendre les choses comme elles sont 
actuellement. La paralysie faciale hysterique est fortement 
contestee par M. Charcet et möme, si on croit ceux qui en 
sont partisans, c’est un phenomäne d’une grande rarete. L’he- 
mianopsie n’a pas encore &te vue dans l’hysterie et, je pense, 
elle ne le sera jamais. 

Maintenant, d’oü vient-il que les paralysies hysteriques, 
tout en simulant de pr&s les paralysies corticales, s’en ecartent 
par les traits distinctifs que j’ai täche d’enumeer, et quel est 
le caractere general de la representation speciale auquel il 
faut les rattacher? La reponse & cette question contiendrait 
une bonne et importante partie de la theorie de la nevrose. 


38 


III. — On’y a pas le moindre doute sur les conditions 
qui dominent la symptomatologie de la paralysie cerebrale. Ce 
sont les faits de l’anatomie, la construction du systeme ner- 
veux, la distribution de ses vaisseaux et la relation entre ces 
deux series de faits et les circonstances de la lesion. Nous 
avons dit que le nombre moindre des fibres qui vont de la 
moelle au cortex en comparaison avec le nombre des fibres 
qui vont de la peripherie & la moelle, est la base de la 
difference entre la paralysie de projection et celle de repre- 
sentation. De möme, chaque detail clinique de la paralysie 
de representation peut trouver son explication dans un detail 
de la structure cerebrale et vice versa nous pouvons deduire 
la construction du cerveau des caracteres clinique des para- 
lysies. Nous croyons & un parallelisme parfait entre ces deux 
series. 

Ainsi s’il n’y a pas une grande facilite de dissociation 
pour la paralysie cerebrale commune, c’est parce que les 
fibres de conduction motrices sont trop rapprochees sur une 
longue partie de leur trajet intracerebral pour ätre lesees 
isolement. Si la paralysie corticale montre plus de tendance 
aux monoplegies, c’st parce que le diametre du faisceau con- 
ducteur brachial, crural, etc., va en croissant jusqu’a l’ecorce. 
Si de toutes les paralysies corticales celle de la main est la 
plus complete, cela vient, croyons-nous, du fait, que la rela- 
tion croisee entre l’hemisphere et la peripherie est plus ex- 
clusive pour la main que pour toute autre partie du corps. 
Si le segment peripherique d’une extremite souffre plus de 
la paralysie que le segment central, nous supposons que les 
fibres representatives du segment peripherique sont beaucoup 
plus nombreuses que celles du segment central, de sorte que 
Yinfluence corticale devient plus importante pour le premier 
qu’elle n’est pour le dernier. Si les lesions un peu &tendues 
de l’&corce ne reussissent pas & produire des monoplegies 
pures, nous en concluons que les centres moteurs sur l’&corce 
ne sont pas nettement separes les uns des autres par des 
territoires neutres, ou qu’il y a des actions en distance (Fern- 
wirkungen) qui annuleraient l’effet d’une separation exacte 
des centres. 


39 


De möme s’il y a dans l’aphasie organique, toujours un 
melange de troubles de diverses fonctions, ca s’explique par 
le fait que des branches de la möme artere nourrissent tous 
les centres du langage, ou si l!’on accepte l’opinion enoncee 
dans mon &ötude critique sur l’aphasie, parce qu’il ne s’agit 
pas de centres s&pares, mais d’un territoire continu d’association. 
En tout cas, il existe toujours une raison tiree de l’anatomie. 

Les associations remarquables qu’on observe sı souvent 
dans la clinique des paralysies corticales: aphasie motrice et 
hemiplegie droite, alexie et hemianopsie droite, s’expliquent 
par le voisinage des centres leses. L’hemianopsie möme, symp- 
töme bien eurieux et etranger & l’esprit non scientifique, ne 
se comprend que par l’entre-croisement des fibres du nerf 
optique dans le chiasma; elle en est l’expression clinique, 
comme tous les details des paralysies cerebrales sont l’expres- 
sion clinique d’un fait anatomigue. 

Comme il ne peut y avoir qu’une seule anatomie cere- 
brale qui soit la vraie et comme elle trouve son expression 
dans les caracteres cliniques des paralysies cerebrales, il est 
evidemment impossible que cette anatomie puisse expliquer 
les traits distinctifs de la paralysie hysterique. Pour cette 
raison, il n’est pas permis de tirer au sujet de l’anatomie 
cerebrale des conclusions basdes sur la symptomatologie de 
ces paralysies. 

Assur&ment il faut s’adresser & la nature de la lesion 
pour obtenir cette explication difficile. Dans les paralysies 
organiques, la nature de la lesion joue un röle secondaire, ce 
sont plutöt l’etendue et la localisation de la lesion, qui dans 
les conditions donnees de structure du systeme nerveux pro- 
duisent les caracteres de la paralysie organique, que nous 
avons releves. Quelle pourrait ötre la nature de la lesion dans 
la paralysie hysterique, qui & elle seule domine la situation, 
independamment de la localisation, de l’etendue de la lesion 
et de l’anatomie du systeme nerveux? 

M. Charcot nous a enseigne assez souvent que c’est 
une lesion corticale mais purement dynamique ou foncetionnelle. 

C’est une thöse dont on comprend bien le cöte negatif. 


Cela &quivaut & affirmer qu’on ne trouvera pas de change- 


40 


ments de tissus appreciables & l’autopsie; mais & un point 
de vue plus positif, son interpretation est loin d’ötre & l’abrı 
de l’equivoque. Qu’est-ce donc qu’une lesion dynamique? Je 
suis bien sür que beaucoup de ceux qui lisent les @uvres de 
M. Charcot, croient que la lesion dynamique est bien une 
lesion, mais une lesion dont on ne retrouve pas la trace dans 
le cadavre, comme un cedeme, une anemie, une hyperemie 
active. Mais ce sont la, bien qu’elles ne persistent pas ne- 
cessairement apres la mort, des lesions organiques vraies, 
qu’elles soient legeres et fugaces. Il est necessaire que les 
paralysies produites par les lesions de cet ordre, partagent 
en tout les caracteres de la paralysie organique. L’oedeme, 
l’anemie ne pourraient, plutöt que l’hemorragie et le ramol- 
lissement, produire la dissociation et l’intensit& des paralysies 
hysteriques. La seule difference serait que la paralysie par 
l’ed&me, par la constriction vasculaire ete., doit &tre moins 
durable que la paralysie par destruction du tissu nerveux. 
Toutes les autres conditions leur sont communes et l’anatomie 
du syst&me nerveux determinera les propietes de la paralysie 
aussi bien dans le cas d’an&mie fugace que dans le cas d’an&- 
mie permanente et definitive. 

Je ne crois pas que ces remarques soient tout & fait 
gratuites. Si on lit „qu’il doit y avoir une lesion hysterique* 
dans tel ou tel centre, le möme dont la lesion organique 
produirait le syndrome organique correspondant, si l’on se 
souvient qu’on s’est habitue & localiser la lesion hysterique 
dynamique de möme maniere que la lesion organique, on est 
porte & croire que sous l’expression „lesion dynamique“ se 
cache lidee d’une lesion comme l’®ad&me, l’an&mie, qui, en 
verite, sont des affections organiques passageres. J’affirme 
par contre que la lesion des paralysies hysteriques doit &tre 
tout & fait independante de l’anatomie du systeme nerveux, 
puisque ?’hysterie se comporte dans ses paralysies et autres mani- 
festations comme si Vanatomie n’existait pas, ou comme si elle 
n’en avait nulle connaissance. 

Un bon nombre des caracteres des paralysies hysteriques 
justifient en verite cette affırmation. L’hysterie est ignorante 
de la distribution des nerfs et c’est pour cette raison qu’elle 


41 


ne simule pas les paralysies periphero-spinales ou de pro- 
jection; elle ne connait pas le chiasma des nerfs optiques 
et consequemment elle ne produit pas l’hemaniopsie. Elle 
prend les organes dans le sens vulgaire, populaire du nom 
qu’ils portent: la jambe est la jambe jusqu’a l’insertion de 
la hanche, le bras est l’extremite superieure comme elle se 
dessine sous les vötements. U n’y a pas de raison pour 
joindre & la paralysie du bras la paralysie de la face. L’hyste- 
rique qui ne sait pas parler n’a pas de motif pour oublier 
Vintelligence du langage, puisque aphasie motrice et surdite 
verbale n’ont aucune parente dans la notion populaire, etc. 
Je ne peux que m’associer pleinement sur ce point aux vues 
que M. Janet a avancees dans les derniers numeros des 
Archives de Neurologie; les paralysies hysteriques en donnent 
la preuve aussi bien que les anesthesies et les symptömes 
psychiques. 

IV. — Je tächerai enfin de developper comment pourrait 
etre la lesion qui est la cause des paralysies hysteriques. Je 
ne dis pas que je montrerai comment elle est en fait; il s’agit 
seulement d’indiquer la ligne de pensee qui peut conduire 
& une conception qui ne contredit pas aux proprietes de la 
paralysie hysterique, en tant qu’elle differe de la paralysie 
organique cerebrale. 

Je prendrai le mot „lesion fonctionnelle ou dynamique* 
dans son sens propre: „alteration de fonction ou de dyna- 
misme*; alteration d’une propriete fonctionnelle. Une telle 
alteration serait par exemple une diminution de l’excitabilite 
ou d’une qualite physiologique qui dans l’&tat normal reste 
constante ou varie dans des limites determinees. 

Mais dira-t-on, l’alteration fonctionnelle n’est pas autre 
chose, elle n’est qu’un autre cöte de l’alteration organique. 
Supposons que le tissu nerveux soit dans un etat d’an&mie 
passagere, son excitabilite sera diminuee par cette circon- 
stance, il n’est pas possible d’eviter d’envisager les lesions 
organiques par ce moyen. 

J’essaierai de montrer qu’il peut y avoir alteration 
fonctionnelle sans lesion organique concomitante, sans lesion 
grossiere palpable du moins, möme au moyen de l’analyse 


42 


la plus delicate. En d’autres termes, je donnerai un exemple 
approprie d’une alteration de fonction primitive; je ne de- 
mande pour cela que la permission de passer sur le terrain 
de la psychologie, qu’on ne saurait &viter quand on traite 
de l’hysterie. 

Je dis avec M. Janet, que c’est la conception banale, 
populaire des organes et du corps en general, qui est en 
jeu dans les paralysies hysteriques comme dans les anesthe- 
sies, etc. Cette conception n’est pas fondee sur une connais- 
sance approfondie de l’anatomie nerveuse mais sur nos per- 
ceptions tactiles et surtout visuelles. Si elle determine les 
caracteres de la paralysie hysterique, celle-la doit bien se 
montrer ignorante et independante de toute notion de l’ana- 
tomie du systeme nerveux. La lesion de la paralysie hyst6- 
rique sera donc une alteration de la conception, de l’idee de 
bras, par exemple. Mais de quelle sorte est cette alteration 
pour produire la paralysie? 

Consideree psychologiquement, la paralysie du bras 
consiste dans le fait que la conception du bras ne peut pas 
entrer en association avec les autres idees qui constituent 
le moi dont le corps de lYindividu forme une partie impor- 
tante. La lesion serait donc l’abolition de l’accessibilite associative 
de la conception du bras. Le bras se comporte comme s’il 
n’existait pas pour le jeu des associations. Assurement si 
les conditions materielles, qui correspondent & la conception 
du bras, se trouvent profond&ment alterees, cette conception 
sera perdue aussi, mai j’ai & montrer qu’elle peut ötre inac- 
cessible sans qu’elle soit detruite et sans que son substratum 
materiel (le tissu nerveux de la region correspondante de 
l’ecorce) soit endommage. 

Je commencerai par des exemples tires de la vie sociale. 
On raconte l’histoire comique d’un sujet loyal qui ne voulut plus 
laver sa main, parce que son souveraim l’avait touchee. La 
relation de cette main avec l’idee du roi semble si importante 
& la vie psychique de l’individu, qu’il se refuse & faire entrer 
cette main en d’autres relations. Nous obeissons & la möäme 
impulsion si nous cassons le verre dans lequel nous avons bu 
& la sante de jeunes maries; les anciennes tribus sauvages 


43 


brülant le cheval, les armes et möme le femmes du chef 
mort, avec son cadayre, obeissaient & cette idee que nul ne 
devait plus le toucher apres lui. Le motif de toutes ces 
actions est bien clair. La valeur affective que nous attribuons 
ä la premiere association d’un objet repugne & la faire entrer 
en association nouvelle avec un autre objet et par suite rend 
lidee de cet objet inaccessible & l’association. 

Ce n’est pas une simple comparaison, c’est presque la chose 
identique, si nous passons dans le domaine de la psychologie 
des conceptions. Si la conception du bras se trouve engagee 
dans une association d’une grande valeur affective, elle sera 
inaccessible au jeu libre des autres associations. Le bras sera 
paralyse en proportion de la persistance de cette valeur affective 
ou de sa diminution par des moyens psychiques appropries. O’est 
la solution du probleme que nous avons pose, car, dans 
tous le cas de paralysie hysterique, on trouve que Forgane 
paralyse ow la fonction abolie est engage dans wume association 
subconsciente qui est munie d’une grande valeur affective, et Von 
peut montrer que le bras devient libre aussitöt que cette valeur 
affective est effacce. Alors la conception du bras existe dans le 
substratum mat£riel, mais elle n’est pas accessible aux asso- 
ciations et impulsions conscientes parce que tout son affinite 
associative, pour ainsi dire, est satur&e dans une association 
subconsciente avec le souvenir de l’evenement, du trauma, qui 
a produit cette paralysie. 

C’est M. Charcot qui nous a enseigne le premier qu’il 
faut s’adresser & la psychologie pour l’explication de la nevrose 
hysterique. Nous avons suivi son exemple, Breuer et moi, dans 
un me&moire preliminaire (Über den psychischen Mechanismus 
hysterischer Phänomene, Neurolog. Centralblatt, Nr. 1 und 2, 1893). 
Nous demontrons dans ce memoire que les symptömes 
permanents de l’hysterie dite non traumatique s’expliquent 
(& part les stigmates) par le m&me möcanisme que Charcot a 
reconnu dans les paralysies traumatiques. Mais nous donnons 
aussi la raison pour laquelle ces symptömes persistent et 
peuvent &tre gueris par un procede special de psychotherapie 
hypnotique. Chaque &venement, chaque impression psychique 
est munie d’une certaine valeur affective (Affeetbetrag), dont 


44 


le moi se delivre ou par la voie de reaction motrice ou par un 
travail psychique associatif. Si ’individu ne peut ou ne veut 
s’acquitter du surcroit, le souvenir de cette impression acquiert 
l’importance d’un trauma et devient la cause de symptömes 
permanents d’hysterie. L’impossibilite de l’elimination s’im- 
pose quand l’impression reste dans le subconscient. Nous avons 
appel& cette theorie: Das Abreagieren der Reizzuwächse. 

En resume, je pense qu’il est bien en accord avec notre 
vue generale sur l’hysterie, telle que nous l’avons pu former 
d’apres l’enseignement de M. Charcot, que la lesion dans les 
paralysies hysteriques ne consiste pas en autre chose que dans 
Vinaccessibilit& de la conception de l’organe ou de la fonction 
pour les associations du moi conscient, que cette alteration 
purement fonctionnelle (avec integrite de la conception möme) 
est caussee par la fixation de cette conception dans une asso- 
ciation subconsciente avec le souvenir du trauma et que cette 
conception ne devient pas libre et accessible tant que la valeur 
affective du trauma psychique n’a pas &te& eliminee par la 
reaction motrice adequate ou par le travail psychique conscient. 
Mais möme si ce mecanisme n’a pas lieu, s’il faut pour la 
paralysie hysterique toujours une idee autosuggestive directe 
comme dans les cas traumatiques de M. Charcot, nous avons 
reussi & montrer de quelle nature la lesion ou plutöt l’alteration 
dans la paralysie hysterique devrait &tre, pour expliquer ses 
differences avec la paralysie organique cerebrale. 


IS 


Die Abwehr-Neuro-psychosen. ') 


Versuch einer psychologischen Theorie der acquirierten 
Hysterie, vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und 
gewisser halluzinatorischer Psychosen. 

Bei eingehendem Studium mehrerer mit Phobien und 
Zwangsvorstellungen behafteter Nervöser hat sich mir ein 
Erklärungsversuch dieser Symptome aufgedrängt, der mir 
dann gestattete, die Herkunft solcher krankhafter Vor- 
stellungen in neuen, anderen Fällen glücklich zu erraten, 
und den ich darum der Mitteilung und weiteren Prüfung 
würdig erachte. Gleichzeitig mit dieser „psychologischen 
Theorie der Phobien und Zwangsvorstellungen“ 
ergab sich aus der Beobachtung der Kranken ein Beitrag 
zur Theorie der Hysterie oder vielmehr eine Abänderung 
derselben, welche einem wichtigen, der Hysterie wie den 
genannten Neurosen gemeinsamen Charakter Rechnung zu 
tragen scheint. Ferner hatte ich Gelegenheit, in den psycho- 
logischen Mechanismuseiner Form von unzweifelhaft psychischer 
Erkrankung Einsicht zu nehmen, und fand dabei, daß die von 
mir versuchte Betrachtungsweise eine einsichtliche Verknüpfung 
zwischen diesen Psychosen und den beiden angeführten Neu- 
rosen herstellt. Eine Hilfshypothese, deren ich mich in allen 
drei Fällen bedient habe, werde ich zum Schlusse dieses Auf- 
satzes hervorheben. 5 

Ich beginne mit jener Abänderung, die mir an der 
Theorie der hysterischen Neurose erforderlich scheint: 

Daß der Symptomkomplex der Hysterie, soweit er bis 
jetzt ein Verständnis zuläßt, die Annahme einer Spaltung des 
Bewußtseins mit Bildung separater psychischer Gruppen recht- 


1) „Neurologisches Centralblatt“, 1894, Nr. 10 u. 11. 


46 


fertigt, dürfte seit den schönen Arbeiten von P. Janet, 
J. Breuer n. A. bereits zur allgemeinen Anerkennung ge- 
langt sein. Weniger geklärt sind die Meinungen über die Her- 
kunft dieser Bewußtseinsspaltung und über die Rolle, welche 
dieser Charakter im Gefüge der hysterischen Neurose spielt. 

Nach der Lehre von Janet!) ist die Bewußtseinsspaltung 
ein primärer Zug der hysterischen Veränderung. Sie beruht 
auf einer angeborenen Schwäche der Fähigkeit zur psychischen 
Synthese, auf der Enge des „Bewußtseinsfeldes“ (champ du 
conscience), welche als psychisches Stigma die Degeneration 
der hysterischen Individuen bezeugt. 

Im Gegensatz zur Anschauung Janet’s, welche mir die 
mannigfaltigsten Einwände zuzulassen scheint, steht jene, die 
J. Breuer in unserer gemeinsamen Mitteilung?) vertreten hat. 
Nach Breuer ist „Grundlage und Bedingung“ der Hysterie 
das Vorkommen von eigentümlichen traumartigen Bewußt- 
seinszuständen mit eingeschränkter Assoziationsfähigkeit, für 
welche er den Namen „hypnoide Zustände“ vorschlägt. Die 
Bewußtseinsspaltung ist dann eine sekundäre, erworbene; 
sie kommt dadurch zustande, daß die in hypnoiden Zuständen 
aufgetauchten Vorstellungen vom assoziativen Verkehr mit 
dem übrigen Bewußtseinsinhalt abgeschnitten sind. 

Ich kann nun den Nachweis zweier weiterer extremer 
Formen von Hysterie erbringen, bei welchen die Bewußtseins- 
spaltung unmöglich als eine primäre im Sinne von Janet 
gedeutet werden kann. Bei der ersteren dieser Formen gelang 
es mir wiederholt, zu zeigen, daß die Spaltung des Be- 
wußtseinsinhaltes die Folge eines Willensaktes 
des Kranken ist, das heißt durch eine Willensanstrengung 
eingeleitet wird, deren Motiv man angeben kann. Ich behaupte 
damit natürlich nicht, daß der Kranke eine Spaltung seines 
Bewußtseins herbeizuführen beabsichtigt; die Absicht des 
Kranken ist eine andere, sie erreicht aber nicht ihr Ziel, 
sondern ruft eine Spaltung des Bewußtseins hervor. 


1) Etat mental des hysteriques. Paris 1893 und 1894. — Quelques 
definitions r&centes de l’hysterie. Arch. de Neurol. 1893. NXXV—VI. 

?2) Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. 
Dieses Centralblatt, 18%, Nr. 1 u. 2. 


47 


Bei der dritten Form der Hysterie, die wir durch psychische 
Analyse von intelligenten Kranken erwiesen haben, spielt die 
Bewußtseinsspaltung nur eine geringfügige, vielleicht über- 
haupt keine Rolle. Es sind dies jene Fälle, in denen bloß die 
Reaktion auf traumatische Reize unterblieben ist, die dann 
auch durch „Abreagieren“!) erledigt und geheilt werden, die 
reinen Retentionshysterien. 

Für die Anknüpfung an die Phobien und Zwangsvor- 
stellungen habe ich es hier nur mit der zweiten Form der 
Hysterie zu tun, die ich aus bald ersichtlichen Gründen als 
Abwehrhysterie bezeichnen und durch diesen Namen von 
den Hypnoid- und Retentionshysterien sondern will. 
Ich kann meine Fälle von Abwehrhysterie auch vorläufig als 
„acquirierte* Hysterie aufführen, weil bei ihnen weder von 
schwerer hereditärer Belastung, noch von eigener degenerativer 
Verkümmerung die Rede war. 

Bei den von mir analysierten Patienten hatte nämlich 
psychische Gesundheit bis zu dem Moment bestanden, in dem 
ein Fall von Unverträglichkeit in ihrem Vor- 
stellungsleben vorfiel, d. h. bis ein Erlebnis, eine 
Vorstellung, Empfindung an ihr Ich herantrat, welches einen 
so peinlichen Affekt erweckte, daß die Person beschloß, daran 
zu vergessen, weil sie sich nicht die Kraft zutraute, den 
Widerspruch dieser unverträglichen Vorstellung mit ihrem Ich 
durch Denkarbeit zu lösen. 

Solche unverträgliche Vorstellungen erwachsen bei weib- 
lichen Personen zumeist auf dem Boden des sexualen Erlebens 
und Empfindens, und die Erkrankten erinnern sich auch mit 
aller wünschenswerten Bestimmtheit ihrer Bemühungen zur 
Abwehr, ihrer Absicht, das Ding „fortzuschieben“, nicht daran 
zu denken, es zu unterdrücken. Hierher gehörige Beispiele 
aus meiner Erfahrung, deren Anzahl ich mühelos vermehren 
könnte, sind etwa: Der Fall eines jungen Mädchens, welches 
es sich verübelt, während der Pflege ihres kranken Vaters 
an den jungen Mann zu denken, der ihr einen leisen erotischen 
Eindruck gemacht hat; der Fall einer Erzieherin, die sich ın 


1) Vgl. unsere gemeinsame Mitteilung. 


48 


ihren Herrn verliebt hatte, und die beschloß, sich diese Neigung 
aus dem Sinn zu schlagen, weil sie ihr mit ihrem Stolze un- 
verträglich schien u. dgl. m.!) 

Ich kann nun nicht behaupten, daß die Willensanstrengung, 
etwas derartiges aus seinen Gedanken zu drängen, ein patho- 
logischer Akt ist, auch weiß ich nicht zu sagen, ob und auf 
welche Weise das beabsichtigte Vergessen jenen Personen 
gelingt, welche unter denselben psychischen Einwirkungen 
gesund bleiben. Ich weiß nur, daß ein solches „Vergessen“ 
den von mir analysierten Patienten nicht gelungen ist, sondern 
zu verschiedenen pathologischen Reaktionen geführt hat, die 
entweder eine Hysterie, oder eine Zwangsvorstellung, oder eine 
halluzinatorische Psychose erzeugten. In der Fähigkeit, durch 
jene Willensanstrengung einen dieser Zustände hervorzurufen, 
die sämtlich mit Bewußtseinsspaltung verbunden sind, ist 
der Ausdruck einer pathologischen Disposition zu sehen, die 
aber nicht notwendig mit persönlicher oder hereditärer „De- 
generation“ identisch zu sein braucht. | 

Über den Weg, der von der Willensanstrengung des 
Patienten bis zur Entstehung des neurotischen Symptoms 
führt, habe ich mir eine Meinung gebildet, die sich in den 
gebräuchlichen psychologischen Abstraktionen etwa so aus- 
drücken läßt: Die Aufgabe, welche sich das abwehrende Ich 
stellt, die unverträgliche Vorstellung als „non arrivee“ zu 
behandeln, ıst für dasselbe direkt unlösbar; sowohl die Ge- 
dächtnisspur als auch der der Vorstellung anhaftende Affekt 
sind einmal da und nicht mehr auszutilgen. Es kommt aber 
einer ungefähren Lösung dieser Aufgabe gleich, wenn es 
gelingt, aus dieser starken Vorstellung eine schwache 
zu machen, ihr den Affekt, die Erregungssumme, mit der 
sie behaftet ist, zu entreißen. Die schwache Vorstellung wird 
dann so gut wie keine Ansprüche an die Assoziationsarbeit 
zu stellen haben; dievonihrabgetrennte Erregungs- 
summe muß aber einer anderen Verwendung zu- 
geführt werden. 

ı) Diese Beispiele sind der noch nicht veröffentlichten ausführlichen 


Arbeit von Breuer und mir über den psychischen Mechanismus der 
Hysterie entnommen. 


49 


Soweit sind die Vorgänge bei der Hysterie und bei den 
Phobien und Zwangsvorstellungen die gleichen; von nun an 
scheiden sich die Wege. Bei der Hysterie erfolgt die Un- 
schädlichmachung der unverträglichen Vorstellung dadurch, 
daß deren Erregungssumme ins Körperliche um- 
gesetzt wird, wofür ich den Namen der Konversion 
vorschlagen möchte. 

Die Konversion kann eine totale oder partielle sein und 
erfolgt auf jene motorische oder sensorische Innervation hin, 
die in einem innigen oder mehr lockeren Zusammenhang mit 
dem traumatischen Erlebnis steht. Das Ich hat damit erreicht, 
daß es widerspruchsfrei geworden ist, es hat sich aber dafür 
mit einem Erinnerungssymbol belastet, welches als unlösbare 
motorische Innervation oder als stets wiederkehrende halluzi- 
natorische Sensation nach Art eines Parasiten im Bewußtsein 
haust, und welches bestehen bleibt, bis eine Konversion in 
umgekehrter Richtung stattfindet. Die Gedächtnisspur der 
verdrängten Vorstellung ist darum doch nicht untergegangen, 
sondern bildet von nun an den Kern einer zweiten psychischen 
Gruppe. 

Ich will diese Anschauung von den psycho-physischen 
Vorgängen bei der Hysterie nur noch mit wenigen Worten 
ausführen: Wenn einmal ein solcher Kern für eine hysterische 
Abspaltung in einem „traumatischen Moment“ gebildet worden 
ist, so erfolgt dessen Vergrößerung in anderen Momenten, 
die man „auxiliär traumatische“ nennen könnte, sobald 
es einem neu anlangenden Eindruck gleicher Art gelingt, die 
vom Willen hergestellte Schranke zu durchbrechen, der ge- 
schwächten Vorstellung neuen Affekt zuzuführen und für eine 
Weile die assoziative Verknüpfung beider psychischer Gruppen 
zu erzwingen, bis eine neuerliche Konversion Abwehr schafft. 
— Der so bei der Hysterie erzielte Zustand in der Verteilung 
der Erregung stellt sich dann zumeist als ein labiler heraus; 
die auf einen falschen Weg (in die Körperinnervation) ge- 
drängte Erregung gelangt mitunter zur Vorstellung zurück, 
von der sie abgelöst wurde, und nötigt dann die Person zur 
assoziativen Verarbeitung oder zur Erledigung in hysterischen 
Anfällen, wie der bekannte Gegensatz der Anfälle und der Dauer- 


Freud, Neurosenlahre. 4 


50 


symptome beweist. Die Wirkung der kathartischen Methode 
Breuer’s besteht darin, daß sie eine solche Zurückleitung der Er- 
regung aus dem Körperlichen ins Psychische zielbewußt erzeugt, 
um dann den Ausgleich des Widerspruches durch Denkarbeit 
und die Abfuhr der Erregung durch Sprechen zu erzwingen. 

Wenn die Bewußtseinsspaltung der acquirierten Hysterie 
auf einem Willensakt beruht, so erklärt sich überraschend 
leicht die merkwürdige Tatsache, daß die Hypnose regelmäßig 
das eingeengte Bewußtsein der Hysterischen erweitert und 
die abgespaltene psychische Gruppe zugänglich macht. Wir 
kennen es ja als Eigentümlichkeit aller schlafähnlichen Zu- 
stände, daß sie jene Verteilung der Erregung aufheben, auf 
welcher der „Wille* der bewußten Persönlichkeit beruht. 

Wir erkennen demnach das für die Hysterie charakteri- 
stische Moment nicht in der Bewußtseinsspaltung, sondern in 
der Fähigkeit zur Konversion und dürfen als ein 
wichtiges Stück der sonst noch unbekannten Disposition zur 
Hysterie die psycho-physische Eignung zur Verlegung so großer 
Erregungssummen in die Körperinnervation anführen. 

Diese Eignung schließt an und für sich psychische Ge- 
sundheit nicht aus und führt zur Hysterie nur im Falle einer 
psychischen Unverträglichkeit oder einer Aufspeicherung der 
Erregung. Mit dieser Wendung nähern wir, Breuer und ich, 
uns den bekannten Definitionen der Hysterie von Oppen- 
heim!) und Strümpel?) und sind von Janet abgewichen, 
welcher der Bewußtseinsspaltung eine übergroße Rolle in der 
Charakteristik der Hysterie zuweist?). Die hier gegebene Dar- 

) Oppenheim: Die Hysterie ist ein gesteigerter Ausdruck der Gemüts- 
bewegung. Der „Ausdruck der Gemütsbewegung“ stellt aber jenen Betrag 
psychischer Erregung dar, der normalerweise eine Konversion erfährt: 

2) Strümpel: Die Störung der Hysterie liegt im Psycho-physischen, 
dort, wo Körperliches und Seelisches mit einander zusammenhängen. 

®) Janet hat im zweiten Abschnitt seines geistvollen Aufsatzes 
„Quelques definitions etc.“ den Einwand, daß die Bewußtseinsspaltung 
auch den Psychosen und der sogenannten Psychasthenie zukommt, selbst 
behandelt, aber nach meinem Ermessen nicht befriedigend gelöst. Dieser 
Einwand ist es wesentlich, der ihn dazu drängt, die Hysterie für eine 
Degenerationsform zu erklären. Er kann aber die hysterische Bewußt- 


seinsspaltung durch keine Charakteristik genügend von der psychotischen 
u. dgl. sondern. 


sl 


stellung darf den Anspruch erheben, daß sie den Zusammen- 
hang der Konversion mit der hysterischen Bewußtseinsspaltung 
verstehen läßt. 

u. 

Wenn bei einer disponierten Person die Eignung zur 
Konversion nicht vorhanden ist und doch zur Abwehr einer 
unerträglichen Vorstellung die Trennung derselben von ihrem 
Affekt vorgenommen wird, dann muß dieser Affekt auf 
psychischem Gebiet verbleiben. Die nun geschwächte 
Vorstellung bleibt abseits von aller Assoziation im Bewußtsein 
übrig, ihr frei gewordener Affekt aber hängt sich an 
andere, an sich nicht unverträgliche Vorstellungen 
an, die durch diese „falsche Verknüpfung“ zu Zwangs- 
vorstellungen werden. Dies ist in wenig Worten die 
psychologische Theorie der Zwangsvorstellungen und Phobien, 
von der ich eingangs gesprochen habe. 

Ich werde nun angeben, welche von den Stücken, die 
in dieser Theorie gefordert sind, sich direkt nachweisen 
lassen, welche andere ich ergänzt habe. Direkt nachweisbar 
ist außer dem Endprodukt des Vorganges, eben der Zwangs- 
vorstellung, zunächst die Quelle, aus welcher der in falscher 
Verknüpfung befindliche Affekt stammt. In allen von mir 
analysierten Fällen war es das Sexualleben, welches einen 
peinlichen Affekt von genau der nämlichen Beschaffenheit 
geliefert hatte, wie er der Zwangsvorstellung anhing. Es 
ist theoretisch nicht ausgeschlossen, daß dieser Affekt nicht 
gelegentlich auf anderem Gebiete entstehen könnte; ich habe 
bloß mitzuteilen, daß eine andere Herkunft sich mir bisher 
nicht ergeben hat. Übrigens versteht man es leicht, daß 
gerade das Sexualleben die reichlichsten Anlässe zum Auf- 
tauchen unverträglicher Vorstellungen mit sich bringt. 

Nachweisbar ist ferner durch die unzweideutigsten 
Äußerungen der Kranken die Willensanstrengung, der Ver- 
such zur Abwehr, auf den die Theorie Gewicht legt, und 
wenigstens in einer Reihe von Fällen geben die Kranken selbst 
darüber Aufschluß, daß die Phobie oder Zwangsvorstellung 
erst dann auftrat, nachdem die Willensanstrengung scheinbar 
ihre Absicht erreicht hatte. „Mir ist einmal etwas sehr Un- 

4* 


52 


angenehmes passiert, ich habe mich mit Macht bemüht, es 
fortzuschieben, nicht mehr daran zu denken. Endlich ist es 
mir gelungen, da bekam ich dafür das andere, das ich seither 
nicht losgeworden bin.“ Mit diesen Worten bestätigte mir 
eine Patientin die Hauptpunkte der hier entwickelten Theorie. 

Nicht alle, die an Zwangsvorstellungen leiden, machen 
sich die Herkunft derselben so klar. In der Regel bekömmt 
man, wenn man den Kranken auf die ursprüngliche Vorstellung 
sexueller Natur aufmerksam macht, die Anwort: „Davon kann 
es ja doch nicht kommen. Ich habe ja gar nicht viel daran 
gedacht. Einen Moment war ich erschrocken, dann habe ich 
mich abgelenkt und seither Ruhe davor gehabt.“ In dieser 
so häufigen Einwendung liegt ein Beweis, daß die Zwangs- 
vorstellung einen Ersatz oder Surrogat der unverträglichen 
sexuellen Vorstellung darstellt und sie im Bewußtsein ab- 
gelöst hat. 

Zwischen der Willensanstrengung des Patienten, der es 
gelingt, die unannehmbare sexuelle Vorstellung zu verdrängen, 
und dem Auftauchen der Zwangsvorstellung, die, an sich 
wenig intensiv, hier mit unbegreiflich starkem Affekt aus- 
gestattet ist, klafft die Lücke, welche die hier entwickelte 
Theorie ausfüllen will. Die Trennung der sexuellen Vorstellung 
von ihrem Affekt und die Verknüpfung des letzteren mit 
einer anderen, passenden, aber nicht unverträglichen Vor- 
stellung — dies sind Vorgänge, die ohne Bewußtsein geschehen, 
die man nur supponieren, aber durch keine klinisch-psycho- 
logische Analyse erweisen kann. Vielleicht wäre es richtiger, 
zu sagen: Dies sind überhaupt nicht Vorgänge psychischer 
Natur, sondern physische Vorgänge, deren psychische Folge 
sich so darstellt, als wäre das durch die Redensarten: Trennung 
der Vorstellung von ihrem Affekt und falsche Verknüpfung 
des letzteren, Ausgedrückte wirklich geschehen. 

Neben den Fällen, die ein Nacheinander der sexuellen 
unverträglichen Vorstellung und der Zwangsvorstellung be- 
weisen, findet man eine Reihe anderer, in denen gleichzeitig 
Zwangsvorstellungen und peinlich betonte sexuelle Vor- 
stellungen vorhanden sind. Letztere „sexuelle Zwangsvor- 
stellungen“ zu heißen, geht nicht gut an; es mangelt ihnen 


53 


ein wesentlicher Charakter der Zwangsvorstellungen; sie er- 
weisen sich als vollberechtigt, während die Peinlichkeit der 
gemeinen Zwangsvorstellungen ein Problem für den Arzt und 
den Kranken bildet. Soweit ich mir in Fälle dieser Art Ein- 
sicht verschaffen konnte, handelte es sich hier um eine fort- 
gesetzte Abwehr gegen beständig neu anlangende sexuelle 
Vorstellungen, eine Arbeit also, die noch nicht zum Abschluß 
gekommen war. 

Die Kranken verheimlichen häufig ihre Zwangsvor- 
stellungen, so lange sie sich der sexuellen Abkunft derselben 
bewußt sind. Wenn sie darüber klagen, so geben sie zumeist 
ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, daß sie dem betreffenden 
Affekt unterliegen, daß sie sich ängstigen, bestimmte Impulse 
haben u. dgl. Dem kundigen Arzt dagegen erscheint dieser 
Affekt berechtigt und verständlich; er findet das Auffällige 
nur in der Verknüpfung eines solchen Affektes mit einer 
hiefür nicht würdigen Vorstellung. Der Affekt der Zwangs- 
vorstellung erscheint ihm — mit anderen Worten — als ein 
dislocierter oder transponierter, und wenn er die 
hier niedergelegten Bemerkungen angenommen hat, kann er 
für eine große Reihe von Fällen von Zwangsvorstellung die 
Rückübersetzung ins Sexuelle versuchen. 

Zur sekundären Verknüpfung des frei gewordenen Affektes 
kann jede Vorstellung benützt werden, die entweder ihrer 
Natur nach mit einem Affekt von solcher Qualität ver- 
einbar ist, oder die gewisse Beziehungen zur unverträglichen 
hat, denen zufolge sie als Surrogat derselben brauchbar er- 
scheint. So zum Beispiel wirft sich frei gewordene Angst, deren 
sexuelle Herkunft nicht erinnert werden soll, auf die gemeinen 
primären Phobien des Menschen vor Tieren, Gewitter, Dunkel- 
heit u. dgl, oder auf Dinge, die unverkennbar mit dem 
Sexuellen in irgend einer Art assoziiert sind, auf das Urinieren, 
die Defäkation, auf Beschmutzung und Ansteckung überhaupt. 

Der Vorteil, den das Ich erreicht, indem es zur Abwehr 
den Weg der Transposition des Affektes einschlägt, ist 
ein weit geringerer als bei der hysterischen Konver- 
sion psychischer Erregung in somatische Innervation. Der 
Affekt, unter dem das Ich gelitten hat, bleibt unverändert 


54 


und unverringert nach wie vor, nur daß die unverträgliche 
Vorstellung niedergehalten, vom Erinnern ausgeschlossen ist. 
Die verdrängten Vorstellungen bilden wiederum den Kern 
einer zweiten psychischen Gruppe, die, wie mir scheint, auch 
ohne Zuhilfenahme der Hypnose zugänglich ist. Wenn bei 
den Phobien und Zwangsvorstellungen die auffälligen Symp- 
tome ausbleiben, welche bei der Hysterie die Bildung einer 
unabhängigen psychischen Gruppe begleiten, so rührt dies 
wohl daher, daß im ersteren Falle die gesamte Veränderung 
auf psychischem Gebiet geblieben ist, die Beziehung zwischen 
psychischer Erregung und somatischer Innervation keine 
Änderung erfahren hat. 

Ich will das hier über die Zwangsvorstellungen Gesagte 
durch einige Beispiele erläutern, die wahrscheinlich typischer 
Natur sind: 

1. Ein junges Mädchen leidet an Zwangsvorwürfen. Las 
sie in der Zeitung von Falschmünzern, so kam ihr der Ge- 
danke, sie habe auch falsches Geld gemacht; war irgendwo 
von einem unbekannten Täter eine Mordtat geschehen, so 
fragte sie sich ängstlich, ob sie nicht diesen Mord begangen 
habe. Dabei war sie sich der Ungereimtheit dieser Zwangs- 
vorwürfe klar bewußt. Eine Zeit lang gewann das Schuld- 
bewußtsein solche Macht über sie, daß ihre Kritik erstickt 
wurde und sie sich vor ihren Verwandten und vor dem Arzt 
anklagte, sie habe alle diese Untaten wirklich begangen 
(Psychose durch einfache Steigerung — Überwältigungs- 
psychose). Ein scharfes Verhör deckte jetzt die Quelle auf, 
aus der ihr Schuldbewußtsein stammte: Durch eine zufällige 
wollüstige Empfindung angeregt, hatte sie sich von einer 
Freundin zur Masturbation verleiten lassen und betrieb diese 
seit Jahren mit dem vollen Bewußtsein ihres Unrechtes und 
unter den heftigsten, aber wie gewöhnlich nutzlosen Selbst- 
vorwürfen. Ein Exzeß nach dem Besuche eines Balles hatte 


die Steigerung zur Psychose hervorgerufen. — Das Mädchen 
heilte nach einigen Monaten Behandlung und strengster 
Überwachung. 


2. Ein anderes Mädchen litt unter der Furcht, von 
Harndrang überfallen zu werden und sich nässen zu müssen, 


55 


seitdem ein solcher Drang sie wirklich einmal genötigt hatte, 
einen Konzertsaal während der Aufführung zu verlassen. 
Diese Phobie hatte sie allmählich völlig genuß- und ver- 
kehrsunfähig gemacht. Sie fühlte sich nur wohl, wenn sie ein 
Kloset in der Nähe wußte, zu dem sie unauffällig gelangen 
konnte. Ein organisches Leiden, welches dieses Mißtrauen 
in die Beherrschung der Blase gerechtfertigt hätte, war aus- 
geschlossen. Der Harndrang war zu Hause unter ruhigen 
Verhältnissen und zur Nachtzeit nicht vorhanden. Eingehen- 
des Examen wies nach, daß der Harndrang zum ersten Male 
unter folgenden Verhältnissen aufgetreten war: In dem Kon- 
zertsaale hatte ein Herr nicht weit von ihr Platz genommen, 
der ihrem Empfinden nicht gleichgültig war. Sie begann an 
ihn zu denken und sich auszumalen, wie sie als seine Frau 
neben ihm sitzen würde. In dieser erotischen Träumerei be- 
kam sie jene körperliche Empfindung, die man mit der Erek- 
tion des Mannes vergleichen muß, und die bei ihr — ich 
weiß nicht, ob allgemein — mit einem leichten Harndrang 
abschloß. Sie erschrak jetzt heftig über die ihr sonst ge- 
wohnte sexuelle Empfindung, weil sie bei sich beschlossen 
hatte, diese wie jede andere Neigung zu bekämpfen, und im 
nächsten Moment hatte sich der Affekt auf den begleitenden 
Harndrang übertragen und nötigte sie, nach qualvollem Kampf 
den Saal zu verlassen. Sie war im Leben so prüde, daß sie 
sich vor allem Sexuellen imtensiv grauste, und den Gedanken, 
je zu heiraten, nicht fassen konnte; andererseits war sie 
sexuell so hyperästhetisch, daß bei jeder erotischen Träumerei 
die sie sich gerne gestattete, jene wollüstige Empfindung 
auftrat. Der Harndrang hatte die Erektion jedesmal begleitet, 
ohne ihr bis zu der Szene im Konzertsaal einen Eindruck 
zu machen. Die Behandlung führte zu einer fast vollkommenen 
Beherrschung der Phobie. 

3. Eine junge Frau, die aus fünfjähriger Ehe nur ein 
Kind hatte, klagte mir über den Zwangsimpuls, sich vom 
Fenster oder Balkon zu stürzen, und über die Furcht, die 
sie beim Anblick eines scharfen Messers ergreife, ihr Kind 
damit zu erstechen. Der eheliche Verkehr, gestand sie zu, 
werde selten und nur mit Vorsicht gegen die Konzeption 


56 


ausgeübt; allein das fehle ihr nicht, sie sei keine sinnliche 
Natur. Ich getraute mich darauf ihr zu sagen, daß sie beim 
Anblicke eines Mannes erotische Vorstellungen bekomme, daß 
sie darum das Vertrauen zu sich verloren habe und sich als 
eine verworfene Person vorkomme, die zu allem fähig sei. 
Die Riickübersetzung der Zwangsvorstellung ins Sexuelle war 
gelungen; sie gestand sofort weinend ihr lange verborgenes 
eheliches Elend ein und teilte später auch peinliche Vor- 
stellungen von unverändert sexuellem Charakter mit, so die 
häufig wiederkehrende Empfindung, als ob sich etwas unter 
ihre Röcke dränge. 

Ich habe mir derartige Erfahrungen für die Therapie 
zunutze gemacht, um bei Phobien und Zwangsvorstellungen 
trotz alles Sträubens der Kranken die Aufmerksamkeit auf 
die verdrängten sexuellen Vorstellungen zurückzulenken und, 
wo es anging, die Quellen, aus denen dieselben stammten, zu 
verstopfen. Ich kann natürlich nicht behaupten, daß alle 
Phobien und Zwangsvorstellungen auf die hier aufgedeckte 
Weise entstehen; erstens umfaßt meine Erfahrung eine im 
Verhältnis zur Reichhaltigkeit dieser Neurosen nur beschränkte 
Anzahl, und zweitens weiß ich selbst, daß diese „psycha- 
sthenischen“ Symptome (nach Janets Bezeichnung) nicht 
alle gleichwertig sind.!) Es gibt zum Beispiel rein hysterische 
Phobien. Ich meine aber, daß der Mechanismus der Trans- 
position des Affektes bei der großen Mehrzahl der Phobien 
und Zwangsvorstellungen nachzuweisen sein wird, und möchte 
dafür eintreten, diese Neurosen, die sich ebenso ott isoliert 
als mit Hysterie oder Neurasthenie kombiniert finden, nicht mit 
der gemeinen Neurasthenie zsammenzuwerfen, für deren Grund- 
symptome ein psychischer Mechanismus gar nicht anzu- 
nehmen ist. 


!) Die Gruppe von typischen Phobien, für welche die Agora- 
phobie Vorbild ist, läßt sich nicht auf den oben entwickelten psychi- 
schen Mechanismus zurückführen, vielmehr weicht der Mechanismus der 
Agoraphobie von dem der echten Zwangsvorstellungen und der auf 
solche reduzierbaren Phobien in einem entscheidenden Punkte ab. Es 
findet sich hier keine verdrängte Vorstellung, von welcher der Angst- 
affekt abgetrennt wäre. Die Angst dieser Phobien hat einen anderen 
Ursprung. 


57 


In beiden bisher betrachteten Fällen war die Abwehr 
der unverträglichen Vorstellung durch Trennung derselben 
von ihrem Affekt geschehen; die Vorstellung war, wenngleich 
geschwächt und isoliert, dem Bewußtsein verblieben. Es gibt 
nun eine weit energischere und erfolgreichere Art der Abwehr, 
die darin besteht, daß das Ich die unerträgliche Vorstellung 
mitsamt ihrem Affekt verwirft und sich so benimmt, als ob 
die Vorstellung nie an das Ich herangetreten wäre. Allein 
in dem Moment, in dem dies gelungen ist, be- 
findet sich die Person in einer Psychose, die 
man wohl nur als „halluzinatorische Verworren- 
heit“ klassifizieren kann. Ein einziges Beispiel soll 
diese Behauptung erläutern: 

Ein junges Mädchen hat einem Manne eine erste im- 
pulsive Neigung geschenkt und glaubt fest an seine Gegen- 
liebe. Tatsächlich befindet sie sich im Irrtum; der junge 
Mann hat ein anderes Motiv, ihr Haus aufzusuchen. Die 
Enttäuschungen bleiben auch nicht aus; sie erwehrt sich 
ihrer zunächst, indem sie die entsprechenden Erfahrungen 
hysterisch konvertiert, erhält so ihren Glauben, daß er eines 
Tages kommen und um sie anhalten würde, fühlt sich aber 
dabei infolge unvollständiger Konversion und beständigen 
Andranges neuer schmerzlicher Eindrücke unglücklich und 
krank. Sie erwartet ihn endlich in höchster Spannung für 
einen bestimmten Tag, den Tag einer Familienfeier. Der 
Tag verrinnt, ohne daß er gekommen wäre. Nachdem alle 
Züge, mit denen er ankommen könnte, vorüber sind, schlägt 
sie in halluzinatorische Verworrenheit um. Er ist angekommen, 
sie hört seine Stimme im Garten, eilt in Nachtkleidung 
herunter, ihn zu empfangen. Von da an lebt sie durch zwei 
Monate in einem glücklichen Traum, dessen Inhalt ist: er 
sei da, sei immer um sie, es sei alles so wie vorhin (vor 
der Zeit der mühsam abgewehrten Enttäuschungen). Hysterie 
und Verstimmung sind überwunden; von der ganzen letzten 
Zeit des Zweifels und der Leiden wird während der Krank- 
heit nicht gesprochen; sie ist glücklich, so lange man sie 
ungestört läßt, und tobt nur dann, wenn eine Maßregel ihrer 


58 


Umgebung sie an etwas hindert, was sie ganz konsequent 
aus ihrem seligen Traum folgern will. Diese seinerzeit un- 
verständliche Psychose wurde zehn Jahre später durch eine 
hypnotische Analyse aufgedeckt. 

Die Tatsache, auf die ich aufmerksam mache, ist die, 
daß der Inhalt einer solchen halluzinatorischen Psychose 
gerade in der Hervorhebung jener Vorstellung 
besteht, die durch den Anlaß der Erkrankung bedroht 
war. Man ist also berechtigt zu sagen, daß das Ich durch 
die Flucht in die Psychose die unerträgliche Vorstellung 
abgewehrt hat; der Vorgang, durch den dies erreicht worden 
ist, entzieht sich wiederum der Selbstwahrnehmung wie der 
psychologisch-klinischen Analyse. Er ist als der Ausdruck 
einer pathologischen Disposition höheren Grades anzusehen 
und läßt sich etwa wie folgt umschreiben: Das Ich reißt 
sich von der unverträglichen Vorstellung los, diese hängt aber 
untrennbar mit einem Stück der Realität zusammen, und 
indem das Ich diese Leistung vollbringt, hat es sich auch 
von der Realität ganz oder teilweise losgelöst. Letzteres ist 
nach meiner Meinung die Bedingung, unter der eigenen Vor- 
stellungen halluzinatorische Lebhaftigkeit zuerkannt wird, 
und somit befindet sich die Person nach glücklich gelungener 
Abwehr in halluzinatorischer Verworrenheit. 

Ich verfüge nur über sehr wenige Analysen von der- 
artigen Psychosen; ich meine aber, es muß sich um einen 
sehr häufig benützten Typus psychischer Erkrankung handeln, 
denn die als analog aufzufassenden Beispiele der Mutter, 
die, über den Verlust ihres Kindes erkrankt, jetzt unablässig 
ein Stück Holz im Arme wiegt, oder der verschmähten Braut, 
die seit Jahren im Putz ihren Bräutigam erwartet, fehlen in 
keinem Irrenhause. 

Es ist vielleicht nicht überflüssig hervorzuheben, daß 
die drei hier geschilderten Arten der Abwehr und somit die 
drei Formen von Erkrankung, zu denen diese Abwehr führt, 
an derselben Person vereinigt sein können. Das gleichzeitige 
Vorkommen von Phobien und hysterischen Symptomen, das 
in praxi so häufig beobachtet wird, gehört ja mit zu den 
Momenten, die eine reinliche Trennung der Hysterie von 


3) 


anderen Neurosen erschweren und zur Aufstellung der 
„gemischten Neurosen* nötigen. Die halluzinatorische Ver- 
worrenheit zwar verträgt sich häufig nicht mit dem Fort- 
bestand der Hysterie, in der Regel nicht mit dem der Zwangs- 
vorstellungen. Dafür ist es nichts seltenes, daß eine Abwehr- 
psychose den Verlauf einer hysterischen oder gemischten 
Neurose episodisch durchbricht. 


Ich will endlich mit wenigen Worten der Hilfsvor- 
stellung gedenken, deren ich mich in dieser Darstellung der 
Abwehrneurosen bedient habe. Es ist dies die Vorstellung, 
daß au den psychischen Funktionen etwas zu uuterscheiden 
ist (Affektbetrag, Erregungssumme), das alle Eigenschaften 
einer Quantität hat — wenngleich wir kein Mittel besitzen, 
dieselbe zu messen — etwas, das der Vergrößerung, Ver- 
minderung, der Verschiebung und der Abfuhr fähig ist und 
sich über die Gedächtnisspuren der Vorstellungen verbreitet, 
etwa wie eine elektrische Ladung über die Oberflächen der 
Körper. 

Man kann diese Hypothese, die übrigens bereits unserer 
Theorie des „Abreagierens* (Vorläufige Mitteilung 1893) zu- 
grunde liegt, in demselben Sinne verwenden, wie es die 
Physiker mit der Annahme des strömenden elektrischen 
Fluidums tun. Gerechtfertigt ist sie vorläufig durch ihre 
Brauchbarkeit zur Zusammenfassung und Erklärung mannig- 
faltiger psychischer Zustände. 


Wiıen, Ende Jänner 189. 


Se 
Über die Berechtigung, von der Neurasthenie 
einen bestimmten Symptomenkomplex als 
„Angstneurose“ abzutrennen.’) 


Es ist schwierig, etwas Allgemeingiltiges von der Neu- 
rasthenie auszusagen, so lange man diesen Krankheitsnamen 
all das bedeuten läßt, wofür Beard ihn gebraucht hat. Die 
Neuropathologie, meine ich, kann nur dabei gewinnen, wenn 
man den Versuch macht, von der eigentlichen Neurasthenie 
alle jene neurotischen Störungen abzusondern, deren Symp- 
tome einerseits unter einander fester verknüpft sind als mit 
den typischen neurasthenischen Symptomen (dem Kopfdruck, 
der Spinalirritation, der Dyspepsie mit Flatulenz und Obsti- 
pation), und die andererseits in ihrer Ätiologie und ihrem 
Mechanismus wesentliche Verschiedenheiten von der typischen 
neurasthenischen Neurose erkennen lassen. Nimmt man diese 
Absicht an, so wird man bald ein ziemlich einförmiges Bild 
der Neurasthenie gewonnen haben. Man wird es dann dahin 
bringen, schärfer, als es bisher gelungen ist, verschiedene 
Pseudoneurasthenien (das Bild der organisch vermittelten 
nasalen Reflexneurose, die nervösen Störungen der Kachexien 
und der Arteriosklerose, die Vorstadien der progressiven 
Paralyse und mancher Psychosen) von echter Neurasthenie 
zu unterscheiden, ferner werden sich — nach Möbius’ Vor- 
schlag — manche Status nervosi der hereditär Degenerierten 
abseits stellen lassen, und man wird auch Gründe finden, 
manche Neurosen, die man heute Neurasthenie heißt, beson- 
ders intermittierender oder periodischer Natur, vielmehr der 
Melancholie zuzurechnen. Die einschneidendste Veränderung 


2) „Neurologisches Centralblatt“, 1895, Nr. 2. 


61 


bahnt man aber an, wenn man sich entschließt, von der 
Neurasthenie jenen Symptomenkomplex abzutrennen, den ich 
im folgenden beschreiben werde, und der die oben auf- 
gestellten Bedingungen in besonders zureichender Weise er- 
füllt. Die Symptome dieses Komplexes stehen klinisch ein- 
ander weit näher als den echt neurasthenischen (d. h. sie 
kommen häufig zusammen vor, vertreten einander im Krank- 
heitsverlauf), und Ätiologie wie Mechanismus dieser Neurose 
sind grundverschieden von der Ätiologie und dem Mechanismus 
der echten Neurasthenie, wie sie uns nach solcher Sonderung 
erübrigt. 

Ich nenne diesen Symptomenkomplex „Angstneurose“, 
weil dessen sämtliche Bestandteile sich um das Hauptsymptom 
der Angst gruppieren lassen, weil jeder einzelne von ihnen 
eine bestimmte Beziehung zur Angst besitzt. Ich glaubte, 
mit dieser Auffassung der Symptome der Angstneurose 
originell zu sein, bis mir ein interessanter Vortrag von 
E. Hecker!) in die Hände fiel, in welchem ich die näm- 
liche Deutung mit aller wünschenswerten Klarheit und Voll- 
ständigkeit dargelegt fand. Hecker löst die von ihm als 
Äquivalente oder Rudimente des Angstanfalles erkannten 
Symptome allerdings nicht aus dem Zusammenhange der 
Neurasthenie, wie ich es beabsichtige; allein dies rührt offenbar 
daher, daß er auf die Verschiedenheit der ätiologischen Be- 
dingungen hier und dort keine Rücksicht genommen hat. 
Mit der Kenntnis dieser letzteren Differenz entfällt jeder 
Zwang, die Angstsymptome mit demselben Namen wie die 
echt neurasthenischen zu bezeichnen, denn die sonst will- 
kürliche Namengebung hat vor allem den Zweck, uns die 
Aufstellung allgemeiner Behauptungen zu erleichtern. 


1. Klinische Symptomatologie der Angstneurose. 


Was ich „Angstneurose“ nenne, kommt in vollständiger 
oder rudimentärer Ausbildung, isoliert oder in Kombination 


)) E. Hecker: Über larvierte und abortive Angstzustände bei 
Neurasthenie. Centralblatt für Nervenheilkunde, Dezember 1893. — Die 
Angst wird geradezu unter den Hauptsymptomen der Neurasthenie an- 
geführt in der Studie von Kaan: Der neurasthenische Angstaffekt bei 
Zwangsvorstellungen und der primordiale Grübelzwang, Wien 189. 


62 


mit anderen Neurosen zur Beobachtung. Die einigermaßen 
vollständigen und dabei isolierten Fälle sind natürlich die- 
jenigen, welche den Eindruck, daß die Angstneurose klinische 
Selbständigkeit besitze, besonders unterstützen. In anderen 
Fällen steht man vor der Aufgabe, aus einem Symptomen- 
komplex, welcher einer „gemischten Neurose* entspricht, 
diejenigen herauszuklauben und zu sondern, die nicht der 
Neurasthenie, Hysterie u. dgl., sondern der Angstneurose 
zugehören. 

Das klinische Bild der Angstneurose umfaßt folgende 
Symptome: 

1. Die allgemeine Reizbarkeit. Diese ist ein 
häufiges nervöses Symptom, als solches vielen Status nervosi 
eigen. Ich führe sie hier an, weil sie bei der Angstneurose 
konstant vorkommt und theoretisch bedeutsam ist. Gesteigerte 
Reizbarkeit deutet ja stets auf Anhäufung von Erregung 
oder auf Unfähigkeit, Anhäufung zu ertragen, also auf 
absolute oder relative Reizanhäufung. Einer besonderen 
Hervorhebung wert finde ich den Ausdruck dieser gesteigerten 
Reizbarkeit durch eine Gehörshyperästhesie, eine Über- 
empfindlichkeit gegen Geräusche, welches Symptom sicherlich 
durch die mitgeborene innige Beziehung zwischen Gehörs- 
eindrücken und Erschrecken zu erklären ist. Die Gehörs- 
hyperästhesie findet sich häufig als Ursache der Schlaflosig- 
keit, von welcher mehr als eine Form zur Angstneurose gehört. 

2. Die ängstliche Erwartung. Ich kann den 
Zustand, den ich meine, nicht besser erläutern, als durch 
diesen Namen und einige beigefügte Beispiele Eine Frau 
z. B., die an ängstlicher Erwartung leidet, denkt bei 
jedem Hustenstoß ihres katarrhalisch affizierten Mannes an 
Influenzapneumonie und sieht im Geiste seinen Leichenzug 
vorüberziehen. Wenn sie auf dem Wege nach Hause zwei 
Personen vor ihrem Haustor beisammenstehend sieht, kann 
sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß eines ihrer 
Kinder aus dem Fenster gestürzt sei; wenn sie die Glocke 
läuten hört, so bringt man ihr eine Trauerbotschaft u. dgl., 
während doch in allen diesen Fällen kein besonderer Anlaß 
zur Verstärkung einer bloßen Möglichkeit vorliegt. 


63 


Die ängstliche Erwartung klingt natürlich stetig ins 
Normale ab, umfaßt alles, was man gemeinhin als „Ängst- 
lichkeit, Neigung zu pessimistischer Auffassung der Dinge“ 
bezeichnet, geht aber so oft als möglich über solche plausible 
Ängstlichkeit hinaus und ist häufig selbst für den Kranken 
als eine Art von Zwang erkenntlich. Für eine Form der 
ängstlichen Erwartung, nämlich für die in bezug auf die 
eigene Gesundheit, kann man den alten Krankheitsnamen 
Hypochondrie reservieren. Die Hypochondrie geht nicht 
immer der Höhe der allgemeinen ängstlichen Erwartung 
parallel, sie verlangt als Vorbedingung die Existenz von 
Parästhesien und peinlichen Körperempfindungen, und so 
wird die Hypochondrie die Form, welche die echten Neu- 
rastheniker bevorzugen, sobald sie, was häufig geschieht, der 
Angstneurose verfallen. 

Eine weitere Äußerung der ängstlichen Erwartung dürfte 
die bei moralisch empfindlicheren Personen so häufige Neigung 
zur Gewissensangst, zur Skrupulosität und Pedanterie 
sein, die gleichfalls vom Normalen bis zur Steigerung als 
Zweifelsucht variiert. 

Die ängstliche Erwartung ist das Kernsymptom der 
Neurose; in ihr liegt auch ein Stück von der Theorie der- 
selben frei zutage. Man kann etwa sagen, daß hier ein 
Quantum Angst frei flottierend vorhanden ist, welches 
bei der Erwartung die Auswahl der Vorstellungen beherrscht 
und jederzeit bereit ist, sich mit irgend einem passenden 
Vorstellungsinhalt zu verbinden. 

3. Es ist dies nicht die einzige Art, wie die fürs Bewußt- 
sein meist latente, aber konstant lauernde Ängstlichkeit sich 
äußern kann. Diese kann vielmehr auch plötzlich ins Bewußt- 
sein hereinbrechen, ohne vom Vorstellungsablauf geweckt zu 
werden, und so einen Angstanfall hervorrufen. Ein solcher 
Angstanfall besteht entweder einzig aus dem Angstgefühl 
ohne jede assoziierte Vorstellung, oder mit der naheliegenden 
Deutung der Lebensvernichtung, des „Schlagtreffens“, des 
drohenden Wahnsinns, oder aber dem Angstgefühl ist irgend 
welche Parästhesie beigemengt (ähnlich der hysterischen Aura), 
oder endlich mit der Angstempfindung ist eine Störung irgend 


64 


einer oder mehrerer Körperfunktionen, der Atmung, Herz- 
tätigkeit, der vasomotorischen Innervation, der Drüsentätigkeit 
verbunden. Aus dieser Kombination hebt der Patient bald 
das eine, bald das andere Moment besonders hervor, er klagt 
über „Herzkrampf“, Atemnot“, „Schweißausbrüche“, „Heiß- 
hunger“ u. dgl., und in seiner Darstellung tritt das Angst- 
gefühl häufig ganz zurück oder wird recht unkenntlich als 
ein „Schlechtwerden“, „Unbehagen“ usw. bezeichnet. 

4. Interessant und diagnostisch bedeutsam ist nun, daß 
das Maß der Mischung dieser Elemente im Angstfall ungemein 
variiert, und daß nahezu jedes begleitende Symptom den 
Anfall ebensowohl allein konstituieren kann wie die Angst 
selbst. Es gibt demnach rudimentäre Angstanfälle 
und Äquivalente des Angstanfalls, wahrscheinlich 
alle von der gleichen Bedeutung, die einen großen und bis 
jetzt wenig gewürdigten Reichtum an Formen zeigen. Das 
genauere Studium dieser larvierten Angstzustände (Hecker) 
und ihre diagnostische Trennung von anderen Anfällen 
dürfte bald zur notwendigen Arbeit für den Neuropathologen 
werden. 

Ich füge hier nur die Liste der mir bekannten Formen 
des Angstanfalls an: 

a) Mit Störungen der Herztätigkeit, Herzklopfen, 
mit kurzer Arrythmie, mit länger anhaltender Tachykardie bis 
zu schweren Schwächezuständen des Herzens, deren Unter- 
scheidung von organischer Herzaffektion nicht immer leicht 
ist; Pseudoangina pectoris, ein diagnostisch heikles Gebiet! 

b) Mit Störungen der Atmung, mehrere Formen von 
nervöser Dyspno&, asthmaartigem Anfall u. dgl. Ich hebe 
hervor, daß selbst diese Anfälle nicht immer von kenntlicher 
Angst begleitet sind. 

c) Anfälle von Schweißausbrüchen, oft nächtlich. 

d) Anfälle von Zittern und Schütteln, die nur zu 
leicht mit hysterischen verwechselt werden. 

e) Anfälle von Heißhunger, oft mit Schwindel ver- 
bunden. 

f) Anfallsweise auftretende Diarrhöen. 

g) Anfälle ven lokomotorischem Schwindel. 


65 


h) Anfälle von sogenannten Kongestionen, so ziem- 
lich alles, was man vasomotorische Neurasthenie genannt hat. 

i) Anfälle von Parästhesien (diese aber selten ohne Angst 
oder ein ähnliches Unbehagen). 

5. Nichts als eine Abart des Angstanfalles ist sehr 
häufig das nächtliche Aufschrecken (Pavor nocturnus 
der Erwachsenen), gewöhnlich mit Angst, mit Dyspno&, 
Schweiß u. dgl. verbunden. Diese Störung bedingt eine zweite 
Form von Schlaflosigkeit im Rahmen der Angstneurose. — 
Es ist mir übrigens unzweifelhaft geworden, daß auch der 
Pavor nocturnus der Kinder eine Form zeigt, die zur Angst- 
neurose gehört. Der hysterische Anstrich, die Verknüpfung 
der Angst mit der Reproduktion eines hierzu geeigneten 
Erlebnisses oder Traumes, lassen den Pavor nocturnus der 
Kinder als etwas Besonderes erscheinen; er kommt aber auch 
rein vor, ohne Traum oder wiederkehrende Halluzination. 

6. Eine hervorragende Sellung in der Symptomengruppe 
der Angstneurose nimmt der „Schwindel“ ein, der in seinen 
leichtesten Formen besser als „Taumel“ zu bezeichnen ist, 
in schwererer Ausbildung als „Schwindelanfall“ mit oder ohne 
Angstzuden folgenschwersten Symptomen der Neurose gehört. 
Der Schwindel der Angstneurose ist weder ein Drehschwindel, 
noch läßt er, wie der Menieresche Schwindel, einzelne 
Ebenen und Richtungen hervorheben. Er gehört dem loko- 
motorischen oder koordinatorischen Schwindel an wie der 
Schwindel bei Augenmuskellähmung; er besteht in einem 
spezifischen Mißbehagen, begleitet von den Empfindungen, 
daß der Boden wogt, die Beine versinken, daß es unmöglich 
ist, sich weiter aufrecht zu halten, und dabei sind die Beine 
bleischwer, zittern oder knicken ein. Zum Hinstürzen führt 
dieser Schwindel nie. Dagegen möchte ich behaupten, daß 
ein solcher Schwindelanfall auch durch einen Anfall von tiefer 
Ohnmacht vertreten werden kann. Andere ohnmachtartige 
Zustände bei der Angstneurose scheinen von einem Herz- 
kollaps abzuhängen. 

Der Schwindelanfall ist nicht selten von der schlimmsten 
Art von Angst begleitet, häufig mit Herz- und Atemstörungen 
kombiniert. Höhenschwindel, Berg- und Abgrundschwindel 


Freud, Neurosenlehre. h) 


66 


finden sich nach meinen Beobachtungen gleichfalls bei der 
Angstneurose ‚häufig vor; auch weiß ich nicht, ob man noch 
berechtigt ist, nebenher einen Vertigo a stomacho laeso an- 
zuerkennen. 

7. Auf Grund der chronischen Ängstlichkeit (ängstliche 
Erwartung) einerseits, der Neigung zum Schwindel-Angstanfall 
andererseits entwickeln sich zwei Gruppen von typischen 
Phobien, die‘ erste auf die allgemein physiologischen Be- 
drobungen, die andere auf die Lokomotion bezüglich. Zur 
ersten Gruppe gehören die Angst vor Schlangen, Gewitter, 
Dunkelheit, Ungeziefer u. dgl. sowie die typische moralische 
Überbedenklichkeit, Formen der Zweifelsucht; hier wird die 
disponible Angst einfach zur Verstärkung von Abneigungen 
verwendet, die jedem Menschen instinktiv eingepflanzt sind. 
Gewöhnlich bildet sich eine zwangsartig wirkende Phobie 
aber erst dann, wenn eine Reminiszenz an ein Erlebnis 
hinzukommt, bei welchem diese Angst sich äußern konnte, 
z. B. nachdem der Kranke ein Gewitter im Freien mit- 
gemacht hat. Man tut Unrecht, solche Fälle einfach als Fort- 
dauer starker Eindrücke erklären zu wollen; was diese 
Erlebnisse bedeutsam und ihre Erinnerung dauerhaft macht, 
ist doch nur die Angst, die damals hervortreten konnte und 
heute ebenso hervortreten kann. Mit anderen Worten, solche 
Eindrücke bleiben kräftig nur bei Personen mit „ängstlicher 
Erwartung“. 

Die andere Gruppe enthält die Agoraphobie mit allen 
ihren Nebenarten, sämtliche charakterisiert durch die Be- 
ziehung auf die Lokomotion. Ein vorausgegangener Schwindel- 
anfall findet sich hierbei häufig als Begründung der Phobie; 
ich glaube nicht, daß man ihn jedesmal postulieren darf. 
Gelegentlich sieht man, daß nach einem ersten Schwindel- 
anfall ohne Angst die Lokomotion zwar beständig von der 
Sensation des Schwindels begleitet wird, aber ohne Ein- 
schränkung möglich bleibt, daß dieselbe aber unter den 
Bedingungen des Alleinseins, der engen Straße u. dgl. versagt, 
wenn einmal sich zum Schwindelanfall Angst hinzugesellt hat. 

Das Verhältnis dieser Phobien zu den Phobien der 
Zwangsneurose, deren Mechanismus ich in einem früheren 


67 


Aufsatze!) in diesem Blatte aufgedeckt habe, ist folgender 
Art: Die Übereinstimmung liegt darin, daß hier wie dort eine 
Vorstellung zwangsartig wird durch die Verknüpfung mit 
einem disponiblen Affekt. Der Mechanismus der Affekt- 
versetzung gilt also für beide Arten von Phobien. Bei den 
Phobien der Angstneurose ist aber 1. dieser Affekt ein 
monotoner, stets der der Angst; 2. stammt er nicht von einer 
verdrängten Vorstellung her, sondern erweist sich bei psycho- 
logischer Analyse als nicht weiter reduzierbar, wie 
er auch durch Psychotherapie nicht anfechtbar 
ist. Der Mechanismus der Substitution gilt also für die 
Phobien der Angstneurose nicht. 

Beiderlei Arten von Phobien (oder Zwangsvorstellungen) 
kommen häufig neben einander vor, obwohl die atypischen 
Phobien, die auf Zwangsvorstellungen beruhen, nicht notwendig 
auf dem Boden der Angstneurose erwachsen müssen. Ein sehr 
häufiger, anscheinend komplizierter Mechanismus stellt sich 
heraus, wenn bei einer ursprünglich einfachen Phobie der 
Angstneurose der Inhalt der Phobie durch eine andere Vor- 
stellung substituiert wird, die Substitution also nachträglich 
zur Phobie hinzukommt. Zur Substitution werden am häufigsten 
die „Schutzmaßregeln“ benutzt, die ursprünglich zur 
Bekämpfung der Phobie versucht worden sind. So entsteht 
z. B. die Grübelsucht aus dem Bestreben, sich den Gegen- 
beweis zu liefern, daß man nicht verrückt ist, wie die hypo- 
chondrische Phobie behauptet: das Zaudern und Zweifeln, 
vielmehr Repetieren der Folie de doute entspringt dem be- 
rechtigten Zweifel in die Sicherheit des eigenen Gedanken- 
ablaufes, da man sich doch so hartnäckiger Störung durch 
die zwangsartige Vorstellung bewußt ist u. dgl. Man kann 
daher behaupten, daß auch viele Syndrome der Zwangsneurose, 
wie die Folie du doute und ähnliches, klinisch, wenn auch 
nicht begrifflich, der Angstneurose zuzurechnen sind.?) 

8. Die Verdauungstätigkeit erfährt bei der Angstneurose 
nur wenige, aber charakteristische Störungen. Sensationen 
wie Brechneigung und Übligkeiten sind nichts Seltenes, und 

1) Die Abwehr-Neuropsychosen. Neurol. Centralbl.,1894, Nr. 10 u. 11. 

2) Obsessions et phobies. R&yue neurologique, 189. 

5* 


68 


das Symptom des Heißhungers kann allein oder mit anderen 
(Kongestionen) einen rudimentären Angstanfall abgeben; als 
chronische Veränderung, analog der ängstlichen Erwartung, 
findet man eine Neigung zur Diarrhöe, die zu den seltsamsten 
diagnostischen Irrtümern Anlaß gegeben hat. Wenn ich nicht 
irre, ist es diese Diarrhöe, auf welche Möbius!) unlängst 
in einem kleinen Aufsatze die Aufmerksamkeit gelenkt hat. 
Ich vermute ferner, Peyers reflektorische Diarrhöe, die er 
von Erkrankungen der Prostata ableitet), ist nichts anderes 
als diese Diarrhöe der Angstneurose. Eine reflektorische 
Beziehung wird dadurch vorgetäuscht, daß in der Ätiologie 
der Angstneurose dieselben Faktoren ins Spiel kommen, die 
bei der Entstehung von solchen Prostataaffektionen u. dgl. 
tätig sind. 

Das Verhalten der Magendarmtätigkeit bei der Angst- 
neurose'zeigt einen scharfen Gegensatz zu der Beeinflussung 
derselben Funktion bei der Neurasthenie. Mischfälle zeigen 
oft die bekannte „Abwechslung von Diarrhöe und Ver- 
stopfung“. Der Diarrhöe analog ist der Harndrang der 
Angstneurose. 

9. Die Parästhesien, die den Schwindel- oder Angst- 
anfall begleiten können, werden dadurch interessant, daß sie 
sich, ähnlich wie die Sensationen der hysterischen Aura, zu 
einer festen Reihenfolge assoziieren; doch finde ich diese 
assoziierten Empfindungen im Gegensatz zu den hysterischen 
atypisch und wechselnd. Eine weitere Ähnlichkeit mit der 
Hysterie wird dadurch erzeugt, daB bei der Angstneurose 
eine Art von Konversion?) auf körperliche Sensationen 
stattfindet, die sonst nach Belieben übersehen werden 
können, z. B. auf die rheumatischen Muskeln. Eine ganze 
Anzahl sogenannter Rheumatiker, die übrigens auch als solche 
nachweisbar sind, leidet eigentlich an — Angstneurose. Neben 
dieser Steigerung der Schmerzempfindlichkeithabe ich bei einer 
Anzahl von Fällen der Angstneurose eine Neigung zu 


ı) Möbius: Neuropathologische Beiträge, 1894, 2. Heft. 
2) Peyer: Die nervösen Affektionen des Darmes, Wiener Klinik, 
Jänner 189. 


®) Freud: Abwehr-Neuropsychosen. 


69 


Halluzinationen beobachtet, welch letztere sich nicht als 
hysterische deuten ließen. 

10. Mehrere der genannten Symptome, welche den Angst- 
anfall begleiten oder vertreten, kommen auch in chronischer 
Weise vor. Sie sind dann noch weniger leicht kenntlich, da 
die sie begleitende ängstliche Empfindung undeutlicher aus- 
fällt als beim Angstanfall. Dies gilt besonders für die Diarrhöe, 
den Schwindel und die Parästhesien. Wie der Schwindelanfall 
durch einen Ohnmachtsanfall, so kann der chronische Schwindel 
durch die andauernde Empfindung großer Hinfälligkeit, Mattig- 
keit u. dgl. verteten werden. 


II. Vorkommen und Ätiologie der Angstneurose. 

In manchen Fällen von Angstneurose läßt sich eine 
Ätiologie überhaupt nicht erkennen. Es ist bemerkenswert, 
daß in solchen Fällen der Nachweis einer schweren hereditären 
Belastung selten auf Schwierigkeiten stößt. 

Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine erwor- 
bene zu halten, da findet man bei sorgfältigem, dahin 
zielendem Examen als ätiologisch wirksame Momente eine 
Reihe von Schädlichkeiten und Einflüssen aus dem Sexual- 
leben. Dieselben scheinen zunächst mannigfaltiger Natur, 
lassen aber leicht den gemeinsamen Charakter herausfinden, der 
ihre gleichartige Wirkung auf das Nervensystem erklärt; sie 
finden sich ferner entweder allein oder neben anderen banalen 
Schädlichkeiten, denen man eine unterstützende Wirkung 
zuschreiben darf. Diese sexuelle Ätiologie der Angstneurose 
ist so überwiegend häufig nachzuweisen, daß ich mich getraue, 
für die Zwecke dieser kurzen Mitteilung die Fälle 
mit zweifelhafter oder andersartiger Ätiologie beiseite zu 
lassen. 

Für die genauere Darstellung der ätiologischen Be- 
dingungen, unter denen die Angstneurose vorkommt, wird es 
sich empfehlen, Männer und Frauen gesondert zu behandeln. 
Die Angstneurose stellt sich bei weiblichen Individuen — 
nur abgesehen von deren Disposition — in folgenden Fällen ein: 

a) als virginale Angst oder Angst der Adoles- 
centen. Eine Anzahl von unzweideutigen Beobachtungen 


70 


hat mir gezeigt, daß ein erstes Zusammentreffen mit dem 
sexuellen Problem, eine einigermaßen plötzliche Enthüllung 
des bisher Verschleierten, z. B. durch den Anblick eines 
sexuellen Aktes, eine Mitteilung oder Lektüre, bei heran- 
reifenden Mädchen eine Angstneurose hervorrufen kann, die 
fast in typischer Weise mit Hysterie kombiniert ist; 

b) als Angst der Neuvermählten. Junge Frauen, 
die bei den ersten Kohabitationen anästhetisch geblieben sind, 
verfallen nicht selten der Angstneurose, die wieder verschwindet, 
nachdem die Anästhesie normaler Empfindlichkeit Platz ge- 
macht hat. Da die meisten jungen Frauen bei solcher anfänglicher 
Anästhesie gesund bleiben, bedarf es für das Zustandekommen 
dieser Angst Bedingungen, die ich auch angeben werde; 

c) als Angst der Frauen, deren Männer Ejaculatio praecox 
oder sehr herabgesetzte Potenz zeigen; und 

d) deren Männer den Coitus interruptus oder reservatus 
üben. Diese Fälle gehören zusammen, denn man kann sich 
bei der Analyse einer großen Anzahl von Beispielen leicht 
überzeugen, daß es nur darauf ankommt, ob die Frau beim 
Koitus zur Befriedigung gelangt oder nicht. Im letzteren Falle 
ist die Bedingung für die Entstehung der Angstneurose ge- 
geben. Dagegen bleibt die Frau von der Neurose verschont, 
wenn der mit Ejaculatio praecox behafteteMann den Congressus 
unmittelbar darauf mit besserem Erfolg wiederholen kann. 
Der Congressus reservatus mittels des Kondoms stellt für 
die Frau keine Schädlichkeit dar, wenn sie sehr rasch 
erregbar und der Mann sehr potent ist; im anderen Falle 
steht diese Art des Präventivverkehres den anderen an 
Schädlichkeit nicht nach. Der Coitus interruptus ist fast 
regelmäßig eine Schädlichkeit; für die Frau wird er es aber 
nur dann, wenn der Mann ihn rücksichtslos übt, das heißt 
den Koitus unterbricht, sobald er der Ejaculation nahe ist, 
ohne sich um den Ablauf der Erregung der Frau zu kümmern. 
Wartet der Mann im Gegenteile die Befriedigung der Frau 
ab, so hat ein solcher Koitus für letztere die Bedeutung eines 
normalen; es erkrankt aber dann der Mann an Angstneurose. 
Ich habe eine große Anzahl von Beobachtungen gesammelt 
und analysiert, aus denen obige Sätze hervorgehen ; 


71 


e) als Angst der Witwen und absichtlich Ab- 
stinenten, nicht selten in typischer Kombination mit Zwangs- 
vorstellungen; 

f) als Angst im Klimakterium während der letzten 
großen Steigerung der sexuellen Bedürftigkeit. 

Die Fälle c), d) und e) enthalten die Bedingungen, unter 
denen die Angstneurose beim weiblichen Geschlecht am 
häufigsten und am ehesten unabhängig von hereditärer Dis- 
position entsteht. An diesen — heilbaren, erworbenen — 
Fällen von Angstneurose werde ich den Nachweis zu führen 
versuchen, daß die aufgefundene sexuelle Schädlichkeit wirklich 
das ätiologische Moment der Neurose darstellt. Ich will nur 
vorher auf die sexuellen Bedingungen der Angstneurose bei 
Männern eingehen. Hier möchte ich folgende Gruppen auf- 
stellen, die sämtlich ihre Analogien bei den Frauen finden. 

a) Angst der absichtlich Abstinenten, häufig mit 
Symptomen der Abwehr (Zwangsvorstellungen, Hysterie) 
kombiniert. Die Motive, die für absichtliche Abstinenz maß- 
gebend sind, bringen es mit sich, daß eine Anzahl von hereditär 
Veranlagten, Sonderlingen u. dgl. zu dieser Kategorie zählt. 

b) Angst der Männer mit frustraner Erregung(während 
des Brautstandes), Personen, die (aus Furcht vor den Folgen 
des sexuellen Verkehres) sich mit Betasten oder Beschauen 
des Weibes begnügen. Diese Gruppe von Bedingungen 
(die übrigens unverändert auf das andere Geschlecht zu über- 
tragen ist — DBrautschaft, Verhältnisse mit sexueller 
Schonung) liefert die reinsten Fälle der Neurose. 

c) Angst der Männer, die Coitus interruptus üben. Wie 
schon bemerkt, schädigt der Coitus interruptus die Frau, wenn 
er ohne Rücksicht auf die Befriedigung der Frau geübt 
wird; — er wird aber zur Schädlichkeit für den Mann, wenn 
dieser, um die Befriedigung der Frau zu erzielen, den Coitus 
willkürlich dirigiert, die Ejaculation aufschiebt. Auf solche 
Weise läßt sich verstehen, daß von den Ehepaaren, die im 
Coitus interruptus leben, gewöhnlich nur ein Teil erkrankt. 
Bei Männern erzeugt der Coitus interruptus übrigens nur 
selten reine Angstneurose, meist eine Vermengung derselben 
mit Neurasthenie. 


72 


d) Angst der Männer im Senium. Es gibt Männer, 
die wie die Frauen ein Klimakterium zeigen und zur Zeit 
ihrer abnehmenden Potenz und steigenden Libido Angst- 
neurose produzieren. 

Endlich muß ich noch zwei Fälle anschließen, die für 
beide Geschlechter gelten: 

e) Die Neurastheniker infolge von Masturbation verfallen 
in Angstneurose, sobald sie von ihrer Art der sexuellen Be- 
friedigung ablassen. Diese Personen haben sich besonders: 
unfähig gemacht, die Abstinenz zu ertragen. 

Ich bemerke hier als wichtig für das Verständnis der 
Angstneurose, daß eine irgend bemerkenswerte Ausbildung 
derselben nur bei potent gebliebenen Männern und bei nicht, 
anästhetischen Frauen zustande kommt. Bei Neurasthenikern, 
die durch Masturbation bereits schwere Schädigung ihrer 
Potenz erworben haben, fällt die Angstneurose im Falle der 
Abstinenz recht dürftig aus und beschränkt sich meist auf 
Hypochondrie und leichten chronischen Schwindel. Die Frauen 
sind ja in ihrer Mehrheit als „potent“ zu nehmen; eine wirklich 
impotente, d. h. wirklich anästhetische Frau ist gleichfalls 
der Angstneurose wenig zugänglich und erträgt die ange- 
führten Schädlichkeiten auffälig gut. 

Wieweit man etwa sonst berechtigt ist, konstante Be- 
ziehungen zwischen einzelnen ätiologischen Momenten und 
einzelnen Symptomen aus dem Komplex der Angstneurose 
anzunehmen, möchte ich hier noch nicht erörtern. 

f) Die letzte der anzuführenden ätiologischen Bedingungen 
scheint zunächst überhaupt nicht sexueller Natur zu sein. Die 
Ansstneurose entsteht, und zwar bei beiden Geschlechtern, 
auch durch das Moment der Überarbeitung, erschöpfender 
Anstrengung, z. B. nach Nachtwachen, Krankenpflegen und 
selbst nach schweren Krankheiten. 


Der Haupteinwand gegen meine Aufstellung einer 
sexuellen Ätiologie der Angstneurose wird wohl dahin lauten: 
derartige abnorme Verhältnisse des Sexuallebens fänden sich 
so überaus häufig, daß sie überall zur Hand sein müssen, wo 
man nach ihnen sucht. Ihr Vorkommen in den angeführten 


73 


Fällen von Angstneurose beweise also nicht, daß in ihnen 
die Ätiologie der Neurose aufgedeckt sei. Übrigens sei die 
Anzahl der Personen, die Coitus.interruptus u. dgl. treiben, 
unvergleichlich größer als die Anzahl der mit Agstneurose 
Behafteten, und die überwiegende Menge der ersteren befände 
sich bei dieser Schädlichkeit recht wohl. 

Ich habe darauf zu erwidern, daß man bei der anerkannt 
übergroßen Häufigkeit der Neurosen und der Angstneurose 
speziell ein selten vorkommendes ätiologisches Moment 
gewiß nicht erwarten dürfe; ferner daß damit geradezu ein 
Postulat der Pathologie erfüllt sei, wenn sich bei einer ätio- 
logischen Untersuchung das ’ätiologische Moment noch häufiger 
nachweisen lasse als dessen Wirkung, da ja für letztere noch 
andere Bedingungen (Disposition,»Summation der spezifischen 
Ätiologie, Unterstützung durch andere, banale Schädlichkeiten) 
erfordert werden können; ferner, daß die detaillierte Zer- 
gliederung geeigneter Fälle von Angstneurose die Bedeutung 
des sexuellen Momentes ganz unzweideutig erweist. Ich will 
mich hier aber nur auf das ätiologische Moment des Coitus 
interruptus und auf die Hervorhebung einzelner beweisender 
Erfahrungen beschränken. 

1. So lange die Angstneurose bei jungen Frauen noch 
nicht konstituiert ist, sondern in Ansätzen hervortritt, die 
immer wieder spontan verschwinden, läßt sich nachweisen, daß 
jeder solche Schub der Neurose auf einen Koitus mit man- 
gelnder Befriedigung zurückgeht. Zwei Tage nach dieser Ein- 
wirkung, bei wenig resistenten Personen am Tage nachher, 
tritt regelmäßig der Angst- oder Schwindelanfall auf, an den 
sich andere Symptome der Neurose schließen, um — bei 
seltenerem ehelichen Verkehr — wieder mit einander abzu- 
klingen. Eine zufällige Reise des Mannes, ein Aufenthalt im 
Gebirge, der mit Trennung des Ehepaares verbunden ist, tun 
gut; die zumeist in erster Linie eingeleitete gynäkologische 
Behandlung nützt dadurch, daß während ihrer Dauer der 
eheliche Verkehr aufgehoben ist. Merkwürdigerweise ist der 
Erfolg der lokalen Behandlung ein vorübergehender, stellt 
sich die Neurose noch im Gebirge wieder ein, sobald der 
Mann seinerseits in die Ferien tritt u. dgl. Läßt man als ein 


74 


dieser Ätiologie kundiger Arzt bei noch nicht konstituierter 
Neurose den Coitus interruptus durch normalen Verkehr er- 
setzen, so ergibt sich die therapeutische Probe auf die 
hier aufgestellte Behauptung. Die Angst ist behoben und 
kehrt ohne neuen, ähnlichen Anlaß nicht wieder. 

2. In der Anamnese vieler Fälle von Angstneurose findet 
man bei Männern wie bei Frauen ein auffälliges Schwanken 
in der Intensität der Erscheinungen, ja im Kommen und 
Gehen des ganzen Zustandes. Dieses Jahr war fast ganz gut, 
das nächstfolgende gräßlich u. dgl., einmal fällt die Besserung 
zugunsten einer bestimmten Kur aus, die aber beim nächsten 
Anfall ganz im Stiche gelassen hat u. dgl. m. Erkundigt man 
sich nun nach Anzahl und Reihenfolge der Kinder und stellt 
diese Ehechronik dem eigentümlichen Verlauf der Neurose 
gegenüber, so ergibt sich als einfache Lösung, daß die 
Perioden von Besserung oder Wohlbefinden mit den Gravidi- 
täten der Frau zusammenfallen, während welcher natürlich 
der Anlaß für den Präventivverkehr entfallen war. Dem Manne 
aber hatte jene Kur, sei es beim Pfarrer Kneipp oder in 
der hydrotherapeutischen Anstalt, genützt, nach welcher er 
seine Frau gravid antraf. | 

3. Aus der Anamnese der Kranken ergibt sich häufig, 
daß die Symptome der Angstneurose zu einer bestimmten 
Zeit die einer anderen Neurose, etwa der Neurasthenie, ab- 
gelöst und sich an deren Stelle gesetzt haben. Es läßt sich 
dann ganz regelmäßig nachweisen, daß kurz vor diesem 
Wechsel des Bildes ein entsprechender Wechsel in der Art 
der sexuellen Schädigung stattgefunden hat. 

Während derartige, nach Belieben zu vermehrende Er- 
fahrungen dem Arzte für eine gewisse Kategorie von Fällen 
die sexuelle Ätiologie geradezu aufdrängen, lassen sich andere 
Fälle, die sonst unverständlich blieben, mittels des Schlüssels 
der sexuellen Ätiologie wenigstens widerspruchslos verstehen 
und einreihen. Es sind dies jene sehr zahlreichen Fälle, in 
denen zwar alles vorhanden ist, was wir bei der vorigen 
Kategorie gefunden haben, die Erscheinungen der Angst- 
neurose einerseits, das spezifische Moment des Coitus inter- 
ruptus andererseits, wo aber noch etwas anderes sich ein- 


75 


schiebt, nämlich ein langes Intervall zwischen der vermeint- 
lichen Ätiologie und deren Wirkung, und etwa noch ätio- 
logische Momente nicht sexueller Natur. Da ist z. B. 
ein Mann, der auf die Nachricht vom Tode seines Vaters 
einen Herzanfall bekommt und von da an der Angstneurose 
verfallen ist. Der Fall ıst nicht zu verstehen, denn der Mann 
war bisher nicht nervös; der Tod des hochbejahrten Vaters 
erfolgte keineswegs unter besonderen Umständen, und man 
wird zugeben, daß das normale, erwartete Ableben eines alten 
Vaters nicht zu den Erlebnissen gehört, die einen gesunden 
Erwachsenen krank zu machen pflegen. Vielleicht wird die 
ätiologische Analyse durchsichtiger, wenn ich hinzunehme, 
daß dieser Mann seit 11 Jahren den Coitus interruptus mit 
Rücksicht auf seine Frau ausübt. Die Erscheinungen sind 
wenigstens genau die nämlichen, wie sie bei anderen Personen 
nach kurzer derartiger sexueller Schädigung und ohne Da- 
zwischenkunft eines anderen Traumas auftreten. Ähnlich zu 
beurteilen ist der Fall einer Frau, deren Angstneurose nach 
dem Verlust eines Kindes ausbricht, oder des Studenten, der 
in der Vorbereitung zu seiner letzten Staatsprüfung durch 
die Angstneurose gestört wird. Ich finde die Wirkung 
hier wie dort nicht durch die angegebene Ätiologie 
erklärt. Man muß sich nicht beim Studieren „überarbeiten“, 
und eine gesunde Mutter pflegt auf den Verlust eines Kindes 
nur mit normaler Trauer zu reagieren. Vor allem aber würde 
ich erwarten, daß der Student durch Überarbeitung eine 
Cephalasthenie, die Mutter in unserem Beispiele eine Hysterie 
acquirieren sollte. Daß sie beide Angstneurose bekommen, 
veranlaßt mich Wert darauf zu legen, daß die Mutter seit 
8 Jahren im ehelichen Coitus interruptus lebt, der Student 
aber seit 3 Jahren ein warmes Liebesverhältnis mit einem 
„anständigen“ Mädchen unterhält, das er nicht schwängern darf. 

Diese Ausführungen laufen auf die Behauptung hinaus, 
daß die spezifische sexuelle Schädlichkeit des Coitus inter- 
ruptus dort, wo sie nicht imstande ist, für sich allein die 
Angstneurose hervorzurufen, doch wenigstens zu ihrer Er- 
werbung disponiert. Die Angstneurose bricht dann aus, 
sobald zur latenten Wirkung des spezifischen Momentes die 


76 


Wirkung einer anderen, banalen Schädlichkeit hinzutritt. 
Letztere kann das spezifische Moment quantitativ ver- 
treten, aber nicht qualitativersetzen. Das spezifische 
Moment bleibt stets dasjenige, welches die Form der Neurose 
bestimmt. Ich hoffe, diesen Satz für die Ätiologie der Neu- 
rosen auch im größeren Umfang erweisen zu können. 
Ferner ist in den letzten Erörterungen die an sich nicht 
unwahrscheinliche Annahme enthalten, daß eine sexuelle Schäd- 
lichkeit wie der Ooitus interruptus sich durch Summation 
zur Geltung bringt. Je nach der Disposition des Individuums 
und der.sonstigen Belastung von dessen Nervensystem wird 
es kürzere oder längere Zeit brauchen, ehe der Effekt dieser 
Summation sichtbar wird. Die Individuen, welche den Coitus 
interruptus scheinbar ohne Nachteil ertragen, werden in Wirk- 
lichkeit durch denselben zu Störungen der Angstneurose dis- 
poniert, die irgend einmal spontan oder nach einem banalen, 
sonst unangemessenen Trauma losbrechen können, gerade wie 
der chronische Alkoholiker auf dem Wege der Summation 
endlich eine Cirrhose oder andere Erkrankung entwickelt oder 
unter dem Einfluß eines Fiebers in ein Delirium verfällt. 


III. Ansätze zu einer Theorie der Angstneurose. 

Die nachstehenden Ausführungen beanspruchen nichts 
als den Wert eines ersten, tastenden Versuches, dessen Be- 
urteilung die Aufnahme der im vorigen enthaltenen Tat- 
sachen nicht beeinflussen sollte. Die Würdigung dieser 
„Iheorie der Angstneurose“ wird ferner noch dadurch er- 
schwert, daß sie bloß einem Bruchstück aus einer umfassenderen 
Darstellung der Neurosen entspricht. 

In dem bisher über die Angstneurose Vorgebrachten sind 
bereits einige Anhaltspunkte für einen Einblick in den Me- 
chanismus dieser Neurose enthalten. Zunächst die Vermutung, 
es dürfte sich um eine Anhäufung von Erregung handeln, 
sodann die überaus wichtige Tatsache, daß die Angst, die 
den Erscheinungen der Neurose zugrunde liegt, keine 
psychische Ableitung zuläßt. Eine solche wäre 
z. B. vorhanden, wenn sich als Grundlage der Angstneu- 
rose ein einmaliger oder wiederholter, berechtigter Schreck 


77 


fände, der seither die Quelle der Bereitschaft zur Angst ab- 
gäbe. Allein dies ist nicht der Fall; durch einen einmaligen 
Schreck kann zwar eine Hysterie oder eine traumatische 
Neurose erworben werden, nie aber eine Angstneurose. Ich 
habe, da sich unter den Ursachen der Angstneurose der 
Coitus interrputus so sehr in den Vordergrund drängt, anfangs 
gemeint, die Quelle der kontinuierlichen Angst könnte in der 
beim Akte jedesmal sich wiederholenden Furcht liegen, die 
Technik könnte mißglücken und demnach Konzeption erfolgen. 
Ich habe aber gefunden, daß dieser Gemütszustand der Frau oder 
des Mannes während des Coitus interruptus für die Entstehung 
der Angstneurose gleichgiltig ist, daß die gegen die Folgen einer 
möglichen Konzeption im Grunde gleichgiltigen Frauen der 
Neurose ebenso ausgesetzt sind wie die vor dieser Möglich- 
keit Schaudernden, und daß es nur darauf ankam, welcher 
Teil bei dieser sexuellen Technik seine Befriedigung einbüßte. 

Einen weiteren Anhaltspunkt bietet die noch nicht er- 
wähnte Beobachtung, daß in ganzen Reihen von Fällen die 
Angstneurose mit der deutlichsten Verminderung der sexuellen 
Libido, der psychischen Lust, einhergeht, so daß die 
Kranken auf die Eröffnung, ihr Leiden rühre von „ungenügender 
Befriedigung“, regelmäßig antworten : Das seiunmöglich, gerade 
jetzt sei alles Bedürfnis bei ihnen erloschen. Aus all diesen 
Andeutungen, daß es sich um Anhäufung von Erregung 
handle, daß die Angst, welche solcher angehäufter Erregung 
wahrscheinlich entspricht, somatischer Herkunft sei, so daß 
also somatische Erregung angehäuft werde, ferner daß diese 
somatische Erregung sexueller Natur sei, und daß eine Ab- 
nahme der psychischen Beteiligung an den Sexualvorgängen 
nebenher gehe — alle diese Andeutungen, sage ich, begün- 
stigen die Erwartung, der Mechanismus der Angst- 
neurose sei in der Ablenkung der somatischen 
Sexualerregung vom Psychischen und einer da- 
durch verursachtenabnormen Verwendungdieser 
Erregung zu suchen. 

Man kann sich diese Vorstellung vom Mechanismus der 
Angstneurose klarer machen, wenn man folgende Betrachtung 
über den Sexualvorgang akzeptiert, die sich zunächst auf 


78 


den Mann bezieht. Im geschlechtsreifen männlichen Organis- 
mus wird — wahrscheinlich kontinuierlich — die somatische 
Sexualerregung produziert, die periodisch zu einem Reiz 
für das psychische Leben wird. Schalten wir, um unsere 
Vorstellungen darüber besser zu fixieren, ein, daß diese 
somatische Sexualerregung sich als Druck auf die mit Nerven- 
endigungen versehene Wandung der Samenbläschen äußert, 
so wird diese viszerale Erregung zwar kontinuierlich an- 
wachsen, aber erst von einer gewissen Höhe an imstande 
sein, den Widerstand der eingeschalteten Leitung bis zur 
Hirnrinde zu überwinden und sich als psychischer Reiz zu 
äußern. Dann aber wird die in der Psyche vorhandene sexuelle 
Vorstellungsgruppe mit Energie ausgestattet, und es entsteht 
der psychische Zustand libidinöser Spannung, welcher den 
Drang nach Aufhebung dieser Spannung mit sich bringt. 
Eine solche psychische Entlastung ist nur auf einem Wege 
möglich, den ich als spezifische oder adäquate Aktion 
bezeichnen will. Diese adäquate Aktion besteht für den männ- 
lichen Sexualtrieb in einem komplizierten spinalen Reflexakt, 
der die Entlastung jener Nervenendigungen zur Folge hat, 
und in allen psychisch zu leistenden Vorbereitungen für die 
Auslösung dieses Reflexes. Etwas anderes als die adäquate 
Aktion würde nichts fruchten, denn die somatische Sexual- 
erregung setzt sich, nachdem sie einmal den Schwellenwert 
erreicht hat, kontinuierlich in psychische Erregung um; es 
muß durchaus dasjenige geschehen, was die Nervenendigungen 
von dem auf sie lastenden Druck befreit, somit die ganze 
derzeit vorhandene somatische Erregung aufhebt und der 
subkortikalen Leitung gestattet, ihren Widerstand herzustellen. 

Ich werde es mir versagen, kompliziertere Fälle des 
Sexualvorganges in ähnlicher Weise darzustellen. Ich will 
nur noch die Behauptung aufstellen, daß dieses Schema im 
wesentlichen auch auf die Frau zu übertragen ist, trotz aller 
das Problem verwirrenden, artefiziellen Verzögerung und 
Verkümmerung des weiblichen Geschlechtstriebes. Es ist auch 
bei der Frau eine somatische Sexualerregung anzunehmen 
und ein Zustand, in dem diese Erregung psychischer Reiz 
wird, Libido und den Drang nach der spezifischen Aktion 


79 


hervorruft, an welche sich das Wollustgefühl knüpft. Nur ist 
man bei der Frau nicht imstande, anzugeben, was etwa der 
Entspannung der Samenbläschen hier analog wäre. 

In den Rahmen dieser Darstellung des Sexualvorganges 
läßt sich nun sowohl die Ätiologie der echten Neurasthenie, 
als die der Angstneurose eintragen. Neurasthenie entsteht 
jedesmal, wenn die adäquate (Aktion) Entlastung durch eine 
minder adäquate ersetzt wird, der normale Koitus unter den 
günstigsten Bedingungen also durch eine Masturbation oder 
spontane Pollution; zur Angstneurose aber führen alle Momente, 
welche die psychische Verarbeitung der somatischen Sexual- 
erregung verhindern. Die Erscheinungen der Angstneurose 
kommen zustande, indem die von der Psyche abgelenkte 
somatische Sexualerregung sich subkortikal, in ganz und gar 
nicht adäquaten Reaktionen ausgibt. 

Ich will es nun versuchen, die vorhin angegebenen 
ätiologischen Bedingungen der Angstneurose daraufhin zu 
prüfen, ob sie den von mir aufgestellten gemeinsamen 
Charakter erkennen lassen. Als erstes ätiologisches Moment 
habe ich für den Mann die absichtliche Abstinenz angeführt. 
Abstinenz besteht in der Versagung der spezifischen Aktion, 
die sonst auf die Libido erfolgt. Eine solche Versagung wird 
zwei Konsequenzen haben können, nämlich, daß die somatische 
Erregung sich anhäuft, und dann zunächst, daß sie auf andere 
Wege abgelenkt wird, auf denen ihr eher Entladung winkt, 
als auf dem Wege über die Psyche. Es wird also die Libido 
endlich sinken und die Erregung subkortikal als Angst sich 
äußern. Wo die Libido nicht verringert wird, oder die 
somatische Erregung auf kurzem Wege in Pollutionen ver- 
ausgabt wird, oder infolge der Zurückdrängung wirklich ver- 
siegt, da entsteht eben alles andere als Angstneurose. Auf 
solche Weise führt die Abstinenz zur Angstneurose. Die 
Abstinenz ist aber auch das Wirksame an der zweiten 
ätiologischen Gruppe, der frustranen Erregung. Der dritte. 
Fall, der des rücksichtsvollen Coitus reservatus, wirkt da- 
durch, daß er die psychische Bereitschaft für den Sexual- 
ablauf stört, indem er neben der Bewältigung des Sexual- 
affektes eine andere, ablenkende, psychische Aufgabe einführt. 


80 


Auch durch diese psychische Ablenkung schwindet allmählich 
die Libido, der weitere Verlauf ist dann derselbe wie im 
Falle der Abstinenz. Die Angst im Senium (Klimakterium 
der Männer) erfordert eine andere Erklärung. Hier läßt die 
Libido nicht nach; es findet aber, wie während des Klımak- 
teriums der Weiber, eine solche Steigerung in der Pro- 
duktion der somatischen Erregung statt, daB die Psyche 
für die Bewältigung derselben sich als relativ insuffizient 
erweist. 

Keine größeren Schwierigkeiten bereitet die Subsum- 
mierung der ätiologischen Bedingungen bei der Frau unter 
dem angeführten Gesichtspunkt. Der Fall der virginalen Angst 
ist besonders klar. Hier sind eben die Vorstellungsgruppen 
noch nicht genug entwickelt, mit denen sich die somatische 
Sexualerregung verknüpfen soll. Bei der anästhetischen Neu- 
vermählten tritt die Angst nur dann auf, wenn die ersten 
Kohabitationen ein genügendes Maß von somatischer Erregung 
wecken. Wo die lokalen Zeichen solcher Erregtheit (wie 
spontane Reizempfindung, Harndrang u. dgl.) fehlen, da bleibt 
auch die Angst aus. Der Fall der Ejaculatio praecox, des 
Coitus interruptus, erklärt sich ähnlich wie beim Manne da- 
durch, daß für den psychisch unbefriedigenden Akt allmählich 
die Libido schwindet, während die dabei wachgerufene Er- 
regung subkortikal ausgegeben wird. Die Herstellung einer 
Entfremdung zwischen dem Somatischen und dem 
Psychischen im Ablauf der Sexualerregung erfolgt beim 
'Weibe rascher und ist schwerer zu beseitigen als beim Manne. 
Der Fall der Witwenschaft und der gewollten Abstinenz 
sowie der Fall des Klimakteriums erledigt sich beim Weibe 
wohl ebenso wie beim Manne, doch kommt für den Fall der 
Abstinenz gewiß noch die absichtliche Verdrängung des 
sexuellen Vorstellungskreises hinzu, zu welcher die mit der 
Versuchung kämpfende abstinente Frau sich häufig ent- 
schließen muß, und ähnlich mag in der Zeit der Menopause 
der Abscheu wirken, den die alternde Frau gegen die über- 
groß gewordene Libido empfindet. 

Auch die beiden zuletzt angeführten ätiologischen 
Bedingungen scheinen sich ohne Schwierigkeit einzuordnen. 


8 


Die Angstneigung der neurasthenisch gewordenen Ma- 
sturbanten erklärt sich daraus, daß diese Personen so leicht 
in den Zustand der „Abstinenz“ geraten, nachdem sie sich 
so lange gewöhnt hatten, jeder kleinen Quantität somatischer 
Erregung eine allerdings fehlerhafte Abfuhr zu schaffen. 
Endlich läßt der letzte Fall, die Entstehung der Angstneurose 
durch schwere Krankheit, Überarbeitung, erschöpfende 
Krankenpflege u. dgl., in Anlehnung an die Wirkungsweise 
des Coitus interruptus die zwanglose Deutung zu, die Psyche 
werde hier durch Ablenkung insuffizient zur Bewältigung der 
somatischen Sexualerregung, einer Aufgabe, die ihr ja kon- 
tinuierlich obliegt. Man weiß, wie tief unter denselben Be- 
dingungen die Libido sinken kann, und man hat hier ein 
schönes Beispiel einer Neurose, die zwar keine sexuelle 
Ätiologie, aber doch einen sexuellen Mechanismus 
erkennen läßt. 

Die hier entwickelte Auffassung stellt die Symptome 
der Angstneurose gewissermaßen als Surrogate der unter- 
lassenen spezifischen Aktion auf die Sexualerregung dar. Ich 
erinnere zur weiteren Unterstützung derselben daran, daß 
auch beim normalen Koitus die Erregung sich nebstbei als 
Atembeschleunigung, Herzklopfen, Schweißausbruch, Kon- 
gestion u. dgl. ausgibt. Im entsprechenden Angstanfall unserer 
Neurose hat man die Dyspno&, das Herzklopfen u. dgl. des 
Koitus isoliert und gesteigert vor sich. 

Es könnte noch gefragt werden: Warum gerät denn das 
Nervensystem unter solchen Umständen, bei psychischer 
Unzulänglichkeit zur Bewältigung der Sexualerregung, in 
den eigentümlichen Affektzustand der Angst? Darauf ist 
andeutungsweise zu erwidern: Die Psyche gerät in den Affekt 
der Angst, wenn sie sich unfähig fühlt, eine von außen 
nahende Aufgabe (Gefahr) durch entsprechende Reaktion 
zu erledigen; sie gerät in die Neurose der Angst, wenn sie 
sich unfähig merkt, die endogen entstandene (Sexual-) Er- 
regung auszugleichen. Sie benimmt sich also, als 
projizierte sie diese Erregung nach außen. Der 
Affekt und die ihm entsprechende Neurose stehen in fester 
Beziehung zu einander, der erstere ist die Reaktion auf eine 


Freud, Nenrosenlehre, 6 


82 


exogene, die letztere die Reaktion auf die analoge endogene 
Erregung. Der Affekt ist ein rasch vorübergehender Zustand, 
die Neurose ein chronischer, weil die exogene Erregung wie 
ein einmaliger Stoß, die endogene wie eine konstante Kraft 
wirkt. Das Nervensystem reagiert in der Neurose 
gegen eine innere Erregungsquelle, wie in dem 
entsprechenden Affekt gegen eine analoge 
äußere. 
IV. Beziehung zu anderen Neurosen. 

Es erübrigen noch einige Bemerkungen über die 
Beziehungen der Angstneurose zu den anderen Neurosen 
nach Vorkommen und innerer Verwandtschaft. 

Die reinsten Fälle von Angstneurose sind auch meist, 
die ausgeprägtesten. Sie finden sich bei potenten jugend- 
lichen Individuen, bei einheitlicher Ätiologie und nicht zu 
langem Bestande des Krankseins. 

Häufiger ist allerdings das gleichzeitige und gemein- 
same Vorkommen von Angstsymptomen mit solchen der 
Nenrasthenie, Hysterie, der Zwangsvorstellungen, der Melan- 
cholie. Wollte man sich durch solche klinische Vermengung 
abhalten lassen, die Angstneurose als eine selbständige Einheit 
anzuerkennen, so müßte man konsequenterweise auch auf die 
mühsam erworbene Trennung von Hysterie und Neurasthenie 
wieder verzichten. 

Für die Analyse der „gemischten Neurosen“ kann ich 
den wichtigen Satz vertreten: Wo sich eine gemischte 
Neurose vorfindet, da läßt sich eine Vermengung 
mehrerer spezifischer Ätiologien nachweisen. 

Eine solche Vielheit ätiologischer Momente, die eine 
gemischte Neurose bedingt, kann bloß zufällig zustande kommen, 
etwa indem eine neu hinzutretende Schädlichkeit ihre Wir- 
kungen zu denen einer früher vorhandenen addiert; zum 
Beispiel eine Frau, die von jeher Hysterica war, tritt zu einer 
gewissen Zeit ihrer Ehe in den Coitus reservatus ein und 
erwirbt jetzt zu ihrer Hysterie eine Angstneurose; ein Mann, 
der bisher masturbiert hatte und neurasthenisch wurde, wird 
Bräutigam, erregt sich bei seiner Braut, und jetzt gesellt 
sich zur Neurasthenie eine frische Angstneurose hinzu. 


83 


In anderen Fällen ist die Mehrheit ätiologischer Momente 
keine zufällige, sondern das eine derselben hat das andere 
mit zur Wirkung gebracht; zum Beispiel eine Frau, mit 
welcher ihr Mann Coitus reservatus ohne Rücksicht auf ihre 
Befriedigung übt, sieht sich genötigt, die peinliche Erregung 
nach einem solchen Akt durch Masturbation zu beenden; 
sie zeigt infolgedessen nicht reine Angstneurose, sondern 
daneben Symptome von Neurasthenie; eine zweite Frau wird 
unter derselben Schädlichkeit mit lüsternen Bildern zu kämpfen 
haben, deren sie sich erwehren will, und wird auf solche 
Weise durch den Coitus interruptus nebst der Angstneurose 
Zwangsvorstellungen erwerben; eine dritte Frau endlich wird 
infolge des Coitus interruptus die Neigung zu ihrem Manne 
einbüßen, eine andere Neigung erwerben, welche sie sorg- 
fältig geheim hält, und wird infolgedessen ein Gemenge von 
Angstneurose und Hysterie zeigen. 

In einer dritten Kategorie von gemischten Neurosen 
ist der Zusammenhang der Symptome ein noch innigerer, 
indem die nämliche ätiologische Bedingung gesetzmäßig und 
gleichzeitig beide Neurosen hervorruft. So zum Beispiel 
erzeugt die plötzliche sexuelle Aufklärung, die wir bei der 
virginalen Angst gefunden haben, immer auch Hysterie; die 
allermeisten Fälle von absichtlicher Abstinenz verknüpfen sich 
von Anfang an mit echten Zwangsvorstellungen; der Coitus 
interruptus der Männer scheint mir niemals reine Angstneurose 
provozieren zu können, sondern stets eine Vermengung der- 
selben mit Neurasthenie u. dgl. 

Es geht aus diesen Erörterungen hervor, daB man die 
ätiologischen Bedingungen des Vorkommens noch unterscheiden 
muß von den spezifischen ätiologischen Momenten der Neu- 
rosen. Erstere, zum Beispiel der Coitus interruptus, die 
Masturbation, die Abstinenz, sind noch vieldeutig und können 
ein jedes verschiedene Neurosen produzieren; erst die aus 
ihnen abstrahierten ätiologischen Momente, wie inadäquate 
Entlastung, psychische Unzulänglichkeit, Ab- 
wehr mit Substitution haben eine unzweideutige und 
spezifische Beziehung zur Ätiologie der einzelnen großen 
Neurosen. 

6*+ 


Ihrem inneren Wesen nach zeigt die Angstneurose die 
interessantesten Übereinstimmungen und Verschiedenheiten 
gegen die anderen großen Neurosen, besonders gegen Neura- 
sthenie und Hysterie. Mit der Neurasthenie teilt sie den einen 
Hauptcharakter, daß die Erregungsquele, der Anlaß zur 
Störung, auf somatischem Gebiete liegt, anstatt wie bei Hysterie 
und Zwangsneurose auf psychischem. Im übrigen läßt sich 
eher eine Art von Gegensätzlichkeit zwischen den Symptomen 
der Neurasthenie und denen der, Angstneurose erkennen, die 
etwa in den Schlagworten: Anhäufung — Verarmung an 
Erregung, ihren Ausdruck fände. Diese Gegensätzlichkeit 
hindert nicht, daß sich die beiden Neurosen mit einander 
vermengen, zeigt sich aber doch darin, daß die extremsten 
Formen in beiden Fällen auch die reinsten sind. 

Mit der Hysterie zeigt die Angstneurose zunächst eine 
Reihe von Übereinstimmungen in der Symptomatologie, deren 
genauere Würdigung noch aussteht. Das Auftreten der Er- 
scheinungen als Dauersymptome oder in Anfällen, die auraartig 
gruppierten Parästhesien, die Hyperästhesien und Druckpunkte, 
die sich bei gewissen Surrogaten des Angstanfalles, bei der 
Dyspno& und dem Herzanfall finden, die Steigerung der etwa 
organisch berechtigten Schmerzen (durch Konversion): — 
diese und andere gemeinschaftliche Züge lassen sogar ver- 
muten, daß manches, was man der Hysterie zurechnet, mit 
mehr Fug und Recht zur Angstneurose geschlagen werden 
dürfte. Geht man auf den Mechanismus der beiden Neurosen 
ein, soweit er sich bis jetzt hat durchschauen lassen, so 
ergeben sich Gesichtspunkte, welche die Angstneurose geradezu 
als das somatische Seitenstück zur Hysterie erscheinen lassen. 
Hier wie dort Anhäufung von Erregung — worin vielleicht 
die vorhin geschilderte Ähnlichkeit der Symptome gegründet 
ist —; hier wie dort eine psychische Unzulänglichkeit, 
der zufolge abnorme somatische Vorgänge zu- 
stande kommen. Hier wie dort tritt an Stelle einer 
psychischen Verarbeitung eine Ablenkung der Erregung in 
das Somatische ein; der Unterschied liegt bloB darin, daß die 
Erregung, in deren Verschiebung sich die Neurose äußert, 
bei der Angstneurose eine rein somatische (die somatische 


85 


Sexualerregung), bei der Hysterie eine psychische (durch 
Konflikt hervorgerufene) ist. Es kann daher nicht Wunder 
nehmen, daß Hysterie und Angstneurose sich gesetzmäßig 
miteinander kombinieren, wie bei der „virginalen Angst“ 
oder der „sexuellen Hysterie“, daß die Hysterie eine 
Anzahl von Symptomen einfach der Angstneurose entlehnt 
u. dgl. Diese innigen Beziehungen der Angstneurose zur 
Hysterie geben auch ein neues Argument ab, um die Trennung 
der Angstneurose von der Neurasthenie zu fordern; denn 
verweigert man diese, so kann man auch die so mühsam 
erworbene und für die Theorie der Neurosen so unentbehr- 
liche Unterscheidung von’ Neurasthenie und Hysterie nicht 
mehr aufrecht erhalten. 


Wien, im Dezember 1894. 


1. 


Obsessions et phobies. 
Leur mecanisme psychique et leur 6tiologie.') 


Je commencerai par contester deux assertions, qui se 
trouvent souvent repetees sur le compte des syndromes: 
„obsessions et phobies“. I faut dire: 1° quils ne se rattachent 
pas & la neurasthenie propre, puisque les malades atteints 
de ces symptömes sont aussi souvent des neurastheniques que 
non; 2° quil n’est pas justifie de les faire dependre de la 
degöneration mentale, parce quils se trouvent chez de 
personnes pas plus degenerees que la plupart des neyrosiques 
en general, parce quils s’amendent quelquefois et qu’on par- 
vient möme quelquefois & les guerir?). 

Les obsessions et les phobies sont des nevroses & part, 
d’un mecanisme special et d’une e£tiologie que j’ai reussi 
a mettre en Jumiere dans un certain nombre de cas, et qui, 
je l’espere, se montreront de möme dans bon nombre de cas 
nouveaux. 

Quant & la division du sujet je propose d’abord d’ecarter 
une classe d’obsessions intenses, qui ne sont autre chose que 
des souvenirs, des images non alterees d’evenements importants. 
Je citerai, par exemple, l’obsession de Pascal qui croyait 
toujours voir un abime & son cöte gauche, „depuis qu’il avait 
manque d’ötre precipite dans la Seine avec son carrosse“. 
Ces obsessions et phobies, qu’on pourrait nommer fraumatiques, 
se rattachent aux symptömes de l’hysterie. 


I) Revue neurologique, III, 189. 

2) Je suis tres content de trouver que les auteurs les plus recents 
sur notre sujet expriment des opinions voisines de la mienne. Voir: 
Ge&lineau, Des peurs maladives ou phobies, 1894, et Hack Tuke, On 
imperative ideas, Brain, 139. 


87 


Ce groupe & part il faut distinguer: A) les obsessions 
vraies; B) les phobies. La difference essentielle est la suivante. 

I y a dans toute obsession deux choses: 1° une idee 
qui s’impose au malade; 2° un &tat &motif associe. Or, dans 
la classe des phobies, cet etat &motif est toujours Fangoisse, 
pendant que dans les obsessions vraies ce peut ötre au möme 
titre que l’anxiete un autre etat &motif, comme le doute, le 
remords, la colere. Je tächerai d’abord d’expliquer le mecanisme 
psychologique vraiment remarquable des obsessions vraies, 
qui est bien different de celui des phobies. 


I. 


Dans beaucoup d’obsessions vraies, il est bien &vident 
que l’etat emotif est la chose principale, puisque cet etat 
persiste inaltere pendant que l’id6e associee est variee. Par 
exemple, la fille de l’observation I, avait des remords, un peu 
en raison de tout, d’avoir vole, maltraite ses seurs, fait de la 
fausse monnaie, etc. Les personnes qui doutent, doutent de 
beaucoup de choses & la fois ou successivement. C’est l’etat 
emotif qui, dans ces cas, reste le möme: l’id&e change. En 
d’autres cas lıdee aussi semble fixee, comme chez la fille de 
l’observation IV, qui poursuivait d’une haine incompröhensible 
les servantes de la maison en changeant pourtant de personne. 

Eh bien, une analyse psychologique scrupuleuse de ces 
cas montre que l’etat dmotif, comme tel, est toujours justifie. La 
fille I, qui a des remords, a de bonnes raisons; les femmes 
de l’observation III qui doutaient de leur resistance contre 
des tentations savaient bien pourquoi; la fille de l’observation 
IV, qui detestait les servantes, avait bien le droit de se 
plaindre, etc. Seulement, et c’est dans ces deux caracteres 
que consiste l’empreinte pathologique: 1) Vetat Eemotif s’est 
eternise, 2) Yide associee m’est plus Pidee juste, Videe originale, en 
rapport avec Vetiologie de. lobsession, elle en est um remplacant, 
une substitution. 

La preuve en est qu’on peut toujours trouver dans les 
antecedents du malade &ü l’origine de l’obsession, l’idee originale, 
substitude. Les idees substitueces ont des caracteres communs, 
elles correspondent & des impressions vraiment penibles de 


88 


la vie sexuelle de l'individu que celui-ci s’est efforce d’oublier. 
D areussi seulement a remplacer l’idee inconciliable par une autre 


% 


idee mal appropriee & s’associer & l’etat emotif, qui de son 
cöte est rest& le möme. Ü’est cette mesalliance de l’&tat emotif et, 
de l’idee associee qui rend compte du caractere d’absurdit6 
propre aux obsessions. Je veux rapporter mes observations, et 
donner une tentative d’explication theorique comme conclusion. 


Obs. L — Une fille qui se faisait des reproches, qu’elle savait ab- 
surdes, d’avoir vole, fait de la fausse monnaie, de s’ötre conjuree, etc., 
selon sa lecture journaliere. 

Bedressement de la substitution. — Elle-se reprochait l’onanisme 
qu’elle pratiquait en secret sans pouvoir y renoncer. 

Elle fut guerie par une observation scrupuleuse qui l’emp£cha de 
se masturber. 

Obs. II. — Jeune homme, etudiant en medecine, qui souffrait d’une 
obsession analogue. Il se reprochait toutes les actions immorales: d’avoir 
tue sa cousine, deflore sa saur, incendie une maison, etc. Il parvint 
jusqu’& la necessite de se retourner dans la rue pour voir s’il n’avait 
pas encore tu& le dernier passant. 

Redressement de la substitution. — D avait lu, dans un livre quasi- 
medical, que l’onanisme, auquel il etait sujet, abimait la morale, et il 
s’en etait &mu. 

Obs. II. — Piusieurs femmes qui se plaignaient de l’obsession 
de se jeter par la fenötre, de blesser leurs enfants avec des couteaux, 
eiseaux, etc. 

Redressement. — Obsessions de tentations typiques. C’etaient des 
femmes qui, pas du tout satisfaites dans le mariage, se debattaient contre 
les desirs et les id6es voluptueuses qui les hantaient & la vue d’autres 
hommes. 

Obs. IV. — Une fille qui parfaitement saine d’esprit et tres 
intelligente montrait une haine incontrölable contre les servantes de Ta 
maison, qui s’&tait eveillde & l’occasion d’une servante effrontee, et s’etait 
transmise depuis de fille en fille, jusqu’& rendre le menage impossible. 
C’etait un sentiment m&lö de haine et de degoüt. Elle donnait comme 
motif que les saletes de ces filles lui gätaient son idee de l’amour. 

Redressement. — Cette fille avait ete t&moin involontaire d’un 
rendez-vous amoureux de sa m£re. Elle s’etait cache le visage, bouche& les 
oreilles, et s’etait donne la plus grande peine pour oublier la scene, qui 
la degoütait et l’aurait mise dans l’impossibilit6 de rester avec sa m£re 
qu’elle aimait tendrement. Elle y reussit, mais la colere, de ce qu’on lui 
avait souill& l’image de l’amour, persista en elle, et cet etat Emotif ne 
tarda pas & s’associer l’id&e d’une personne pouvant remplacer la mere. 

Obs. V. — Une jeune fille s’etait presqüe completement isolee en 
consequence de la peur obsedante de l’incontinence des urines. Elle ne 


89 


pouvait plus quitter sa chambre ou recevoir une visite sans avoir urine 
nombre de fois. 

Chez elle et en repos complet la peur n’existait pas. 

Redressement. — C’ötait une obsession de tentation ou de mefiance. 
Elle ne se mefiait pas de sa vessie mais de sa rösistance contre une 
impulsion amoureuse. L’origine de l’obsession le montrait bien. Une fois, 
au theätre, elle avait senti & la vue d’un homme qui hui plaisait une 
envie amoureuse accompagn&e (comme toujours dans la pollution spontanee 
des femmes) de l’envie d’uriner. Elle fut oblige & quitter le the&ätre, 
et de ce moment elle &tait en proie & la peur d’avoir la möme sensation, 
mais l’envie d’uriner s’etait substitu&e & l’envie amoureuse. Elle gu£rit 
comple&tement. 


Les observations enumerees, bien qu’elles montrent un 
degr& variable de complexite, ont ceci de commun, que l’idee 
originale (inconciliable) est substituee par une autre idee, 
id6e remplacante. Dans les observations qui vont suivre 
maintenant, l’idee originale est aussi remplac&e mais non par 
une autre idee; elle se trouve substituee par des actes ou 
impulsions qui ont servi & l’origine comme soulagements ou 
procedes protecteurs, et qui maintenant se trouvent en asso- 
ciation grotesque avec un &tat Eemotif qui ne leur convient 
pas mais qui est reste le mäme, et aussi justifi& qu’& l’origine. 


Obs. VI. — Obsession d’arithmomanie. — Une femme avait con- 
tract& le besoin de compter toujours les planches du parquet, les marches 
de l’escalier, etc., ce qu’elle faisait dans un etat d’angoisse ridicule. 

Redressement. — Elle ayait commence a compter pour se distraire 
de ses id&es obsedantes (de tentation). Elle y avait reussi, mais l’impul- 
sion de compter s’etait substitu&e ä l’obsession primitive, 

Obs. VIL — Obsession de „Grübelsucht“ (folie de speculation). 
Une femme souffrait d’attaques de cette obsession, qui ne cessaient 
qu’aux temps de maladie, pour y laisser la place & des peurs hypo- 
condriaques. Le sujet de l’attaque etait ou une partie du corps ou 
une fonction, par exemple, la respiration: Pourquoi faut-il respirer? Si 
je ne voulais respirer? etc. 

Redressement. — Tout d’abord elle avait souffert de peur de devenir 
folle, phobie hypochondriaque assez commune chez les femmes non 
satisfaites par leur mari, comme elle &tait. Pour se garantir quelle 
nwallait pas devenir folle, qu’elle jouissait encore de son intelligence, elle 
avait commence & se poser des questions, & S’occuper de probl&mes 
serieux. Cela la tranquillisait d’abord, mais avec le temps cette habitude 
de la speculation se substituait & la phobie. Depuis plus de quinze ans 
des periodes de peur (pathophobie) et de folie de speculation alternaient 
chez elle, 


Obs. VIII. Folie du doute. — Plusieurs cas, qui montraient les 
symptömes typiques de cette obsession, mais qui s’expliquaient bien 
simplement. Ces personnes avaient souffert ou souffraient encore 
d’obsessions diverses, et la conscience que l’obsession les avait derangees 
dans toutes leurs actions et interrompu maintes fois le cours de leurs 
pensees provoquait le doute lEgitime dans la fidslite de leur m&moire. 
Chacun de nous verra chanceler son assurance et sera oblige& de relire 
une lettre ou de refaire un compte si son attention a &t& divertie plusieurs 
fois pendant l’exe&cution de l’acte. Le doute est une consequence bien 
logique de la prösence des obsessions. 

Obs. IX. — Folie du doute (hesitation). — La fille de l’obs. IV etait 
devenue extrömement tardive dans toutes les actions de la vie ordinaire, 
particulierement dans sa toilette. Il lui fallait des heures pour nouer les 
cordons de ses souliers ou pour se nettoyer les ongles des mains. Elle 
donnait comme explication qu’elle ne pouvait faire sa toilette ni pendant 
que les pensees obsedantes la pr&occupaient, ni immediatement apres; 
de sorte qu’elle s’etait accoutumee & attendre un temps determine apres 
chaque retour de l’id&e obsedante. 

Obs. X. — Folie du doute, crainte des papiers. — Une jeune femme, 
qui avait souffert de scrupules apres avoir &crit une lettre, et qui dans 
ce möme temps ramassait tous les papiers qu’elle voyait, donnait comme 
explication l’aveu d’un amour que jadis elle ne voulait pas confesser. 

A force de se repeter sans cesse le nom de son bien-aime, elle 
fut saisie par la peur que ce nom se serait glisse dans sa plume, qu’elle 
l’aurait trac& sur quelque bout de papier dans une minute pensive.!) 


Obs. XI. — Mysophobie. — Une femme qui se lavait les mains 
cent fois par jour et ne touchait les loquets des portes que du coude. 
Redressement. — C’etait le cas de Lady Macbeth. Les lavages 


&taient symboliques et destines & substituer la purete physique & la 
puretö morale qu’elle regrettait avoir perdue. Elle se tourmentait de 
remords pour une infidelit& conjugale dont elle avait döcid& de chasser 
le souvenir. Elle se lavait aussi les parties genitales. 


Quant & la theorie de cette substitution, je me con- 
tenterai de repondre ä trois questions qui se posent ici: 

1° Comment cette substitution peut-elle se faire? 

Il semble quelle est l’expression d’une disposition psy- 
chique speciale. Au moins rencontre-t-on dans les obsessions 
assez souvent l’heredit& similaire, comme dans I’hysterie. 
Ainsi le malade de l’obs. Il me racontait que son pere avait 
souffert de symptömes semblables. II me fit connaitre un jour 


1) Voir aussi la chanson populaire allemande: 
Auf jedes weiße Blatt Papier möcht’ ich es schreiben: 
Dein ist mein Herz und soll es ewig, ewig bleiben, 


9 


un cousin germain avec obsessious et tie convulsif, et la fille 
de sa saur, ägee de 11 ans, qui montrait deja des obsessions 
(probablement de remords). 

2% Quel est le motif de cette substitution ? 

Je crois qu’on peut l’envisager comme un acte de defense 
(Abwehr) dw moi contre lidee inconciliable. Parmi mes malades 
il y en a qui se rappellent l’effort de la volont& pour chasser 
lidee ou le souvenir penible du rayon de la conscience 
(V. les obs. IH, IV, XI). En d’autres cas cette expulsion de 
Videe inconciliable s’est produite d’une maniere inconsciente 
qui n’a pas laisse trace dans la memoire des malades. 

3° Pourquoi l’etat &motif associe a lidee obsedante 
s’est-il perpetue, au lieu de s’&vanouir comme les autres etats 
de notre moi? 

On peut donner cette r&eponse en s’adressant a la theorie 
developpee pour la genese des symptömes hysteriques par 
M. Breuer et moi!). Ici je veux seulement remarquer que, 
par le fait möme de la substitution, la disparition de l’etat 
emotif devient impossible. 


I. 


A ces deux groupes d’obsessions vraies s’ajoute le classe 
des „phobies“, quil faut considerer maintenant. J’ai deja 
mentionne la grande difference des obsessions et des phobies; 
que dans les dernieres l’&tat &motif est toujours l’anxiete, la 
peur. Je pourrais ajouter que les obsessions sont multiples et 
plus specialisees, les phobies plutöt monotones et typiques. 

Mais ce n’est pas une difference capitale. 

On peut discerner aussi parmi les phobies deux groupes, 
caracterises par l’objet de la peur: 1° phobies communes: 
peur exageree des choses que tout le monde abhorre ou 
eraint un peu: la nuit, la solitude, la mort, les maladies, les 
dangers en general, les serpents, etc.; 2° phobies d’occasion, 
peur de conditions speciales, qui n’inspirent pas la crainte 
& l’homme sain, par exemple l’agoraphobie et les autres 
phobies de la locomotion. DI est interessant a noter que ces 
dernieres phobies ne sont pas obsedantes comme les obsessions 


1) Neurologisches Centralblatt, 1893, Nr. 1 und 2. 


92 


vraies et les phobies communes. L’etat &motif ici ne parait 
que dans le cas de ces conditions speciales que le malade 
evite soigneusement. 

Le mecanisme des phobies est tout 4 fait different de 
celui des obsessions. Ce n’est plus le regne de la substitution. 
Ici on ne devoile plus par l’analyse psychique une idee incon- 
ciliable, substituee. On ne trouve jamais autre chose que !’etat 
emotif anxieux, qui par une sorte d’election a fait ressortir 
toutes les idees propres & devenir l’objet d’une phobie. Dans 
le cas de l’agoraphobie, etc., on rencontre souvent le souvenir 
d'une attaque d’angoisse, et en verite ce que redoute le malade 
c’est l’evenement d’une telle attaque dans les conditions 
speciales oü il croit ne pouvoir y echapper. 

L’angoisse de cet etat emotif, qui est au fond des phobies, 
n’est pas derive d’un souvenir quelconque; on doit bien se 
demander quelle peut ätre la source de cette condition puis- 
sante du systeme nerveux. 

Eh bien j’espere pouvoir demontrer une autre fois qu’il 
y & lieu de constituer une nevrose speciale, la nevrose anwieuse, 
de laquelle cet etat emotif est le symptöme principal; je 
donnerai l’enumeration de ses symptömes varies, et j’insisterai 
en ce quil faut differencier cette nevrose de la neurasthenie, 
avec laquelle elle est maintenant confondue. Ainsi les phobies 
font part de la nevrose anxieuse, et elles sont presque toujours 
accompagnees d’autres symptömes de la möme serie. 

La nevrose anzieuse est d’origine sexuelle, elle aussi, autant 
que je puis voir, mais elle ne se rattache pas & des idees 
tirees de la vie sexuelle: elle n’a pas de mecanisme psychique, 
& vrai dire. Son etiologie specifique est l’accumulation de la 
tension genesique, provoquee par l’abstinence ou l’irritation 
genesique fruste (pour donner une formule generale pour 
Veffet du coit reserve, de l’impotence relative du mari, des 
excitations sans satisfaction des fiances, de l’abstinence 
forcee, etc.). 

C’est dans de telles conditions extrömement fr&quentes, 
principalement pour la femme dans la societ& actuelle, que 
se developpe la nevrose anxieuse, de laquelle les phobies sont 
une manifestation psychique. 


93 


Je ferai remarquer, comme conclusion, qu’il peut y avoir 
combinaison de phobie et d’obsession propre, et möme que 
c’est un evenement tres frequent. On peut trouver qu'il y 
avait au commencement de la maladie une phobie developpee 
comme symptöme de la nevrose anxieuse. L’idee qui constitue 
la phobie qui s’y trouve associee a la peur, peut ötre sub- 
stitude par une autre idee ou plutöt par le procede protecteur 
qui semblait soulager la peur. L’obs. VI (folie de la specu- 
lation) presente un bel exemple de cette categorie, phobie 
doublee d’une obsession vraie par substitution. 


IT: 


Zur Kritik der „Angstneurose“. ') 


In Nummer 2 des Neurologischen Centralblattes 
von Mendel 1895 habe ich einen kleinen Aufsatz veröffent- 
licht, in welchem ich den Versuch wage, eine Reihe von 
nervösen Zuständen von der Neurasthenie abzutrennen, und 
unter dem Namen „Angstneurose* selbständig zu machen. ?) 
Ich ließ mich hierzu bewegen durch ein konstantes Zusammen- 
treffen klinischer und ätiologischer Charaktere, das ja über- 
haupt für eine Sonderung maßgebend sein darf. Ich fand 
nämlich, worin mir E. Hecker?) zuvorgekommen war, daß 
die in Rede stehenden neurotischen Symptome sich sämtlich 
zusammenfassen ließen als zum Ausdruck der Angst gehörig, 
und ich konnte aus meinen Bemühungen um die Ätiologie 
der Neurosen hinzufügen, daß diese Teilstücke des Komplexes 
„Angstneurose“ besondere ätiologische Bedingungen erkennen 
lassen, die der Ätiologie der Neurasthenie nahezu gegensätzlich 
sind. Meine Erfahrungen hatten mich gelehrt, daß in der 
Ätiologie der Neurosen (wenigstens der erworbenen Fälle 
und erwerbbaren Formen) sexuelle Momente eine hervor- 
ragende und viel zu wenig gewürdigte Rolle spielen, so daß 
etwa die Behauptung, „die Ätiologie der Neurosen liege in 
der Sexualität“ bei all ihrer notwendigen Unrichtigkeit 
per excessum et defectum doch der Wahrheit näher kommt 
als die anderen, gegenwärtig herrschenden Lehren. Ein 
weiterer Satz, zu dem mich die Erfahrung drängte, ging 

!) Wiener klinische Rundschau, 183. 

2) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „Angstneurose“ abzutrennen, von Dr. Sigm. 
Freud. 


3) E. Hecker. Über larvierte und abortive Angstzustände bei 
Neurasthenie. Centralblatt für Nervenheilkunde, Dez. 189. 


95 


dahin, daß die verschiedenen sexuellen Noxen nicht etwa. 
unterschiedslos in der Ätiologie aller Neurosen zu finden 
seien, sondern daß unverkennbar besondere Beziehungen ein- 
zelner Noxen zu einzelnen Neurosen beständen. Ich durfte 
so annehmen, daß ich die spezifischen Ursachen der 
einzelnen Neurosen aufgedeckt habe. Ich suchte dann die 
Besonderheit der sexuellen Noxen, welche die Ätiologie der 
Angstneurose ausmachen, in eine kurze Formel zu fassen, 
und gelangte (in Anlehnung an meine Auffassung des Sexual- 
vorganges, 1. c. p. 61) zu dem Satze: Angstneurose schaffe 
alles, was die somatische Sexualspannung vom Psychischen 
abnalte, an ihrer psychischen Verarbeitung störe. Wenn man 
auf die konkreten Verhältnisse zurückgeht, in denen sich dieses 
Moment zur Geltung bringt, so ergibt sich die Behauptung, 
daß freiwillige oder unfreiwillige Abstinenz, sexueller Verkehr 
mit unvollständiger Befriedigung, Coitus interruptus, Ablenkung 
des psychischen Interesses von der Sexualität u. dgl. m., die 
spezifischen ätiologischen Faktoren der von mir Angstneurose 
genannten Zustände seien. 

Als ich meine hier erwähnte Mitteilung zur Veröffent- 
lichung brachte, täuschte ich mich keineswegs über deren 
Macht, Überzeugung zu erwecken. Zunächst konnte ich mir 
ja sagen, daß ich nur eine knappe, unvollständige, stellen- 
weise sogar schwer verständliche Darstellung gegeben hatte, 
vielleicht gerade genügend, um die Erwartung der Leser vor- 
zubereiten. Sonst hatte ich kaum Beispiele angeführt und 
keine Zahlen genannt, die Technik der Erhebung der Anam- 
nese nicht gestreift, zur Verhütung von Mißverständnissen 
nichts vorgesorgt, andere als die naheliegendsten Einwände 
nicht berücksichtigt, und von der Lehre selbst eben nur den 
Hauptsatz und nicht die Einschränkungen hervorgehoben. 
Demnach konnte auch wirklich ein jeder sich seine eigene 
Meinung von der Verbindlichkeit der ganzen Aufstellung bilden. 
Ich konnte aber noch auf eine andere Erschwerung der Zu- 
stimmung rechnen. Ich weiß sehr wohl, daß ich mit der 
„sexuellen Ätiologie“ der Neurosen nichts Neues vorgebracht 
habe, daß die Unterströmungen in der medizinischen Literatur, 
welche diesen Tatsachen Rechnung getragen, nie ausgegangen 


96 


sind, und daß die offizielle Medizin der Schulen sie eigent- 
lich auch gekannt hat. Allein die letztere hat so getan, als 
wüßte sie nichts davon; sie hat von ihrer Kenntnis keinen 
Gebrauch gemacht, keine Folgerung aus ihr gezogen. Solches 
Verhalten muß wohl eine tiefgehende Begründung haben, 
etwa in einer Art von Scheu, sexuelle Verhältnisse ins Auge 
zu fassen, oder in einer Reaktion gegen ältere, als überwunden 
betrachtete Erklärungsversuche. Jedenfalls mußte man vor- 
bereitet sein, auf Widerstand zu stoßen, wenn man den Ver- 
such wagte, Anderen etwas glaubwürdig zu machen, was diese 
ohne jede Mühe auch selbst hätten entdecken können. 

Es wäre bei solcher Sachlage vielleicht zweckmäßiger, 
auf kritische Einwendungen nicht eher zu antworten, als bis 
ich mich über das komplizierte Thema selbst ausführlicher 
geäußert und besser verständlich gemacht hätte. Dennoch 
kann ich den Motiven nicht widerstehen, die mich veran- 
lassen, einer Kritik meiner Lehre von der Angstneurose aus 
den letzten Tagen auch unverzüglich zu begegnen. Ich tue 
dies wegen der Person des Autors, L. Löwenfeld in 
München, des Verfassers der „Pathologie und Therapie der 
Neurasthenie und Hysterie“, dessen Urteil beim ärztlichen 
Publikum schwer ins Gewicht fallen dürfte, wegen einer miß- 
verständlichen Auffassung, mit welcher mich die Darstellung 
Löwenfeld’s belastet, und weil ich von Anfang an den 
Eindruck bekämpfen möchte, als sei meine Lehre gar so mühe- 
los durch die nächstbesten, im Vorbeigehen angebrachten Ein- 
wendungen zu widerlegen. 

Löwenfeld®) findet mit sicherem Blick als das Wesent- 
liche meiner Arbeit heraus, daß ich für die Angstsymptome 
eine spezifische und einheitliche Ätiologie sexueller Natur 
behaupte. Ist dies nicht als Tatsache festzustellen, so ent- 
fällt auch der Hauptgrund für die Abtrennung einer selbst- 
ständigen Angstneurose von der Neurasthenie. Es erübrigt 
dann allerdings eine Schwierigkeit, auf die ich aufmerksam 
gemacht habe, daß nämlich die Angstsymptome so unver- 

1) L. Löwenfeld. Über die Verknüpfung neurasthenischer und 


hysterischer Symptome in Anfallsform nebst Bemerkungen über die 
Freud’sche Angstneurose. Münchener med, Wochenschr. Nr. 13, 1895. 


97 


kennbare Beziehungen auch zur Hysterie haben, so daß durch 
die Entscheidung im Sinne Löwenfeld’s die Sonderung von 
Hysterie und Neurasthenie zu Schaden kommt; allein dieser 
Schwierigkeit wird durch die später zu würdigende Berufung 
auf die Heredität als gemeinsame Ursache all dieser Neurosen 
begegnet. 

Durch welche Argumente stützt nun Löwenfeld den 
Einspruch gegen meine Lehre? 

1. Ich habe als wesentlich für das Verständnis der 
Angstneurose hervorgehoben, daß die Angst derselben eine 
psychische Ableitung nicht zwäßt, das heißt, daß man die 
Angstbereitschaft, die den Kern der Neurose bildet, nicht 
durch einen einmaligen oder wiederholten, psychisch be- 
rechtigten Schreckaffekt erwerben kann. Durch Schreck ent- 
stünde wohl eine Hysterie oder traumatische Neurose, aber 
keine Angstneurose. Es ist diese Leugnung, wie man leicht 
einsieht, nichts anderes als das Gegenstück zu meiner Be- 
hauptung positiven Inhalts, die Angst meiner Neurose ent- 
spreche somatischer und vom Psychischen abgelenkter Sexual- 
spannung, die sich sonst als Libido geltend gemacht hätte. 

Dagegen betont nun Löwenfeld, daß in einer Anzahl 
von Fällen „Angstzustände unmittelbar oder einige Zeit 
nach einem psychischen Shok (bloßem Schreck oder Unfällen, 
die mit Schrecken verbunden waren) auftreten, und daß zum 
Teil hierbei Verhältnisse bestehen, welche die Mitwirkung 
sexueller Schädlichkeiten der angegebenen Art höchst un- 
wahrscheinlich machen“. Er teilt als besonders prägnantes 
Beispiel eine Krankenbeobachtung (anstatt vieler) in Kürze 
mit. In diesem Beispiel handelt es sich um eine 30jährige, 
seit vier Jahren verheiratete Frau, erblich belastet, die vor 
einem Jahre eine erste schwierige Entbindung hatte. Wenige 
Wochen nach ihrer Niederkunft erschrak sie über einen Krank- 
heitsanfall ihres Mannes, lief in ihrer Aufregung im Hemd 
im kalten Zimmer herum. Von da an krank, zuerst mit abend- 
lichen Angstzuständen und Herzklopfen, später kamen Anfälle 
von konvulsivischem Zittern und in weiterer Folge Phobien 
u. dgl.: das Bild einer voll entwickelten Angstneurose. „Hier 
sind die Angstzustände*, schließt Löwenfeld, „offenbar 

Freud, Neurosenlehre. 7 


98 


psychisch abgeleitet, durch den einmaligen Schrecken herbei- 
geführt.“ 

Ich bezweifle nicht, daß der geehrte Autor über viele 
ähnliche Fälle verfügt; kann ich doch selbst mit einer großen 
Reihe analoger Beispiele dienen. Wer solche Fälle von Aus- 
bruch der Angstneurose nach psychischem Shok, überaus 
häufige Vorkommnisse, nicht gesehen hätte, dürfte sich nicht 
anmaßen, in Sachen der Angstneurose mitzusprechen. Ich 
will nur dabei anmerken, daß in der Ätiologie solcher Fälle 
nicht jedesmal Schreck oder ängstliche Erwartung nachweis- 
bar sein muß; eine beliebige andere Gemütsbewegung tut 
es auch. Wenn ich rasch einige Fälle aus meiner Erinnerung 
mustere, so fällt mir ein Mann von 45 Jahren ein, der den 
ersten Angstanfall (mit Herzkollaps) auf die Nachricht vom 
Tode seines betagten Vaters bekam; von da an entwickelte 
sich volle und typische Angstneurose mit Agoraphobie; ferner 
ein junger Mann, der in dieselbe Neurose durch die Erregung 
über die Zwistigkeiten zwischen seiner jungen Frau und 
seiner Mutter verfiel und nach jedem neuen häuslichen Zank 
neuerdings agoraphobisch wurde; ein Student, der einiger- 
maßen verbummelt, die ersten Angstanfälle in einer Periode 
scharfer Prüfungsarbeit unter dem Sporn väterlicher Ungnade 
produzierte; eine selbst kinderlose Frau, die infolge der 
Angst um die Gesundheit einer kleinen Nichte erkrankte, 
u. dgl. m. An der Tatsache selbst, die Löwenfeld gegen 
mich verwertet, besteht nicht der leiseste Zweifel. 

Wohl aber an ihrer Deutung. Es fragt sich, soll man 
hier ohne weiteres auf das post hoc ergo propter hoc eingehen, 
sich jede kritische Verarbeitung des Rohmaterials ersparen? 
Man kennt ja Beispiele genug dafür, daß die letzte aus- 
lösende Ursache sich vor der kritischen Analyse nicht als 
causa efficiens bewähren konnte. Man denke an das Ver- 
hältnis von Trauma und Gicht beispielsweise! Die Rolle des 
Traumas ist hier, bei der Provokation eines Gichtanfalles in 
dem vom Trauma betroffenen Glied, wahrscheinlich keine 
andere, als sie in der Ätiologie der Tabes und der Paralyse 
sein dürfte; nur scheint im Beispiele der Gicht bereits für 
jede Einsicht absurd, daß das Trauma die Gicht „verursacht“ 


99 


anstatt provoziert haben sollte. Man muß doch nachdenklich 
werden, wenn man ätiologische Momente solcher Art — 
banale möchte ich sie nennen — in der Ätiologie der 
mannigfaltigsten Krankheitszustände antrifft. Gemütsbewegung, 
Schreck ist auch solch ein banales Moment; Chorea, Apo- 
plexie, Paralysis agitans und was nicht alles sonst kann der 
Schreck geradeso hervorrufen wie eine Angstneurose Nun 
darf ich freilich nicht weiter argumentieren, wegen dieser 
Ubiquität genügten die banalen Ursachen unseren Anfor- 
derungen nicht, es müßte außerdem spezifische Ursachen 
geben. Das hieße den Satz, den ich erweisen will, vorweg- 
nehmen. Ich bin aber berechtigt, folgender Art zu schließen: 
Wenn sich die nämliche spezifische Ursache in der Ätio- 
logie aller oder der allermeisten Fälle von Angstneurose 
nachweisen läßt, dann braucht sich unsere Auffassung nicht 
dadurch beirren lassen, daß der Ausbruch der Krankheit erst 
nach der Einwirkung des einen oder anderen banalen 
Momentes, wie es Gemütsbewegung ist, erfolgt. 

So war es nun in meinen Fällen von Angstneurose. 
Der Mann, der — rätselhafter Weise — auf die Nachricht 
vom Tode seines Vaters erkrankte (ich mache diese Rand- 
glosse, weil dieser Tod nicht unerwartet und nicht unter 
ungewöhnlichen, erschütternden Umständen erfolgte), dieser 
Mann lebte seit elf Jahren im Coitus interruptus mit seiner 
Ehefrau, welche er meistens zu befriedigen trachtete; der 
junge Mann, der den Streitigkeiten zwischen seiner Frau 
und seiner Mutter nicht gewachsen war, hatte bei seiner 
jungen Frau von Anfang an das Zurückziehen geübt, um 
sich die Belastung mit Nachkommenschaft zu ersparen; der 
Student, der sich durch Überarbeitung eine Angstneurose 
zuzog anstatt der zu erwartenden Cerebrasthenie, unterhielt 
seit drei Jahren ein Verhältnis mit einem Mädchen, das er 
nicht schwängern durfte; die Frau, die, selbst kinderlos, über 
die Krankheit einer Nichte der Angstneurose verfiel, war mit 
einem impotenten Mann verheiratet und sexuell nie befriedigt 
worden u. dgl. Nicht alle diese Fälle sind gleich klar oder 
für meine These gleich gut beweisend; aber wenn ich sie an 
die sehr beträchtliche Anzahl von Fällen anreihe, in denen 


Tr 


100 


die Ätiologie nichts anderes als das spezifische Moment auf- 
weist, fügen sie sich der von mir aufgestellten Lehre wider- 
spruchslos ein und gestatten eine Erweiterung unseres ätio- 
logischen Verständnisses über die bisher geltenden Grenzen. 

Wenn mir jemand nachweisen will, daß ich in vor- 
stehender Betrachtung die Bedeutung der banalen ätio- 
logischen Momente ungebührlich zurückgesetzt habe, so muß 
er mir Beobachtungen entgegenhalten, in denen mein spezi- 
fisches Moment vermißt wird, also Fälle von Entstehung der 
Angstneurose nach psychischem Shok bei (im ganzen) 
normaler Vita sexualis. Man urteile nun, ob der Fall 
von Löwenfeld diese Bedingung erfüllt. Mein geehrter 
Gegner hat sich diese Anforderung offenbar nicht klar ge- 
macht, sonst würde er uns über die Vita sexualis seiner 
Patientin nicht so völlig im unklaren lassen. Ich will es bei- 
seite lassen, daß der Fall der 30jährigen Dame offenbar mit 
einer Hysterie kompliziert ist, an deren psychischer Ableit- 
barkeit ich am wenigsten zweifle; ich gebe die Angstneurose 
neben dieser Hysterie natürlich ohne Einspruch zu. Aber 
ehe ich einen Fall für oder gegen die Lehre von der sexuellen 
Ätiologie der Neurosen verwerte, muß ich das sexuelle Ver- 
halten der Patientin eingehender als Löwenfeld hier 
studiert haben. Ich werde mich nicht mit dem Schlusse 
begnügen: da die Dame zur Zeit des psychischen Shoks 
kurz nach einer Entbindung war, dürfte der Coitus inter- 
ruptus im letzten Jahr keine Rolle gespielt haben und somit 
sexuelle Noxen hier entfallen. Ich kenne Fälle von Angst- 
neurose bei jährlich wiederholter Gravidität, weil (unglaub- 
licherweise) von dem befruchtenden Koitus an jeder Ver- 
kehr eingestellt wurde, so daß die kinderreiche Frau all die 
Jahre über an Entbehrung litt. Es ist keinem Arzte unbe- 
kannt, daß Frauen von sehr wenig potenten Männern kon- 
zipieren, die nicht imstande sind, ihnen Befriedigung zu 
verschaffen, und endlich gibt es, womit gerade die Vertreter 
der Hereditätsätiologie rechnen sollten, Frauen genug, die 
mit einer kongenitalen Angstneurose behaftet sind, d. h. die 
eine solche Vita sexualis mitbringen, respektive ohne 
nachweisbare äußere Störung entwickeln, wie man sie sonst 


101 


durch Coitus interruptus und ähnliche Noxen erwirbt. Bei 
einer Anzahl dieser Frauen kann man eine hysterische Er- 
krankung der Jugendjahre eruieren, seit welcher die Vita 
sexualis gestört und eine Ablenkung der Sexualspannung 
vom Psychischen hergestellt ist. Frauen mit solcher Sexualität 
sind einer wirklichen Befriedigung selbst durch normalen 
Koitus unfähig und entwickeln Angstneurose entweder spontan 
oder nach dem Zutritt weiterer wirksamer Momente. Was 
von alledem mag in dem Falle Löwenfeld’s vorgelegen 
haben? Ich weiß es nicht, aber ich wiederhole, gegen mich 
beweisend ist dieser Fall nur, wenn die Dame, die auf ein- 
maligen Schreck mit einer Angstneurose antwortete, sich 
vorher einer normalen Vita sexualis erfreut hat. 

Wir können unmöglich ätiologische Forschungen aus der 
Anamnese betreiben, wenn wir die Anamnese so hinnehmen, 
wie der Kranke sie gibt, oder uns mit dem begnügen, was 
er uns preisgeben will. Wenn die Syphilodologen die Zurück- 
führung eines Initialaffektes an den Genitalien auf sexuellen 
Verkehr noch von der Aussage des Patienten abhängen ließen, 
würden sie eine ganz stattliche Anzahl von Schankern bei 
angeblich virginalen Individuen von Erkältung herleiten können, 
und die Gynäkologen fänden kaum Schwierigkeiten, das Wunder 
der Parthenogenesis an ihren unverheirateten Klientinnen zu 
bestätigen. Ich hoffe, es wird dereinst durchdringen, daß 
auch die Neuropathologen bei der Erhebung der Anamnese 
großer Neurosen von ähnlichen ätiologischen Vorurteilen aus- 
gehen dürfen. 

2. Ferner sagt Löwenfeld, er habe wiederholt Angst- 
zustände auftauchen und verschwinden gesehen, wo eine 
Änderung im sexuellen Leben sicher nicht statthatte, dagegen 
andere Faktoren im Spiele waren. 

Ganz dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht, ohne 
daß sie mich beirrt hätte. Auch ich habe die Angstzufälle 
durch psychische Behandlung, Allgemeinbesserung u. dgl. 
zum Schwinden gebracht. Ich habe natürlich daraus nicht 
geschlossen, daß der Mangel an Behandlung die Ursache der 
Angstanfälle war. Nicht etwa, daß ich Löwenfeld einen 
derartigen Schluß unterschieben wollte; ich will mit obiger 


102 


scherzhafter Bemerkung nur andeuten, daß die Sachlage 
leicht kompliziert genug sein kann, um den Einwand von 
Löwenfeld völlig zu entwerten. Ich habe es nicht schwer 
gefunden, die hier vorgebrachte Tatsache mit der Behauptung 
der spezifischen Ätiologie der Angstneurose zu vereinigen. 
Man wird mir gerne zugestehen, daß es ätiologisch wirksame 
Momente gibt, die, um ihre Wirkung zu üben, in einer 
gewissen Intensität (oder Quantität) und über einen gewissen 
Zeitraum wirken müssen, die sich also summieren; die 
Alkoholwirkung ist ein Vorbild für solche Verursachung durch 
Summation. Demnach wird es einen Zeitraum geben dürfen, 
in dem die spezifische Ätiologie in ihrer Arbeit begriffen, 
aber deren Wirkung noch nicht manifest ist. Während solcher 
Zeit ist die Person noch nicht krank, aber sie ist zur be- 
stimmten Erkrankung, in unserem Falle zur Angstneurose, 
disponiert, und nun wird der Zutritt einer banalen Noxe die 
Neurose auslösen können, geradeso wie eine weitere Steige- 
rung in der Einwirkung der spezifischen Noxe. Man kann 
dies auch so ausdrücken: Es reicht nicht hin, daß das spezi- 
fische ätiologische Moment vorhanden ist, es muß auch ein 
bestimmtes Maß davon voll werden, und bei der Erreichung 
dieser Grenze kann eine Quantität spezifischer Noxe durch 
einen Betrag banaler Schädlichkeit ersetzt werden. Wird 
letzterer wieder weggenommen, so befindet man sich unter- 
halb einer Schwelle; die Krankheitserscheinungen treten 
wieder zurück. Die ganze Therapie der Neurosen beruht 
darauf, daß man die Gesamtbelastung des Nervensystems, 
welcher dieses erliegt, durch sehr verschiedenartige Beein- 
flussungen der ätiologischen Mischung unter die Schwelle 
bringen kann. Auf Fehlen oder Existenz einer spezifischen 
Ätiologie ist aus diesen Verhältnissen kein Schluß zu ziehen. 

Das sind doch gewiß einwurfsfreie und gesicherte Er- 
wägungen. Wem sie noch nicht genügen, der möge folgendes 
Argument auf sich wirken lassen. Nach der Ansicht Löwen- 
feld’s und so vieler Anderer ist in der Heredität die 
Ätiologie der Angstzustände. Die Heredität ist nun gewiß 
einer Änderung entzogen; wenn Angstneurose durch Behand- 
lung geheilt wird, sollte man nun mit Löwenfeld 


103 


schließen dürfen, daß die Heredität nicht die Ätiologie ent- 
halten kann. 

Übrigens, ich hätte mir die Verteidigung gegen die 
beiden angeführten Einwände von Löwenfeld ersparen 
können, wenn mein geehrter Gegner meiner Arbeit selbst 
größere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Die beiden Ein- 
wendungen sind in meiner Arbeit selbst vorgesehen und be- 
antwortet (p. 74 ff.); ich könnte die Ausführungen von dort 
hier nur wiederholen, ich habe mit Absicht selbst die nämlichen 
Krankheitsfälle hier neuerdings analysiert. Auch die ätio- 
logischen Formeln, auf die ich eben vorhin Wert legte, sind 
ım Texte meiner Abhandlung enthalten. Ich will sie hier 
nochmals wiederholen. Ich behaupte: Es gibt für die 
Angstneurose ein spezifisches ätiologisches 
Moment, welchesin seiner Wirkung von banalen 
Schädlichkeiten zwar quantitativ vertreten, aber 
nicht qualitativ ersetzt werden kann. Ferner: 
Dieses spezifische Moment bestimmt vor allem 
die Form der Neurose; ob eine neurotische Er- 
krankung überhaupt zustande kommt, hängt von 
der Gesamtbelastung des Nervensystems (im Ver- 
hältnis zu dessen Tragfähigkeit) ab. In der Regel 
sind die Neurosen überdeterminiert, d. h. es wirken in 
ihrer Ätiologie mehrere Faktoren zusammen. 

3. Um die Widerlegung der nächsten Bemerkungen 
Löwenfeld’s brauche ich mich weniger zu bemühen, da 
dieselben einerseits meiner Lehre wenig anhaben, anderseits 
Schwierigkeiten hervorheben, die ich als vorhanden anerkenne. 
Löwenfeld sagt: „Die Freud’sche Theorie ist aber ganz 
und gar ungenügend, das Auftreten und Ausbleiben der Angst- 
anfälle im einzelnen zu erklären. Wenn die Angstzustände, 
i.e. die Erscheinungen der Angstneurose, lediglich durch sub- 
kortikale Aufspeicherung der somatischen Sexualerregung und 
abnorme Verwendung derselben zustande kommen würden, so 
müßte jeder mit Angstzuständen Behaftete, so lange keine 
Änderungen in seinem sexuellen Leben eintreten, von Zeit 
zu Zeit einen Angstanfall haben, wie der Epileptische seinen 
Anfall von grand und petit mal hat. Dies ist aber, wie die 


104 


alltägliche Erfahrung zeigt. durchaus nicht der Fall. Die Angst- 
anfälle treten weit überwiegend nur bei bestimmten Anlässen 
ein; wenn der Patient diese meidet oder durch irgend eine 
Vorkehrung deren Einfluß zu paralysieren weiß, so bleibt er 
von Angstanfällen verschont, er mag dem Congressus inter- 
ruptus oder der Abstinenz andauernd huldigen oder sich einer 
normalen Vita sexualis erfreuen.“ 

Darüber ist nun sehr viel zu sagen. Zunächst, daß 
Löwenfeld meiner Theorie eine Folgerung aufnötigt, die 
sie nicht zu akzeptieren braucht. Daß es bei der Aufspeiche- 
rung der somatischen Sexualerregung so zugehen müsse wie 
bei der Anhäufung des Reizes zum epileptischen Kampf, ist 
eine allzu detaillierte Aufstellung, zu welcher ich keinen Anlaß 
gegeben habe, und ist nicht die einzige, die sich darbietet. 
Ich brauche nur anzunehmen, daß das Nervensystem ein ge- 
wisses Maß von somatischer Sexualerregung, auch wenn diese 
von ihrem Ziel abgelenkt sei, zu bewältigen vermöge, und daß 
Störungen nur dann entstehen, wenn das Quantum dieser 
Erregung eine plötzliche Steigerung erfährt, und die An- 
forderung Löwenfeld’s wäre beseitigt. Ich habe mich nicht 
getraut, meine Theorie nach dieser Richtung hin auszubauen, 
hauptsächlich darum, weil ich keine sicheren Stützpunkte auf 
dem Wege dahin zu finden erwartete. Ich will bloß andeuten, 
daß wir uns die Produktion von Sexualspannung nicht un- 
abhängig von ihrer Verausgabung vorstellen dürfen, daß im 
normalen Sexualleben diese Produktion bei Anregung durch 
das Sexualobjekt sich wesentlich anders gestaltet als bei 
psychischer Ruhe u. dgl. 

Zuzugeben ist, daß die Verhältnisse hier wohl anders 
liegen als bei epileptischer Krampfneigung, und daß sie aus 
der Theorie der Aufspeicherung somatischer Sexualerregung 
noch nicht im Zusammenhange abzuleiten sind. 

Der weiteren Behauptung Löwenfeld’s, dab die Angst- 
zustände nur bei gewissen Anlässen auftreten, bei deren Ver- 
meidung sie ausbleiben, gleichgiltig, welches die Vita sexualis 
des Betreffenden sein mag, ist entgegenzuhalten, daß Löwen- 
feld hiebei offenbar nur die Angst der Phobien im Auge 
hat, wie auch die an die zitierte Stelle geknüpften Beispiele 


105 


zeigen. Von den spontanen Angstanfällen, deren Inhalt 
Schwindel, Herzklopfen, Atemnot, Zittern, Schweiß u. dgl. 
ist, spricht er gar nicht. Das Auftreten und Ausbleiben dieser 
Angstanfälle zu erklären, scheint meine Theorie aber keines- 
wegs untüchtig. In einer ganzen Reihe solcher Fälle von 
Angstneurose ergibt sich nämlich wirklich der Anschein einer 
Periodizität des Auftretens von Angstzuständen ähnlich der 
bei Epilepsie beobachteten, nur daß hier der Mechanismus 
dieser Periodizität durchsichtiger wird. Bei näherer Er- 
forschung findet man nämlich mit großer Regelmäßigkeit 
einen aufregenden sexuellen Vorgang auf (d. h. einen solchen, 
der imstande ist, somatische Sexualspannung zu entbinden), 
an welchen sich mit Einhaltung eines bestimmten, oft ganz 
konstanten Zeitintervalles der Angstanfall anschließt. Diese 
Rolle spielen bei abstinenten Frauen die menstruale Erregung, 
die gleichfalls periodisch wiederkehrenden nächtlichen Pollu- 
tionen, vor allem der (in seiner Unvollständigkeit schädliche) 
sexuelle Verkehr selbst, der diesen seinen Wirkungen, den 
Angstanfällen, die eigene Periodizität überträgt. Kommen 
Angstanfälle, welche die gewohnte Periodizität durchbrechen, 
so gelingt es zumeist, sie auf eine Gelegenheitsursache von 
seltenerem und unregelmäßigem Vorkommen zurückzuführen, 
ein vereinzeltes sexuelles Erlebnis, Lektüre, Schaustellung 
u. dgl. Das Intervall, das ich erwähnt habe, beträgt einige 
Stunden bis zu zwei Tagen; es ist dasselbe, mit welchem 
bei anderen Personen auf dieselben Veranlassungen hin die 
bekannte Sexualmigräne auftritt, die ihre sicheren Beziehungen 
zum Symptomenkomplex der Angstneurose hat. 

Daneben gibt es reichlich Fälle, in denen der einzelne 
Angstzustand durch das Hinzutreten eines banalen Momentes, 
durch Aufregung beliebiger Art, provoziert wird. Es gilt also 
für die Ätiologie des einzelnen Angstanfalles dieselbe Vertretung 
wie für die Verursachung der ganzen Neurose. Daß die 
Angst der Phobien anderen Bedingungen folgt, ist nicht sehr 
verwunderlich; die Phobien haben ein komplizierteres Gefüge 
als die einfach somatischen Angstanfälle. Bei ihnen ist die 
Angst mit einem bestimmten Vorstellungs- oder Wahrnehmungs- 
inhalt verknüpft, und die Erweckung dieses psychischen In- 


106 


haltes ist die Hauptbedingung für das Auftreten dieser Angst. 
Die Angst wird dann „entbunden“, ähnlich wie z. B. die 
Sexualspannung durch die Erweckung libidinöser Vorstellungen; 
aber dieser Vorgang ist allerdings in seinem Zusammenhange 
mit der Theorie der Angstneurose noch nicht aufgeklärt. 

Ich sehe nicht ein, weshalb ich streben sollte, Lücken 
und Schwächen meiner Theorie zu verbergen. Die Haupt- 
sache an dem Problem der Phobien scheint mir zu sein, daß 
Phobien bei normaler Vita sexualis — d. i. bei 
Nichterfüllung der spezifischen Bedingung von Störung der 
Vita sexualis im Sinne einer Ablenkung des Somatischen vom 
Psychischen — überhaupt nicht zustande kommen. 
Mag sonst am Mechanismus der Phobien noch so Vieles 
dunkel sein, meine Lehre ist erst widerlegt, wenn man mir 
Phobien bei normaler Vita sexualis oder selbst bei nicht 
spezifisch bestimmter Störung derselben nachweist. 

4. Ich übergehe nun zu einer Bemerkung, die ich meinem 
geehrten Herrn Kritiker nicht unwidersprochen lassen darf. 

Ich hatte in meiner Mitteilung über die Angstneurose 
(l. c. p. 69) geschrieben: 

„In manchen Fällen von Angstneurose läßt sich eine 
Ätiologie überhaupt nicht erkennen. Es ist: bemerkenswert, 
daß in solchen Fällen der Nachweis einer schweren heredi- 
tären Belastung selten auf Schwierigkeiten stößt.“ 

„Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine er- 
worbene zu halten, da findet man bei sorgfältigem, dahin 
zielendem Examen als ätiologisch wirksame Momente eine 
Reihe von Schädlichkeiten und Einflüssen aus dem Sexual- 
leben....“ Löwenfeld druckt diese Stelle ab und knüpft 
an sie folgende Glosse: „Als „erworben“ scheint demnach F. 
die Neurose immer zu betrachten, wenn Gelegenheitsursachen 
derselben aufzufinden sind.“ 

Wenn sich dieser Sinn zwanglos aus meinem Text ab- 
leiten läßt, so gibt letzterer meinem Gedanken sehr ent- 
stellten Ausdruck. Ich mache darauf aufmerksam, daß ich 
vorhin in der Wertschätzung der Gelegenheitsursachen mich 
weit strenger als Löwenfeld erwiesen habe. Sollte ich die 
Meinung meiner Sätze selbst erläutern, so würde ich es tun, 


107 


indem ich nach der Bedingung: Wo man aber Grund 
hat, die Neurose für eine erworbene zu halten..., 
einschalte: weil der (im vorigen Satz erwähnte) 
Nachweis hereditärer Belastung nicht gelingt. 
Der Sinn ist: Ich halte den Fall für einen erworbenen, in 
dem sich Heredität nicht nachweisen läßt. Ich benehme mich 
dabei wie alle Welt, vielleicht mit dem kleinen Unterschied, 
daß Andere den Fall auch dann für hereditär bedingt er- 
klären, wo Heredität nicht besteht, so daß sie die ganze 
Kategorie erworbener Neurosen übersehen. Dieser Unterschied 
aber läuft zu meinen Gunsten. Ich gestehe jedoch zu, daß 
ich solches Mißverständnis durch die Redewendung im ersten 
Satze: „es läßt sich eine Ätiologie überhaupt nicht erkennen“, 
selbst verschuldet habe. Ich werde sicherlich auch von an- 
derer Seite zu hören bekommen, ich schaffe mir mit der 
Suche nach den spezifischen Ursachen der Neurosen über- 
flüssige Mühe. Die wirkliche Ätiologie der Angstneurosen 
wie der Neurosen überhaupt sei ja bekannt, es sei die Here- 
dität, und zwei wirkliche Ursachen könnten neben einander 
nicht bestehen. Die ätiologische Rolle der Heredität leugnete 
ich wohl nicht? Dann aber seien alle anderen Ätiologien — 
Gelegenheitsursachen und einander gleichwertig oder gleich 
minderwertig. 

Ich teile diese Anschauung über die Rolle der Heredität 
nicht, und da ich gerade dieses Thema in meiner kurzen 
Mitteilung über die Angstneurose am wenigsten gewürdigt 
habe, will ich versuchen, hier etwas vom Unterlassenen nach- 
zuholen und den Eindruck zu verwischen, als hätte ich mich 
bei der Abfassung meiner Arbeit nicht um alle zugehörigen 
Rätselfragen gemüht. 

Ich glaube, man ermöglicht sich eine Darstellung der 
wahrscheinlich sehr komplizierten ätiologischen Verhältnisse, 
die in der Pathologie der Neurosen obwalten, wenn man sich 
folgende ätiologische Begriffe festlegt: 

a) Bedingung, b) spezifische Ursache, ec) kon- 
kurrierende Ursache und, als den vorigen nicht gleich- 
wertigen Terminus, d) Veranlassung oder auslösende 
Ursache. 


108 


Um allen Möglichkeiten zu genügen, nehme man an, es 
handle sich um ätiologische Momente, die einer quantitativen 
Veränderung, also der Steigerung oder Verringerung, fähig sind. 

Läßt man sich die Vorstellung einer mehrgliederigen 
ätiologischen Gleichung gefallen, die erfüllt sein muß, wenn 
der Effekt zustande kommen soll, so charakterisiert sich als 
Veranlassung oder auslösende Ursache diejenige, welche 
zuletzt in die Gleichung eintritt, so daß sie dem Erscheinen 
des Effektes unmittelbar vorhergeht. Nur dieses zeitliche 
Moment macht das Wesen der Veranlassung aus, jede der 
andersartigen Ursachen kann im Einzelfalle auch die Rolle 
der Veranlassung spielen; in derselben ätiologischen Häufung 
kann diese Rolle wechseln. 

Als Bedingungen sind solche Momente zu bezeichnen, 
bei deren Abwesenheit der Effekt nie zustande käme, die 
aber für sich allein auch unfähig sind, den Effekt zu er- 
zeugen, sie mögen in noch so großem Ausmaß vorhanden sein. 
Es fehlt dazu noch die spezifisehe Ursache. 

Als spezifische Ursache gilt diejenige, die in keinem 
Falle von Verwirklichung des Effektes vermißt wird, und die 
in entsprechender Quantität oder Intensität auch hinreicht, den 
Effekt zu erzielen, wenn nur noch die Bedingungen erfüllt sind. 

Als konkurrierende Ursachen darf man solche 
Momente auffassen, welche weder jedesmal vorhanden sein 
müssen, noch imstande sind, in beliebigem Ausmaß ihrer 
Wirkung für sich allein den Effekt zu erzeugen, welche aber 
neben den Bedingungen und der spezifischen Ursache zur 
Erfüllung der ätiologischen Gleichung mitwirken. 

Die Besonderheit der konkurrierenden oder Hilfsursachen 
scheint klar; wie unterscheidet man aber Bedingungen und 
spezifische Ursache, da sie beide unentbehrlich und doch 
keines von ihnen allein zur Verursachung genügend sind? 

Da scheint denn folgendes Verhalten eine Entscheidung 
zu gestatten. Unter den „notwendigen Ursachen“ findet 
man mehrere, die auch in den ätiologischen Gleichungen 
vieler anderer Effekte wiederkehren, daher keine besondere 
Beziehung zum einzelnen Effekte verraten; eine dieser Ur- 
sachen aber stellt sich den anderen gegenüber, dadurch, daß 


109 


sie in |keiner anderen oder in sehr wenigen ätiologischen 
Formeln aufzufinden ist, und diese hat den Anspruch, spezi- 
fische Ursache des betreffenden Effektes zu heißen. Ferner 
sondern sich Bedingungen und spezifische Ursache besonders 
deutlich in solchen Fällen, in denen die Bedingungen den 
Charakter von lange bestehenden und wenig veränderlichen 
Zuständen haben, die spezifische Ursache einem rezent ein- 
wirkenden Faktor entspricht. 

Ich will ein Beispiel für dieses vollständige ätiologische 
Schema versuchen: 

Effekt: Phthisis pulmonum. 

Bedingung: Disposition, meist hereditär durch Organ- 
beschaffenheiten gegeben. 

Spezifische Ursache: Der Bazillus Kochi. 

Hilfsursachen: Alles Depotenzierende: Gemütsbe- 
wegungen wie Eiterungen oder Erkältungen. 

Das Schema für die Ätiologie der Angstneurose scheint 
mir ähnlich zu lauten: 

Bedingung: Heredität. 

Spezifische Ursache: Ein sexuelles Moment im 
Sinne einer Ablenkung der Sexualspannung vom Psychischen. 

Hilfsursachen: Alle banalen Schädigungen: Gemüts- 
bewegung, Schreck, wie physische Erschöpfung durch Krank- 
heit oder Überleistung. 

Wenn ich diese ätiologische Formel für die Angstneurose 
im einzelnen diskutiere, kann ich noch folgende Bemerkungen 
hinzufügen. Ob eine besondere persönliche Beschaffenheit (die 
nicht hereditär bezeugt zu sein brauchte) für die Angstneurose 
unbedingt erfordert wird, oder ob jeder normale Mensch 
durch etwaige quantitative Steigerung des spezifischen 
Momentes zur Angstneurose gebracht werden kann, weiß ich 
nicht sicher zu entscheiden, neige aber sehr zur letzteren 
Meinung. — Die hereditäre Disposition ist die wichtigste 
Bedingung der Angstneurose, aber keine unentbehrliche, 
da sie in einer Reihe von Grenzfällen vermißt wird. — Das 
spezifische sexuelle Moment wird in der übergroßen Zahl der 
Fälle mit Sicherheit nachgewiesen, in einer Reihe von Fällen 
(kongenitalen) sondert es sich von der Bedingung der Heredität 


110 


nicht ab, sondern ist durch diese miterfüllt, d.h. die Kranken 
bringen jene Besonderheit der Vita sexualis als Stigma mit 
(die psychische Unzulänglichkeit zur Bewältigung der soma- 
tischen Sexualspannung), über welche sonst der Weg zur 
Erwerbung der Neurose führt; in einer anderen Reihe von 
Grenzfällen ist die spezifische Ursache in einer konkurrierenden 
enthalten, wenn nämlich die besagte psychische Unzuläng- 
lıchkeit durch Erschöpfung u. dgl. zustande kommt. Alle diese 
Fälle bilden fließende Reihen, nicht abgesonderte Kategorien ; 
durch alle zieht sich indes das ähnliche Verhalten im Schicksal 
der Sexualspannung, und für die meisten gilt die Sonderung 
von Bedingung, spezifischer und Hilfsursache, konform der 
oben gegebenen Auflösung der ätiologischen Gleichung. 

Ich kann, wenn ich meine Erfahrungen darnach befrage, 
ein gegensätzliches Verhalten von hereditärer Disposition und 
spezifischem sexuellem Moment für die Angstneurose nicht 
auffinden. Im Gegenteile, die beiden ätiologischen Faktoren 
unterstützen und ergänzen einander. Das sexuelle Moment 
wirkt meistens nur bei jenen Personen, die eine hereditäre 
Belastung mit dazu bringen; die Heredität allein ist meistens 
nicht imstande, eine Angstneurose zu erzeugen, sondern 
wartet auf das Eintreffen eines genügenden Maßes der spe- 
zifischen sexuellen Schädlichkeit. Die Konstatierung der 
Heredität überhebt darum nicht der Suche nach einem spe- 
zifischen Moment, an dessen Auffindung sich übrigens auch 
alles therapeutische Interesse knüpft. Denn was will man 
therapeutisch mit der Heredität als Ätiologie anfangen? Sie 
hat seit jeher bei dem Kranken bestanden und wird bis an 
dessen Ende weiter bestehen. Sie ist an und für sich weder 
geeignet, das episodische Auftreten einer Neurose, noch deren 
Aufhören durch Behandlung verstehen zu lassen. Sie ist nichts 
als eine Bedingung der Neurose, eine unsäglich wichtige 
zwar, aber doch eine zum Schaden der Therapie und des 
theoretischen Verständnisses überschätzte.. Man denke nur, 
um sich durch den Kontrast der Tatsachen überzeugen zu 
lassen, an die Fälle von familiären Nervenkrankheiten (Chorea 
chronicaa, Thomsen’sche Krankheit u. dgl.), in denen die 
Heredität alle ätiologischen Bedingungen in sich vereinigt. 


111 


Ich möchte zum Schlusse die wenigen Sätze wiederholen, 
durch welche ich in erster Annäherung an die Wirklichkeit, 
die gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen ätiologischen 
Faktoren auszudrücken pflege: 

1. Ob überhaupt eine neurotische Erkrankung zu- 
stande kommt, hängt von einem quantitativen Faktor ab, 
von der Gesamtbelastung des Nervensystems im Verhältnis 
zu dessen Resistenzfähigkeit. Alles was diesen Faktor unter 
einem gewissen Schwellenwert halten oder zurückbringen 
kann, hat therapeutische Wirksamkeit, indem es die ätiologische 
Gleichung unerfüllt läßt. 

Was man unter „Gesamtbelastung“, was man unter 
„Resistenzfähigkeit* des Nervensystems zu verstehen habe, 
das ließe sich mit Zugrundelegung gewisser Hypothesen über 
die Nervenfunktion wohl deutlicher ausführen. 

2. Welchen Umfang die Neurose erreicht, das hängt 
in erster Linie von dem Maß hereditärer Belastung ab. Die 
Heredität wirkt wie ein in den Stromkreis eingeschalteter 
Multiplikator, der den Ausschlag der Nadel um das Vielfache 


vergrößert. 
3. Welche Form aber die Neurose annimmt — den 
Sinn des Ausschlages — dies bestimmt allein das aus dem 


Sexualleben stammende spezifische ätiologische Moment. 

Ich hoffe, daß im ganzen, obwohl ich mir der vielen 
noch unerledigten Schwierigkeiten des Gegenstandes bewußt, 
bin, meine Aufstellung der Angstneurose sich für das Ver- 
ständnis der Neurosen fruchtbarer erweisen wird, als Löwen- 
feld’s Versuch, denselben Tatsachen Rechnung zu tragen 
durch die Konstatierung „einer Verknüpfung neura- 
sthenischer und hysterischer Symptome in An- 
fallsform*. 


Wien, anfangs Mai 1895. 


VM. 


Weitere Bemerkungen über die Abwehr- 
Neuropsychosen.') 


Als „Abwehr-Neuropsychosen“ habe ich 1894 in 
einem kleinen Aufsatze (Neurologisches Centralblatt, Nr. 10 
und 11) Hysterie, Zwangsvorstellungen sowie gewisse Fälle von 
akuter halluzinatorischer Verworrenheit zusammengefaßt, weil 
sich für diese Affektionen der gemeinsame Gesichtspunkt er 
geben hatte, ihre Symptome entstünden durch den psychischen 
Mechanismus der (unbewußten) Abwehr, d. h. bei dem 
Versuche, eine unverträgliche Vorstellung zu verdrängen, die 
in peinlichen Gegensatz zum Ich der Kranken getreten war. 
An einzelnen Stellen eines seither erschienenen Buches „Studien 
über Hysterie von Dr. J. Breuer und mir, habe ich dann 
erläutern und an Krankenbeobachtungen darlegen können, 
in welchem Sinne dieser psychische Vorgang der „Abwehr“ 
oder „Verdrängung“ zu verstehen ist. Ebendaselbst finden 
sich auch Angaben über die mühselige, aber vollkommen ver- 
läßliche Methode der Psychoanalyse, deren ich mich bei diesen 
Untersuchungen, die gleichzeitig eine Therapie darstellen, 
bediene. 

Meine Erfahrungen in den letzten beiden Arbeitsjahren 
haben mich nun in der Neigung bestärkt, die Abwehr zum 
Kernpunkt im psychischen Mechanismus der erwähnten Neu- 
rosen zu machen, und haben mir anderseits gestattet, der 
psychologischen Theorie eine klinische Grundlage zu geben. 
Ich bin zu meiner eigenen Überraschung auf einige einfache, 
aber eng umschriebene Lösungen der Neurosenprobleme ge- 
stoßen, über die ich auf den nachfolgenden Seiten vorläufig 


ı) „Neurologisches Centralblatt“, 1896, Nr. 10. 


113 


und in Kürze berichten will. Ich kann es mit dieser 
Art der Mitteilung nicht vereinen, den Behauptungen die 
Beweise anzufügen, deren sie bedürfen, hoffe aber, diese 
Verpflichtung in einer ausführlichen Darstellung einlösen zu 
können. 


I. Die „spezifische“ Ätiologie der Hysterie. 

Daß die Symptome der Hysterie erst durch Zurück- 
führung auf „traumatisch* wirksame Erlebnisse verständlich 
werden, und daß diese psychischen Traumen sich auf das 
Sexualleben beziehen, ist von Breuer und mir bereits in 
früheren Veröffentlichungen ausgesprochen worden. Was ich 
heute als einförmiges Ergebnis meiner an 13 Fällen von 
Hysterie durchgeführten Analysen hinzuzufügen habe, betrifft 
einerseits die Natur dieser sexuellen Traumen, andererseits 
die Lebensperiode, in der sie vorfallen. Es reicht für die Ver- 
ursachung der Hysterie nicht hin, daß zu irgend einer Zeit 
des Lebens ein Erlebnis auftrete, welches das Sexualleben 
irgendwie streift und durch die Entbindung und Unterdrückung 
eines peinlichen Affektes pathogen wird. Es müssen vielmehr 
diese sexuellen Traumen der frühen Kindheit (der 
Lebenszeit vor der Pubertät) angehören, und ihr 
Inhalt muß in wirklicher Irritation der Genitalien 
(koitusähnlichen Vorgängen) bestehen. 

Diese spezifische Bedingung der Hysterie — sexuelle 
Passivität in vorsexuellen Zeiten — fand ich in allen 
analysierten Fällen von Hysterie (darunter 2 Männer) erfüllt. 
Wie sehr die Anforderung an hereditäre Disposition durch 
solche Bedingtheit der accidentellen ätiologischen Momente 
verringert wird, bedarf nur der Andeutung; ferner eröffnet 
sich ein Verständnis für die ungleich größere Häufigkeit der 
Hysterie beim weiblichen Geschlecht, da dieses auch im Kindes- 
alter eher zu sexuellen Angriffen reizt. 

Die nächstliegendsten Einwendungen gegen dieses 
Resultat dürften lauten, daß sexuelle Angriffe gegen kleine 
Kinder zu häufig vorfallen, als daß ihrer Konstatierung ein 
ätiologischer Wert zukäme, oder daß solche Erlebnisse gerade 
darum wirkungslos bleiben müssen, weil sie ein sexuell un- 


Freud, Nenrosenlehre. 8 


114 


entwickeltes Wesen betreffen; ferner daß man sich hüten 
müsse, derlei angebliche Reminiszenzen den Kranken durchs 
Examen aufzudrängen, oder an die Romane, die sie selbst 
erdichten, zu glauben. Den letzteren Einwendungen ist die 
Bitte entgegenzuhalten, daß doch niemand allzu sicher auf 
diesem dunkeln Gebiete urteilen möge, der sich noch nicht 
der einzigen Methode bedient hat, welche es zu erhellen ver- 
mag (der Psychoanalyse zur Bewußtmachung des bisher Un- 
bewußten.!) Das Wesentliche an den ersteren Zweifeln erledigt 
sich durch die Bemerkung, daß ja nicht die Erlebnisse selbst 
traumatisch wirken, sondern deren Wiederbelebung als 
Erinnerung, nachdem das Individuum in die sexuelle 
Reifung eingetreten ist. 

Meine 13 Fälle von Hysterie waren durchwegs von 
schwerer Art, alle mit vieljähriger Krankheitsdauer, einige 
nach längerer und erfolgloser Anstaltsbehandlung. Die Kinder- 
traumen, welche die Analyse für diese schweren Fälle auf- 
deckte, mußten sämtlich als schwere sexuelle Schädigungen 
bezeichnet werden; gelegentlich waren es geradezu abscheu- 
liche Dinge. Unter den Personen, welche sich eines solchen 
folgenschweren Abusus schuldig machten, stehen obenan 
Kinderfrauen, Gouvernanten und andere Dienstboten, denen 
man allzu sorglos die Kinder überläßt, ferner sind in be- 
dauerlicher Häufigkeit lehrende Personen vertreten; in 7 von 
jenen 13 Fällen handelte es sich aber auch um schuldlose 
kindliche Attentäter, meist Brüder, die mit ihren um wenig 
jüngeren Schwestern Jahre hindurch sexuelle Beziehungen 
unterhalten hatten. Der Hergang war wohl jedesmal ähnlich, 
wie man ihn in einzelnen Fällen mit Sicherheit verfolgen 
konnte, daß nämlich der Knabe von einer Person weiblichen 
Geschlechts mißbraucht worden war, daß dadurch in ihm 
vorzeitig die Libido geweckt wurde, und daß er dann einige 
Jahre später in sexueller Aggression gegen seine Schwester 
genau die nämlichen Prozeduren wiederholte, denen man 
ihn selbst unterzogen hatte. 

!) Ich vermute selbst, daß die so häufigen Attentatsdichtungen der 


Hysterischen Zwangsdichtungen sind, die von der Erinnerungsspur des 
Kindertraumas ausgehen. 


115 


Aktive Masturbation muß ich aus der Liste der für 
Hysterie pathogenen sexuellen Schädlichkeiten des frühen 
Kindesalters ausschließen. Wenn diese doch so häufig neben 
der Hysterie gefunden wird, so rührt dies von dem Umstande 
her, daß die Masturbation selbst weit häufiger, als man meint, 
die Folge des Mißbrauches oder der Verführung ist. Gar nicht 
selten erkranken beide Teile des kindlichen Paares später an 
Abwehrneurosen, der Bruder an Zwangsvorstellungen, die 
Schwester an Hysterie, was natürlich den Anschein einer 
familiären neurotischen Disposition ergibt. Diese Pseudoheredität 
löst sich aber mitunter auf überraschende Weise; in einer 
meiner Beobachtungen waren Bruder, Schwester und ein 
etwas älterer Vetter krank. Aus der Analyse, die ich mit dem 
Bruder vornahm, erfuhr ich, daß er an Vorwürfen darüber 
litt, daß er die Krankheit der Schwester verschuldet; ihn 
selbst hatte der Vetter verführt, und von diesem war in 
der Familie bekannt, daß er das Opfer seiner Kinderfrau 
geworden war. 

Die obere Altersgrenze, bis zu welcher sexuelle Schädigung 
in die Ätiologie ‘der Hysterie fällt, kann ich nicht sicher 
angeben; ich zweifle aber, ob sexuelle Passivität nach dem 
8. bis 10. Jahre Verdrängung ermöglichen kann, wenn sie nicht 
durch vorherige Erlebnisse dazu befähigt wird. Die untere 
Grenze reicht so weit als das Erinnern überhaupt, also bis 
ins zarte Alter von 1!/, oder 2 Jahren! (2 Fälle). In einer 
Anzahl meiner Fälle ist das sexuelle Trauma (oder die Reihe 
von Traumen) im 3. und 4. Lebensjahre enthalten. Ich würde 
diesen sonderbaren Funden selbst nicht Glauben schenken, 
wenn sie sich nicht durch die Ausbildung der späteren 
Neurose volle Vertrauenswürdigkeit verschaffen würden. In 
jedem Falle ist eine Summe von krankhaften Symptomen, 
Gewohnheiten und Phobien nur durch das Zurückgehen auf 
jene Kindererlebnisse erklärlich, und das logische Gefüge 
der neurotischen Äußerungen macht eine Ablehnung jener 
aus dem Kinderleben auftauchenden, getreu bewahrten 
Erinnerungen unmöglich. Es wäre freilich vergebens, diese 
Kindertraumen einem Hysterischen außerhalb der Psycho- 
analyse abfragen zu wollen; ihre Spur ist niemals im be- 

8* 


116 


wußten Erinnern, nur in den Krankheitssymptomen auf- 
zufinden. 

Alle die Erlebnisse und Erregungen, welche in der 
Lebensperiode nach der Pubertät den Ausbruch der Hysterie 
vorbereiten oder veranlassen, wirken nachweisbar nur 
dadurch, daß sie die Erinnerungsspur jener Kindheitstraumen 
erwecken, welche dann nicht bewußt wird, sondern zur 
Affektentbindung und Verdrängung führt. Es steht mit dieser 
Rolle der späteren Traumen in gutem Einklange, daß sie 
nicht der strengen Bedingtheit der Kindertraumen unter- 
liegen, sondern nach Intensität und Beschaffenheit variieren 
können, von. wirklicher sexueller Überwältigung bis zu bloßen 
sexuellen Annäherungen und zur Sinneswahrnehmung sexueller 
Akte bei Anderen oder Aufnahme von Mitteilungen über 
geschlechtliche Vorgänge.!) 

In meiner ersten Mitteilung über die Abwehrneurosen 
blieb es unaufgeklärt, wieso das Bestreben der bis dahin 
Gesunden, ein solches traumatisches Erlebnis zu vergessen, 
den Erfolg haben könne, die beabsichtigte Verdrängung wirk- 
lich zu erzielen und damit der Abwehrneurose das Tor zu 
öffnen. An der Natur des Erlebnisses konnte es nicht liegen, 
da andere Personen trotz der gleichen Anlässe gesund blieben. 
Es konnte also die Hysterie nicht aus der Wirkung des 
Traumas voll erklärt werden; man mußte zugestehen, daß die 
Fähigkeit zur hysterischen Reaktion schon vor dem Trauma 
bestanden hatte. 

An Stelle dieser unbestimmten hysterischen Disposition 
kann nun ganz oder teilweise die posthume Wirkung des 
sexuellen Kindertraumas treten. Die „Verdrängung“ der 
Erinnerung an ein peinliches sexuelles Erlebnis reiferer Jahre 


!) In einem Aufsatze über die Angstneurose (Neurologisches Central- 
blatt, 1895, Nr.2) erwähnte ich, daß „ein erstes Zusammentreffen mit dem 
sexuellen Problem bei heranreifenden Mädchen eine Angstneurose her- 
vorrufen kann, die in fast typischer Weise mit Hysterie kombiniert ist“, 
Ich weiß heute, daß die Gelegenheit, bei welcher solche virginale 
Angst ausbricht, eben nicht dem ersten Zusammentreffen mit der 
Sexualität entspricht, sondern daß bei diesen Personen ein Erlebnis 
sexueller Passivität in den Kinderjahren vorhergegangen ist, dessen 
Erinnerung bei dem „ersten Zusammentreffen“ geweckt wird. 


117 


gelingt nur solchen Personen, bei denen dies Erlebnis die 
Erinnerungsspur eines Kindertraumas zur Wirkung bringen 
kann.!) 

Zwangsvorstellungen haben gleichfalls ein sexuelles 
Kindererlebnis (anderer Natur als bei Hysterie) zur Voraus- 
setzung. Die Ätiologie der beiden Abwehr-Neuropsychosen 
bietet nun folgende Beziehung zur Ätiologie der beiden ein- 
fachen Neurosen, Neurasthenie und Angstneurose. Die beiden 
letzteren Affektionen sind unmittelbare Wirkungen dersexuellen 
Noxen selbst, wie ich es in einem Aufsatze über die Angst- 
neurose 1895 dargelegt habe; die beiden Abwehrneurosen 
sind mittelbare Folgen sexueller Schädlichkeiten, die vor 
Eintritt der Geschlechtsreife eingewirkt haben, nämlich Folgen 
der psychischen Erinnerungsspuren an diese Noxen. Die 
aktuellen Ursachen, welche Neurasthenie und Angstneurose 
erzeugen, spielen häufig gleichzeitig die Rolle von erweckenden 
Ursachen für die Abwehrneurosen; anderseits können die 
spezifischen Ursachen der Abwehrneurose, die Kindertraumen, 
gleichzeitig den Grund für die später sich entwickelnde 


ı) Eine psychologische "Theorie der Verdrängung müßte auch Aus- 
kunft darüber geben, warum nur Vorstellungen sexuellen Inhaltes ver- 
drängt werden können. Sie darf von folgenden Andeutungen ansgehen: 
Das Vorstellen sexuellen Inhaltes erzeugt bekanntlich ähnliche Erregungs- 
vorgänge in den Genitalien wie das sexuelle Erleben selbst. Man darf 
annehmen, daB diese somatische Erregung sich in psychische umsetzt. 
In der Regel ist die diesbezügliche Wirkung beim Erlebnis viel stärker 
als bei der Erinnerung daran. Wenn aber das sexuelle Erlebnis in die 
Zeit sexueller Unreife fällt, die Erinnerung daran während oder nach 
der Reife erweckt wird, dann wirkt die Erinnerung ungleich stärker 
erregend als seinerzeit das Erlebnis, denn inzwischen hat die Pubertät 
die Reaktionsfähigkeit des Sexualapparates in unvergleichbarem Maße 
gesteigert. Ein solches umgekehrtes Verhältnis zwischen realem Erlebnis 
und Erinnerung scheint aber die psychologische Bedingung einer Ver- 
drängung zu enthalten. Das Sexualleben bietet — durch die Verspätung 
der Pubertätsreife gegen die psychischen Funktionen — die einzig vor- 
kommende Möglichkeit für jene Umkehrung der relativen Wirksamkeit. 
Die Kindertraumen wirken nachträglich wie frische Er- 
lebnisse, dann aber unbewußt. Weitergehende psychologische 
Erörterungen müßte ich auf ein anderesmal verschieben. — Ich bemerke 
noch, daß die hier in Betracht kommende Zeit der „sexuellen Reifung“ 
nicht mit der Pubertät zusammenfällt, sondern vor dieselbe (8. bis 10. Jahr). 


118 


Neurasthenie legen. Endlich ist auch der Fall nicht selten, 
daß eine Neurasthenie oder Angstneurose anstatt durch aktuelle 
sexuelle Schädlichkeiten nur durch fortwirkende Erinnerung an 
Kindertraumen in ihrem Bestande erhalten wird. 


II. Wesen und Mechanismus der Zwangsneurose. 


In der Ätiologie der Zwangsneurose haben sexuelle 
Erlebnisse der frühen Kinderzeit dieselbe Bedeutung wie bei 
Hysterie, doch handelt es sich hier nicht mehr um sexuelle 
Passivität, sondern um mit Lust ausgeführte Aggressionen 
und mit Lust empfundene Teilnahme an sexuellen Akten, also 
um sexuelle Aktivität. Mit dieser Differenz der ätiologischen 
Verhältnisse hängt es zusammen, daß bei der Zwangsneurose 
das männliche Geschlecht bevorzugt erscheint. 

Ich habe übrigens in all meinen Fällen von Zwangs- 
neurose einen Untergrund von hysterischen Symp- 
tomen gefunden, die sich auf eine der Lusthandlung vor- 
hergehende Szene sexueller Passivität zurückführen ließen. 
Ich vermute, daB dieses Zusammentreffen ein gesetzmäßiges 
ist, und daß vorzeitige sexuelle Aggression stets ein Erlebnis 
von Verführung voraussetzt. Ich kann aber gerade von der 
Ätiologie der Zwangsneurose noch keine abgeschlossene Dar- 
stellung geben; es macht mir nur den Eindruck, als hinge 
die Entscheidung darüber, ob auf Grund der Kindertraumen 
Hysterie oder Zwangsneurose entstehen soll, mit den zeit- 
lichen Verhältnissen der Entwicklung von Libido zusammen. 

Das Wesen der Zwangsneurose läßt sich in einer ein- 
fachen Formel aussprechen: Zwangsvorstellungen sind 
jedesmal verwandelte, aus der Verdrängung 
wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine 
sexuelle, mit Lust ausgeführte Aktion der Kinder- 
zeit beziehen. Zur Erläuterung dieses Satzes ist es not- 
wendig, den typischen Verlauf einer Zwangsneurose zu be- 
schreiben. 

In einer ersten Periode — Periode der kindlichen 
Immoralität — fallen die Ereignisse vor, welche den Keim 
der späteren Neurose enthalten. Zuerst in frühester Kindheit 
die Erlebnisse sexueller Verführung, welche später die Ver- 


119 


drängung ermöglichen, sodann die Aktionen sexueller Aggression 
gegen das andere Geschlecht, welche später als Vorwurfshand- 
lungen erscheinen. 

Dieser Periode wird ein Ende bereitet durch den — 
oft selbst verfrühten — Eintritt der sexuellen „Reifung“. 
Nun knüpft sich an die Erinnerung jener Lustaktionen ein 
Vorwurf, und der Zusammenhang mit dem initialen Erlebnisse 
von Passivität ermöglicht es — oft erst nach bewußter und 
erinnerter Anstrengung — diesen zu verdrängen und durch 
ein primäres Abwehrsymptom zu ersetzen. Gewissen- 
haftigkeit, Scham, Selbstmißtrauen sind solche Symptome, 
mit denen die dritte Periode, die der scheinbaren Gesundheit, 
eigentlich der gelungenen Abwehr beginnt. 

Die nächste Periode, die der Krankheit, ist ausgezeichnet 
durch die Wiederkehr der verdrängtenErinnerungen, 
also durch das Mißglücken der Abwehr, wobei es unentschieden 
bleibt, ob die Erweckung derselben häufiger zufälig und 
spontan oder infolge aktueller sexueller Störungen gleichsam 
als Nebenwirkung derselben erfolgt. Die wiederbelebten Er- 
innerungen und die aus ihnen gebildeten Vorwürfe treten 
aber niemals unverändert ins Bewußtsein ein, sondern was 
als Zwangsvorstellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die 
pathogene Erinnerung für das bewußte Leben substituiert, 
sind Kompromißbildungen zwischen den verdrängten und 
den verdrängenden Vorstellungen. 

Um die Vorgänge der Verdrängung, der Wiederkehr des 
Verdrängten und der Bildung der pathologischen Kompromiß- 
vorstellungen anschaulich und wahrscheinlich zutreffend zu 
beschreiben, müßte man sich zu ganz bestimmten Annahmen 
über das Substrat des psychischen Geschehens und des Be- 
wußtseins entschließen. So lange man dies vermeiden will, 
muß man sich mit folgenden, eher bildlich verstandenen 
Bemerkungen bescheiden: Es gibt zwei Formen der Zwangs- 
neurose, je nachdem allein der Erinnerungsinhalt der Vor- 
wurfshandlung sich den Eingang ins Bewußtsein erzwingt 
oder auch der an sie geknüpfte Vorwurfsaffekt. Der erstere 
Fall ist der der typischen Zwangsvorstellungen, bei denen 
der Inhalt die Aufmerksamkeit des Kranken auf sich zieht, 


120 


als Affekt nur eine unbestimmte Unlust empfunden wird, 
während zum Inhalte der Zwangsvorstellung nur der Affekt 
des Vorwurfs passen würde. Der Inhalt der Zwangsvorstellung 
ist gegen den der Zwangshandlung im Kindesalter in zwei- 
facher Weise entstellt: erstens, indem etwas Aktuelles an 
die Stelle des Vergangenen gesetzt ist, zweitens, indem das 
Sexuelle durch Analoges, nicht Sexuelles substituiert wird. 
Diese beiden Abänderungen sind die Wirkung der immer 
noch in Kraft stehenden Verdrängungsneigung, die wir dem 
„Ich“ zuschreiben wollen. Der Einfluß der wiederbelebten 
pathogenen Erinnerung zeigt sich darin, daß der Inhalt der 
Zwangsvorstellung noch stückweise mit dem verdrängten 
identisch ist oder sich durch korrekte Gedankenfolge von 
ihm ableitet. Rekonstruiert man mit Hilfe der psychoanalyti- 
schen Methode die Entstehung einer einzelnen Zwangsvor- 
stellung, so findet man, daß von einem aktuellen Eindrucke 
aus zwei verschiedene Gedankengänge angeregt worden sind; 
der eine davon, der über die verdrängte Erinnerung gegangen 
ist, erweist sich als ebenso korrekt logisch gebildet wie der 
andere, obwohl er bewußtseinsunfähig und unkorrigierbar ist. 
Stimmen die Resultate der beiden psychischen Operationen 
nicht zusammen, so kommt es nicht etwa zur logischen Aus- 
gleichung des Widerspruches zwischen beiden, sondern neben 
dem normalen Denkergebnisse tritt als Kompromiß zwischen 
dem Widerstande und dem pathologischen Denkresultate eine 
absurd erscheinende Zwangsvorstellung ins Bewußtsein. Wenn 
die beiden Gedankengänge den gleichen Schluß ergeben, ver- 
stärken sie einander, so daß ein normal gewonnenes Denk- 
resultat sich nun psychisch wie eine Zwangsvorstellung ver- 
hält. Wo immer neurotischerZwangimPsychischen 
auftritt, rührt er von Verdrängung her. Die Zwangs- 
vorstellungen haben sozusagen psychischen Zwangskurs nicht 
wegen ihrer eigenen Geltung, sondern wegen der Quelle, aus 
der sie stammen, oder die zu ihrer Geltung einen Beitrag 
geliefert hat. 

Eine zweite Gestaltung der Zwangsneurose ergibt sich, 
wenn nicht der verdrängte Erinnerungsinhalt, sondern der 
gleichfalls verdrängte Vorwurf eine Vertretung im bewußten 


121 


psychischen Leben erzwingt. Der Vorwufsaffekt kann sich durch 
einen psychischen Zusatz in einen beliebigen anderen Unlust- 
affekt verwandeln; ist dies geschehen, so steht dem Bewußt- 
werden des substituierenden Affekts nichts mehr im Wege. 
So verwandelt sich Vorwurf (die sexuelle Aktion im Kindes- 
alter vollführt zu haben) mit Leichtigkeit n Scham (wenn 
ein Anderer davon erführe), in hypochondrische Angst 
(vor den körperlich schädigenden Folgen jener Vorwurfshand- 
lung), in soziale Angst (vor der gesellschaftlichen Ahndung 
jenes Vergehens), in religiöse Angst, in Beachtungs- 
wahn (Furcht, daß man jene Handlung Anderen verrate), in 
Versuchungsangst (berechtigtes Mißtrauen in die eigene 
moralische Widerstandskraft) u. dgl. Dabei kann der Er- 
innerungsinhalt der Vorwurfshandlung im Bewußtsein mit- 
vertreten sein oder gänzlich zurückstehen, was die diagnostische 
Erkennung sehr erschwert. Viele Fälle, die man bei ober- 
flächlicher Untersuchung für gemeine (neurasthenische) Hypo- 
chondrie hält, gehören zu dieser Gruppe der Zwangs- 
affekte insbesondere die sogenannte „periodische Neura- 
sthenie* oder „periodische Melancholie“ scheint in ungeahnter 
Häufigkeit sich in Zwangsaffekte und Zwangsvorstellungen 
aufzulösen, eine Erkennung, die therapeutisch nicht gleich- 
giltig ist. 

Neben diesen Kompromißsymptomen, welche die Wieder- 
kehr des Verdrängten und somit ein Scheitern der ursprünglich 
erzielten Abwehr bedeuten, bildet die Zwangsneurose eine 
Reihe weiterer Symptome von ganz anderer Herkunft. Das 
Ich sucht sich nämlich jener Abkömmlinge der initial ver- 
drängten Erinnerung zu erwehren und schafft in diesem Ab- 
wehrkampfe Symptome, die man als „ekundäre Abwehr“ 
zusammenfassen könnte. Es sind dies durchwegs „Schutz- 
maßregeln“, die bei der Bekämpfung der Zwangsvor- 
stellungen und Zwangsaffekte gute Dienste geleistet haben. 
Gelingt es diesen Hilfen im Abwehrkampfe wirklich, die 
dem Ich aufgedrängten Symptome der Wiederkehr neuer- 
dings zu verdrängen, so überträgt sich der Zwang auf die 
Schutzmaßregeln selbst und schafft eine dritte Gestaltung der 
„Zwangsneurose“, die Zwangshandlungen. Niemals sind 


122 


diese primär, niemals enthalten sie etwas anderes als eine 
Abwehr, nie eine Aggression; die psychische Analyse weist 
von ihnen nach, daß sie — trotz ihrer Sonderbarkeit — durch 
Zurückführung auf die Zwangserinnerung, die sie bekämpfen, 
jedesmal voll aufzuklären sind.!) 

Die sekundäre Abwehr der Zwangsvorstellungen kann 
erfolgen durch gewaltsame Ablenkung auf andere Gedanken, 
möglichst konträren Inhalts; daher im Falle des Gelingens 
der Grübelzwang, regelmäßig über abstrakte, übersinn- 
liche Dinge, weil die verdrängten Vorstellungen immer sich 
mit der Sinnlichkeit beschäftigten. Oder der Kranke ver- 
sucht, jeder einzelnen Zwangsidee durch logische Arbeit und 
Berufung auf seine bewußten Erinnerungen Herr zu werden; 
dies führt zum Denk- und Prüfungszwang und zur 
Zweifelsucht. Der Vorzug der Wahrnehmung vor der Er- 
innerung bei diesen Prüfungen veranlaßt den Kranken zuerst 


ı) Ein Beispiel anstatt vieler: Ein 11ljähriger Knabe hatte sich 
folgendes Zermoniell vor dem Zubettgehen zwangsartig eingerichtet: Er 
schlief nicht eher ein, als bis er seiner Mutter alle Erlebnisse des Tages 
haarklein vorerzählt hatte; auf dem Teppich des Schlafzimmers durfte 
abends kein Papierschnitzelchen und kein anderer Unrat zu finden sein; 
das Bett mußte ganz an die Wand angerückt werden, drei Stühle davor- 
stehen, die Polster in ganz bestimmter Weise liegen. Er selbst mußte, 
um einzuschlafen, zuerst eine gewisse Anzahl vonMalen mitbeiden Beinen 
stoßen und sich dann auf die Seite legen. — Das klärte sich folgender- 
maßen auf: Jahre vorher hatte es sich zugetragen, daß ein Dienstmäd- 
chen, welches den schönen Knaben zu Bette bringen sollte, die Gelegen- 
heit benützte, um sich dann über ihn zu legen und ihn sexuell zu miß- 
brauchen. Als dann später einmal diese Erinnerung durch ein rezentes 
Erlebnis geweckt wurde, gab sie sich dem Bewußtsein durch den Zwang 
zu obigem Zermoniell kund, dessen Sinn leicht zu erraten war und im 
einzelnen durch die Psychoanalyse festgestellt wurde: Sessel vor dem 
Bett und dieses an die Wand gerückt — damit niemand mehr zum 
Bett Zugang haben könne; Polster in einer gewissen Weise geordnet 
— damit sie anders geordnet seien als an jenem Abend; die Bewegungen 
mit den Beinen — Wegstoßen der auf ihm liegenden Person; Schlafen 
auf der Seite — weil er bei der Szene auf dem Rücken gelegen; die 
ausführliche Beichte vor der Mutter — weil er diese und andere sexuelle 
Erlebnisse infolge von Verbot der Verführerin ihr verschwiegen hatte; 
endlich Reinhaltung des Bodens im Schlafzimmer — weil dies der 
Hauptvorwurf war, den er bis dahin von der Mutter hatte hinnehmen 
müssen. 


123 


und zwingt ihn später, alle Objekte, mit denen er in Be- 
rührung getreten ist, zu sammeln und aufzubewahren. Die 
sekundäre Abwehr gegen die Zwangsaffekte ergibt eine noch 
größere Reihe von Schutzmaßregeln, die der Verwandlung 
in Zwangshandlungen fähig sind. Man kann dieselben nach 
ihrer Tendenz gruppieren: Maßregeln der Buße (lästiges 
Zermoniell, Zahlenbeobachtung), der Vorbeugung (allerlei 
Phobien, Aberglauben, Pedanterie, Steigerung des Primär- 
symptoms der Gewissenhaftigkeit), der Furcht vor Verrat 
(Papiersammeln, Menschenscheu), der Betäubung (Dipso- 
manie). Unter diesen Zwangshandlungen und -impulsen spielen 
die Phobien als Existenzbeschränkungen des Kranken die 
größte Rolle. 

Es gibt Fälle, in welchen man beobachten kann, wie 
sich der Zwang von der Vorstellung oder vom Affekt auf 
die Maßregel überträgt; andere, in denen der Zwang periodisch 
zwischen dem Wiederkehrsymptome und dem Symptome der 
sekundären Abwehr oszilliert; aber daneben noch Fälle, in 
denen überhaupt keine Zwangsvorstellung gebildet, sondern 
die verdrängte Erinnerung sogleich durch die scheinbar 
primäre Abwehrmaßregel vertreten wird. Hier wird mit einem 
Sprunge jenes Stadium erreicht, welches sonst erst nach dem 
Abwehrkampfe den Verlauf der Zwangsneurose abschließt. 
Schwere Fälle dieser Affektion enden mit der Fixirung von 
Zermoniellhandlungen, allgemeiner Zweifelsucht oder einer 
durch Phobien bedingten Sonderlingsexistenz. 

Daß die Zwangsvorstellung und alles von ihr Abgeleitete 
keinen Glauben findet, rührt wohl daher, daß bei der ersten 
Verdrängung das Abwehrsymptom der Gewissenhaftig- 
keit gebildet worden ist, das gleichfalls Zwangsgeltung ge- 
wonnen hat. Die Sicherheit, in der ganzen Periode der ge- 
lungenen Abwehr moralisch gelebt zu haben, macht es un- 
möglich, dem Vorwurfe, welchen ja die Zwangsvorstellung 
involviert, Glauben zu schenken. Nur vorübergehend beim Auf- 
treten einer neuen Zwangsvorstellung und hie und da bei 
melancholischen Erschöpfungszuständen des Ichs erzwingen 
die krankhaften Symptome der Wiederkehr auch den Glauben. 
Der „Zwang“ der hier beschriebenen psychischen Bildungen 


124 


hat ganz allgemein mit der Anerkennung durch den Glauben 
nichts zu tun, und ist auch mit jenem Momente, das man als 
„Stärke“ oder „Intensität“ einer Vorstellung bezeichnet, nicht 
zu verwechseln. Sein wesentlicher Charakter ist vielmehr die 
Unauflösbarkeit durch die bewußtseinsfähige psychische Tätig- 
keit, und dieser Charakter erfährt keine Änderung, ob nun 
die Vorstellung, an der der Zwang haftet, stärker oder 
schwächer, intensiver oder geringer „beleuchtet“, „mit Energie 
besetzt“ u. dgl. wird. 

Ursache dieser Unangreifbarkeit der Zwangsvorstellung 
oder ihrer Derivate ist aber nur ihr Zusammenhang mit der 
verdrängten Erinnerung aus früher Kindheit, denn wenn es 
gelungen ist, diesen bewußt zu machen, wofür die psycho- 
therapeutischen Methoden bereits auszureichen scheinen, dann 
ist auch der Zwang gelöst. 


III. Analyse eines Falles von chronischer Paranoia. 

Seit längerer Zeit schon hege ich die Vermutung, daß 
auch die Paranoia — oder Gruppen von Fällen, die zur Paranoia 
gehören — eine Abwehr-Psychose ist, d.h. daß sie wie Hysterie 
und Zwangsvorstellungen hervorgeht aus der Verdrängung 
peinlicher Erinnerungen, und daß ihre Symptome durch den 
Inhalt des Verdrängten in ihrer Form determiniert werden. 
Eigentümlich müsse der Paranoia ein besonderer Weg oder 
Mechanismus der Verdrängung sein, etwa wie die Hysterie die 
Verdrängung auf dem Wege der Konversion in die Körper- 
innervation, die Zwangsneurose durch Substitution (Ver- 
schiebungjlängs gewisser assoziativer Kategorien) bewerkstelligt. 
Ich beobachtete mehrere Fälle, die dieser Deutung günstig 
waren, hatte aber keinen gefunden, der sie erwies, bis mir 
durch die Güte des Herrn Dr. J. Breuer vor einigen Monaten 
ermöglicht wurde, den Fall einer intelligenten 32 jährigen 
Frau, dem man die Bezeichnung als chronische Paranoia 
nicht wird versagen können, in therapeutischer Absicht einer 
Psychoanalyse zu unterziehen. Ich berichte schon hier über 
einige bei dieser Arbeit gewonnene Aufklärungen, weil ich 
keine Aussicht habe, die Paranoia anders als in sehr ver- 
einzelten Beispielen zu studieren, und weil ich es für möglich 


125 


halte, daß diese Bemerkungen einen hierin günstiger gestellten 
Psychiater veranlassen könnten, in der jetzt so regen Diskussion 
über Natur und psychischen Mechanismus der Paranoia das 
Moment der „Abwehr“ zu seinem Rechte zu bringen. Natürlich 
liegt es mir fern, mit der nachstehenden einzigen Beobachtung 
etwas anderes sagen zu wollen, als: dieser Fall ist eine Ab- 
wehr-Psychose, und es dürfte in der Gruppe „Paranoia“ noch 
andere geben, die es gleichfalls sind. 


Frau P., 32 Jahre alt, seit 3 Jahren verheiratet, Mutter eines 
2jährigen Kindes, stammt von nicht nervösen Eltern; ihre beiden Ge- 
schwister kenne ich aber als gleichfalls, neurotisch. Es ist zweifelhaft, ob 
sie nicht einmal in der Mitte der 20er Jahre vorübergehend deprimiert 
und in ihrem Urteile beirrt war; in den letzten Jahren war sie gesund 
und leistungsfähig, bis sie !/, Jahr nach der Geburt ihres Kindes die 
ersten Anzeichen der gegenwärtigen Erkrankung erkennen lied. Sie 
wurde verschlossen und mißtrauisch, zeigte Abneigung gegen den Ver- 
kehr mit den Geschwistern ihres Mannes, und klagte, daß die Nachbarn 
in der kleinen Stadt sich anders als früher, unhöflich und rücksichtslos 
gegen sie benähmen. Allmählich steigerten sich diese Klagen an Intensität, 
wenn auch nicht an Bestimmtheit: man habe etwas gegen sie, obwohl 
sie keine Ahnung habe, was es sein könne, Aber es sei kein Zweifel, alle 
— Verwandte wie Freunde — versagten ihr die Achtung, täten alles, 
sie zu kränken. Sie zerbreche sich den Kopf, woher das komme; wisse 
es nicht. Einige Zeit später klagte sie, daB sie beobachtet werde, man 
ihre Gedanken errate, alles wisse, was bei ihr im Hause vorgehe. Eines 
Nachmittags kam ihr plötzlich der Gedanke, man beobachte sie abends 
beim Auskleiden. Von nun an wendete sie beim Auskleiden die kom- 
pliziertesten Vorsichtsmaßregeln an, schlüpfte im Dunkeln ins Bett und 
und entkleidete sich erst unter der Decke. Da sie jedem Verkehr aus- 
wich, sich schlecht nährte und sehr verstimmt war, wurde sie im 
Sommer 1895 in eine Wasserheilanstalt geschickt. Dort traten neue 
Symptome auf und verstärkten sich schon vorhandene. Schon im Früh- 
jahr hatte sie plötzlich eines Tages, als sie mit ihrem Stubenmädchen 
allein war, eine Empfindung im Schoße bekommen und sich dabei gedacht, 
das Mädchen habe jetzt einen unanständigen Gedanken. Diese Empfindung 
wurde im Sommer häufiger, nahezu kontinuierlich, sie spürteihre Genitalien, 
„wie man eine schwere Hand spürt“. Dann fing sie an, Bilder zu sehen, 
über die sie sich entsetzte, Halluzinationen von weiblichen Nacktheiten, 
besonders einen entblößten weiblichen Schoß mit Behaarung; gelegentlich 
auch männliche Genitalien. Das Bild des behaarten Schoßes und die 
Organempfindung im Schoße kamen meist gemeinsam. Die Bilder wurden 
sehr quälend für sie, da sie dieselben regelmäßig bekam, wenn sie in 
Gesellschaft einer Frau war und daran die Deutung sich anschloß, sie 
sehe jetzt die Frau in unanständigster Blöße, aber im selben Moment 


126 


habe die Frau dasselbe Bild von ihr (!). Gleichzeitig mit diesen Gesichts- 
halluzinationen — die nach ihrem ersten Auftreten in der Heilanstalt 
für mehrere Monate wieder verschwanden — fingen Stimmen an, sie zu 
belästigen, die sie nicht erkannte und sich nicht zu erklären wußte. 
Wenn sie auf der Straße war, hieß es: Das ist die Frau P. — Da geht 
sie. Wo geht sie hin? — Man kommentierte jede ihrer Bewegungen und 
Handlungen, gelegentlich hörte sie Drohungen und Vorwürfe. Alle diese 
Symptome wurden ärger, wenn sie in Gesellschaft oder gar auf der Straße 
war; sie verweigerte darum auszugehen, erklärte dann, sie habe Ekel vor 
dem Essen und kam rasch herunter. 


Dies erfuhr ich von ihr, als sie im Wimter 1895 nach 
Wien in meine Behandlung kam. Ich habe es ausführlich 
dargestellt, um den Eindruck zu erwecken, daß es sich hier 
wirklich um eine recht häufige Form von chronischer Para- 
noja handle, zu welchem Urteil die noch später anzuführenden 
Details der Symptome und ihres Verhaltens stimmen werden. 
Wahnbildungen zur Deutung der Halluzinationen verbarg sie 
mir damals oder sie waren wirklich noch nicht vorgefallen; 
ihre Intelligenz war unvermindert; als auffällig wurde mir 
nur berichtet, daß sie ihrem in der Nachbarschaft lebenden 
Bruder wiederholt Rendez-vous gegeben, um ihm etwas anzu- 
vertrauen, ihm aber nie etwas mitgeteilt habe. Sie sprach nie 
über ihre Halluzinationen und zuletzt auch nicht mehr viel 
über die Kränkungen und Verfolgungen, unter denen sie litt. 

Was ich nun von dieser Kranken zu berichten habe, betrifft 
die Ätiologie des Falles und den Mechanismus der Hallu- 
zinationen. Ich fand die Ätiologie, als ich ganz wie bei einer 
Hysterie die Breuer’sche Methode zunächst zur Erforschung 
und Beseitigung der Halluzinationen in Anwendung brachte. 
Ich ging dabei von der Voraussetzung aus, es müsse bei 
dieser Paranoia, wie bei den zwei anderen mir bekannten 
Abwehrmneurosen unbewußte Gedanken und verdrängte Er- 
innerungen geben, die auf dieselbe Weise, wie dort, ins 
Bewußtsein zu bringen seien, unter Überwindung eines ge- 
wissen Widerstandes, und die Kranke bestätigte sofort diese 
Erwartung, indem sie sich bei der Analyse ganz wie zum 
Beispiel eine Hysterica benahm und unter Aufmerksamkeit 
auf den Druck meiner Hand (vergleiche die „Studien über 
Hysterie“) Gedanken vorbrachte, die gehabt zu haben sie sich 


127 


nicht erinnerte, die sie zunächst nicht verstand, und die 
ihrer Erwartung widersprachen. Es war also das Vorkommen 
bedeutsamer unbewußter Vorstellungen auch für einen Fall 
von Paranoia erwiesen, und ich durfte hoffen, auch den Zwang 
der Paranoia auf Verdrängung zurückzuführen. Eigentümlich 
war nur, daß sie die aus dem Unbewußten stammenden An- 
gaben zumeist wie ihre Stimmen innerlich hörte oder hallu- 
zinierte. 

Über die Herkunft der Gesichtshalluzinationen oder 
wenigstens der lebhaften Bilder erfuhr ich folgendes: Das 
Bild des weiblichen Schoßes kam fast immer mit der Organ- 
empfindung im Schoße zusammen, letztere war aber viel 
konstanter und sehr oft ohne das Bild. 

Die ersten Bilder von weiblichen Schößen waren auf- 
getreten in der Wasserheilanstalt, wenige Stunden, nachdem 
sie eine Anzahl von Frauen tatsächlich im Baderaum entblößt 
gesehen hatte, erwiesen sich also als einfache Reproduktionen 
eines realen Eindrucks. Man durfte nun voraussetzen, daß 
diese Eindrücke nur darum wiederholt worden seien, weil 
sich ein großes Interesse an sie geknüpft habe. Sie gab die 
Auskunft, sie habe sich damals für jene Frauen geschämt; 
sie schäme sich selbst, nackt gesehen zu werden, seitdem sie 
sich erinnere. Da ich nun diese Scham für etwas Zwanghaftes 
ansehen mußte, schloß ich nach dem Mechanismus der Ab- 
wehr, es müsse hier ein Erlebnis verdrängt worden sein, bei 
dem sie sich nicht geschämt, und forderte sie auf, die Er- 
innerungen auftauchen zu lassen, welche zu dem Thema des 
Schämens gehörten. Sie reproduzierte mir prompt eine Reihe 
von Szenen vom 17. Jahre bis zum 8., in denen sie sich im 
Bade vor der Mutter, der Schwester, dem Arzte ihrer Nackt- 
heit geschämt hatte; die Reihe lief aber in eine Szene mit 
6 Jahren aus, wo sie sich im Kinderzimmer zum Schlafen- 
gehen entkleidete, ohne sich vor dem anwesenden Bruder 
zu schämen. Auf mein Befragen kam heraus, daß es solcher 
Szenen viele gegeben habe, und daß die Geschwister Jahre 
hindurch die Gewohnheit geübt hätten, sich einander vor dem 
Schlafengehen nackt zu zeigen. Ich verstand nun, was der 
plötzliche Einfall bedeutet hatte, man beobachte sie beim 


128 


Schlafengehen. Es war ein unverändertes Stück der alten 
Vorwurfserinnerung, und sie holte jetzt an Schämen nach, 
was sie als Kind versäumt hatte. 

Die Vermutung, daß es sich hier um ein Kinderverhältnis 
handle, wie auch in der Ätiologie der Hysterie so häufig, 
wurde durch weitere Fortschritte der Analyse bekräftigt, 
bei denen sich gleichzeitig Lösungen für einzelne im Bilde 
der Paranoia häufig wiederkehrende Details ergaben. Der 
Anfang ihrer Verstimmung fiel zusammen mit einem Zwiste 
zwischen ihrem Manne und ihrem Bruder, infolgedessen der 
letztere ihr Haus nicht mehr betrat. Sie hatte diesen Bruder 
immer sehr geliebt und entbehrte ihn um diese Zeit sehr. 
Sie sprach aber außerdem von einem Moment ihrer Kranken- 
geschichte, in dem ihr zuerst „alles klar wurde“, das heißt 
in dem sie zur Überzeugung gelangte, daß ihre Vermutung, 
allgemein mißachtet und mit Absicht gekränkt zu werden, 
Wahrheit sei. Diese Sicherheit gewann sie durch den Besuch 
einer Schwägerin, welche im Verlaufe des Gespräches die 
Worte fallen ließ: „Wenn mir etwas derartiges passiert, nehme 
ich es auf die leichte Achsel!* Frau P. nahm diese Außerung 
zunächst arglos hin; nachdem aber ihr Besuch sie verlassen 
hatte, kam es ihr vor, als sei in diesen Worten ein Vorwurf 
für sie enthalten gewesen, als ob sie gewohnt sei, ernste 
Dinge leicht zu nehmen, und von dieser Stunde an war sie 
sicher, daß sie ein Opfer der allgemeinen Nachrede sei. Als 
ich sie examinierte, wodurch sie sich berechtigt gefühlt, jene 
Worte auf sich zu beziehen, antwortete sie, der Ton, in dem 
die Schwägerin gesprochen, habe sie — allerdings nach- 
träglich — davon überzeugt, was doch ein für Paranoia 
charakteristisches Detail ist. Ich zwang sie nun, sich an 
die Reden der Schwägerin vor der angeschuldigten Äußerung 
zu erinnern, und es ergab sich, daß diese erzählt hatte, im 
Vaterhause habe es mit den Brüdern allerlei Schwierigkeiten 
gegeben, und daran die weise Bemerkung geknüpft: „In jeder 
Familie gehe allerlei vor, worüber man gerne eine Decke 
breite. Wenn ihr aber derartiges passiere, dann nehme sie 
es leicht.* Frau P. mußte nun bekennen, daß an diese 
Sätze vor der letzten Äußerung ihre Verstimmung angeknüpft 


129 


hatte. Da sie diese beiden Sätze, die eine Erinnerung an ihr 
Verhältnis zum Bruder wecken konnte, verdrängt hatte und 
nur den bedeutungslosen letzten Satz behalten, mußte sie die 
Empfindung, als mache ihr die Schwägerin einen Vorwurf, 
an diesen knüpfen, und da der Inhalt desselben keine An- 
lehnung hierfür bot, warf sie sich vom Inhalt auf den Ton, 
mit dem diese Worte gesprochen worden waren. Ein wahr- 
scheinlich typischer Beleg dafür, daß die Mißdeutungen der 
Paranoia auf einer Verdrängung beruhen. 

In überraschender Weise löste sich auch ihr sonderbares 
Verfahren, ihren Bruder zu Zusammenkünften zu bestellen, 
bei denen sie ihm dann nichts zu sagen hatte. Ihre Erklärung 
lautete, sie habe gemeint, er müsse ihr Leiden verstehen, wenn 
sie ihn bloß ansehe, da er um die Ursache desselben wisse. Da 
nun dieser Bruder tatsächlich die einzige Person war, die um 
die Ätiologie ihrer Krankheit wissen konnte, ergab sich, daß sie 
nach einem Motiv gehandelt hatte, das sie bewußt zwar selbst 
nicht verstand, das aber vollkommen gerechtfertigt erschien, 
sobald man ihm einen Sinn aus dem Unbewußten unterlegte. 

Es gelang mir dann, sie zur Reproduktion der ver- 
schiedenen Szenen zu veranlassen, in denen der sexuelle Ver- 
kehr mit dem Bruder (mindestens vom 6. bis zum 10. Jahre) 
gegipfelt hatte. Während dieser Reproduktionsarbeit sprach 
die Organempfindung im Schoße mit, wie es bei der Analyse 
hysterischer Erinnerungsreste regelmäßig beobachtet wird. 
Das Bild eines nackten weiblichen Schoßes (jetzt aber auf 
kindliche Proportionen reduziert und ohne Behaarung) stellte 
sich dabei gleichfalls ein oder blieb weg, je nachdem die 
betreffende Szene bei hellem Lichte oder im Dunkeln vor- 
gefallen war. Auch der EBß-Ekel fand in einem abstoßenden 
Detail dieser Vorgänge seine Erklärung. Nachdem wir die 
Reihe dieser Szenen durchgemacht hatten, waren die hallu- 
zinatorischen Empfindungen und Bilder verschwunden, um 
(wenigstens bis heute) nicht wiederzukehren.!) 


1) Als späterhin eine Exacerbation die ohnehin spärlichen Erfolge 
der Behandlung aufhob, sah sie die anstößigen Bilder fremder Genitalien 
nicht wieder, sondern hatte die Idee, die Fremden sähen ihre Genitalien, 
sobald sie sich hinter ihr befänden. 


Freud, Neurosenlehre. 9 


130 


Ich hatte also gelernt, daß diese Halluzinationen nichts 
anderes als Stücke aus dem Inhalte der verdrängten Kinder- 
erlebnisse waren, Symptome der Wiederkehr des Verdrängten. 

Nun wandte ich mich an die Analyse der Stimmen. Hier 
war vor allem zu erklären, daß ein so gleichgiltiger Inhalt 
„Hier geht die Frau P.“ — „Sie sucht jetzt Wohnung“ u. dgl. 
von ihr so peinlich empfunden werden konnte; sodann, auf 
welchem Wege gerade diese harmlosen Sätze es dazu brachten, 
durch halluzinatorische Verstärkung ausgezeichnet zn werden. 
Von vornherein war klar, daß diese „Stimmen“ nicht hallu- 
zinatorisch reproduzierte Erinnerungen sein konnten wie die 
Bilder und Empfindungen, sondern vielmehr „laut gewordene“ 
Gedanken. 

Das erstemal, als sie Stimmen hörte, geschah es unter 
folgenden Umständen. Sie hatte mit großer Spannung die 
schöne Erzählung von O. Ludwig, Die Heiterethei,gelesen 
und bemerkt, daß sie bei der Lektüre von aufsteigenden 
Gedanken in Anspruch genommen wurde. Unmittelbar darauf 
ging sie auf der Landstraße spazieren, und nun sagten ihr 
plötzlich die Stimmen, als sie an einem Bauernhäuschen vor- 
überging: „So hat das Haus der Heiterethei ausgesehen! Da 
ist der Brunnen, und da der Strauch! Wie glücklich war sie 
doch bei all ihrer Armut!“ Dann wiederholten ihr die Stimmen 
ganze Abschnitte, die sie eben gelesen hatte; aber es blieb 
unverständlich, warum Haus, Strauch und Brunnen der 
Heiterethei und gerade die belang- und beziehungslosesten 
Stellen der Dichtung sich ihrer Aufmerksamkeit mit patho- 
logischer Stärke aufdrängen mußten. Indes war die Lösung 
des Rätsels nicht schwer. Die Analyse ergab, daß sie während 
der Lektüre auch andere Gedanken gehabt hatte und durch 
ganz andere Stellen des Buches angeregt worden war. Gegen 
dieses Material — Analogien zwischen dem Paare der Dich- 
tung und ihr und ihrem Manne, Erinnerungen an Intimitäten 
ihres Ehelebens und an Familiengeheimnisse — gegen dies 
alles hatte sich ein verdrängender Widerstand erhoben, weil 
es auf leicht nachweisbaren Gedankenwegen mit ihrer sexuellen 
Scheu zusammenhing nnd so in letzter Linie auf die Er- 
weckung der alten Kindererlebnisse hinauskam. Infolge dieser 


131 


von der Verdrängung geübten Zensur gewannen die harm- 
losen und idyllischen Stellen, die mit den beanstandeten 
durch Kontrast und auch durch Vizinität verknüpft waren, 
die Verstärkung für das Bewußtsein, die ihnen das Lautwerden 
ermöglichte. Der erste der verdrängten Einfälle bezog sich 
zum Beispiel auf die Nachrede, der die vereinsamt lebende 
Heldin von seiten der Nachbarn ausgesetzt war. Die Analogie 
mit ihrer eigenen Person wurde von ihr leicht gefunden. 
Auch sie lebte in einem kleinen Orte, verkehrte mit Niemand 
und glaubte sich von den Nachbarn mißachtet. Dies Mißtrauen 
gegen ihre Nachbarn hatte seinen wirklichen Grund darin, 
daß sie anfangs genötigt war, sich mit einer kleinen Wohnung 
zu begnügen, in welcher die Schlafzimmerwand, an der die 
Ehebetten des jungen Paares standen, an ein Zimmer der 
Nachbarn stieß. Mit dem Beginn ihrer Ehe erwachte in ihr 
— offenbar durch unbewußte Erweckung ihres Kinderver- 
hältnisses, in dem sie Mann und Frau gespielt hatten — eine 
große sexuelle Scheu; sie besorgte beständig, daß die Nach- 
barn Worte und Geräusche durch die trennende Wand ver- 
nehmen könnten, und diese Scham verwandelte sich bei ihr 
in Argwohn gegen die Nachbarn. 

Die Stimmen verdankten also ihre Entstehung der Ver- 
drängung von Gedanken, die in letzter Auflösung eigentlich 
Vorwürfe anläßlich eines dem Kindertrauma analogen Erleb- 
nisses bedeuteten; sie waren demnach Symptome der Wieder- 
kehr des Verdrängten, aber gleichzeitig Folgen eines Kompro- 
misses zwischen Widerstand des Ich und Macht des Wieder- 
kehrenden, der in diesem Falle eine Entstellung bis zur 
Unkenntlichkeit herbeigeführt hatte. In anderen Fällen, in 
denen ich Stimmen bei Frau P. zu analysieren Gelegenheit 
hatte, war die Entstellung minder groß; doch hatten die 
gehörten Worte immer einen Charakter von diplomatischer 
Unbestimmtheit; die kränkende Anspielung war meist tief 
versteckt, der Zusammenhang der einzelnen Sätze durch 
fremdartigen Ausdruck, ungewöhnliche Sprachformen u. dgl. 
verkleidet: Charaktere, die den Gehörshalluzinationen der 
Paranoiker allgemein eigen sind, und in denen ich die Spur 
der Kompromißentstellung erblicke. Die Rede: „Da geht die 

9* 


192 


Frau P., sie sucht Wohnung in der Straße“, bedeutete zum 
Beispiel die Drohung, daß sie nie genesen werde, denn ich 
hatte ihr zugesagt, daß sie nach der Behandlung imstande 
sein werde, in die kleine Stadt, wo ihr Mann beschäftigt 
war, zurückzukehren; sie hatte für einige Monate in Wien 
provisorisch Wohnung gemietet. 

In einzelnen Fällen vernahm Frau P. auch deutlichere 
Drohungen, zum Beispiel in betreff der Verwandten ihres 
Mannes, deren zurückhaltender Ausdruck aber immer noch 
mit der Qual kontrastierte, welche ihr solche Stimmen be- 
reiteten. Nach dem, was man sonst von Paranoikern weiß, 
bin ich geneigt, ein allmähliches Erlahmen jenes die Vorwürfe 
abschwächenden Widerstandes anzunehmen, so daß endlich 
die Abwehr voll mißlingt, und der ursprüngliche Vorwurf, 
das Schimpfwort, welches man sich ersparen wollte, in un- 
veränderter Form zurückkehrt. Indes weiß ich nicht, ob dies 
ein konstanter Ablauf ist, ob die Zensur der Vorwurfsreden 
nicht von Anfang an ausbleiben oder bis zum Ende aus- 
harren kann. 

Es erübrigt mir nur noch, die an diesem Falle von Panaroia 
gewonnenen Aufklärungen für eine Vergleichung der Paranoia 
mit der Zwangsneurose zu verwerten. Die Verdrängung als Kern 
des psychischen Mechanismus ist hier wie dort nachgewiesen, 
das Verdrängte ist in beiden Fällen ein sexuelles Kindererlebnis. 
Jeder Zwang rührt auch bei dieser Paranoia von Verdrängung 
her; die Symptome der Paranoia lassen eine ähnliche Klassi- 
fizierung zu, wie sie sich für die Zwangsneurose als berechtigt 
erwiesen hat. Ein Teil der Symptome entspringt wieder der 
primären Abwehr, nämlich alle Wahnideen des Mißtrauens, 
Argwohns, der Verfolgung durch Andere. Bei der Zwangs- 
neurose ist der initiale Vorwurf verdrängt worden durch die 
Bildung des primären Abwehrsymptoms: Selbstmißtrauen. 
Dabei ist der Vorwurf als berechtigt anerkannt worden, und 
zur Ausgleichung schützt nun die Geltung, welche sich die 
Gewissenhaftigkeit im gesunden Intervall erworben hat, davor, 
dem als Zwangsvorstellung wiederkehrenden Vorwurf Glauben 
zu schenken. Bei Paranoia wird der Vorwurf auf einem Wege, 
den man als Projektion bezeichnen kann, verdrängt, indem 


133 


das Abwehrsymptom des Mißtrauens gegen Andere 
errichtet wird; dabei wird dem Vorwurfe die Anerkennung 
entzogen, und wie zur Vergeltung fehlt es dann an einem 
Schutze gegen diein den Wahnideen wiederkehrenden Vorwürfe. 

Andere Symptome meines Falles von Paranoia sind als 
Symptome der Wiederkehr des Verdrängten zu bezeichnen 
und tragen auch, wie die der Zwangsneurose, die Spuren des 
Kompromisses an sich, der ihnen allein den Eintritt ims 
Bewußtsein gestattet. So die Wahnidee, beim Auskleiden 
beobachtet zu werden, die visuellen, die Empfindungshallu- 
zinationen und das Stimmenhören. Nahezu unveränderter, nur 
durch Auslassung unbestimmt gewordener Erinnerungsinhalt 
findet sich in der erwähnten Wahnidee vor. Die Wiederkehr 
des Verdrängten in visuellen Bildern nähert sich eher dem 
Charakter der Hysterie als dem der Zwangsneurose, doch 
pflegt die Hysterie ihre Erinnerungssymbole ohne Modifikation 
zu wiederholen, während die paranoische Erinnerungshallu- 
zination eine Entstellung erfährt, wie sie der Zwangsneurose 
zukommt; ein analoges modernes Bild setzt sich an die Stelle 
des verdrängten (Schoß einer erwachsenen Frau anstatt eines 
Kindes; daran sogar die Behaarung besonders deutlich, weil 
diese dem ursprünglichen Eindruck fehlte). Ganz der Paranoia 
eigentümlich und in dieser Vergleichung weiter nicht zu be- 
leuchten ist der Umstand, daß die verdrängten Vorwürfe als 
lautgewordene Gedanken wiederkehren, wobei sie sich eine 
zweifache Entstellung gefallen lassen müssen, eine Zensur, die 
zur Ersetzung durch andere assoziierte Gedanken oder zur 
Verhüllung durch unbestimmte Ausdrucksweise führt, und die 
Beziehung auf moderne, den alten bloß analoge Erlebnisse. 

Die dritte Gruppe der bei Zwangsneurose gefundenen 
Symptome, die Symptome der sekundären Abwehr, kann bei 
der Paranoia nicht als solche vorkanden sein, da sich gegen 
die wiederkehrenden Symptome, die ja Glauben finden, keine 
Abwehr geltend macht. Zum Ersatze hierfür findet sich bei 
Paranoia eine andere Quelle für Symptombildung; die durch 
das Kompromiß ins Bewußtsein gelangten Wahnideen (Symp- 
tome der Wiederkehr) stellen Anforderungen an die Denkarbeit 
des Ich, bis daß sie widerspruchsfrei angenommen werden 


134 


können. Da sie selbst unbeeinflußbar wird, muß das Ich sich 
ihnen anpassen, und somit entspricht den Symptomen der 
sekundären Abwehr bei der Zwangsneurose hier die kombi- 
natorische Wahnbildung, der Deutungswahn, der in die 
Ichveränderung ausläuft. Mein Fall war in dieser Hinsicht 
unvollständig; er zeigte damals noch nichts von Deutungs- 
versuchen, die sich erst später einstellten. Ich zweifle aber 
nicht daran, daß man noch ein wichtiges Resultat wird fest- 
stellen können, wenn man die Psychoanalyse auch auf dieses 
Stadium der Paranoia anwendet. Es dürfte sich ergeben, daß 
auch die sogenannte Erinnerungsschwäche der Paranoiker 
eine tendenziöse, das heißt auf Verdrängung beruhende 
und ihren Absichten dienende ist. Es werden nachträglich 
jene gar nicht pathogenen Erinnerungen verdrängt und er- 
setzt, die mit der Ichveränderung in Widerspruch stehen, 
welche die Symptome der Wiederkehr gebieterisch erfordern. 


IE. 
L’heredite et V’etiologie des Nevroses '). 


Je m’adresse specialement aux disciples de J.-M. Charcot 
pour faire valoir quelques objections contre la theorie etio- 
logique des nevroses qui nous a ete transmise par notre maitre. 

On sait quel est le röle attribue a l’heredite nerveuse 
dans cette theorie. Elle est pours les affections nevrosiques 
la seule cause vraie et indispensable, les autres influences 
etiologiques ne devant aspirer qu’au nom d’agents provocateurs. 

Ainsi le maitre lu-möme et ses eleves, MM. Guinon, 
Gilles de la Tourette, Janet et d’autres l’ont enonce pour la 
grande nevrose, l’hysterie et, je crois, la möme opinion est 
soutenue en France et un peu partout pour les autres nevroses, 
bien qw’elle n’ait pas ete emise d’une maniere aussi solennelle 
et decidee pour ces &tats analogues a l’hysterie. 

C’est depuis longtemps que j’entretiens quelques soupcons 
dans cette matiere, mais il m’a fallu attendre pour trouver des 
faits d’appui dans l’experience journaliere du medecin. Main- 
tenant mes objections sont d’un double ordre, arguments de 
faits et arguments tires de la speculation. Je commencerai 
par les premiers, en les arrangeant selon l’importance que je 
leur concede. 

I. — a) On a parfois juge comme nerveuses et demon- 
stratives d’une tendance neyropathique hereditaire, des affections 
qui assez souvent sont etrangeres au domaine de la neuro- 
pathologie et ne dependent pas necessairement d’une maladie 
du systeme nerveux. Ainsi les nevralgies vraies de la face et 
nombre des c&phalees, qu’on croyait nerveuses, mais qui derivent 
plutöt des alterations pathologiques post-infectieuses et des 


1) Revue neurologique, IV., 1896. 


136 


suppurations dans le systeme cavitaire pharyngo-nasal. Je me 
tiens persuade, que les malades en profiteraient si nous aban- 
donnions plus souvent le traitement de ces affections aux 
chirurgiens rhinologistes. 

b) On a accept& comme donnant lieu & la charge de tare 
nerveuse hereditaire pour le malade en question toutes les 
affections nerveuses trouvees dans sa famille sans en compter 
la frequence et la gravite. N’est-ce pas que cette maniere de 
voir semble contenir une s&paration nette entre les familles 
indemnes de toute predisposition nerveuse et les familles 
qui y soient sujettes sans borne ni restriction? Et les faits ne 
plaident-ils pas plutöt en faveur de l’opinion opposee, savoir 
qu’il y ait des transitions et des degres de disposition nerveuse 
et qu’aucune famille n’y echappe tout & fait? 

c) Assurement notre opinion sur le röle etiologique de 
P’'heredite dans les maladies nerveuses doit ötre le resultat d’un 
examen impartial statistique et non pas d’une petitio principü. 
Tant que cet examen n’aura pas &te fait on devrait croire l’exi- 
stence des nevropathies acquises aussi possible que celle des 
nevropathies hereditaires. Mais s’il peut y avoir des nevropathies 
acquises par des hommes non predisposes, on ne pourra plus 
nier que les affections nerveuses rencontr&es chez les parents 
de notre malade, ne soient en partie de cette origine. Alors 
on ne saura plus les invoquer comme preuves concluantes 
de la disposition hereditaire, qu’on impose au malade ä raison 
de son histoire familiale, puisque le diagnostic retrospectif 
des maladies des ascendants ou des membres absents de la 
famille ne reussit que tr&s rarement. 

d) Ceux qui se sont attachös & M. Fournier et & M. Erb 
concernant le röle etiologique de la syphilis dans le tabes 
dorsal et la paralysie progressive, ont appris qu’il faut recon- 
naitre des influences &tiologiques puissantes dontla collaboration 
est indispensable pour la pathogenie de certaines maladies, 
que l’heredite & elle seule ne saurait produire. Cependant 
M. Charcot est demeure jusqu’a son dernier temps, comme 
jai su par une lettre privee du maitre, en stricte opposition 
contre la theorie de Fournier qui pourtant gagne du terrain 
de jour en jour. 


137 


e) Il n’est pas douteux que certaines nevropathies peuvent 
se developper chez l’homme parfaitement sain et de famille 
irreprochable. C’est ce qu’on observe tous les jours pour la 
nevrasthänie de Beard; si la nevrasthenie se bornait aux gens 
predisposes elle n’aurait Jamais gagne l’importance et l’etendue 
que nous lui connaissons. 

/) Bya dans la pathologie nerveuse, h’heredite similaire 
et l’'heredite dite dissimilaire. Pour la premiere on ne trouvera 
rien 4 redire; c’est möme tr&s remarquable, que dans les 
affections qui dependent de l’heredit& similaire (maladie de 
Thomsen, de Friedreich; myopathies, choree de Huntington etc.) 
on ne rencontre jamais la trace d’une autre influence &tio- 
logique accessoire. Mais l’heredite dissimilaire, beaucoup plus 
importante que l’autre, laisse des lacunes qu’il faudrait combler 
pour arriver & une solution satisfaisante des probl&ämes &tiolo- 
giques. Elle consiste dans le fait que les membres de la möme 
famille se montrent visites par les növropathies les plus diverses, 
fonctionnelles et organiques, sans qu’on puisse devoiler une loi 
qui dirige la substitution d’une maladie pour une autre ou 
l’ordre de leur succession & travers les generations. A cöte 
des individus malades il y a dans ces familles des personnes 
qui restent saines, et la theorie de l’heredite dissimilaire ne 
nous dit pas pourquoi cette personne supporte la möme charge 
hereditaire sans y succomber, ni pourquoi une autre personne 
malade aura choisi, parmi les affections qui constituent la 
grande famille nevropathique, une telle affection nerveuse au 
lieu d’en avoir choisi une autre, !’hysterie au lieu de l’epilepsie, 
de la vesanie, etc. Comme iln’y a pas une fortuite, en patho- 
genie nerveuse pas plus qu’ailleurs, il faut bien conceder que 
ce n’est pas l’heredit& qui preside au choix de la nevropathie 
qui se developpera chez le membre d’une famille predispose, 
mais qu’il y a lieu de soupconner l’existence d’autres influences 
etiologiques, d’une nature moins imcompr£hensible, qui meri- 
teraient alors le nom d’une efiologie specifigque de telle ou telle 
affection nerveuse. Sauf l’existence de ce facteur etiologique 
special P’heredite n’aurait pu rien faire; elle se serait pretee 
& la production d’une autre nevropathie si l’etiologie specifique 
en question ayait ete substituee par une influence quelqu’autre. 


138 


IH. — On a trop peu recherche ces causes specifiques 
et determinantes des nevropathies, l’attention des medecins 
demeurant eblouie par la grandiose perspective de la condition 
etiologique hereditaire. 

Neanmoins elles m£ritent bien qu’on les rende l’objet 
d’une etude assidue; bien que leur puissance pathogenique 
ne soit en general qu’accessoire & celle de l’heredite, un grand 
interöt pratique se rattache a la connaissance de cette &tio- 
logie specifique qui prötera un acces & notre travail thera- 
peutique, tandis que la disposition hereditaire, fixee d’avance 
pour le malade des sa naissance, arröte nos efforts en pouvoir 
inabordable. 

Je me suis engage depuis des annees dans la recherche 
de l’etiologie des grandes nevroses (&tats nerveux fonctionnels 
analogues a l’hysterie) et c’est le resultat de ces &tudes que 
je raconterai dans les lignes qui vont suivre. Pour eviter tout 
malentendu possible j’exposerai d’abord deux remarques sur 
la nosographie des nevroses et sur l’etiologie des n&yvroses 
en general. 

I m’a fallu commencer mon travail par une innovation 
nosographique. A cöte de I’hysterie j’ai trouve raison de placer 
la nevrose des obsessions (Zwangsneurose) comme affection 
autonome et independante, bien que la plupart des auteurs 
fassent ranger les obsessions parmi les syndromes constituant 
la deögenerescence mentale ou les confondent avec la nevra- 
sthenie. Moi, j’avais appris par l’examen de leur mecanisme 
psychique, que les obsessions sont liees & l’'hysterie plus 
etroitement qu’on ne croirait. 

Hysterie et nevrose d’obsessions forment le premier 
groupe des grandes nevroses, que j’ai etudiees. Lie second 
contient la nevrasthenie de Beard que j’ai decomposee en 
deux etats fonctionnels separes par l’etiologie comme par 
l’aspect symptomatique, la nevrasthenie propre et la nevrose 
d’angoisse (Angstneurose), denomination qui, soit dit en passant, 
ne me convient pas a moi-möme. J’ai donne les raisons 
de cette separation, que je crois necessaire, en detail 
dans un memoire publie en 1895. (Neurologisches Centralblatt, 
n® 10-11). 


139 


Quant & l’ötiologie des nevroses, je pense qu’on doit 
reconnaitre en theorie que les influences etiologiques diffe- 
rentes entre elles par leur dignit6 et maniere de relation 
avec l’effet qw’elles produisent, se laissent ranger en trois 
classes: 1) Conditions, qui sont indispensables pour la pro- 
duction de l’affection en question, mais qui sont de nature 
universelle et se recontrent aussi bien dans l’etiologie de 
beaucoup d’autres affections; 2) Causes conceurrentes, qui par- 
tagent le caractere des conditions qu’elles fonctionnent dans 
la causation d’autres affeetions aussi bien que dans celle de 
V’affection en question, mais qui ne sont pas indispensables, 
pour que cette derniere se produise; 8) Causes speeifiques, 
autant indispensables que les conditions, mais de nature 
etroite et qui n’apparaissent que dans l’etiologie de l’affection, 
de laquelle elles sont specifiques. 

Eh bien, dans la pathogenese des grandes nevroses 
V’heredite remplit le röle d’une condition, puissante dans tous 
les cas et m&öme indispensable dans la plupart des cas. Elle 
ne saurait se passer de la collaboration des causes sp6cifiques, 
mais limportance de la disposition hereditaire se trouve 
demontree par le fait que les mö&mes causes specifiques 
agissant sur un individu sain ne produiraient aucun effet 
pathologique manifeste pendant que chez une personne pre- 
disposee leur action fera &clore la nevrose, de laquelle le 
developpement en intensit& et etendue sera conforme au 
degre de cette condition hereditaire. 

L’action de l’heredite est done comparable ä celle du fil multi- 
plicateur dans le circuit &leetrique, qui exag&rela deviation visible 
de l’aiguille, mais qui ne pourra pas en determiner la direction. 

Dans les relations qui existent entre la condition here- 
ditaire et les causes specifiques des nevroses il y a encore 
autre chose & noter. L’experience montre, ce qu'on aurait 
pu supposer d’avance, qu’on ne devrait pas negliger dans 
ces questions d’&tiologie les quantites relatives pour ainsi 
dire des influences &tiologiques. Mais on n’aurait pas devine 
le fait suivant, qui semble decouler de mes observations, que 
V’'heredit6 et les causes specifiques peuvent se remplacer par 
le cöte quantitatif, que le möme effet pathologique sera pro- 


140 


duit par la concurrence d’une &tiologie specifique tr&s serieuse 
avec une disposition mediocre ou d’une heredite nerveuse 
charg6e avec une influence specifique legere. Alors ce n’est 
qu’un extröme bien plausible de cette serie, qu’on rencontre 
aussi des cas de neyroses, ol on cherchera en vain un degre 
appreciable de disposition hereditaire, pourvu que ce manque 
soit compense par une puissante influence specifique. 

Comme causes concurrenles ou accessoires des nevroses, 
on peut enumerer tous les agents banals rencontres ailleurs: 
emotions morales, epuissement somatique, maladies aiguös, 
intoxications, accidents traumatiques, surmenage intellec- 
tuel, etc. Je tiens & la proposition quw’aucun d’eux, ni meme 
le dernier, n’entre regulierement ou neöcessairement dans 
l’etiologie des ne&vroses, et je sais bien qu’enoncer cette 
opinion c’est se mettre en opposition directe contre une 
theorie consideree comme universelle et irr&prochable. Depuis 
que Beard avait declar& la nevrasthenie &tre le fruit de notre 
civilisation moderne, il n’a trouve que des croyants; mais il 
m’est impossible & moi d’accepter cette opinion. Une etude 
laborieuse des nevroses m’a appris que l’Etiologie specifigue 
des növroses s’est soustraite & la connaissance de Beard. 

Je ne veux pas deprecier l’importance etiologique de 
ces agents banals. Ils sont tr&s varies, d’une occurrence fre- 
quente, et accuses le plus souvent par les malades memes, 
ils se rendent plus evidents que les causes specifiques des 
nevroses, etiologie ou cachee ou ignoree. Ils remplissent 
assez souvent la fonction des agents provocateurs qui rendent 
manifeste la nevrose jusque-lä latente, et un inter&t pratique 
se rattache ä eux, parce que la consideration de ces causes 
banales peut pröter des points d’appui & une therapie qui 
ne vise pas la guerison radicale, et qui se contente de 
refouler l’affection a son etat anterieur de latence. 

Mais on n’arrive pas & constater une relation constante 
et etroite entre une de ces causes banales et telle ou autre 
affection nerveuse; l’e&motion morale, par exemple, se trouve 
aussi bien dans l’etiologie de l’hysterie, des obsessions, de 
la nevrasthenie, comme dans celle de l’Epilepsie, de la maladie 
de Parkinson, du diabete, et nombre d’autres. 


141 


Les causes concurrentes banales pourront aussi remplacer 
Vetiologie specifique en rapport de quantite, mais jamais la 
substituer complötement. ID y a nombre de cas oü toutes 
les influences etiologiques sont representees par la condition 
hereditaire et la cause specifique, les causes banales faisant 
defaut. Dans les autres cas, les facteurs etiologiques indis- 
pensables ne suffisent pas par leur quantite a eux pour faire 
eclater la nevrose, un etat de sante apparente peut ätre 
maintenu pour longtemps, qui est en verite un etat de pre- 
disposition nevrosique; il suffit alors qu’une cause banale 
surajoute son action, la nevrose devient manifeste. Mais il 
faut bien remarquer, dans de telles conditions, que la nature 
de l’agent banal survenant est tout & fait indifferente, emotion, 
traumatisme, maladie infectieuse ou autre; l’effet pathologique 
ne sera pas modifie selon cette variation, Ja nature de la nevrose 
sera toujours dominee par la cause specifique preexistante. 

Quelles sont donc ces causes specifiques des nevroses? 
Est-ce une seule ou y en a-t-il plusieurs? Et peut-on constater 
une relation etiologigque constante entre telle cause et tel 
effet nevrosique, de maniere que chacune des grandes nevroses 
puisse &tre ramenee & une e&tiologie particuliere? 

Je veux maintenir, appuye sur un examen laborieux 
des faits, que cette derniere supposition correspond bien & 
la realite, que chacune des grandes nevroses enumerees a 
pour cause immediate un trouble particulier de l’&conomie 
nerveuse, et que ces modifications pathologiques fonctionnelles 
reconnaissent comme source commune la vie sexuelle de l’individu, 
soit desordre de la vie sexuelle actuelle, soit evenements importants 
de la vie passee. 

Ce n’est pas, a vrai dire, une proposition nouvelle, inouie. 
On a toujours admis les desordres sexuels parmi les causes 
de la nervosite, mais on les a subordonnes & l’heredite, 
coordonnds aux autres agents provocateurs; on & restreint 
leur influence etiologique & un nombre limit& des cas observes. 
Les medecins avaient möme pris l’habitude de ne pas les 
rechercher si le malade ne les accusait lui-möme. Les carac- 
teres distinctifs de ma maniere de voir sont que j’eleve ces 
influences sexuelles au rang de causes specifiques, que je 


142 


reconnais leur action dans tous les cas de nevrose, enfin 
que je trouve un parallelisme regulier, preuve de relation 
etiologique particuliere entre la nature de l’infiuence sexuelle 
et V’espece morbide de la nevrose. 

Je suis bien sür que cette theorie evoquera un orage 
de contradictions de la part des medecins contemporains. Mais 
ce n’est pas ici le lieu de donner les documents et les ex- 
periences, qui m’ont impose ma conviction, ni d’expliquer le 
vraı sens de l’expression un peu vague „desordres de l’&cono- 
mie nerveuse“. Ce sera fait, j’espere le plus amplement, dans 
un ouvrage que je prepare sur la matiere. Dans le m&moire 
present je me borne a enoncer mes resultats. 

La nevrasthenie propre, d’un aspect clinique tr&s mono- 
tone, si ’on a mis & part la nevrose d’angoisse (fatigue, sen- 
sation de casque, dyspepsie flatulente, obstipation, paresthesies 
spinales, faiblesse sexuelle etc.) nereconnait comme &tiologie sp6- 
cifique que l’onanisme (immodere) ou les pollutions spontanees. 

C’est l’action prolongee et intensive de cette satisfaction 
sexuelle pernicieuse qui suffit & elle-möme pour provoquer la 
neyrose növrasthönique ou qui impose & ce sujet le cachet 
nevrasthenique special manifeste plus tard sous l’influence 
d’une cause occasionelle accessoire. J’ai rencontre aussi des 
personnes qui presentaient les signes de la constitution nev- 
rasthenique chez lesquels je n’ai pas reussi & mettre en &vi- 
dence l’etiologie nomme&e, mais j’ai constat& au moins que 
chez ces malades la fonction sexuelle n’etait jamais developpee 
au niveau normal; ils semblaient doues par heritage d’une 
constitution sexuelle, analogue a celle qui chez le neyras- 
thenique est produite en consequence de l’onanisme. 

La nevrose d’angoisse, de laquelle le tableau celinique 
est beaucoup plus riche (irritabilite, etat d’attente anxieuse, 
phobies, attaques d’angoisse completes ou rudimentaires, de 
peur, de vertige, tremblements, sueurs, congestion, dyspnee, 
tachycardie etc.; diarrh&e chronique, vertige chronique de 
locomotion, hyperesthesie, insomnies etc.)!) est facilement 


!) Voir pour la symptomatologie comme l’etiologie de la nevrose 
d’angoisse, mon me&moire cite plus haut. Neurologisches Centralblatt, 
1895, n® 10-11. 


143 


devoilee comme l’effet specifique de divers desordres de la 
vie sexuelle, qui ne manquent pas d’un caractere commun & 
eux tous. L’abstinence forcee, P’irritation genitale fruste (qui 
n’est pas assouvie par l’acte sexuel), le coit imparfait ou 
interrompu (qwi n’aboutit pas a la jouissance), les efforts 
sexuels, qui surpassent la capacite psychique du sujet etc., 
tous ces agents, qui sont d’une occurrence trop frequente 
dans la vie moderne, semblent convenir en ce qu’ils troublent 
l’equilibre des fonctions psychiques et somatiques dans les 
actes sexuels, et qu’ils empöchent la participation psychique 
necessaire pour delivrer l’economie nerveuse de la tension 
genesique. 

Ces remarques, qui contiennent peut-ötre le germe d’une 
explication theorique du mecanisme fonctionnel de la nevrose 
en question, laissent deja soupgonner, qu’une exposition com- 
plete et vraiment scientifique de la matiere ne soit pas pos- 
sıble actuellement et qu’il faudrait avant tout aborder le 
problöme physiologique de la vie sexuelle sous un point de 
vue nouveau. 

Je finis par dire, que la pathogene&se de la nevrasthenie 
et de la nevrose d’angoisse peut se passer bien de la con- 
currence d’une disposition hereditaire. O’est le resultat de 
V’observation de tous les jours; mais si ’heredite est presente, 
le developpement de la nevrose en subira "influence formidable. 

Pour la deuxieme classe des grandes nevroses, hysterie 
et nevrose d’obsessions, la solution de la question &tiologique 
est d’une simplicite et uniformite surprenante. Je dois mes 
resultats a l’emploi d’une nouvelle methode de psycho-analyse, 
au procede explorateur de J. Breuer, un peu subtil, mais 
qu’on ne saurait remplacer, tant il s’est montre fertile pour 
eclaircir les voies obscures de l’ideation inconsciente. Au 
moyen de ce procede — qu’il ne faut pas decrire & cet en- 
droit!) — ou poursuit les symptömes hysteriques jusqu’a leur 
origine qu’on trouve toutes les fois dans un &venement de la 
vie sexuelle du sujet bien approprie pour produire une emotion 
penible. Allant en arriere dans le passe du malade, de pas 


1) Voir: J. Breuer und Sigm. Freud. Studien über Hysterie. 
Wien, 189. 


144 


en pas, et toujours dirig6 par l’enchainement organique des 
symptömes, des souvenirs et des pensees eveilles, je suis arriv6 
enfin au point de depart du processus pathologique et il m’a 
fallu voir, qu’l y avait au fond la möme chose dans tous 
les cas soumis & l’analyse, l’action d’un agent, qu’il faut ac- 
cepter comme cause specifique de l’hysterie. 

C'est bien un souvenir qui se rapporte & la vie sexuelle, 
mais qui offre deux caracteres de la derniere importance. 
L’evenement duquel le sujet a garde le souvenir inconscient 
est une experienee preeoce de rapports sexuels avee irritation 
veritable des parties genitales, suite d’abus sexuel pratique par une 
autre personne et la periode de la vie qui renferme cet &vene- 
ment funeste est la premiere jeunesse, les annees jusqu’ä l’äge 
de 8-10 ans, avant que l’enfant soit arrive & la maturite 
sexuelle. 

Experience de passivite sexuelle avant la pubertd: telle est 
done l’&tiologie specifique de l’hysterie. 

Je joindrai sans retard quelques details de faits et quel- 
ques remarques commentaires au resultat &nonce, pour com- 
battre la mefiance que j’attends. J’ai pu pratiquer la psycho- 
analyse complete en 13 cas d’hysterie, 3 de ce nombre com- 
binaisons vraies d’hysterie avec nevrose d’obsessions (je ne 
dis pas: hysterie avec obsessions). Dans aucun de ces cas ne 
manquait l’&venement caracterise la-haut; il &tait represente 
ou par un attentat brutal commis par une personne adulte 
ou par une seduction moins rapide, et moins repoussante, 
mais aboutissant a la möme fin. Sept fois sur treize il s’agissait 
d’une haison infantile des deux cötes, de rapports sexuels 
entre une petite file et un garcon un peu plus äge, le plus 
souvent son frere, et lui-möme vietime d’une seduction an- 
terieure. Ces liaisons s’&taient continudes quelquefois pendant 
des annees jusqu’a la puberte des petits coupables, le garcon 
repetant toujours et sans innovation sur la petite fille les 
mömes pratiques, quw'il avait subi lui-möme de la part d’une 
servante ou gouvernante, et qui pour cause de cette origine 
etaient souvent de nature degoütante. Dans quelques cas il 
y avait concurrence d’attentat et de liaison infantile, ou abus 
brutal reitere. 


145 


La date de l’experience precoce e&tait variable: en 2 cas 
la serie commengait dans la deuxi&me annee (?) du petit ötre; 
läge de preference est dans mes observations la quatri&me 
ou cinquieme annee. Ü’est pent-ötre un peu par accident, 
mais j’ai recu de la l’impression qu’un evenement de passivite 
sexuelle qui n’arrive qu’apres l’äge de 8 a 10 ans, ne pourra 
plus jeter les fondements de la nevrose. 

Comment peut-on rester convaincu de la realite de ces 
confessions d’analyse qui pretendent ötre des souvenirs con- 
serves depuis la premiere enfance, et comment se munir contre 
l’inelination de mentir et la facilit& d’invention attribuees 
aux hysteriques? Je m’accuserais de credulite blämable moi- 
möme, si je ne disposais de preuves plus concluantes. Mais 
c’est que les malades ne racontent jamais ces histoires spon- 
tenement, ni ne vont jamais dans le cours d’un traitement 
offrir au medecin tout d’un coup le souvenir complet d’une 
telle scene. On ne reussit & röveiller la trace psychique de 
l’evenement sexuel pr&öcoce que sous la pression la plus Ener- 
gique du procede analyseur et contre une rösistance Enorme, 
aussi faut-il leur arracher le souvenir morceau par morceau, 
et pendant qu’il s’eveille dans leur conscience, ils devien- 
nent la proie d’une &motion difficile & contrefaire. 

On finira möme par se convaincre si l’on n’est pas in- 
fluence par la conduite des malades, pourvu qu’on puisse suivre 
en detail le cours d’une psycho-analyse d’hysterie par refere. 

L’evenement precoce en question a laiss&e une empreinte 
imperissable dans l’histoire du cas, il y est represent& par une 
foule de symptömes et de traits particuliers, qu’on ne saurait 
expliquer autrement; il est exige d’une maniere peremptoire 
par l’enchainement subtil mais solide de la structure intrinseque 
de la nevrose; l’effet therapeutique de l’analyse reste en retard, 
si ’on n’a pas penetre aussi loin; alors on n’a pas d’autre 
choix que de refuter ou de croire le tout ensemble. 

Peut-on comprendre, qu’une telle experience sexuelle 
precoce, subie par un individu, duquel le sexe est & peine 
differencie, devienne la source d’une abnormite psychique 
persistante comme l’hysterie? Et comment s’accorderait une 
telle supposition avec nos idees actuelles sur le mecanisme 


Freud, Neurosenlehre. 10 


146 


psychique de cette nevrose? On peut donner une reponse 
satisfaisante & la premiere question: O’est justement parce que 
le sujet est infantile, que l’irritation sexuelle precoce produit 
nul ou peu d’effet & sa date, mais la trace psychique en est 
conservee. Plus tard, quand & la puberte se sera developpee 
la reactivite des organes sexuels & un niveau presque in- 
commensurable avec l’&tat infantile, il arrive d’une maniere 
ou d’une autre, que cette trace psychique inconsciente se 
reveille. Gräce au changement dü a la puberte le souvenir 
deploiera une puissance qui a fait totalement defaut & l’evene- 
ment lui-möme; le souvenir agira comme s’il dtait un evenement 
actuel. 1 y a pour ainsi dire action posthume d’un traumatisme 
sexuel. 

Autant que je vois, ce reveil du souvenir sexuel apres 
la puberte, l’&venement möme etant arrive & un temps recul& 
avant cette periode, constitue la seule &ventualitepsychologique, 
pour que l’action immediate d’un souvenir surpasse celle de 
l’evenement actuel. Mais c’est l& une constellation anormale, 
qui atteint un cöte faible du mecanisme psychique et produit 
necessairement un effet psychique pathologique. 

Je crois comprendre que cette relation inverse entre leffet 
psychique du sowvenir et de levenement contient la raison pour 
laquelle le souvenir resie inconscient. . 

On arrive ainsi & un probleme psychique tr&s complexe, 
mais qui düment apprecie promet de jeter un jour, une 
lumiere vive sur les questions les plus delicates de la vie 
psychique. 

Les idees ici exposees, ayant pour point de depart le 
resultat de la psycho-analyse, qu’on trouve toujours comme 
cause specifique de l’hysterie un souvenir d’experience sexuelle 
precoce, ne s’accordent pas avec la theorie psychologique 
de la nevrose de M. Janet, ni avec une autre, mais elles 
harmonisent parfaitement avec mes propres speculations de- 
veloppees ailleurs sur les „Abwehrneurosen“. 

Tous les &venements posterieurs & la puberte, auxquels 
il faut attribuer une influence sur le developpement de la 
nevrose hysterique et sur la formation de ses symptömes ne 
sont vraiment que des causes concurrentes, „agents provo- 


147 


cateurs“ comme disait Charcot, pour qui l’heredite nerveuse 
occupait la place que je reclame pour l’experience sexuelle 
precoce. Ües agents accessoires ne sont pas sujets aux con- 
ditions strictes, qui pesent sur les causes specifiques; l’analyse 
demontre d’une maniere irrefutable qu’ils ne jouissent d’une 
influence pathogene pour l’hysterie que par leur faculte 
d’eveiller la trace psychique inconsciente de l’&venement 
infantile. C’est aussi gräce a leur connexion avec l’empreinte 
pathogene primaire et aspires par elle, que leurs souvenirs 
deviendront inconscients & leur tour et pourront aider l’ac- 
croissement d’une activite psychique soustraite au pouvoir 
des fonctions conscientes. 

La nevrose d’obsessions (Zwangsneurose) releve d’une 
cause specifique tres analogue & celle de l’hysterie. On y 
trouve aussi un &venement sexuel precoce, arrive avant l’äge 
de la puberte, duquel le souvenir devient actif pendant ou 
apres cette epoque, et les mömes remarques et raisonnements 
exposes & l’occasion de l’hysterie pourront s’appliquer aux 
observations de l’autre nevrose (six cas, dont trois purs). Il 
n’y a qu’une difference qui semble capitale. Nous avons trouv6 
au fond de l’etiologie hysterique un evenement de passivite 
sexuelle, une experience subie avec indifference ou avec un 
petit peu de depit ou d’effroi. Dans la nevrose d’obsessions 
il Pagit au contraire d’un &venement, qui a fait plaisir, d’une 
aggression sexuelle inspiree par le desir (en cas de garcon) 
ou d’une participation avec jouissance aux rapports sexuels 
(en cas de petite fille). Les idees obsedantes, reconnues par 
Vanalyse dans leur sens intime, reduites pour ainsi dire & leur 
expression la plus simple ne sont pas autre chose que des 
reproches, que le sujet s’adresse ü cause de cette jouissance sexuelle 
anticipee, mais des reproches defigures par. un travail psychique 
inconscient de transformation et de substitution. 

Le fait möme, que de telles aggressions sexuelles se 
passent dans un äge aussi tendre, semble denoncer l’influence 
d’une seduction anterieure, de laquelle la precocite du dösir 
sexuel soit la consequence. L’analyse vient confirmer ce 
soupcon, dans les cas analyses par moi. On s’explique de 
cette maniere un fait interessant toujours present dans ces 

10* 


148 


cas d’obsessions, la complication reguliere du cadre symp- 
tomatique par un certain nombre de symptömes simplement 
hysteriques. 

L’importance de l’element actif de la vie sexuelle pour 
la cause des obsessions comme de la passivite sexuelle pour la 
pathogenese de l’hysterie semble möme devoiler la raison de 
la connexion plus intime de l’hysterie avec le sexe feminin 
et de la preference des hommes pour la nevrose d’obsessions. 
On rencontre parfois des couples de malades nevroses, qui 
ont ete un couple de petits amoureux dans leur premiere 
jeunesse, ’homme souffrant d’obsessions, la femme d’hysterie ; 
s’il s’agit d’un frere et de la seur on pourra me&prendre pour 
un effet de l’heredite nerveuse, ce qui en verite derive d’ex- 
periences sexuelles pre&coces. 

Il y a sans doute des cas d’hysterie ou d’obsession purs 
et ısoles, independants de nevrasthenie ou nevrose d’angoisse; 
mais ce n’est pas la rögle. Plus souvent la psycho-n&yrose se 
presente comme accessoire aux nevroses nevrastheniques, 
evoquee par eux et suivant leur decours. C’est parce que les 
causes specifiques des derniers, les desordres actuels de la 
vie sexuelle, agissent en möme temps comme causes acces- 
soires des psycho-nevroses, dont ıls eveillent et raniment la 
cause specifigue, le souvenir de l’experience sexuelle precoce. 

Quant a l’heredite nerveuse, je suis loin de savoir evaluer 
au juste son influence dans l’etiologie des psycho-növroses. 
Je concede que sa presence est indispensable dans les cas 
graves, je doute quelle soit necessaire pour les cas legers, 
mais je suis convaincu que l’heredite nerveuse & elle seule 
ne peut pas produire les psycho-nevroses, si leur etiologie 
specifique, lirritation sexuelle pr&coce, fait defaut. Je vois 
möme, que la question de savoir laquelle des nevroses, hysterie 
ou obsessions, se developpera dans un cas donne, n’est pas 
jugee par l’heredit&e mais par un caractere special de cet 
evenement sexuel de la premiere jeunesse. 


x, 
Zur Ätiologie der Hysterie. ’) 


Meine Herren! Wenn wir daran gehen, uns eine Meinung 
über die Verursachung eines krankhaften Zustandes wie die 
Hysterie zu bilden, betreten wir zunächst den Weg der 
anamnestischen Forschung, indem wir den Kranken oder 
dessen Umgebung ins Verhör darüber nehmen, auf welche 
schädlichen Einflüsse sie selbst die Erkrankung an jenen 
neurotischen Symptomen zurückführen. Was wir so in Er- 
fahrung bringen, ist selbstverständlich durch alle jene Momente 
verfälscht, die einem Kranken die Erkenntnis des eigenen 
Zustandes zu verhüllen pflegen, durch seinen Mangel an 
wissenschaftlichem Verständnis für ätiologische Wirkungen, 
durch den Fehlschluß des post hoc, ergo propter hoc, 
durch die Unlust, gewisser Noxen und Traumen zu gedenken 
oder ihrer Erwähnung zu tun. Wir halten darum bei solcher 
anamnestischer Forschung an dem Vorsatze fest, den Glauben 
der Kranken nicht ohne eingehende kritische Prüfung zu dem 
unserigen zu machen, nicht zuzulassen, daß die Patienten 
uns unsere wissenschaftliche Meinung über die Ätiologie der 
Neurose zurechtmachen. Wenn wir einerseits gewisse konstant 
wiederkehrende Angaben anerkennen, wie die, daß der hyste- 
rische Zustand eine lang andauernde Nachwirkung einer einmal 
erfolgten Gemütsbewegung sei, so haben wir anderseits in 
die Ätiologie der Hysterie ein Moment eingeführt, welches 
der Kranke selbst niemals vorbringt und nur ungern gelten läßt, 
die hereditäre Veranlagung von seiten der Erzeuger. Sie wissen, 
daß nach der Meinung der einflußreichen Schule Charcot’s 

1) „Wiener klinische Rundschau“, 189%, Nr. 22—26. Ausführung 


nach einem Vortrage im Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien 
am 2. Mai 1896. 


150 


die Heredität allein als wirkliche Ursache der Hysterie An- 
erkennung verdient, während alle anderen Schädlichkeiten 
verschiedenartigster Natur und Intensität nur die Rolle von 
Gelegenheitsursachen, von „Agents provocateurs“ spielen sollen. 

Sie werden mir ohne weiters zugeben, daß es wünschens- 
wert wäre, es gäbe einen zweiten Weg, zur Ätiologie der 
Hysterie zu gelangen, auf welchem man sich unabhängiger 
von den Angaben der Kranken wüßte. Der Dermatolog z.B. 
weiß ein Geschwür als luetisch zu erkennen nach der Be- 
schaffenheit der Ränder, des Belags, des Umrisses, ohne daß 
ihn der Einspruch des Patienten, der eine Infektionsquelle 
leugnet, daran irre machte. Der Gerichtsarzt versteht es, die 
Verursachung einer Verletzung aufzuklären, selbst wenn er 
auf die Mitteilungen des Verletzten verzichten muß. Es be- 
steht nun eine solche Möglichkeit, von den Symptomen aus 
zur Kenntnis der Ursachen vorzudringen, auch für die Hysterie. 
Das Verhältnis der Methode aber, deren man sich hiefür zu 
bedienen hat, zur älteren Methode der anamnestischen Er- 
hebung möchte ich Ihnen in einem Gleichnisse darstellen, 
welches einen auf anderem Arbeitsgebiete tatsächlich erfolgten 
Fortschritt zum Inhalt hat. 

Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine 
wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit 
Mauerresten, Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit ver- 
wischten und unlesbaren Schriftzeichen sein Interesse er- 
weckte. Er kann sich damit begnügen zu beschauen, was 
frei zutage liegt, dann die in der Nähe hausenden, etwa 
halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was ihnen die Tradition 
über die Geschichte und Bedeutung jener monumentalen Reste 
kundgegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen und — weiter- 
reisen. Er kann aber auch anders vorgehen; er kann Hacken, 
Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner für 
die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das 
Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und 
von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken. 
Lohnt der Erfolg seine Arbeit, so erläutern die Funde sich 
selbst; die Mauerreste gehören zur Umwallung eines Palastes 
oder Schatzhauses, aus den Säulentrümmern ergänzt sich ein 


151 


Tempel, die zahlreich gefundenen, im glücklichen Fall bilinguen 
Inschriften enthüllen ein Alphabet und eine Sprache, und 
deren Entzifferung und Übersetzung ergibt uugeahnte Auf- 
schlüsse über die Ereignisse der Vorzeit, zu deren Gedächtnis 
jene Monumente erbaut worden sind. Saxa loquuntur! 

Will man in annähernd ähnlicher Weise die Symptome 
einer Hysterie als Zeugen für die Entstehungsgeschichte der 
Krankheit laut werden lassen, so muß man an die bedeut- 
same Entdeckung J. Breuer’s anknüpfen, daß die Sym- 
ptome der Hysterie (die Stigmata beiseite) ihre De- 
terminierung von gewissen traumatisch wirk- 
samen Erlebnissen des Kranken herleiten, als 
deren Erinnerungssymbole sie im psychischen 
Leben desselben reproduziert werden. Man muß 
sein Verfahren — oder ein im Wesen gleichartiges — an- 
wenden, um die Aufmerksamkeit des Kranken vom Symptom 
aus auf die Szene zurückleiten, in welcher und durch welche 
das Symptom entstanden ist, und man beseitigt nach seiner 
Anweisung dieses Symptom, indem man bei der Reproduktion 
der traumatischen Szene eine nachträgliche Korrektur des 
damaligen psychischen Ablaufes durchsetzt. 

Es liegt heute meiner Absicht völlig ferne, die schwierige 
Technik dieses therapeutischen Verfahrens oder die dabei ge- 
wonnenen psychologischen Aufklärungen zu behandeln. Ich 
mußte nur an dieser Stelle anknüpfen, weil die nach Breuer 
vorgenommenen Analysen gleichzeitig den Zugang zu den 
Ursachen der Hysterie zu eröffnen scheinen. Wenn wir eine 
größere Reihe von Symptomen bei zahlreichen Personen 
dieser Analyse unterziehen, so werden wir ja zur Kenntnis 
einer entsprechend großen Reihe von traumatisch wirksamen 
Szenen geleitet werden. In diesen Erlebnissen sind die wirk- 
samen Ursachen der Hysterie zur Geltung gekommen; wir 
dürfen also hoffen, aus dem Studium der traumatischen Szenen 
zu erfahren, welche Einflüsse hysterische Symptome erzeugen 
und auf welche Weise. 

Diese Erwartung trifft zu, notwendigerweise, da ja die 
Sätze von Breuer sich bei der Prüfung an zahlreicheren 
Fällen als richtig erweisen. Aber der Weg von den Symp- 


152 


tomen der Hysterie zu deren Ätiologie ist langwieriger 
und führt über andere Verbindungen, als man sich vor- 
gestellt: hätte. 

Wir wollen uns nämlich klar machen, daß die Zurück- 
führung eines hysterischen Symptoms auf eine traumatische 
Szene nur dann einen Gewinn für unser Verständnis mit 
sich bringt, wenn diese Szene zweien Bedingungen genügt, 
wenn sie die betreffende determinierende Eignung be- 
sitzt, und wenn ihr die nötige traumatische Kraft zu- 
erkannt werden muß. Ein Beispiel anstatt jeder Wort- 
erklärung! Es handle sich um das Symptom des hysterischen 
Erbrechens; dann glauben wir dessen Verursachung (bis auf 
einen gewissen Rest) durchschauen zu können, wenn die Ana- 
lyse das Symptom auf ein Erlebnis zurückführt, welches 
berechtigterweise ein hohes Maß von Ekel erzeugt 
hat, wie etwa der Anblick eines verwesenden menschlichen 
Leichnams. Ergibt die Analyse anstatt dessen, daß das Er- 
brechen von einem großen Schreck, z. B. bei einem Eisen- 
bahnunfall, herrührt, so wird man sich unbefriedigt fragen 
müssen, wieso denn der Schreck gerade zum Erbrechen geführt 
hat. Es fehlt dieser Ableitung an der Eignung zur Deter- 
minierung. Ein anderer Fall von ungenügender Aufklärung 
legt vor, wenn das Erbrechen etwa von dem Genuß einer 
Frucht herrühren soll, die eine faule Stelle zeigte. Dann ist 
zwar das Erbrechen durch den Ekel determiniert, aber 
man versteht nicht, wie der Ekel in diesem Falle so mächtig 
werden konnte, sich durch ein hysterisches Symptom zu ver- 
ewigen; es mangelt diesem Erlebnis an traumatischer 
Kraft. 

Sehen wir nun nach, inwieweit die durch die Analyse 
aufgedeckten traumatischen Szenen der Hysterie bei einer 
größeren Anzahl von Symptomen und Fällen den beiden er- 
wähnten Ansprüchen genügen. Hier stoßen wir auf die erste 
große Enttäuschung! Es trifft zwar einige Male zu, daß die 
traumatische Szene, in welcher das Symptom entstanden ist, 
wirklichbeides, diedeterminierendeEignungunddietraumatische 
Kraft, besitzt, deren wir zum Verständnis des Symptoms be- 
dürfen. Aber weit häufiger, unvergleichlich häufiger, finden 


18,5) 


wir eine der drei übrigen Möglichkeiten verwirklicht, die dem 
Verständnisse so ungünstig sind: die Szene, auf welche wir 
durch die Analyse geleitet werden, in welcher das Symptom 
zuerst aufgetreten ist, erscheint uns entweder ungeeignet zur 
Determinierung des Symptoms, indem ihr Inhalt zur Beschaffen- 
heit des Symptoms keine Beziehung zeigt; oder das angeblich 
traumatische Erlebnis, dem es an inhaltlicher Beziehung nicht 
fehlt, erweist sich als ein normalerweise harmloser, für ge- 
wöhnlich wirkungsunfähiger Eindruck; oder endlich die „trau- 
matische Szene“ macht uns nach beiden Richtungen irre; sie 
erscheint ebenso harmlos wie ohne Beziehung zur Eigenart 
des hysterischen Symptoms. 

(Ich bemerke hier nebenbei, daß Breuer’s Auffassung 
von der Entstehung hysterischer Symptome durch die Auf- 
findung traumatischer Szenen, die an sich bedeutungslosen 
Erlebnissen entsprechen, nicht gestört worden ist. Breuer 
nahm nämlich — ım Anschlusse an Charcot — an, daß 
auch ein harmloses Erlebnis zum Trauma erhoben werden 
und determinierende Kraft enfalten kann, wenn es die Person 
in einer besonderen psychischen Verfassung, im sogenannten 
hypnoiden Zustand, betrifft. Allein ich finde, daß zur 
Voraussetzung solcher hypnoider Zustände oftmals jeder 
Anhalt fehlt. Entscheidend bleibt, daß die Lehre von den 
hypnoiden Zuständen nichts zur Lösung der anderen Schwierig- 
keit leistet, daß nämlich den traumatischen Szenen so häufig 
die determinierende Eignung abgeht.) 

Fügen sie hinzu, meine Herren, daß diese erste Ent- 
täuschung beim Verfolg der Breuer’schen Methode unmittel- 
bar durch eine andere eingeholt wird, die man besonders als 
Arzt schmerzlich empfinden muß. Zurückführungen solcher 
Art, wie wir sie geschildert haben, die unserem Verständnis 
betreffs der Determinierung und der traumatischen Wirksamkeit 
nicht genügen, bringen auch keinen therapeutischen Gewinn; 
der Kranke hat seine Symptome ungeändert behalten, trotz 
des ersten Ergebnisses, das uns die Analyse geliefert hat. 
Sie mögen verstehen, wie groß dann die Versuchung wird, 
auf eine Fortsetzung der ohnedies mühseligen Arbeit zu ver- 
zichten. 


154 


Vielleicht aber bedarf es nur eines neuen Einfalles, um 
uns aus der Klemme zu helfen und zu wertvollen Resultaten 
zu führen! Der Einfall ist folgender: Wir wissen ja durch 
Breuer, daß die hysterischen Symptome zu lösen sind, 
wenn wir von ihnen aus den Weg zur Erinnerung eines 
traumatischen Erlebnisses finden können. Wenn nun die auf- 
gefundene Erinnerung unseren Erwartungen nicht entspricht, 
vielleicht ist derselbe Weg ein Stück weiter zu verfolgen, 
vielleicht verbirgt sich hinter der ersten traumatischen Szene 
die Erinnerung an eine zweite, die unseren Ansprüchen besser 
genügt, und deren Reproduktion mehr therapeutische Wirkung 
entfaltet, so daß die erstgefundene Szene nur die Bedeutung 
eines Bindegliedes in der Assoziationsverkettung hat? Und 
vielleicht wiederholt sich dieses Verhältnis, die Einschiebung 
unwirksamer Szenen als notwendiger Übergänge bei der 
Reproduktion mehrmals, bis man vom hysterischen Symptom 
aus endlich zur eigentlich traumatisch wirksamen, in jeder 
Hinsicht, therapeutisch wie analytisch, befriedigenden Szene 
gelangt? Nun, meine Herren, diese Vermutung ist richtig. 
Wo die erstaufgefundene Szene unbefriedigend ist, sagen wir 
dem Kranken, dieses Erlebnis erkläre nichts, es müsse sich 
aber hinter ihm ein bedeutsameres, früheres Erlebnis ver- 
bergen, und lenken seine Aufmerksamkeit nach derselben 
Technik auf den Assoziationsfaden, welcher beide Erinnerungen, 
die aufgefundene und die aufzufindende verknüpft.!) Die Fort- 
setzung der Analyse führt dann jedesmal zur Reproduktion 
neuer Szenen von den erwarteten Charakteren. Wenn ich 
z. B. den vorhin ausgewählten Fall von hysterischem Erbrechen 
wieder aufnehme, den die Analyse zunächst auf einen Schreck 
bei einem Eisenbahnunfall zurückgeführt hat, welcher der 
determinierenden Eignung entbehrt, so erfahre ich aus weiter- 
gehender Analyse, daß dieser Unfall die Erinnerung an einen 
anderen, früher vorgekommenen, geweckt hat, den der Kranke 


!) Es bleibt dabei absichtlich außer Erörterung, von welchem Rang 
die Assoziation der beiden Erinnerungen ist (ob durch Gleichzeitigkeit, 
kausaler Art, nach inhaltlicher Ähnlichkeit usw.), und auf welche psycho- 
logische Charakteristik die einzelnen „Erinnerungen“ (bewußte oder un- 
bewußte) Anspruch haben. 


155 


zwar nicht selbst erlebte, der ihm aber Gelegenheit zu dem 
Grauen und Ekel erregenden Anblick eines Leichnams bot. Es 
ist, als ob das Zusammenwirken beider Szenen die Erfüllung 
unserer Postulate ermöglichte, indem das eine Erlebnis durch 
den Schreck die traumatische Kraft, das andere durch seinen 
Inhalt die determinierende Wirkung beistellt. Der andere Fall, 
daß das Erbrechen auf den Genuß eines Apfels zurück- 
geführt wird, an dem sich eine faule Stelle findet, wird durch 
die Analyse etwa in folgender Weise ergänzt: Der faulende 
Apfel erinnert an ein früheres Erlebnis, an das Sammeln 
abgefallener Äpfel in einem Garten, wobei der Kranke zufällig 
auf einen ekelhaften Tierkadaver stieß. 

Ich will auf diese Beispiele nicht mehr zurückkommen, 
denn ich muß das Geständnis ablegen, daß sie keinem Fall 
meiner Erfahrung entstammen, daß sie von mir erfunden 
sind; höchstwahrscheinlich sind sie auch schlecht erfunden; 
derartige Auflösungen hysterischer Symptome halte ich selbst 
für unmöglich. Aber der Zwang, Beispiele zu fingieren, er- 
wächst mir aus mehreren Momenten, von denen ich eines 
unmittelbar anführen kann. Die wirklichen Beispiele sind 
alle unvergleichlich komplizierter; eine einzige ausführliche 
Mitteilung würde diese Vortragsstunde ausfüllen. Die Asso- 
ziationskette besteht immer aus mehr als zwei Gliedern, die 
traumatischen Szenen bilden nicht etwa einfache, perlschnur- 
artige Reihen, sondern verzweigte, stammbaumartige Zu- 
sammenhänge, indem bei einem neuen Erlebnis zwei und 
mehr frühere als Erinnerungen zur Wirkung kommen; kurz, 
die Auflösung eines einzelnen Symptoms mitteilen, fällt 
eigentlich zusammen mit der Aufgabe, eine Krankengeschichte 
vollständig darzustellen. 

Wir wollen es nun aber nicht versäumen, den einen Satz 
nachdrücklich hervorzuheben, den die analytische Arbeit längs 
dieser Erinnerungsketten unerwarteterweise ergeben hat. Wir 
haben erfahren, daß kein hysterisches Symptom aus 
einem realen Erlebnis allein hervorgehen kann, 
sondern daß alle Male die assoziativ geweckte 
Erinnerung an frühere Erlebnisse zur Verursachung 
des Symptoms mitwirkt. Wenn dieser Satz — wie ich 


meine — ohne Ausnahme richtig ist, so bezeichnet er uns 
aber auch das Fundament, auf dem eine psychologische Theorie 
der Hysterie aufzubauen ist. 

Sie könnten meinen, jene seltenen Fälle, in welchen die 
Analyse das Symptom sofort auf eine traumatische Szene 
von guter determinierender Eignung und traumatischer Kraft 
zurückführt und es durch solche Zurückführung gleichzeitig 
wegschafft, wie dies in Breuer’s Krankengeschichte der 
Anna O. geschildert wird, seien doch mächtige Einwände 
gegen die allgemeine Geltung des eben aufgestellten Satzes. 
Das sieht in der Tat so aus; allein ich muß Sie versichern, 
ich habe die triftigsten Gründe, anzunehmen, daß selbst in 
diesen Fällen eine Verkettung wirksamer Erinnerungen vor- 
liegt, die weit hinter die erste traumatische Szene zurück- 
reicht, wenngleich die Reproduktion der letzteren allein 
die Aufhebung des Symptoms zur Folge haben kann. 

Ich meine, es ist wirklich überraschend, daß hysterische 
Symptome nur unter Mitwirkung von Erinnerungen entstehen 
können, zumal wenn man erwägt, daß diese Erinnerungen 
nach allen Aussagen der Kranken ihnen im Moment, da das 
Symptom zuerst auftrat, nicht zum Bewußtsein gekommen 
waren. Hier ist Stoff für sehr viel Nachdenken gegeben, aber 
diese Probleme sollen uns für jetzt nicht verlocken, unsere 
Richtung nach der Ätiologie der Hysterie zu verlassen. Wir 
müssen uns vielmehr fragen: Wohin gelangen wir, wenn wir 
den Ketten assoziierter Erinnerungen folgen, welche die Ana- 
lyse uns aufdeckt? Wie weit reichen sie? Haben sie irgendwo 
ein natürliches Ende? Führen sie uns etwa zu Erlebnissen, die 
irgendwie gleichartig sind, dem Inhalt oder der Lebenszeit 
nach, so daß wir in diesen überall gleichartigen Faktoren die 
gesuchte Ätiologie der Hysterie erblicken könnten? 

Meine bisherige Erfahrung gestattet mir bereits, diese 
Fragen zu beantworten. Wenn man von einem Falle ausgeht, 
der mehrere Symptome bietet, so gelangt man mittelst der 
Analyse von jedem Symptom aus zu einer Reihe von Erleb- 
nissen, deren Erinnerungen in der Assoziation mit einander 
verkettet sind. Die einzelnen Erinnerungsketten verlaufen zu- 
nächst distinkt von einander nach rückwärts, sind aber, wie 


157 


bereits erwähnt, verzweigt;-von einer Szene aus sind gleich- 
zeitig zwei oder mehr Erinnerungen erreicht, von denen nun 
Seitenketten ausgehen, deren einzelne Glieder wieder mit 
Gliedern der Hauptkette assoziativ verknüpft sein mögen. Der 
Vergleich mit dem Stammbaum einer Familie, deren Mit- 
glieder auch unter einander geheiratet haben, paßt hier wirk- 
lich nicht übel. Andere Komplikationen der Verkettung er- 
geben sich daraus, daß eine einzelne Szene in derselben 
Kette mehrmals erweckt werden kann, so daß sie zu einer 
späteren Szene mehrfache Beziehungen hat, eine direkte Ver- 
knüpfung mit ihr aufweist und eine durch Mittelglieder her- 
gestellte. Kurz, der Zusammenhang ist keineswegs ein ein- 
facher und die Aufdeckung der Szenen in umgekehrter chrono- 
logischer Folge (die eben den Vergleich mit der Aufgrabung 
eines geschichteten Trümmerfeldes rechtfertigt) trägt zum 
rascheren Verständnis des Herganges gewiß nichts bei. 

Neue Verwicklungen ergeben sich, wenn man die Analyse 
weiter fortsetzt. Die Assoziationsketten für die einzelnen 
Symptome beginnen dann in Beziehung zu einander zu treten; 
die Stammbäume verflechten sich. Bei einem gewissen Erlebnis 
der Erinnerungskette, z. B. für das Erbrechen, ist außer den 
rückläufigen Gliedern dieser Kette eine Erinnerung aus einer 
anderen Kette erweckt worden, die ein anderes Symptom, 
etwa Kopfschmerz, begründet. Jenes Erlebnis gehört darum 
beiden Reihen an, es stellt einen Knotenpunkt dar, wie 
deren in jeder Analyse mehrere aufzufinden sind. Sein klinisches 
Korrelat mag etwa sein, daß von einer gewissen Zeit an die 
beiden Symptome zusammen auftreten, symbiotisch, eigentlich 
ohne innere Abhängigkeit von einander. Knotenpunkte 
anderer Art findet man noch weiter rückwärts. Dort kon- 
vergieren die einzelnen Assoziationsketten; es finden sich 
Erlebnisse, von denen zwei oder mehrere Symptome aus- 
gegangen sind. An das eine Detail der Szene hat die eine 
Kette, an ein anderes Detail die zweite Kette angeknüpft. 

Das wichtigste Ergebnis aber, auf welches man bei 
solcher konsequenten Verfolgung der Analyse stößt, ist dieses: 
Von welchem Fall und von welchem Symptom immer man 
seinen Ausgang genommen hat, endlich gelangt man 


158 


unfehlbar auf das Gebiet des sexuellen Erlebens. 
Hiemit wäre also zuerst eine ätiologische Bedingung hysteri- 
scher Symptome aufgedeckt. 

Ich kann nach früheren Erfahrungen voraussehen, daß 
gerade gegen diesen Satz oder gegen die Allgemeingiltigkeit 
dieses Satzes Ihr Widerspruch, meine Herren, gerichtet sein 
wird. Ich sage vielleicht besser: Ihre Widerspruchsneigung, 
denn es stehen wohl noch keinem von Ihnen Untersuchungen 
zu Gebote, die, mit demselben Verfahren angestellt, ein anderes 
Resultat ergeben hätten. Zur Streitsache selbst will ich nur 
bemerken, daß die Auszeichnung des sexuellen Momentes in 
der Ätiologie der Hysterie bei mir mindestens keiner vor- 
gefaßten Meinung entstammt. Die beiden Forscher, als deren 
Zögling ich meine Arbeiten über Hysterie begonnen habe, 
Charcot wie Breuer, standen einer derartigen Voraus- 
setzung ferne, ja brachten ihr eine persönliche Abneigung 
entgegen, von der ich anfangs meinen Anteil übernahm. Erst 
die mühseligsten Detailuntersuchungen haben mich, und zwar 
langsam genug, zu der Meinung bekehrt, die ich heute ver- 
trete. Wenn Sie meine Behauptung, die Ätiologie auch der 
Hysterie läge im Sexualleben, der strengsten Prüfung unter- 
ziehen, so erweist sie sich als vertretbar durch die Angabe, 
daß ich in etwa 18 Fällen von Hysterie diesen Zusammenhang 
für jedes einzelne Symptom erkennen und, wo es die Verhält- 
nisse gestatteten, durch den therapeutischen Erfolg bekräftigen 
konnte. Sie können mir dann freilich einwenden, die 19. und 
die 20. Analyse werden vielleicht eine Ableitung hysterischer 
Symptome auch aus anderen Quellen kennen lehren und da- 
mit die Giltigkeit der sexuellen Ätiologie von der Allgemein- 
heit auf 80°/, einschränken. Wir wollen es gerne abwarten, 
aber da jene 18 Fälle gleichzeitig alle sind, an denen ich 
die Arbeit der Analyse unternehmen konnte, und da niemand 
diese Fälle mir zum Gefallen ausgesucht hat, werden Sie es 
begreiflich finden, daß ich jene Erwartung nicht teile, sondern 
bereit bin, mit meinem Glauben über die Beweiskraft meiner 
bisherigen Erfahrungen hinauszugehen. Dazu bewegt mich 
übrigens noch ein anderes Motiv von einstweilen bloß sub- 
jektiver Geltung. In dem einzigen Erklärungsversuch für den 


159 


physiologischen und psychischen Mechanismus der Hysterie, 
den ich mir zur Zusammenfassung meiner Beobachtungen 
gestalten konnte, ist mir die Einmengung sexueller Trieb- 
kräfte zur unentbehrlichen Voraussetzung geworden. 

Also man gelangt endlich, nachdem die Erinnerungs- 
ketten konvergiert haben, auf sexuelles Gebiet und zu einigen 
wenigen Erlebnissen, die zumeist in die nämliche Lebens- 
periode, in das Alter der Pubertät fallen. Aus diesen Erleb- 
nissen soll man die Ätiologie der Hysterie entnehmen und durch 
sie die Entstehung hysterischer Symptome verstehen lernen. 
Hier erlebt man aber eine neue und schwerwiegende Ent- 
täuschung! Die mit soviel Mühe aufgefundenen, aus allem 
Erinnerungsmaterial extrahierten, anscheinend letzten traumati- 
schen Erlebnisse haben zwar die beiden Charaktere: Sexualität 
und Pubertätszeit gemein, sind aber sonst so sehr disparat 
und ungleichwertig. In einigen Fällen handelt es sich 
wohl um Erlebnisse, die wir als schwere Traumen anerkennen 
müssen, um einen Versuch der Vergewaltigung, der dem un- 
reifen Mädchen mit einem Schlage die ganze Brutalität der 
Geschlechtslust enthüllt, um eine unfreiwillige Zeugenschaft. 
bei sexuellen Akten der Eltern, die in Einem ungeahntes Häß- 
liches aufdeckt und das kindliche wie das moralische Gefühl 
verletzt u. dgl. In anderen Fällen sind diese Erlebnisse: 
von erstaunlicher Geringfügigkeit. Eine meiner Patientinnen 
zeigte zugrunde ihrer Neurose das Erlebnis, daß ein ihr 
befreundeter Knabe zärtlich ihre Hand streichelte und ein. 
andermal seinen Unterschenkel an ihr Kleid drängte, während 
sie neben einander bei Tische saßen, wobei noch seine Miene. 
sie erraten ließ, es handle sich um etwas Unerlaubtes. Bei 
einer anderen jungen Dame hatte gar das Anhören einer- 
Scherzfrage, die eine obszöne Beantwortung ahnen ließ, hin-. 
gereicht, den ersten Angstanfall hervorzurufen und damit. 
die Erkrankung zu eröffnen. Solche Ergebnisse sind offenbar 
einem Verständnis für die Verursachung hysterischer Symp-- 
tome nicht günstig. Wenn es ebensowohl schwere wie ge--. 
ringfügige Erlebnisse, ebensowohl Erfahrungen am eigenen 
Leib wie visuelle Eindrücke und durch das Gehör empfangene. 
Mitteilungen sind, die sich als die letzten Traumen der- 


160 


Hysterie erkennen lassen, so kann man etwa die Deutung ver- 
suchen, die Hysterischen seien besonders geartete Menschen- 
kinder — wahrscheinlich infolge erblicher Veranlagung oder 
degenerativer Verkümmerung — bei denen die Scheu vor der 
Sexualität, die im Pubertätsalter normalerweise eine gewisse 
Rolle spielt, ins Pathologische gesteigert und dauernd fest- 
gehalten wird; gewissermaßen Personen, die den Anforde- 
rungen der Sexualität psychisch nicht Genüge leisten können. 
Man vernachlässigt bei dieser Aufstellung allerdings die 
Hysterie der Männer; aber auch, wenn es derartige grobe Ein- 
wände nicht gäbe, wäre die Versuchung kaum sehr groß, bei 
dieser Lösung stehen zu bleiben. Man verspürt hier nur zu 
deutlich die intellektuelle Empfindung des Halbverstandenen, 
Unklaren und Unzureichenden. 

Zum Glück für unsere Aufklärung zeigen einzelne der 
sexuellen Pubertätserlebnisse eine weitere Unzulänglichkeit, 
die geeignet ist, zur Fortsetzung der analytischen Arbeit an- 
zuregen. Es kommt nämlich vor, daß auch diese Erlebnisse 
der determinierenden Eignung entbehren, wenngleich dies hier 
viel seltener ist als bei den traumatischen Szenen aus späterer 
Lebenszeit. So z. B. hatten sich bei den beiden Patientinnen, 
die ich vorhin als Fälle mit eigentlich harmlosen Pubertäts- 
erlebnissen angeführt habe, im Gefolge dieser Erlebnisse eigen- 
tümliche schmerzhafte Empfindungen in den Genitalien einge- 
stellt, die sich als Hauptsymptome der Neurose fortgesetzt hatten, 
deren Determinierung weder aus den Pubertätsszenen noch aus 
späteren abzuleiten war, die aber sicherlich nicht zu den nor- 
malen Organempfindungen oder zu den Zeichen sexueller Auf- 
regung gehörten. Wie nahe lag es nun, sich hier zu sagen, 
man müsse die Determinierung dieser Symptome in noch 
anderen, noch weiter zurückreichenden Erlebnissen suchen, 
man müsse hier zum zweiten Male jenem rettenden Einfall 
folgen, der uns vorhin von den ersten traumatischen Szenen 
zu den Erinnerungsketten hinter ihnen geleitet? Man kommt 
damit freilich in die Zeit der ersten Kindheit, die Zeit vor 
der Entwicklung des sexuellen Lebens, womit ein Verzicht 
auf die sexuelle Ätiologie verbunden scheint. Aber hat man 
nicht ein Recht, anzunehmen, daß es auch dem Kindesalter 


161 


an leisen sexuellen Erregungen nicht gebricht, ja, daß vielleicht 
die spätere sexuelle Entwicklung durch Kindererlebnisse in ent- 
scheidender Weise beeinflußt wird? Schädigungen, die das unaus- 
gebildete Organ, die in Entwicklung begriffene Funktion, treffen, 
verursachen ja so häufigschwerere undnachhaltigere Wirkungen, 
als sie im reiferen Alter entfalten könnten. Vielleicht liegen 
der abnormen Reaktion gegen sexuelle Eindrücke, durch welche 
uns die Hysterischen in der Pubertätszeit überraschen, ganz 
allgemein solche sexuelle Erlebnisse der Kindheit zugrunde, 
die dann von gleichförmiger und bedeutsamer Art sein müßten ? 
Man gewänne so eine Aussicht, als frühzeitig erworben auf- 
zuklären, was man bisher einer durch die Heredität doch 
nicht verständlichen Prädisposition zur Last legen mußte. 
Und da infantile Erlebnisse sexuellen Inhalts doch nur durch 
ihre Erinnerungsspuren eine psychische Wirkung äußern 
könnten, wäre dies nicht eine willkommene Ergänzung zu 
jenem Ergebnis der Analyse, daß hysterischeSymptome 
immer nur unter derMitwirkung vonErinnerungen 
entstehen? 
06 

Sie erraten es wohl, meine Herren, daß ich jenen letzten 
Gedankengang nicht so weit ausgesponnen hätte, wenn ich 
Sie nicht darauf vorbereiten wollte, daß er allein es ist, der 
uns nach so vielen Verzögerungen zum Ziele führen wird. 
Wir stehen nämlich wirklich am Ende unserer langwierigen 
und beschwerlichen analytischen Arbeit und finden hier alle 
bisher festgehaltenen Ansprüche und Erwartungen erfüllt. 
Wenn wir die Ausdauer haben, mit der Analyse bis in die 
frühe Kindheit vorzudringen, so weit zurück nur das Er- 
innerungsvermögen eines Menschen reichen kann, so ver- 
anlassen wir in allen Fällen den Kranken zur Reproduktion 
von Erlebnissen, die infolge ihrer Besonderheiten sowie ihrer 
Beziehungen zu den späteren Krankheitssymptomen als die 
gesuchte Ätiologie der Neurose betrachtet werden müssen. 
Diese infantilen Erlebnisse sind wiederum sexuellen 
Inhalts, aber weit gleichförmigerer Art als die letztgefundenen 
Pubertätsszenen; es handelt sich bei ihnen nicht mehr um 
die Erweckung des sexuellen Themas durch einen beliebigen 


Freud, Neurosenlehre. 11 


162 


Sinneseindruck, sondern um sexuelle Erfahrungen am eigenen 
Leib, um geschlechtlichen Verkehr (im weiteren Sinne). 
Sie gestehen mir zu, daß die Bedeutsamkeit solcher 
Szenen keiner weiteren Begründung bedarf; fügen Sie nun 
noch hinzu, daß Sie in den Details derselben jedesmal die 
determinierenden Momente auffinden können, die Sie 
etwa in den anderen, später erfolgten und früher reproduzierten 
Szenen noch vermißt hätten. 

Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles 
von Hysterie befinden sich — durch die analytische Arbeit 
reproduzierbar, trotz des Dezennien umfassenden Zeitinter- 
valles — ein oder mehrere Erlebnisse von vor- 
zeitiger sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend 
angehören. Ich halte dies für eine wichtige Enthüllung, für 
die Auffindung eines caput Nili der Neuropathologie, aber 
ich weiß kaum, wo anzuknüpfen, um die Erörterung dieser 
Verhältnisse fortzuführen. Soll ich mein aus den Analysen 
gewonnenes tatsächliches Material vor Ihnen ausbreiten, oder 
soll ich nicht lieber vorerst der Masse von Einwänden und 
Zweifeln zu begegnen suchen, die jetzt von Ihrer Aufmerk- 
samkeit Besitz ergriffen haben, wie ich wohl mit Recht ver- 
muten darf? Ich wähle das letztere; vielleicht können wir 
dann um so ruhiger beim Tatsächlichen verweilen: 

a) Wer der psychologischen Auffassung der Hysterie 
überhaupt feindlich entgegensteht, die Hoffnung nicht auf- 
geben möchte, daß es einst gelingen wird, ihre Symptome 
auf „feinere anatomische Veränderungen“ zurückzuführen, und 
die Einsicht abgewiesen hat, daß die materiellen Grundlagen 
der hysterischen Veränderungen nicht anders als gleichartig 
sein können mit jenen unserer normalen Seelenvorgänge, der 
wird selbstverständlich für die Ergebnisse unserer Analysen 
kein Vertrauen übrig haben; die prinzipielle Verschiedenheit 
seiner Voraussetzungen von den unserigen entbindet uns aber 
auch der Verpflichtung, ihn in einer Einzelfrage zu überzeugen. 

Aber auch ein anderer, der sich minder abweisend gegen 
die psychologischen Theorien der Hysterie verhält, wird an- 
gesichts unserer analytischen Ergebnisse die Frage aufzu- 
werfen versucht sein, welche Sicherheit die Anwendung der 


163 


Psychoanalyse mit sich bringt, ob es denn nicht sehr wohl 
möglich sei, daß entweder der Arzt solche Szenen als an- 
gebliche Erinnerung dem gefälligen Kranken aufdrängt, oder 
daß der Kranke ihm absichtliche Erfindungen und freie 
Phantasien vorträgt, die jener für echt annimmt. Nun, ich habe 
darauf zu erwidern, die allgemeinen Bedenken gegen die Ver- 
läßlichkeit des psychoanalytischen Methode können erst ge- 
würdigt und beseitigt werden, wenn eine vollständige Dar- 
stellung ihrer Technik und ihrer Resultate vorliegen wird; 
die Bedenken gegen die Echtheit der infantilen Sexualszenen 
aber kann man bereits heute durch mehr als ein Argument 
entkräften. Zunächst ist das Benehmen der Kranken, während 
sie diese infantilen Erlebnisse reproduzieren, nach allen Rich- 
tungen hin unvereinbar mit der Annahme, die Szenen seien 
etwas anderes als peinlich empfundene und höchst ungern 
erinnerte Realität. Die Kranken wissen vor Anwendung der 
Analyse nichts von diesen Szenen, sie pflegen sich zu empören, 
wenn man ihnen etwa das Auftauchen derselben ankündigt; 
sie können nur durch den stärksten Zwang der Behandlung 
bewogen werden, sich in deren Reproduktion einzulassen, 
sıe leiden unter den .heftigsten Sensationen, deren sie sich 
schämen und die sie zu verbergen trachten, während sie sich 
diese infantilen Erlebnisse ins Bewußtsein rufen, und noch, 
nachdem sie dieselben in so überzeugender Weise wieder 
durchgemacht haben, versuchen sie es, ihnen den Glauben zu 
versagen, indem sie betonen, daß sich hiefür nicht wie bei 
anderem Vergessenem ein Erinnerungsgefühl eingestellt hat. 

Letzteres Verhalten scheint nun absolut beweiskräftig 
zu sein. Wozu sollten die Kranken mich so entschieden ihres 
Unglaubens versichern, wenn sie aus irgend einem Motiv die 
Dinge, die sie entwerten wollen, selbst erfunden haben? 

Daß der Arzt dem Kranken derartige Reminiszenzen 
aufdränge, ihn zu ihrer Vorstellung und Wiedergabe suggeriere, 
ist weniger bequem zu widerlegen, erscheint mir aber ebenso 
unhaltbar. Mir ist es noch nie gelungen, einem Kranken eine 
Szene, die ich erwartete, derart aufzudrängen, daß er sie mit 
allen zu ihr gehörigen Empfindungen zu durchleben schien; 
vielleicht treffen es andere besser. 

11* 


Es gibt aber noch eine ganze Reihe anderer Bürgschaften 
für die Realität der infantilen Sexualszenen. Zunächst deren 
Uniformität in gewissen Einzelheiten, wie sie sich aus den 
gleichartig wiederkehrenden Voraussetzungen dieser Erlebnisse 
ergeben muß, während man sonst geheime Verabredungen 
zwischen den einzelnen Kranken für glaubhaft halten müßte. 
Sodann, daß die Kranken gelegentlich wie harmlos Vorgänge 
beschreiben, deren Bedeutung sie offenbar nicht verstehen, 
weil sie sonst entsetzt sein müßten, oder daß sie, ohne 
Wert darauf zu legen, Einzelheiten berühren, die nur ein 
Lebenserfahrener kennt und als feine Charakterzüge des 
Realen zu schätzen versteht. 

Verstärken solche Vorkommnisse den Eindruck, daß die 
Kranken wirklich erlebt haben müssen, was sie unter dem 
Zwange der Analyse als Szene aus der Kindheit reproduzieren, 
so entspringt ein anderer und mächtigerer Beweis hiefür aus 
der Beziehung der Infantilszenen zum Inhalt der ganzen 
übrigen Krankengeschichte. Wie bei den Zusammenlegbildern 
der Kinder sich nach mancherlei Probieren schließlich eine 
absolute Sicherheit herausstellt, welches Stück in die frei- 
gelassene Lücke gehört — weil nur dieses eine gleichzeitig das 
Bild ergänzt und sich mit seinen unregelmäßigen Zacken 
zwischen die Zacken der anderen so einpassen läßt, daß 
kein freier Raum bleibt und kein Übereinanderschieben not- 
wendig wird — so erweisen sich die Infantilszenen inhaltlich als 
unabweisbare Ergänzungen für das assoziative und logische 
Gefüge der Neurose, nach deren Einfügung erst der Hergang 
verständlich — man möchte oftmals sagen: selbstverständlich 
— wird. 

Daß auch der therapeutische Beweis für die Echtheit 
der Infantilszenen in einer Reihe von Fällen zu erbringen ist, 
füge ich hinzu, ohne diesen in den Vordergrund drängen zu 
wollen. Es gibt Fälle, in denen ein vollständiger oder par- 
tieller Heilerfolg zu erreichen ist, ohne daß ınan bis zu den 
Infantilerlebnissen herabsteigen muß; andere, in welchen jeder 
Erfolg ausbleibt, ehe die Analyse ihr natürliches Ende mit 
der Aufdeckung der frühesten Traumen gefunden hat. Ich 
meine, im ersteren Fall sei man vor Rezidiven nicht gesichert; 


165 


ich erwarte, daß eine vollständige Psychoanalyse die radikale 
Heilung einer Hysterie bedeutet. Indes, greifen wir hier den 
Lehren der Erfahrung nicht vor! 

Es gäbe noch einen, einen wirklich unantastbaren Be- 
weis für die Echtheit der sexuellen Kindererlebnisse, wenn 
nämlich die Angaben der einen Person in der Analyse durch 
die Mitteilung einer anderen Person in oder außerhalb einer 
Behandlung bestätigt würden. Diese beiden Personen müßten 
in ihrer Kindheit an demselben Erlebnis Anteil genommen 
haben, etwa in einem sexuellen Verhältnis zu einander ge- 
standen sein. Solche Kinderverhältnisse sind, wie Sie gleich 
hören werden, gar nicht selten; es kommt auch häufig genug 
vor, daß beide Beteiligte später an Neurosen erkranken, und 
doch, meine ich, ist es ein Glücksfall, daß mir eine solche 
objektive Bestätigung unter 18 Fällen zweimal gelungen ist. 
Einmal war es der gesund gebliebene Bruder, der mir un- 
aufgefordert zwar nicht die frühesten Sexualerlebnisse mit 
seiner kranken Schwester, aber wenigstens solche Szenen aus 
ihrer späteren Kindheit und die Tatsache von weiter zurück- 
reichenden sexuellen Beziehungen bekräftigte. Ein andermal 
traf es sich, daß zwei in Behandlung stehende Frauen als 
Kinder mit der nämlichen männlichen Person sexuell verkehrt 
hatten, wobei einzelne Szenen a trois zustande gekommen 
waren. Ein gewisses Symptom, das sich von diesen Kinder- 
erlebnissen ableitete, war, als Zeuge dieser Gemeinschaft, in 
beiden Fällen zur Ausbildung gelangt. 

b) Sexuelle Erfahrungen der Kindheit, die in Reizungen 
der Genitalien, koitusähnlichen Handlungen usw. bestehen, 
sollen also in letzter Analyse als jene Traumen anerkannt 
werden, von denen die hysterische Reaktion gegen Pubertäts- 
erlebnisse und die Entwicklung hysterischer Symptome aus- 
geht. Gegen diesen Ausspruch werden sicherlich von verschie- 
denen Seiten zwei zu einander gegensätzliche Einwendungen 
erhoben werden. Die Einen werden sagen, derartige sexuelle 
Mißbräuche, an Kindern verübt oder von Kindern unter ein- 
ander, kämen zu selten vor, als daß man mit ihnen die 
Bedingtheit einer so häufigen Neurose wie der Hysterie 
decken könnte; andere werden vielleicht geltend machen, 


166 


dergleichen Erlebnisse seien im Gegenteil sehr häufig, allzu 
häufig, als daß man ihrer Feststellung eine ätiologische Be- 
deutung zusprechen könnte. Sie werden ferner anführen, daß 
es bei einiger Umfrage leicht fällt, Personen aufzufinden, die 
sich an Szenen von sexueller Verführung und sexuellem Miß- 
brauch in ihren Kinderjahren erinnern, und die doch niemals 
hysterisch gewesen sind. Endlich werden wir als schwer- 
wiegendes Argument zu hören bekommen, daß in den niederen 
Schichten der Bevölkerung die Hysterie gewiß nicht häufiger 
vorkommt als in den höchsten, während doch alles dafür 
spricht, daß das Gebot der sexuellen Schonung des Kindes- 
alters an den Proletarierkindern ungleich häufiger über- 
treten wird. 

Beginnen wir unsere Verteidigung mit dem leichteren 
Teil der Aufgabe. Es scheint mir sicher, daß unsere Kinder 
weit häufiger sexuellen Angriffen ausgesetzt sind, als man 
nach der geringen, von den Eltern hierauf verwendeten Für- 
sorge erwarten sollte. Bei den ersten Erkundigungen, was 
über dieses Thema bekannt sei, erfuhr ich von Kollegen, daß 
mehrere Publikationen von Kinderärzten vorliegen, welche die 
Häufigkeit sexueller Praktiken selbst an Säuglingen von seiten 
der Ammen und Kinderfrauen anklagen, und aus den letzten 
Wochen ist mir eine von Dr. Stekel in Wien herrührende 
Studie in die Hand geraten, welche sich mit dem „Koitus 
im Kindesalter“ beschäftigt (Wiener medizinische Blätter, 
18. April 1896). Ich habe nicht Zeit gehabt, andere litera- 
rische Zeugnisse zu sammeln, aber selbst wenn diese sich 
nur vereinzelt fänden, dürfte man erwarten, daß mit der 
Steigerung der Aufmerksamkeit für dieses Thema sehr bald 
die große Häufigkeit von sexuellen Erlebnissen und sexueller 
Betätigung im Kindesalter bestätigt werden wird. 

Schließlich sind die Ergebnisse meiner Analyse imstande, 
für sich selbst zu sprechen. In sämtlichen 18 Fällen (von 
reiner Hysterie und Hysterie mit Zwangsvorstellungen kom- 
biniert, 6 Männer und 12 Frauen) bin ich, wie erwähnt, zur 
Kenntnis solcher sexueller Erlebnisse des Kindesalters gelangt. 
Ich kann meine Fälle in drei Gruppen bringen, je nach der 
Herkunft der sexuellen Reizung. In der ersten Gruppe 


167 


handelt es sich um Attentate, einmaligen oder doch verein- 
zelten Mißbrauch meist weiblicher Kinder von seiten er- 
wachsener, fremder Individuen (die dabei groben, mechanischen 
Insult zu vermeiden verstanden), wobei die Einwilligung der 
Kinder nicht in Frage kam und als nächste Folge des Erleb- 
nisses der Schreck iiberwog. Eine zweite Gruppe bilden jene 
weit zahlreicheren Fälle, in denen eine das Kind wartende 
erwachsene Person — Kindermädchen, Kindsfrau, Gouver- 
nante, Lehrer, leider auch allzuhäufig ein naher Verwandter — 
das Kind in den sexuellen Verkehr einführte und ein — auch 
nach der seelischen Richtung ausgebildetes — förmliches 
Liebesverhältnis, oft durch Jahre, mit ihm unterhielt. In die 
dritte Gruppe endlich gehören die eigentlichen Kinder- 
verhältnisse, sexuelle Beziehungen zwischen zwei Kindern 
verschiedenen Geschlechts, zumeist zwischen Geschwistern, 
die oft über die Pubertät hinaus fortgesetzt werden und die 
nachhaltigsten Folgen für das betreffende Paar mit sich 
bringen. In den meisten meiner Fälle ergab sich kombinierte 
Wirkung von zwei oder mehreren solcher Ätiologien; in ein- 
zelnen war die Häufung der sexuellen Erlebnisse von ver- 
schiedenen Seiten her geradezu erstaunlich. Sie verstehen 
aber diese Eigentümlichkeit meiner Beobachtungen leicht, 
wenn Sie in Betracht ziehen, daß ich durchwegs Fälle von 
schwerer neurotischer Erkrankung, die mit Existenzunfähigkeit 
drohte, zu behandeln hatte. 

Wo ein Verhältnis zwischen zwei Kindern vorlag, ge- 
lang nun einige Male der Nachweis, daß der Knabe — der 
auch hier die aggressive Rolle spielt — vorher von einer 
erwachsenen weiblichen Person verführt worden war, und 
daß er dann unter dem Drucke seiner vorzeitig geweckten 
Libido und infolge des Erinnerungszwanges an dem kleinen 
Mädchen genau die nämlichen Praktiken zu wiederholen 
suchte, die er bei der Erwachsenen gelernt hatte, ohne daß 
er selbständig eine Modifikation in der Art der sexuellen 
Betätigung vorgenommen hätte. 

Ich bin daher geneigt, anzunehmen, daß ohne vorherige 
Verführung Kinder den Weg zu Akten sexueller Aggression 
nicht zu finden vermögen. Der Grund zur Neurose würde 


168 


demnach im Kindesalter immer von seiten Erwachsener ge- 
legt, und die Kinder selbst übertragen einander die Dispo- 
sition, später an Hysterie zu erkranken. Ich bitte, verweilen 
Sie noch einen Moment bei der besonderen Häufigkeit 
sexueller Beziehungen im Kindesalter gerade zwischen Ge- 
schwistern und Vettern infolge der Gelegenheit zu häufigem 
Beisammensein, stellen Sie sich vor, daß 10 oder 15 Jahre 
später in dieser Familie mehrere Individuen der jungen 
Generation krank gefunden werden, und fragen Sie sich, ob 
dieses familiäre Auftreten der Neurose nicht geeignet ist, 
zur Annahme einer erblichen Disposition zu verleiten, wo 
doch nur eine Pseudoheredität vorliegt und in Wirk- 
lichkeit eine Übertragung, eine Infektion in der Kindheit 
stattgefunden hat. 

Nun wenden wir uns zu dem anderen Einwand, welcher 
gerade auf der zugestandenen Häufigkeit infantiler Sexual- 
erlebnisse und auf der Erfahrung fußt, daß viele Personen sich 
an solche Szenen erinnern, die nicht hysterisch geworden sind. 
Dagegen sagen wir zunächst, daß die übergroße Häufigkeit 
eines ätiologischen Momentes unmöglich zum Einwurf gegen 
dessen ätiologische Bedeutung verwendet werden kann. Ist 
der Tuberkelbazillus nicht allgegenwärtig und wird von weit 
mehr Menschen eingeatmet, als sich an Tuberkulose erkrankt 
zeigen? Und wird seine ätiologische Bedeutung durch die 
Tatsache geschädigt, daß er offenbar der Mitwirkung anderer 
Faktoren bedarf, um die Tuberkulose, seinen spezifischen 
Effekt hervorzurufen? Es reicht für seine Würdigung als 
spezifische Ätiologie aus, daß Tuberkulose nicht möglich ist 
ohne seine Mitwirkung. Das Gleiche gilt wohl auch für unser 
Problem. Es stört nicht, wenn viele Menschen infantile 
Sexualszenen erleben ohne hysterisch zu werden; wenn nur 
alle, die hysterisch werden, solche Szenen erlebt haben. Der 
Kreis des Vorkommens eines ätiologischen Faktors darf gerne 
ausgedehnter sein als der seines Effektes, nur nicht enger. 
Es erkranken nicht alle an Blattern, die einen Blatternkranken 
berühren oder ihm nahe kommen, und doch ist Übertragung 
von einem Blatternkranken fast die einzige uns bekannte 
Ätiologie der Erkrankung. 


169 


Freilich, wenn infantile Betätigung der Sexualität ein 
fast allgemeines Vorkommnis wäre, dann fiele auf deren 
Nachweis in allen Fällen kein Gewicht. Aber erstens wäre 
eine derartige Behauptung sicherlich eine arge Übertreibung, 
und zweitens ruht der ätiologische Anspruch der infantilen 
Szenen nicht allein auf der Beständigkeit ihres Vorkommens 
in der Anamnese der Hysterischen, sondern vor allem auf 
dem Nachweis der assoziativen und logischen Bande zwischen 
ihnen und den hysterischen Symptomen, der Ihnen aus einer 
vollständig mitgeteilten Krankengeschichte sonnenklar ein- 
leuchten würde. 

Welches mögen die anderen Momente sein, deren die 
„spezifische Ätiologie der Hysterie noch bedarf, um die 
Neurose wirklich zu produzieren? Dies, meine Herren, ist 
eigentlich ein Thema für sich, das ich zu behandeln nicht 
vorhabe; ich brauche heute bloß die Kontaktstelle aufzuzeigen, 
an welcher die beiden Teilstücke des Themas — spezifische 
und Hilfsätiologie — in einander greifen. Es wird wohl eine 
ziemliche Anzahl von Faktoren in Betracht kommen, die erb- 
liche und persönliche Konstitution, die innere Bedeutsamkeit 
der infantilen Sexualerlebnisse, vor allem deren Häufung; ein 
kurzes Verhältnis mit einem fremden, später gleichgiltigen 
Knaben wird an Wirksamkeit zurückstehen gegen mehrjährige, 
innige, sexuelle Beziehungen zum eigenen Bruder. Es sind in 
der Ätiologie der Neurosen quantitative Bedingungen eben- 
sowohl bedeutsam wie qualitative; es sind Schwellenwerte 
zu überschreiten, wenn die Krankheit manifest werden soll. 
Ich halte die obige ätiologische Reihe übrigens selbst nicht 
für vollzählig und das Rätsel, warum die Hysterie in den 
niederen Ständen nicht häufiger ist, durch sie noch nicht 
erledigt. (Erinnern Sie sich übrigens, welche überraschend 
große Verbreitung Charcot für die männliche Hysterie des 
Arbeiterstandes behauptete.) Ich darf Sie aber auch daran 
mahnen, daß ich selbst vor wenigen Jahren auf ein bisher 
wenig gewürdigtes Moment hingewiesen habe, für welches 
ich die Hauptrolle in der Hervorrufung der Hysterie nach 
der Pubertät in Anspruch nehme. Ich habe damals ausgeführt, 
daß sich der Ausbruch der Hysterie fast regelmäßig auf einen 


170 


psychischen Konflikt zurückführen läßt, indem eine 
unverträgliche Vorstellung die Abwehr des Ich rege mache 
und zur Verdrängung auffordere. Unter welchen Verhält- 
nissen dieses Abwehrbestreben den pathologischen Effekt hat, 
die dem Ich peinliche Erinnerung wirklich ins Unbewußte 
zu drängen und an ihrer Statt ein hysterisches Symptom zu 
schaffen, das konnte ich damals nicht angeben. Ich ergänze 
es heute: Die Abwehr erreicht dann ihre Absicht, 
die unverträgliche Vorstellung aus dem Bewußt- 
sein zu drängen, wenn bei der betreffenden, bis 
dahin gesunden Person infantile Sexualszenen 
als unbewußte Erinnerungen vorhanden sind,und 
wenn die zu verdrängende Vorstellung in logi- 
schen oderassoziativenZusammenhangmiteinem 
solchen infantilen Erlebnis gebracht werden 
kann. 

Da das Abwehrbestreben des Ich von der gesamten 
moralischen und intellektuellen Ausbildung der Person ab- 
hängt, sind wir nun nicht mehr ohne jedes Verständnis für 
die Tatsache, daß die Hysterie beim niederen Volk so viel 
seltener ist, als ihre spezifische Ätiologie gestatten würde. 

Meine Herren, kehren wir noch einmal zurück zu jener 
letzten Gruppe von Einwänden, deren Beantwortung uns so 
weit geführt hat. Wir haben gehört und anerkannt, daß es 
zahlreiche Personen gibt, die infantile Sexualerlebnisse sehr 
deutlich erinnern, und die doch nicht hysterisch sind. Dieser 
Einwand ist ganz ohne Gewicht, er wird uns aber Anlaß zu 
einer wertvollen Bemerkung bieten. Personen dieser Art 
dürfen nach unserem Verständnis der Neurose gar nicht 
hysterisch sein, oder wenigstens nicht hysterisch infolge der 
Szenen, die sie bewußt erinnern. Bei unseren Kranken sind 
diese Erinnerungen niemals bewußt; wir heilen sie aber von 
ihrer Hysterie, indem wir ihnen die unbewußten Erinnerungen 
der Infantilszenen in bewußte verwandeln. An der Tatsache, 
daß sie solche Erlebnisse gehabt haben, konnten und brauchten 
wir nichts zu ändern. Sie ersehen daraus, daß es auf die 
Existenz der infantilen Sexualerlebnisse allein nicht ankommt, 
sondern, daß eine psychologische Bedingung noch dabei ist. 


171 


Diese Szenen müssen als unbewußte Erinnerungen 
vorhanden sein; nur so lange und insoferne sie unbewußt 
sind, können sie hysterische Symptome erzeugen und unter- 
halten. Wovon es aber. abhängt, ob diese Erlebnisse bewußte 
oder unbewußte Erinnerungen ergeben, ob die Bedingung 
hiefür im Inhalt der: Erlebnisse, in der Zeit, zu der sie vor- 
fallen, oder in späteren Einflüssen liegt, dies ist ein neues 
Problem, dem wir behutsam aus dem Wege gehen wollen. 
Lassen Sie sich bloß daran mahnen, daß uns die Analyse als 
erstes Resultat den Satz gebracht hat: Diehysterischen 
Symptome sind Abkömmlinge unbewußt wirkender 
Erinnerungen. 

c) Wenn wir daran festhalten, infantile Sexualerlebnisse 
seien die Grundbedingung, sozusagen die Disposition der 
Hysterie, sie erzeugen die hysterischen Symptome aber nicht 
unmittelbar, sondern bleiben zunächst wirkungslos und wirken 
pathogen erst später, wenn sie im Alter nach der Pubertät 
als unbewußte Erinnerungen geweckt werden, so haben wir 
uns mit den zahlreichen Beobachtungen auseinanderzusetzen, 
welche das Auftreten hysterischer Erkrankung bereits im 
Kindesalter und vor der Pubertät erweisen. Indes löst sich 
die Schwierigkeit wieder, wenn wir die aus den Analysen 
gewonnenen Daten über die zeitlichen Umstände der infantilen 
Sexualerlebnisse näher betrachten. Man erfährt dann, daß in 
unseren schweren Fällen die Bildung hysterischer Symptome 
nicht etwa ausnahmsweise, sondern eher regelmäßig mit dem 
8. Jahr beginnt, und daß die Sexualerlebnisse, die keine 
unmittelbare Wirkung äußern, jedesmal weiter zurückreichen, 
ins 3., 4., selbst ins 2. Lebensjahr. Da in keinem einzigen 
Fall die Kette der wirksamen Erlebnisse mit dem 8. Jahr 
abbricht, muß ich annehmen, daß diese Lebensperiode, in 
welcher der Wachstumsschub der zweiten Dentition erfolgt, 
für die Hysterie eine Grenze bildet, von welcher an ihre 
Verursachung unmöglich wird. Wer nicht frühere Sexual- 
erlebnisse hat, kann von da an nicht mehr zur Hysterie 
disponiert werden; wer solche hat, kann nun bereits hyste- 
rische Symptome entwickeln. Das vereinzelte Vorkommen von 
Hysterie auch jenseits dieser Altersgrenze (vor 8 Jahren) 


172 


ließe sich noch als Erscheinung der Frühreife deuten. Die 
Existenz dieser Grenze hängt sehr wahrscheinlich mit Ent- 
wicklungsvorgängen im Sexualsystem zusammen. Verfrühung 
der somatischen Sexualentwicklung kommt häufig zur Be- 
obachtung, und es ist selbst denkbar, daß sie durch vorzeitige 
sexuelle Reizung befördert werden kann. 

Man gewinnt so einen Hinweis darauf, daß ein gewisser 
infantiler Zustand der psychischen Funktionan wie des 
Sexualsystems erforderlich ist, damit eine in diese Periode 
fallende sexuelle Erfahrung später als Erinnerung pathogene 
Wirkung entfalte. Ich getraue mich indes noch nicht, über 
die Natur dieses psychischen Infantilismus und über seine 
zeitliche Begrenzung Näheres auszusagen. 

d) Eine weitere Einwendung könnte etwa daran Anstoß 
nehmen, daß die Erinnerung der infantilen Sexualerlebnisse 
so großartige pathogene Wirkung äußern soll, während das 
Erleben derselben selbst wirkungslos geblieben ist. Wir sind 
ja in der Tat nicht daran gewöhnt, daß von einem Erinnerungs- 
bild Kräfte ausgehen, welche dem realen Eindruck gefehlt 
haben. Sie bemerken hier übrigens, mit welcher Konsequenz 
bei der Hysterie der Satz durchgeführt ist, daß Symptome 
nur aus Erinnerungen hervorgehen können. Alle die späteren 
Szenen, bei denen die Symptome entstehen, sind nicht die 
wirksamen, und die eigentlich wirksamen Erlebnisse erzeugen 
zunächst keinen Effekt. Wir stehen aber hier vor einem 
Problem, welches wir mit gutem Recht von unserem Thema 
sondern -können. Man fühlt sich freilich zu einer Synthese 
aufgefordert, wenn man die Reihe von auffälligen Bedingungen 
überdenkt, zu deren Kenntnis wir gelangt sind: daß, um ein 
hysterisches Symptom zu bilden, ein Abwehrbestreben gegen 
eine peinliche Vorstellung vorhanden sein muß; daß diese 
eine logische oder assoziative Verknüpfung aufweisen muß 
mit einer unbewußten Erinnerung durch zahlreiche oder 
wenige Mittelglieder, die in diesem Moment gleichfalls un- 
bewußt bleiben; daß jene unbewußte Erinnerung nur sexuellen 
Inhalts sein kann; daß sie ein Erlebnis zum Inhalt hat, welches 
sich in einer gewissen infantilen Lebensperiode zugetragen 
hat; und man kann nicht umhin, sich zu fragen, wie es 


173 


zugeht, daß diese Erinnerung an ein seinerzeit harmloses 
Erlebnis posthum die abnorme Wirkung äußert, einen psy- 
chischen Vorgang wie das Abwehren zu einem patholo- 
gischen Resultat zu leiten, während sie selbst dabei unbewußt 
bleibt? 

Man wird sich aber sagen müssen, dies sei ein rein 
psychologisches Problem, dessen Lösung vielleicht bestimmte 
Annahmen über die normalen psychischen Vorgänge und über 
die Rolle des Bewußtseins dabei notwendig macht, das aber 
einstweilen ungelöst bleiben kann, ohne unsere bisher ge- 
wonnene Einsicht in die Ätiologie der hysterischen Phänomene 
zu entwerten. 

II. 

Meine Herren, das Problem, dessen Ansätze ich soeben 
formuliert habe, betrifft den Mechanismus der hysterischen 
Symptombildung. Wir sind aber genötigt, die Verursachung 
dieser Symptome darzustellen, ohne diesen Mechanismus in 
Betracht zu ziehen, was eine unvermeidliche Einbuße an 
Abrundung und Durchsichtigkeit unserer Erörterung mit sich 
bringt. Kehren wir zur Rolle der infantilen Sexualszenen 
zurück. Ich fürchte, ich könnte Sie zur Überschätzung von 
deren symptomenbildender Kraft verleitet haben. Ich betone 
darum nochmals, daß jeder Fall von Hysterie Symptome auf- 
weist, deren Determinierung nicht aus infantilen, sondern aus 
späteren, oft aus rezenten Erlebnissen herstammt. Ein anderer 
Anteil der Symptome geht freilich auf die allerfrühesten 
Erlebnisse zurück, ist gleichsam vom ältesten Adel. Dahin 
gehören vor allem die so zahlreichen und mannigfaltigen 
Sensationen und Parästhesien an den Genitalien und anderen 
Körperstellen, die einfach dem Empfindungsinhalt der Infantil- 
szenen in halluzinatorischer Reproduktion, oft auch in schmerz- 
hafter Verstärkung, entsprechen. 

Eine andere Reihe überaus gemeiner hysterischer Phä- 
nomene, der schmerzhafte Harndrang, die Sensation bei der 
Defäkation, Störungen der Darmtätigkeit, das Würgen und 
Erbrechen, Magenbeschwerden und Speiseekel, gab sich in 
meinen Analysen gleichfalls — und zwar mit überraschender 
Regelmäßigkeit — als Derivat derselben Kindererlebnisse zu 


174 


erkennen und erklärte sich mühelos aus konstanten Eigen- 
tümlichkeiten derselben. Die infantilen Sexualszenen sind näm- 
lich arge Zumutungen für das Gefühl eines sexuell normalen 
Menschen; sie enthalten alle Ausschreitungen, die von Wüst- 
lingen und Impotenten bekannt sind, bei denen Mundhöhle 
und Darmausgang mißbräuchlich zu sexueller Verwendung ge- 
langen. Die Verwunderung hierüber weicht beim Arzte alsbald 
einem völligen Verständnis. Von Personen, die kein Bedenken 
tragen, ihre sexuellen Bedürfnisse an Kindern zu befriedigen, 
kann man nicht erwarten, daß sie an Nuancen in der Weise 
dieser Befriedigung Anstoß nehmen, und die dem Kindesalter 
anhaftende sexuelle Impotenz drängt unauskbleiblich zu den- 
selben Surrogathandlungen, zu denen sich der Erwachsene 
im Falle erworbener Impotenz erniedrigt. Alle die seltsamen 
Bedingungen, unter denen das ungleiche Paar sein Liebes- 
verhältnis fortführt: der Erwachsene, der sich seinem 
Anteil an der gegenseitigen Abhängigkeit nicht entziehen 
kann, wie sie aus einer sexuellen Beziehung notwendig her- 
vorgeht, der dabei doch mit aller Autorität und dem Rechte 
der Züchtigung ausgerüstet ist und zur ungehemmten Be- 
friedigung seiner Launen die eine Rolle mit der anderen 
vertauscht; das Kind, dieser Willkür in seiner Hilflosigkeit 
preisgegeben, vorzeitig zu allen Empfindlichkeiten erweckt 
und allen Enttäuschungen ausgesetzt, häufig in der Ausübung 
der ihm zugewiesenen sexuellen Leistungen durch seine 
unvollkommene Beherrschung der natürlichen Bedürfnisse 
unterbrochen — alle diese grotesken und doch tragischen Miß- 
verhältnisse prägen sich in der ferneren Entwicklung des 
Individuums und seiner Neurose in einer Unzahl von Dauer- 
effekten aus, die der eingehendsten Verfolgung würdig wären. 
Wo sich das Verhältnis zwischen zwei Kindern abspielt, 
bleibt der Charakter der Sexualszenen doch der nämliche ab- 
stoßende, da ja jedes Kinderverhältnis eine vorausgegangene 
Verführung des einen Kindes durch einen Erwachsenen postu- 
liert. Die psychischen Folgen eines solchen Kinderverhältnisses 
sind ganz außerordentlich tiefgreifende; die beiden Personen 
bleiben für ihre ganze Lebenszeit durch ein unsichtbares Band 
miteinander verknüpft. 


175 


Gelegentlich sind es Nebenumstände dieser infantilen 
Sexualszenen, welche in späteren Jahren zu determinierender 
Macht für die Symptome der Neurose gelangen. So hat in 
einem meiner Fälle der Umstand, daß das Kind abgerichtet 
wurde, mit seinem Fuß die Genitalien der Erwachsenen zu 
erregen, hingereicht, um Jahre hindurch die neurotische Auf- 
merksamkeit auf die Beine und deren Funktion zu fixieren 
und schließlich eine hysterische Paraplegie zu erzeugen. In 
einem anderen Falle wäre es rätselhaft geblieben, warum 
die Kranke in ihren Angstanfällen, die gewisse Tagesstunden 
bevorzugten, gerade eine einzige von ihren zahlreichen 
Schwestern zu ihrer Beruhigung nicht von ihrer Seite lassen 
wollte, wenn die Analyse nicht ergeben hätte, daß der Atten- 
täter seinerzeit sich bei jedem dieser Besuche erkundigt hatte, 
ob diese Schwester zu Hause sei, von der er eine Störung be- 
fürchten mußte. 

Es kommt vor, daß die determinierende Kraft der In- 
fantilszenen sich so sehr verbirgt, daß sie bei oberflächlicher 
Analyse übersehen werden muß. Man vermeint dann, man 
habe die Erklärung eines gewissen Symptoms im Inhalt einer 
der späteren Szenen gefunden und stößt im Verlaufe der 
Arbeit auf denselben Inhalt in einer der Infantilszenen, so 
daß man sich schließlich sagen muß, die spätere Szene ver- 
danke ihrer Kraft, Symptome zu determinieren, doch nur ihrer 
Übereinstimmung mit der früheren. Ich will darum die spätere 
Szene nicht als bedeutungslos hinstellen; wenn ich die Auf- 
gabe hätte, die Regeln der hysterischen Symptombildung vor 
Ihnen zu erörtern, würde ich als eine dieser Regeln aner- 
kennen müssen, daß zum Symptom jene Vorstellung auser- 
wählt wird, zu deren Hebung mehrere Momente zusammen- 
wirken, die von verschiedenen Seiten her gleichzeitig geweckt 
wird, was ich an anderer Stelle durch den Satz auszudrücken 
versucht habe: Die hysterischen Symptome seien 
überdeterminiert. 

Noch eines, meine Herrn; ich habe zwar vorhin das 
Verhältnis der rezenten Ätiologie zur infantilen als ein be- 
sonderes Thema beiseite gerückt; aber ich kann doch den 
Gegenstand nicht verlassen, ohne diesen Vorsatz durch 


176 


wenigstens eine Bemerkung zu übertreten. Sie gestehen mir 
zu, es ist vor allem eine Tatsache, die uns am psycho- 
logischen Verständnis der hysterischen Phänomene irre werden 
läßt, die uns zu warnen scheint, psychische Akte bei Hysteri- 
schen und bei Normalen mit gleichem Maß zu messen. Es 
ist dies das Mißverhältnis zwischen psychisch erregendem 
Reiz und psychischer Reaktion, das wir bei den Hysterischen 
antreffen, welches wir durch die Annahme einer allgemeinen 
abnormen Reizbarkeit zu decken suchen und häufig physio- 
logisch zu erklären bemüht sind, als ob gewisse, der Über- 
tragung dienende Hirnorgane sich bei den Kranken in einem 
besonderen chemischen Zustande befänden, etwa wie die 
Spinalzentren des Strychninfrosches, oder sich dem Einflusse 
höherer hemmender Zentren entzogen hätten, wie im vivi- 
sektorischen Tierexperiment. Beide Auffassungen mögen hier 
und dort zur Erklärung der hysterischen Phänomene vollbe- 
rechtigt sein; das stelle ich nicht in Abrede. Aber der Haupt- 
anteil des Phänomens, der abnormen, übergroßen, hysteri- 
schen Reaktion auf psychische Reize läßt eine andere Er- 
klärung zu, die durch zahllose Beispiele aus den Analysen 
gestützt wird. Und diese Erklärung lautet: Die Reaktion 
der Hysterischen ist eine nur scheinbar über- 
triebene; sie muß uns so erscheinen, weil wir nur 
einen kleinen Teil der Motive kennen, aus denen 
sie erfolgt. 

In Wirklichkeit ist diese Reaktion proportional dem 
erregenden Reiz, also normal und psychologisch verständlich. 
Wir sehen dies sofort ein, wenn die Analyse zu den mani- 
festen, dem Kranken bewußten Motiven jene anderen Motive 
hinzugefügt hat, die gewirkt haben, ohne daß der Kranke 
nm sie wußte, die er uns also nicht mitteilen konnte. 

Ich könnte Stunden damit ausfüllen, Ihnen diesen wich- 
tigen Satz für den ganzen Umfang der psychischen Tätigkeit 
bei Hysterischen zu erweisen, muß mich aber hier auf wenige 
Beispiele beschränken. Sie erinnern sich an die so häufige 
seelische „Empfindlickeit* der Hysterischen, die sie auf die 
leiseste Andeutung einer Geringschätzung reagieren läßt, als 
seien sie tödlich beleidigt worden. Was würden Sie nun 


177 


denken, wenn Sie eine solche hochgradige Verletzbarkeit bei 
geringfügigen Anlässen zwischen zwei gesunden Menschen, 
etwa Ehegatten, beobachten würden? Sie würden gewiß den 
Schluß ziehen, die eheliche Szene, der Sie beigewohnt, sei 
nicht allein das Ergebnis des letzten kleinlichen Anlasses, 
sondern da habe sich durch lange Zeit Zündstoff angehäuft, 
der nun in seiner ganzen Masse durch den letzten Anstoß 
zur Explosion gebracht worden sei. 

Bitte, übertragen Sie denselben Gedankengang auf die 
Hysterischen. Nicht die letzte, an sich minimale Kränkung ist 
es, die den Weinkrampf, den Ausbruch von Verzweiflung, den 
Selbstmordversuch erzeugt, mit Mißachtung des Satzes von der 
Proportionalität des Effekts und der Ursache, sondern diese 
kleine aktuelle Kränkung hat die Erinnerungen so vieler und 
intensiverer früherer Kränkungen geweckt und zur Wirkung 
gebracht, hinter denen allen noch die Erinnerung an eine 
schwere, nie verwundene Kränkung im Kindesalter steckt. 
Oder: wenn ein junges Mädchen sich die entsetzlichsten Vor- 
würfe macht, weil sie geduldet, daß ein Knabe zärtlich im 
Geheimen über ihre Hand gestrichen, und von da ab der Neu- 
rose verfällt, so können Sie zwar dem Rätsel mit dem Urteil 
begegnen, das sei eine abnorme, exzentrisch angelegte, 
hypersensitive Person; aber Sie werden anders denken, wenn 
Ihnen die Analyse zeigt, daß jene Berührung an eine andere, 
ähnliche erinnerte, die in sehr früher Jugend vorfiel und die 
ein Stück aus einem minder harmlosen Ganzen war, so daß 
eigentlich die Vorwürfe jenem alten Anlaß gelten. Schließ- 
lich ist das Rätsel der hysterogenen Punkte auch kein 
anderes; wenn Sie die eine ausgezeichnete Stelle berühren, 
tun Sie etwas, was sie nicht beabsichtigt haben; Sie wecken 
eine Erinnerung auf, die einen Krampfanfall auszulösen ver- 
mag, und da Sie von diesem psychischen Mittelglied nichts 
wissen, beziehen Sie den Anfall als Wirkung direkt auf Ihre 
Berührung als Ursache. Die Kranken befinden sich in der- 
selben Unwissenheit und verfallen darum in ähnliche Irr- 
tümer, sie stellen beständig „falsche Verknüpfungen“ her 
zwischen dem letztbewußten Anlaß und dem von so viel 
Mittelgliedern abhängigen Effekt. Ist es dem Arzte aber mög- 


Freud, Neurosenlehre. 12 


178 


lich geworden, zur Erklärung einer hysterischen Reaktion die 
bewußten und die unbewußten Motive zusammenzufassen, so 
muß er diese scheinbar übermäßige Reaktion fast immer als 
eine angemessene, nur in der Form abnorme anerkennen. 

Sie werden nun gegen diese Rechtfertigung der hysteri- 
schen Reaktion auf psychische Reize mit Recht einwenden, 
sie sei doch keine normale, denn warum benehmen die Ge- 
sunden sich anders; warum wirken bei ihnen nicht alle längst 
verflossenen Erregungen neuerdings mit, wenn eine neue Er- 
regung aktuell ist? Es macht ja den Eindruck, als blieben bei 
den Hysterischen alle alten Erlebnisse wirkungskräftig, auf 
die schon so oft, und zwar in stürmischer Weise reagiert 
wurde, als seien diese Personen unfähig, psychische Reize zu 
erledigen. Richtig, meine Herren, etwas Derartiges muß man 
tatsächlich als wahr annehmen. Vergessen Sie nicht, daß die 
alten Erlebnisse der Hysterischen bei einem aktuellen An- 
lasse als unbewußte Erinnerungen ihre Wirkung 
äußern. Es scheint, als ob die Schwierigkeit der Erledigung, 
die Unmöglichkeit, einen aktuellen Eindruck in eine macht- 
lose Erinnerung zu verwandeln, gerade an dem Charakter 
des psychisch Unbewußten hinge. Sie sehen, der Rest des 
Problems ist wiederum Psychologie, und zwar Psychologie 
von einer Art, für welche uns die Philosophen wenig Vor- 
arbeit geleistet haben. 

Auf diese Psychologie, die für unsere Bedürfnisse erst zu 
erschaffen ist — auf die zukünftige Neurosenpsychologie — 
muß. ich Sie auch verweisen, wenn ich Ihnen zum Schlusse 
eine Mitteilung mache, von der Sie zunächst eine Störung 
unseres beginnenden Verständnisses für die Ätiologie der 
Hysterie besorgen werden. Ich muß es nämlich aussprechen, 
daß die ätiologische Rolle der imfantilen Sexualerlebnisse 
nicht auf das Gebiet der Hysterie eingeschränkt ist, sondern 
in gleicher Weise für die Merkwürdige Neurose der Zwangs- 
vorstellungen, ja vieleicht auch für die Formen der chroni- 
schen Paranoia und andere funktionelle Psychosen Geltung 
hat. Ich drücke mich hierbei minder bestimmt aus, weil die 
Anzahl meiner .Analysen von Zwangsneurosen noch weit 
hinter der von Hysterien zurücksteht; von Paranoia habe 


179 


ich gar nur eine einzige ausreichende und einige fragmenta- 
rische Analysen zur Verfügung. Aber was ich da gefunden, 
schien mir verläßlich und hat mich mit sicheren Erwartungen 
für andere Fälle erfillt._Sie erinnern sich vielleicht, daß ich 
für die Zusammenfassung von Hysterie undZwangsvorstellungen 
unter dem Titel „Abwehrneurosen“ bereits früher ein- 
getreten bin, ehe mir noch die Gemeinsamkeit der infantilen 
Ätiologie bekannt war. Nun muß ich hinzufügen — was 
man freilich nicht allgemein zu erwarten braucht — daß 
meine Fälle von Zwangsvorstellung sämtlich einen Unter- 
grund von hysterischen Symptomen, meist Sensationen und 
Schmerzen, erkennen ließen, die sich gerade auf die ältesten 
Kindererlebnisse zurückleiteten. Worin liegt nun die Ent- 
scheidung, ob aus den unbewußt gebliebenen infantilen Sexual- 
szenen später Hysterie oder Zwangsneurose oder gar Para- 
noia hervorgehen soll, wenn sich die anderen pathogenen 
Momente hinzugesellt haben? Diese Vermehrung unserer Er- 
kenntnisse scheint ja dem ätiologischen Wert dieser Szenen 
Eintrag zu tun, indem sie die Spezifität der ätiologischen 
Relation aufhebt. 

Ich bin noch nicht m der Lage, meine Herren, eine 
verläßliche Antwort auf diese Frage zu geben. Die Anzahl 
meiner analysierten Fälle, die Mannigfaltigkeit der Bedingungen 
in ihnen, ist nicht groß genug hiefür. Ich merke bis jetzt, 
daß die Zwangsvorstellungen bei der Analyse regelmäßig als 
verkappte und verwandelte Vorwürfe wegen sexueller 
Aggressionen im Kindesalter zu entlarven sind, 
daß sie darum bei Männern häufiger gefunden werden als bei 
Frauen, und häufiger bei ihnen sich entwickeln als Hysterie. 
Ich könnte daraus schließen, daß der Charakter der Infantil- 
szenen, ob sie mit Lust oder nur passiv erlebt werden, einen 
bestimmenden Einfluß auf die Auswahl der späteren Neurose 
hat, aber ich möchte auch den Einfluß des Alters, in dem 
diese Kinderaktionen vorfallen, und anderer Momente nicht 
unterschätzen. Hierüber muß erst die Diskussion weiterer 
Analysen Aufschluß geben; wenn es aber klar sein wird, welche 
Momente die Entscheidung zwischen den möglichen Formen 
der Abwehrneuropsychosen beherrschen, wird es wiederum ein 

127 


180 


rein psychologisches Problem sein, kraft welches Mechanismus 
die einzelne Form gestaltet wird. 

Ich bin nun zum Ende meiner Heuagen Erörterungen 
gelangt. Auf Widerspruch und Unglauben gefaßt, möchte ich 
meiner Sache nur noch eine Befiwor mit auf den Weg 
geben. Wie immer Sie meine Resultate aufnehmen mögen, 
ich darf Sie bitten, dieselben nicht für die Frucht wohlfeiler 
Spekulation zu halten. Sie ruhen auf mühseliger Einzel- 
eıforschung der Kranken, die bei den meisten Fällen hundert 
Arbeitsstunden und darüber verweilt hat. Wichtiger noch als 
Ihre Würdigung der Ergebnisse ist mir Ihre Aufmerksamkeit 
für das Verfahren, dessen ich mich bedient habe, das neu- 
artig, schwierig zu handhaben und doch unersetzlich für 
wissenschaftliche und therapeutische Zwecke ist. Sie sehen 
wohl ein, man kann den Ergebnissen, zu denen diese modi- 
fizierte Breuer’sche Methode führt, nicht gut widersprechen, 
wenn man die Methode beiseite läßt und sich nur der ge- 
wohnten Methode des Krankenexamens bedient. Es wäre ähn- 
lich, als wollte man die Funde der histologischen Technik 
mit der Berufung auf die makroskopische Untersuchung wider- 
legen. Indem die neue Forschungsmethode den Zugang zu 
einem neuen Element des psychischen Geschehens, zu den 
unbewußt gebliebenen, nach Breuer’s Ausdruck „bewußt- 
seinsunfähigen“ Denkvorgängen breit eröffnet, winkt sie 
uns mit der Hoffnung eines neuen, besseren Verständnisses 
aller funktionellen psychischen Störungen. Ich kann es nicht 
glauben, daß die Psychiatrie es noch lange aufschieben wird, 
sich dieses neuen Weges zur Erkenntnis zu bedienen. 


xl. 
Die Sexualitätin der Ätiologie der Neurosen.') 


Durch eingehende Untersuchungen bin ich in den letzten 
Jahren zur Erkenntnis gelangt, daß Momente aus dem Sexual- 
leben die nächsten und praktisch bedeutsamsten Ursachen 
eines jeden Falles von neurotischer Erkrankung darstellen. 
Diese Lehre ist nicht völlig neu; eine gewisse Bedeutung ist 
den sexuellen Momenten in der Ätiologie der Neurosen von 
jeher und von allen Autoren eingeräumt worden; für manche 
Unterströmungen in der Medizin ist die Heilung von „Sexual- 
beschwerden® und von „Nervenschwäche“ immer in einem 
einzigen Versprechen vereint gewesen. Es wird also nicht 
schwer halten, dieser Lehre die Originalität zu bestreiten, 
wenn man einmal darauf verzichtet haben wird, ihre Triftig- 
keit zu leugnen. 

In einigen kürzeren Aufsätzen, die in den letzten Jahren 
im „Neurologischen Centralblatt“, in der „Revue neurologique* 
und in der „Wiener klinischen Rundschau“ erschienen sind, 
habe ich versucht, das Material und die Gesichtspunkte an- 
zudeuten, welche der Lehre von der „sexuellen Ätiologie der 
Neurosen“ eine wissenschaftliche Stütze bieten. Eine ausführ- 
liche Darstellung steht noch aus, und zwar wesentlich darum, 
weil man bei der Bemühung, den als tatsächlich erkannten 
Zusammenhang aufzuklären, zu immer neuen Problemen ge- 
langt, für deren Lösung es an Vorarbeiten fehlt. Keineswegs 
verfrüht erscheint mir. aber der Versuch, das Interesse des 
praktischen Arztes auf die von mir behaupteten Verhältnisse 
zu lenken, damit er sich in Einem von der Richtigkeit dieser 
Behauptungen und von den Vorteilen überzeuge, welche er 
für sein ärztliches Handeln aus ihrer Erkenntnis ableiten kann. 


1) Wiener klinische Rundschau, 1898, Nr. 2, 4, 5 und 7. 


182 


Ich weiß, daß es an Bemühungen nicht fehlen wird, 
den Arzt durch ethisch gefärbte Argumente von der Ver- 
folgung dieses Gegenstandes abzuhalten. Wer sich bei seinen 
Kranken überzeugen will, ob ihre Neurosen wirklich mit ihrem 
Sexualleben zusammenhängen, der kann es nicht vermeiden, 
sich bei ihnen nach ihrem Sexualleben zu erkundigen und 
auf wahrheitsgetreue Aufklärung über dasselbe zu dringen. 
Darin soll aber die Gefahr für den Einzelnen wie für die 
Gesellschaft liegen. Der Arzt, höre ich sagen, hat kein Recht, 
sich in die sexuellen Geheimnisse seiner Patienten einzudrängen, 
ihre Schamhaftigkeit — besonders der weiblichen Personen 
— durch solches Examen gröblich zu verletzen. Seine un- 
geschickte Hand kann nur Familienglück zerstören, bei jugend- 
lichen Personen die Unschuld beleidigen und der Autorität 
der Eltern vorgreifen; bei Erwachsenen wird er unbequeme 
Mitwisserschaft erwerben und sein eigenes Verhältnis zu seinen 
Kranken zerstören. Es sei also seine ethische Pflicht, der 
ganzen sexuellen Angelegenheit ferne zu bleiben. 

Man darf wohl antworten: Das ist die Äußerung einer 
des Arztes unwürdigen Prüderie, die mit schlechten Argumenten 
ihre Blöße mangelhaft verdeckt. Wenn Momente aus dem 
Sexualleben wirklich als Krankheitsursachen zu erkennen sind, 
so fällt die Ermittlung und Besprechung dieser Momente eben 
hiedurch ohne weiteres Bedenken in den Pflichtenkreis des 
Arztes. Die Verletzung der Schamhaftigkeit, die er sich dabei 
zuschulden kommen läßt, ist keine andere und keine ärgere, 
sollte man meinen, als wenn er, um eine Örtliche Affektion 
zu heilen, auf der Inspektion der weiblichen Genitalien be- 
steht, zu welcher Forderung ihn die Schule selbst verpflichtet. 
Von älteren Frauen, die ihre Jugendjahre in der Provinz 
zugebracht haben, hört man oft noch erzählen, daß sie einst 
durch übermäßige Genitalblutungen bis zur Erschöpfung 
heruntergekommen waren, weil sie sich nicht entschließen 
konnten, einem Arzte den Anblick ihrer Nacktheit zu gestatten. 
Der erziehliche Einfluß, der von den Ärzten auf das Publikum 
geübt wird, hat es im Laufe einer Generation dahin gebracht, 
daß bei unseren jungen Frauen solches Sträuben nur höchst 
selten vorkommt. Wo es sich träfe, würde es als unverständige 


183 


Prüderie, als Scham am unrechten Orte verdammt werden. 
Leben wir denn: in der Türkei, würde der Ehemann fragen, 
wo die kranke Frau dem Arzte nur den Arm durch ein Loch 
in der Mauer zeigen darf?! 

Es ist nicht richtig, daß das Examen und die Mit- 
wisserschaft in sexuellen Dingen dem Arzte eine gefährliche 
Machtfülle gegen seine Patienten verschafft. Derselbe Ein- 
wand konnte sich mit mehr Berechtigung seinerzeit gegen 
die Anwendung der Narkose richten, durch welche der Kranke 
seines Bewußtseins und seiner Willensbestimmung beraubt, 
und es in die Hand des Arztes gelegt wird, ob und wann er 
sie wieder erlangen soll. Doch ist uns heute die Narkose 
unentbehrlich geworden, weil sie dem ärztlichen Bestreben, 
zu helfen, dienlich ist wie nichts anderes, und der Arzt hat 
die Verantwortlichkeit für die Narkose unter seine anderen 
ernsten Verpflichtungen aufgenommen. 

Der Arzt kann in allen Fällen Schaden stiften, wenn 
er ungeschickt oder gewissenlos ist, in anderen Fällen nicht 
mehr und nicht minder, als bei der Forschung nach dem 
Sexualleben seiner Patienten. Freilich, wer in einem schätzens- 
werten Ansatz zur Selbsterkenntnis sich nicht das Takt- 
gefühl, den Ernst und die Verschwiegenheit zutraut, deren 
er für das Examen der Neurotiker bedarf, wer von sich weiß, 
daß Enthüllungen aus dem Sexualleben lüsternen Kitzel an- 
statt wissenschaftlichen Interesses bei ihm hervorrufen werden, 
der tut recht daran, dem Thema der Ätiologie der Neurosen 
fernzubleiben. Wir verlangen nur noch, daß er sich auch von 
der Behandlung der Nervösen fernhalte. 

Es ist auch nicht richtig, daß die Kranken einer Er- 
forschung ihres Sexuallebens unüberwindliche Hindernisse ent- 
gegensetzen. Erwachsene pflegen sich nach kurzem Zögern 
mit den Worten zurechtzurücken: Ich bin doch beim Arzte; 
dem darf man alles sagen. Zahlreiche Frauen, die an der 
Aufgabe, ihre sexuellen Gefühle zu verbergen, schwer genug 
durchs Leben zu tragen haben, finden sich erleichtert, wenn 
sie beim Arzte merken, daß hier keine andere Rücksicht 
über die ihrer Heilung gesetzt ist, und danken es ihm, daß 
sie sich auch einmal in sexuellen Dingen rein menschlich ge- 


184 


berden dürfen. Eine dunkle Kenntnis der vorwaltenden Be- 
deutung sexueller Momente für die Entstehung der Nervo- 
sität, wie ich sie für die Wissenschaft neu zu gewinnen 
suche, scheint im Bewußtsein der Laien überhaupt nie unter- 
gegangen zu sein. Wie oft erlebt man Szenen wie die fol- 
gende: Man hat ein Ehepaar vor sich, von dem ein Teil 
an Neurose leidet. Nach vielen Einleitungen und Entschul- 
digungen, daß es für den Arzt, der in solchen Fällen helfen 
will, konventionelle Schranken nicht geben darf u. dgl., teilt 
man den Beiden mit, man vermute, der Grund der Krank- 
heit liege in der unnatürlichen und schädlichen Art des 
sexuellen Verkehres, die sie seit der letzten Entbindung der 
Frau gewählt haben dürften. Die Ärzte pflegen sich um diese 
Verhältnisse in der Regel nicht zu kümmern, allein das sei 
nur verwerflich, wenn auch die Kranken nicht gerne davon 
hören usw. Dann stößt der eine Teil den anderen an und 
sagt: Siehst du, ich habe es dir gleich gesagt, das wird mich 
krank machen. Und der andere antwortet: Ich hab’ mir’s ja 
auch gedacht, aber was soll man tun? 

Unter gewissen anderen Umständen, etwa Be jungen 
Mädchen, die ja systematisch zur Verhehlung ihres Sexual- 
lebens erzogen werden, wird man sich mit einem recht be- 
scheidenen Maße von aufrichtigem Entgegenkommen begnügen 
müssen. Es fällt aber hier ins Gewicht, daß der kundige Arzt 
seinen Kranken nicht unvorbereitet entgegentritt und in der 
Regel nicht Aufklärung, sondern bloß Bestätigung seiner Ver- 
mutungen von ihnen zu fordern hat. Wer meinen Anweisungen 
folgen will, wie man sich die Morphologie der Neurosen zu- 
rechtzulegen und ins Ätiologische zu übersetzen hat, dem 
brauchen die Kranken nur wenig Geständnisse mehr zu 
machen. In der nur allzu bereitwillig gegebenen Schilderung 
ihrer Krankheitssymptome haben sie ihm meist die Kenntnis 
der dahinter verborgenen sexuellen Faktoren mitverraten. 

Es wäre von großem Vorteil, wenn die Kranken besser 
wüßten, mit welcher Sicherheit dem Arzte die Deutung ihrer 
neurotischen Beschwerden und der Rückschluß von ihnen auf 
die wirksame sexuelle Ätiologie nunmehr möglich ist. Es wäre 
sicherlich ein Antrieb für sie, auf die Heimlichkeit von dem 


185 


Augenblicke an zu verzichten, da sie sich entschlossen haben, 
für ihr Leiden um Hilfe ztı bitten. Wir haben aber alle ein 
Interesse daran, daß auch in sexuellen Dingen ein höherer 
Grad von Aufrichtigkeit unter den Menschen Pflicht werde, 
als er bis jetzt verlangt wird. Die sexuelle Sittlichkeit kann 
dabei nur gewinnen. Gegenwärtig sind wir in Sachen der 
Sexualität samt und sonders Heuchler, Kranke wie Gesunde. 
Es wird uns nur zugute kommen, wenn im Gefolge der all- 
gemeinen Aufrichtigkeit ein gewisses Maß von Duldung in 
sexuellen Dingen zur Geltung gelangt. 

Der Arzt hat gewöhnlich ein sehr geringes Interesse an 
manchen der Fragen, welche unter den Neuropathologen in 
betreff der Neurosen diskutiert werden, etwa ob man Hysterie 
und Neurasthenie strenge zu sondern berechtigt ist, ob man 
eine Hystero-Neurasthenie daneben unterscheiden darf, ob 
man das Zwangsvorstellen zur Neurasthenie rechnen oder als 
besondere Neurose anerkennen soll u. dgl. m. Wirklich 
dürfen auch solche Distinktionen dem Arzte gleichgiltig sein, 
so lange sich an die getroffene Entscheidung weiter nichts 
knüpft, keine tiefere Einsicht und kein Fingerzeig für die 
Therapie, so lange der Kranke in allen Fällen in die Wasser- 
heilanstalt geschickt wird, oder zu hören bekommt — daß ihm 
nichts fehlt. Anders aber, wenn man unsere Gesichtspunkte 
über die ursächlichen Beziehungen zwischen der Sexualität 
und den Neurosen annimmt. Dann erwacht ein neues Interesse 
für die Symptomatologie der einzelnen neurotischen Fälle, und 
es gelangt zur praktischen Wichtigkeit, daß man das kom- 
plizierte Bild richtig in seine Komponenten zu zerlegen und 
diese richtig zu benennen verstehe. Die Morphologie der 
Neurosen ist nämlich mit geringer Mühe in Ätiologie zu 
übersetzen, und aus der Erkenntnis dieser leiten sich, wie 
selbstverständlich, neue therapeutische Anweisungen ab. 

Die bedeutsame Entscheidung nun, die jedesmal durch 
sorgfältige Würdigung der Symptome sicher getroffen werden 
kann, geht dahin, ob der Fall die Charaktere einer Neurasthenie 
oder einer Psychoneurose (Hysterie, Zwangsvorstellen) an 
sich trägt. (Es kommen ungemein häufig Mischfälle vor, in 
denen Zeichen der Neurasthenie mit denen einer Psycho- 


186 


neurose vereinigt sind; wir. wollen aber deren Würdigung 
für später aufsparen.) Nur bei den Neurasthenien hat das 
Examen der Kranken den Erfolg, die ätiologischen Momente 
aus dem Sexualleben aufzudecken; dieselben sind dem Kranken, 
wie natürlich, bekannt und gehören der Gegenwart, richtiger 
der Lebenszeit seit der Geschlechtsreife an (wenngleich auch 
diese Abgrenzung nicht alle Fälle einzuschließen gestattet). 
Bei den Psychoneurosen leistet ein solches Examen wenig; 
es verschafft uns etwa die Kenntnis von Momenten, die man 
als Veranlassungen anerkennen muß, und die mit dem Sexual- 
leben zusammenhängen oder auch nicht; im ersteren Falle 
zeigen sie sich dann nicht von anderer Art als die ätiologischen 
Momente der Neurasthenie, lassen also eine spezifische Be- 
ziehung zur Verursachung der Psychoneurose durchaus ver- 
missen. Und doch liegt auch die Ätiologie der Psychoneurosen 
in jedem Falle wiederum im Sexuellen. Auf einem merk- 
würdigen Umwege, von dem später die Rede sein wird, kann 
man zur Kenntnis dieser Ätiologie gelangen und begreiflich 
finden, daß der Kranke uns von ihr nichts zu sagen wußte. 
Die Ereignisse und Einwirkungen nämlich, welche jeder 
Psychoneurose zugrunde liegen, gehören nicht der Aktualität 
an, sondern einerlängst vergangenen, sozusagen prähistorischen 
Lebensepoche, der frühen Kindheit, und darum sind sie auch 
dem Kranken nicht bekannt. Er hat sie — in einem bestimmten 
Sinne nur — vergessen. 

Sexuelle Ätiologie also in allen Fällen von Neurose; 
aber bei den Neurasthenien solche von aktueller Art, bei den 
Psychoneurosen Momente infantiler Natur; dies ist der erste 
große Gegensatz in der Ätiologie der Neurosen. Ein zweiter 
ergibt sich, wenn man einem Unterschiede in der Symptomatik 
der Neurasthenie selbst Rechnung trägt. Hier finden sich 
einerseits Fälle, in denen sich gewisse für die Neurasthenie 
charakteristische Beschwerden in den Vordergrund drängen: 
Der Kopfdruck, die Ermüdbarkeit, die Dyspepsie, die Stuhl- 
verstopfung, die Spinalirritation usf. In anderen Fällen treten 
diese Zeichen zurück, und das Krankheitsbild setzt sich aus 
anderen Symptomen zusammen, die sämtlich eine Beziehung 
zum Kernsymptom, der „Angst“, erkennen lassen (freie 


187 


Ängstlichkeit, Unruhe, Erwartungsangst, komplete, rudimentäre 
und supplementäre Angstanfälle, lakomotorischer Schwindel, 
Agoraphobie, Schlaflosigkeit, Schmerzsteigerung, usw.) Ich 
habe dem ersten Typus von Neurasthenie seinen Namen 
belassen, den zweiten aber als „Angstneurose” ausgezeichnet, 
und diese Scheidung an anderem Orte begründet, woselbst 
auch der Tatsache des in der Regel gemeinsamen Vorkommens 
beider Neurosen Rechnung getragen wird. Für unsere Zwecke 
genügt die Hervorhebung, daß der symptomatischen Ver- 
schiedenheit beider Formen ein Unterschied der Ätiologie 
parallel geht. Die Neurasthenie läßt sich jedesmal auf einen 
Zustand des Nervensystems zurückführen, wie er durch 
exzessive Masturbation erworben wird oder durch gehäufte 
Pollutionen spontan entsteht; bei der Angstneurose findet man 
regelmäßig sexuelle Einflüsse, denen das Moment der Zurück- 
haltung oder der unvollkommenen Befriedigung gemeinsam 
ist, wie: Coitus interruptus, Abstinenz bei lebhafter Libido, 
sogenannte frustrane Erregung u. dgl. In dem kleinen Auf- 
satze, welcher die Angstneurose einzuführen bemüht war, 
habe ich die Formel ausgesprochen, die Angst sei überhaupt 
eine von ihrer Verwendung abgelenkte Libido. 

Wo in einem Falle Symptome der Neurasthenie und 
der Angstneurose vereinigt sind, also ein Mischfall vorliegt, 
da hält man sich an den empirisch gefundenen Satz, daß einer 
Vermengung von Neurosen ein Zusammenwirken von mehreren 
ätiologischen Momenten entspricht, und wird seine Erwartung 
jedesmal bestätigt finden. Wie oft diese ätiologischen Momente 
durch den Zusammenhang der sexuellen Vorgänge organisch 
miteinander verknüpft sind, z. B. Coitus interruptus oder 
ungenügende Potenz des Mannes mit der Masturbation, dies 
wäre einer Ausführung im einzelnen wohl würdig. 

Wenn man den vorliegenden Fall von neurasthenischer 
Neurose sicher diagnostiziert und dessen Symptome richtig 
gruppiert hat, so darf man sich die Symptomatik in Ätiologie 
übersetzen und dann von den Kranken dreist die Bekräftigung 
seiner Vermutungen verlangen. Anfänglicher Widerspruch darf 
einen nicht irre machen; man besteht fest auf dem, was man 
erschlossen hat, und besiegt endlich jeden Widerstand dadurch, 


188 


daß man die Unerschütterlichkeit seiner Überzeugung betont. 
Man erfährt dabei allerlei aus dem Sexualleben der Menschen, 
womit sich ein nützliches und lehrreiches Buch füllen ließe, 
lernt es auch nach jeder Richtung hin bedauern, daß die 
Sexualwissenschaft heutzutage noch als unehrlich gilt. Da 
kleinere Abweichungen von einer normalen vita sexualis viel 
zu häufig sind, als daß man ihrer Auffindung Wert beilegen 
dürfte, wird man bei seinen neurotisch Kranken nur schwere 
und lange Zeit fortgesetzte Abnormität des Sexuallebens als 
Aufklärung gelten lassen; daß man aber durch sein Drängen 
einen Kranken, der psychisch normal ist, veranlassen könnte, 
sich selbst fälschlich sexueller Vergehen zu bezicehtigen, das 
darf man getrost als eine imaginäre Gefahr vernachlässigen. 

Verfährt man in dieser Weise mit seinen Kranken, so 
erwirbt man sich auch die Überzeugung, daß es für die 
Lehre von der sexuellen Ätiologie der Neurasthenie negative 
Fälle nicht gibt. Bei mir wenigstens ist diese Überzeugung 
so sicher geworden, daß ich auch den negativen Ausfall des 
Examens diagnostisch verwertet habe, nämlich um mir zu 
sagen, daß solche Fälle keine Neurasthenie sein können. So 
kam ich mehrmals dazu, eine progressive Paralyse anstatt einer 
Neurasthenie anzunehmen, weil es mir nicht gelungen war, 
die nach meiner Lehre erforderliche ausgiebige Masturbation 
nachzuweisen, und der Verlauf dieser Fälle gab mir nach- 
träglich Recht. Ein andermal, wo der Kranke, bei Abwesenheit 
deutlicher organischer Veränderungen, über Kopfdruck, Kopf- 
schmerzen und Dyspepsie klagte und meinen sexuellen Ver- 
dächtigungen mit Aufrichtigkeit und überlegener Sicherheit 
begegnete, fiel es mir ein, eine latente Eiterung in einer der 
Nebenhöhlen der Nase zu vermuten, und ein spezialistisch 
geschulter Kollege bestätigte diesen aus dem sexuell negativen 
Examen gezogenen Schluß, indem er den Kranken durch 
Entleerung von foetidem Eiter aus einer Highmorshöhle von 
seinen Beschwerden befreite. 

Der Anschein, als ob es dennoch „negative Fälle“ gäbe, 
kann auch auf andere Weise entstehen. Das Examen weist 
mitunter ein normales Sexualleben bei Personen nach, deren 
Neurose einer Neurasthenie oder einer Angstneurose für ober- 


189 


flächliche Beobachtung wirklich genug ähnlich sieht. Tiefer 
eindringende Untersuchung deckt aber dann regelmäßig den 
wahren Sachverhalt auf. Hinter solchen Fällen, die man für 
Neurasthenie gehalten hat, steckt eine Psychoneurose, eine 
Hysterie oder Zwangsneurose. Die Hysterie insbesondere, die 
so viele organische Affektionen nachahmt, kann mit Leichtigkeit 
eine der aktuellen Neurosen vortäuschen, indem sie deren 
Symptome zu hysterischen erhebt. Solche Hysterien in der 
Form der Neurasthenie sind nicht einmal sehr selten. Es ist 
aber keine wohlfeile Auskunft, wenn man für die Neurasthenien 
mit sexuell negativer Auskunft auf die Psychoneurosen re- 
kurriert; man kann den Nachweis hiefür führen auf jenem 
Wege, der allein eine Hysterie untrüglich entlarvt, auf dem 
Wege der später zu erwähnenden Psychoanalyse. 

Vielleicht wird nun Mancher, der gerne bereit ist, der 
sexuellen Ätiologie bei seinen neurasthenisch Kranken 
Rechnung zu tragen, es doch als eine Einseitigkeit rügen, 
wenn er nicht aufgefordert wird, auch den anderen Momenten, 
die als Ursachen der Neurasthenie bei den Autoren allgemein 
erwähnt sind, seine Aufmerksamkeit zu schenken. Es fällt 
mir nun nicht ein, die sexuelle Ätiologie bei den Neurosen 
jeder anderen zu substituieren, so daß ich deren Wirksamkeit 
für aufgehoben erklären würde. Das wäre ein Mißverständnis. 
Ich meine vielmehr, zu all den bekannten und wahrscheinlich 
mit Recht anerkannten ätiologischen Momenten der Autoren 
für die Entstehung der Neurasthenie kommen die sexuellen, 
die bisher nicht hinreichend gewürdigt worden sind, noch 
hinzu. Diese verdienen aber, nach meiner Schätzung, daß man 
ihnen in der ätiologischen Reihe eine besondere Stellung an- 
weise. Denn sie allein werden in keinem Falle von Neu- 
rasthenie vermißt, sie allein vermögen es, die Neurose ohne 
weitere Beihilfe zu erzeugen, so daß diese anderen Momente 
zur Rolle einer Hilfs- und Supplementärätiologie herabgedrückt 
scheinen; sie allein gestatten dem Arzte, sichere Beziehungen 
zwischen ihrer Mannigfaltigkeit und der Vielheit der Krank- 
heitsbilder zu erkennen. Wenn ich dagegen die Fälle zu- 
sammenstelle, die angeblich durch Überarbeitung, Gemüts- 
aufregung, nach einem Typhus u. dgl. neurasthenisch ge- 


190 


worden sind, so zeigen sie mir in den Symptomen nichts 
Gemeinsames, ich wüßte aus der Art der Ätiologie keine 
Erwartung in betreff der Symptome zu bilden, wie umgekehrt 
aus dem Krankheitsbilde nicht auf die einwirkende Ätiologie 
zu schließen. 

Die sexuellen Ursachen sind auch jene, welche dem 
Arzte am ehesten einen Anhalt für sein therapentisches 
Wirken bieten. Die Heredität ist unzweifelhaft ein bedeut- 
samer Faktor, wo sie sich findet; sie gestattet, daß ein großer 
Krankheitseffekt zustande kommt, wo sich sonst nur ein sehr 
geringer ergeben hätte. Allein die Heredität ist der Beein- 
flussung des Arztes unzugänglich; ein jeder bringt seine 
hereditären Krankheitsneigungen mit sich; wir können nichts 
mehr daran ändern. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß 
wir gerade in der Ätiologie der Neurasthenien der Heredität 
den ersten Rang notwendig versagen müssen. Die Neurasthenie 
(in beiden Formen) gehört zu den Affektionen, die jeder 
erblich Unbelastete bequem erwerben kann. Wäre es anders, 
so wäre ja die riesige Zunahme der Neurasthenie undenkbar, 
über welche alle Autoren klagen. Was die Zivilisation betrifft, 
zu deren Sündenregister man oft die Verursachung der Neu- 
rasthenie zu schreiben pflegt, so mögen auch hierin die 
Autoren Recht haben (wiewohl wahrscheinlich auf ganz anderen 
Wegen, als sie vermeinen); aber der Zustand unserer Zivili- 
sation ist gleichfalls für den Einzelnen etwas Unabänderliches; 
übrigens erklärt dieses Moment bei seiner Allgemeingiltigkeit 
für die Mitglieder derselben Gesellschaft niemals die Tatsache 
der Auswahl bei der Erkrankung. Der nicht neurasthenische 
Arzt steht ja unter demselben Einflusse der angeblich unheil- 
vollen Zivilisation wie der neurasthenische Kranke, den er 
behandeln soll. — Die Bedeutung erschöpfender Einflüsse 
bleibt mit der oben gegebenen Einschränkung bestehen. Aber 
mit dem Momente der „Überarbeitung“, das die Ärzte so 
gerne ihren Patienten als Ursache ihrer Neurose gelten lassen, 
wird übermäßig viel Mißbrauch getrieben. Es ist ganz richtig, 
daß jeder, der sich durch sexuelle Schädlichkeiten zur Neu- 
rasthenie disponiert hat, die intellektuelle Arbeit und die 
psychischen Mühen des Lebens schlecht verträgt, aber niemals 


191 


wird jemand durch Arbeit oder durch Aufregung allein 
neurotisch. Geistige Arbeit ist eher ein Schutzmittel gegen 
neurasthenische Erkrankung; gerade die ausdauerndsten 
intellektuellen Arbeiter bleiben von der Neurasthenie ver- 
schont, und was die Neurastheniker als „krankmachende 
Überarbeitung“ anklagen, das verdient in der Regel weder 
der Qualität noch dem Ausmaße nach als „geistige Arbeit“ 
anerkannt zu werden. Die Ärzte werden sich wohl gewöhnen 
müssen, dem Beamten, der sich in seinem Bureau „über- 
angestrengt“, oder der Hausfrau, der ihr Hauswesen zu schwer 
geworden ist, die Aufklärung zu geben, daß sie nicht erkrankt 
sind, weil sie versucht haben, ihre für ein zivilisiertes Gehirn 
eigentlich leichten Pflichten zu erfüllen, sondern weil sie 
während dessen ihr Sexualleben gröblich vernachlässigt und 
verdorben haben. 

Nur die sexuelle Ätiologie ermöglicht uns ferner das 
Verständnis aller Einzelheiten der Krankengeschichten bei 
Neurasthenikern, der rätselhaften Besserungen mitten im 
Krankheitsverlaufe und der ebenso unbegreiflichen Verschlim- 
merungen, die von Ärzten und Kranken dann gewöhnlich mit 
der eingeschlagenen Therapie in Beziehung gebracht werden. 
In meiner mehr als 200 Fälle umfassenden Sammlung ist 
z. B. die Geschichte eines Mannes verzeichnet, der, nachdem 
ihm die hausärztliche Behandlung nichts genützt hatte, zu 
Pfarrer Kneipp ging und von dieser Kur an ein Jahr von 
außerordentlicher Besserung mitten in seinen Leiden zu ver- 
zeichnen hatte. Als aber ein Jahr später die Beschwerden 
sich wieder verstärkten und er neuerdings Hilfe in Wöris- 
hofen suchte, blieb der Erfolg dieser zweiten Kur aus. Ein 
Blick in die Familienchronik dieses Patienten löst das zwei- 
fache Rätsel auf: 6!/, Monate nach der ersten Rückkehr aus 
Wörishofen wurde dem Kranken von seiner Frau ein Kind 
geboren; er hatte sie also zu Beginn einer noch unerkannten 
Gravidität verlassen und durfte nach seiner Wiederkunft natür- 
lichen Verkehr mit ihr pflegen. Als nach Ablauf dieser für ihn 
heilsamen Zeit seine Neurose durch neuerlichen Coitus inter- 
ruptus wieder angefacht war, mußte sich die zweite Kur erfolglos 
erweisen, da jene oben erwähnte Gravidität die letzte blieb. 


192 


Ein ähnlicher Fall, in dem gleichfalls eine unerwartete 
Einwirkung der Therapie zu erklären war, gestaltete sich noch 
lehrreicher, indem er eine rätselhafte Abwechslung in den 
Symptomen der Neurose enthielt. Ein jugendlicher Nervöser 
war von seinem Arzte in eine wohlgeleitete Wasserheilanstalt 
wegen typischer Neurasthenie geschickt worden. Dort besserte 
sich sein Zustand anfänglich immer mehr, so daß alle Aussicht 
vorhanden war, den Patienten als dankbaren Anhänger der 
Hydrotherapie zu entlassen. Da trat in der sechsten Woche 
ein Umschlag ein; der Kranke „vertrug das Wasser nicht 
mehr“, wurde immer nervöser und verließ endlich nach zwei 
weiteren Wochen ungeheilt und unzufrieden die Anstalt. Als 
er sich bei mir über diesen Trug der Therapie beklagte, er- 
kundigte ich mich ein wenig nach den Symptomen, die ihn 
mitten in der Kur befallen hatten. Merkwürdigerweise hatte 
sich darin ein Wandel vollzogen. Er war mit Kopfdruck, 
Müdigkeit und Dyspepsie in die Anstalt gegangen; was ihn 
in der Behandlung gestört hatte, waren: Aufgeregtheit, An- 
fälle von Beklemmung, Schwindel im Gehen und Schlaf- 
störung gewesen. Nun konnte ich den Kranken sagen: „Sie 
tun der Hydrotherapie Unrecht. Sie sind, wie Sie selbst sehr 
wohl gewußt haben, infolge von lange fortgesetzter Mastur- 
bation erkrankt. In der Anstalt haben Sie die Art der Be- 
friedigung aufgegeben und sich darum rasch erholt. Als Sie 
sich aber wohl fühlten, haben Sie unklugerweise Beziehungen 
zu einer Dame, nehmen wir an, einer Mitpatientin, gesucht, 
die nur zur Aufregung ohne normale Befriedigung führen 
konnten. Die schönen Spaziergänge in der Nähe der Anstalt 
gaben Ihnen gute Gelegenheit dazu. An diesem Verhältnisse 
sind Sie von neuem erkrankt, nicht an einer plötzlich auf- 
getretenen Intoleranz gegen die Hydrotherapie. Aus Ihrem 
gegenwärtigen Befinden schließe ich übrigens, daß Sie das- 
selbe Verhältnis auch in der Stadt fortsetzen.“ Ich kann ver- 
sichern, daß der Kranke mich dann Punkt für Punkt be- 
stätigt hat. 

Die gegenwärtige Therapie der Neurasthenie, wie sie 
wohl am günstigsten in den Wasserheilanstalten geübt wird, 
setzt sich das Ziel, die Besserung des nervösen Zustandes 


193 


durch zwei Momente: Schonung und Stärkung des Patienten 
zu erreichen. Ich wüßte nichts anderes gegen diese Therapie 
vorzubringen, als daß sie den sexuellen Bedingungen des 
Falles keine Rechnung trägt. Nach meiner Erfahrung ist es 
höchst wünschenswert, daß die ärztlichen Leiter solcher 
Anstalten sich genügend klar machen, daß sie es nicht mit 
Opfern der Zivilisation oder der Heredität, sondern — sit 
venia verbo — mit Sexualitätskrüppeln zu tun haben. Sie 
würden sich dann einerseits ihre Erfolge wie ihre Mißerfolge 
leichter erklären, andererseits aber neue Erfolge erzielen, die 
bis jetzt dem Zufalle oder dem unbeeinflußten Verhalten des 
Kranken anheimgegeben sind. Wenn man eine ängstlich- 
neurasthenische Frau von ihrem Hause weg in die Wasser- 
heilanstalt schickt, sie dort, aller Pflichten ledig, baden, 
turnen und sich reichlich ernähren läßt, so wird man gewiß 
geneigt sein, die oft glänzende Besserung, die so in einigen 
Wochen oder Monaten erreicht wird, auf Rechnung der Ruhe, 
welche die Kranke genossen hat, und der Stärkung, die ihr 
die Hydrotherapie gebracht hat, zu setzen. Das mag so sein; 
man übersieht aber dabei, daß mit der Entfernung vom Hause 
für die Patientin auch eine Unterbrechung des ehelichen 
Verkehres gegeben ist, und daß erst diese zeitweilige Aus- 
schaltung der krankmachenden Ursache ihr die Möglichkeit 
gibt, sich bei zweckmäßiger Therapie zu erholen. Die Ver- 
nachlässigung dieses ätiologischen Gesichtspunktes rächt sich 
nachträglich, indem der scheinbar so befriedigende Heilerfolg 
sich als sehr flüchtig erweist. Kurze Zeit, nachdem der Patient 
in seine Lebensverhältnisse zurückgekehrt ist, stellen sich 
die Symptome des Leidens wieder ein und nötigen ihn, ent- 
weder immer von Zeit zu Zeit einen Teil seiner Existenz 
unproduktiv in solchen Anstalten zu verbringen, oder ver- 
anlassen ihn, seine Hoffnungen auf Heilung anderswohin zu 
richten. Es ist also klar, daß die therapeutischen Aufgaben 
bei der Neurasthenie nicht in den Wasserheilanstalten, sondern 
innerhalb der Lebensverhältnisse der Kranken in Angriff zu 
nehmen sind. 

Bei anderen Fällen kann unsere ätiologische Lehre dem 
Anstaltsarzte Aufklärung über die Quelle von Mißerfolgen 

Freud, Neurosenlehre. 13 


194 


geben, die sich noch in der Anstalt selbst ereignen, und ihm 
nahe legen, wie solche zu vermeiden sind. Die Masturbation 
ist bei erwachsenen Mädchen und reifen Männern weit häu- 
figer, als man anzunehmen pflegt, und wirkt als Schädlichkeit 
nicht nur durch die Erzeugung der neurasthenischen Symptome, 
sondern auch, indem sie die Kranken unter dem Drucke eines 
als schändlich empfundenen Geheimnisses erhält. Der Arzt, der 
nicht gewohnt ist, Neurasthenie in Masturbation zu übersetzen, 
gibt sich für den Krankheitszustand Rechenschaft, indem er 
sich auf ein Schlagwort, wie Anämie, Unterernährung, Über- 
arbeitung etc. bezieht, und erwartet nun bei Anwendung der 
dagegen ausgearbeiteten Therapie die Heilung seines Kranken. 
Zu seinem Erstaunen wechseln aber beim Kranken Zeiten von 
Besserung mit anderen ab, in denen unter schwerer Ver- 
stimmung alle Symptome sich verschlimmern. Der Ausgang 
einer solchen Behandlung ist im allgemeinen zweifelhaft. 
Wüßte der Arzt, daß der Kranke die ganze Zeit über mit 
seiner sexuellen Angewöhnung kämpft, daß er in Verzweif- 
lung verfallen ist, weil er ihr wieder einmal unterliegen 
mußte, verstünde er, dem Kranken sein Geheimnis abzu- 
nehmen, dessen Schwere in seinen Augen zu entwerten, und 
ihn bei seinem Abgewöhnungskampfe zu unterstützen, so 
würde der Erfolg der therapeutischen Bemühung hiedurch 
wohl gesichert. 

Die Abgewöhnung der Masturbation ist nur eine der 
neuen therapeutischen Aufgaben, welche dem Arzte aus der 
Berücksichtigung der sexuellen Ätiologie erwachsen, und diese 
Aufgabe gerade scheint wie jede andere Abgewöhnung nur 
in einer Krankenanstalt und unter beständiger Aufsicht des 
Arztes lösbar. Sich selbst überlassen, pflegt der Masturbant 
bei jeder verstimmenden Einwirkung auf die ihm bequeme 
Befriedigung zurückzugreifen. Die ärztliche Behandlung kann 
sich hier kein anderes Ziel stecken, als den wieder gekräf- 
tigten Neurastheniker dem normalen Geschlechtsverkehre zu- 
zuführen, denn das einmal geweckte und durch eine geraume 
Zeit befriedigte Sexualbedürfnis läßt sich nicht mehr zum 
Schweigen bringen, sondern bloß auf ein anderes Objekt ver- 
schieben. Eine ganz analoge Bemerkung gilt übrigens auch 


195 


für alle anderen Abstinenzkuren, die so lange nur scheinbar 
gelingen werden, so lange sich der Arzt damit begnügt, dem 
Kranken das narkotische Mittel zu entziehen, ohne sich um 
die Quelle zu kümmern, aus welcher das imperative Bedürfnis 
nach einem solchen entspringt. „Gewöhnung“ ist eine bloße 
Redensart, ohne aufklärenden Wert; nicht jedermann, der eine 
Zeitlang Morphin, Kokain, Chloralhydrat u. dgl. zu nehmen 
Gelegenheit hat, erwirbt hiedurch die „Sucht“ nach diesen 
Dingen. Genauere Untersuchung weist in der Regel nach, 
daß diese Narcotica zum Ersatze — direkt oder auf Um- 
wegen — des mangelnden Sexualgenusses bestimmt sind, und 
wo sich normales Sexualleben nicht mehr herstellen läßt, da 
darf man den Rückfall des Entwöhnten mit Sicherheit erwarten. 

Die andere Aufgabe wird dem Arzte durch die Ätiologie 
der Angstneurose gestellt und besteht darin, den Kranken 
zum Verlassen aller schädlichen Arten des Sexualverkehres 
und zur Aufnahme normaler sexueller Beziehungen zu ver- 
anlassen. Wie begreiflich, fällt diese Pflicht vor allem dem 
ärztlichen Vertrauensmanne des Kranken, dem Hausarzte, 
zu, der seine Klienten schwer schädigt, wenn er sich zu 
vornehm hält, um in diese Sphäre einzugreifen. 

Da es sich hiebei zumeist um Ehepaare handelt, stößt 
das Bemühen des Arztes alsbald mit den malthusianischen 
Tendenzen, die Anzahl der Konzeptionen in der Ehe einzu- 
schränken, zusammen. Es scheint mir unzweifelhaft, daß 
diese Vorsätze in unserem Mittelstande immer mehr an Aus- 
breitung gewinnen; ich bin Ehepaaren begegnet, die schon 
nach dem ersten Kinde die Verhütung der Konzeption durch- 
zuführen begannen, und anderen, deren sexueller Verkehr 
von der Hochzeitsnacht an diesem Vorsatze Rechnung tragen 
wollte. Das Problem des Malthusianismus ist weitläufig und 
kompliziert; ich habe nicht die Absicht, es hier erschöpfend 
zu behandeln, wie es für die Therapie der Neurosen eigent- 
lich erforderlich wäre. Ich gedenke nur zu erörtern, welche 
Stellung der Arzt, der die sexuelle Ätiologie der Neurosen 
anerkennt, zu diesem Problem am besten einnehmen kann. 

Das Verkehrteste ist es offenbar, wenn er dasselbe — 
unter welchen Vorwänden immer — ignorieren will. Was 

13* 


195 


notwendig ist, kann nicht unter meiner ärztlichen Würde 
sein, und es ist notwendig, einem Ehepaare, das an die Ein- 
schränkung der Kinderzeugung denkt, mit ärztlichem Rate 
beizustehen, wenn man nicht einen Teil oder Beide der 
Neurose aussetzen will. Es läßt sich nicht bestreiten, daß 
malthusianische Vorkehrungen irgend einmal in einer Ehe zur 
Notwendigkeit werden, uud theoretisch wäre es einer der 
größten Triumphe der Menschheit, eine der fühlbarsten Be- 
freinngen vom Naturzwange, dem unser Geschlecht unter- 
worfen ist, wenn es gelänge, den verantwortlichen Akt der 
Kindererzeugung zu einer willkürlichen und beabsichtigten 
Handlung zu erheben, und ihn von der Verguickung mit der 
notwendigen Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses los- 
zulösen. 

Der einsichtsvolle Arzt wird es also auf sich nehmen, 
zu entscheiden, unter welchen Verhältnissen die Anwendung 
von Maßregeln zur Verhütung der Konzeption gerecht- 
fertigt ist, und wird die schädlichen unter diesen Hilfsmitteln 
von den harmlosen zu sondern haben. Schädlich ist alles, 
was das Zustandekommen der Befriedigung hindert; bekannt- 
lich besitzen wir aber derzeit kein Schutzmittel gegen die 
Konzeption, welches allen berechtigten Anforderungen genügen 
würde, d. h. sicher, bequem ist, der Lustempfindung beim 
Koitus nicht Eintrag tut und das Feingefühl der Frau nicht 
verletzt. Hier ist den Ärzten eine praktische Aufgabe gestellt, 
an deren Lösung sie ihre Kräfte dankbringend setzen können. 
Wer jene Lücke in unserer ärztlichen Technik ausfüllt, der 
hat Unzähligen den Lebensgenuß erhalten und die Gesund- 
heit bewahrt, freilich dabei auch eine tief einschneidende Ver- 
änderung in unseren gesellschaftlichen Zuständen angebahnt. 
i Hiemit sind die Anregungen nicht erschöpft, die aus der 
Erkenntnis einer sexuellen Ätiologie der Neurosen fließen. 
Die Hauptleistung, die uns zugunsten der Neurastheniker 
möglich ıst, fällt in die Prophylaxis. Wenn die Masturbation 
die Ursache der Neurasthenie in der Jugend ist und späterhin 
durch die von ihr geschaffene Verminderung der Potenz auch 
zur ätiologischen Bedeutung für die Angstneurose gelangt, 
so ist die Verhütung der Masturbation bei beiden Geschlechtern 


137 


eine Aufgabe, die mehr Beachtung verdient, als sie bis jetzt 
gefunden hat. Überdenkt man alle die feineren und gröberen 
Schädigungen, die von der angeblich immer mehr um sich 
greifenden Nenrasthenie ausgehen, so erkennt man geradezu ein 
Volksinteresse darin, daß die Männer mit voller Potenz 
in den Sexualverkehr eintreten. In Sachen der Pro- 
phylaxis aber ist der einzelne ziemlich ohnmächtig. Die Ge- 
samtheit muß ein Interesse an dem Gegenstande gewinnen 
und ihre Zustimmung zur Schöpfung von gemeingiltigen Ein- 
richtungen geben. Vorläufig sind wir von einem solchen Zu- 
stande, der Abhilfe versprechen würde, noch weit entfernt, 
und darum kann man mit Recht auch unsere Zivilisation für 
die Verbreitung der Neurasthenie verantwortlich machen. Es 
müßte sich vieles ändern. Der Widerstand einer Generation 
von Ärzten muß gebrochen werden, die sich nicht mehr an ihre 
eigene Jugend erinnern können; der Hochmut der Väter ist zu 
überwinden, die vor ihren Kindern nicht gerne auf das Niveau 
der Menschlichkeit herabsteigen wollen, die unverständige 
Verschämtheit der Mütter zu bekämpfen, denen es jetzt 
regelmäßig als unerforschliche, aber unverdiente Schicksals- 
fügung erscheint, daß „gerade ihre Kinder nervös geworden 
sind“. Vor allem aber muß in der öffentlichen Meinung Raum 
geschaffen werden für die Diskussion der Probleme des Sexual- 
lebens; man muß von diesen reden können, ohne für einen 
Ruhestörer oder für einen Spekulanten auf niedrige Instinkte 
erklärt zu werden. Und somit verbliebe auch hier genügend 
Arbeit für ein nächstes Jahrhundert, in dem unsere Zivili- 
sation es verstehen soll, sich mit den Ansprüchen unserer 
Sexualität zu vertragen! 

Der Wert einer richtigen diagnostischen Scheidung der 
Psychoneurosen von der Neurasthenie bezeigt sich auch darin, 
daß die ersteren eine andere praktische Würdigung und be- 
sondere therapeutische Maßnahmen erfordern. Die Psycho- 
neurosen treten unter zweierlei Bedingungen auf, entweder 
selbständig oder im Gefolge der Aktualneurosen (Neurasthenie 
und Angstneurose). Im letzteren Falle hat man es mit einem 
neuen, übrigens sehr häufigen Typus von gemischten Neurosen 
zu tun. Die Ätiologie der Aktnalneurose ist zur Hilfsätiologie 


193 


der Psychoneurose geworden; es ergibt sich ein Krankheitsbild, 
in dem etwa die Angstneurose vorherrscht, das aber sonst 
Züge der echten Neurasthenie, der Hysterie und der Zwangs- 
neurose enthält. Man tut nicht gut, angesichts einer solchen 
Vermengung etwa auf eine Sonderung der einzelnen neuro- 
tischen Krankheitsbilder zu verzichten, da es doch nicht 
schwer ist, sich den Fall in folgender Weise zurechtzulegen: 
Wie die vorwiegende Ausbildung der Angstneurose beweist, 
ist hier die Erkrankung unter dem ätiologischen Einflusse 
einer aktuellen sexuellen Schädlichkeit entstanden. Das be- 
treffende Individuum war aber außerdem zu einer oder 
mehreren Psychoneurosen durch eine besondere Ätiologie 
disponiert und wäre irgend einmal spontan oder bei Hinzu- 
tritt eines anderen schwächenden Momentes an Psychoneurose 
erkrankt. Nun ist die noch fehlende Hilfsätiologie für die 
Psychoneurose durch die aktuelle Ätiologie der Angstneurose 
hinzugefügt worden. 

Für solche Fälle hat sich mit Recht die therapeutische 
Übung eingebürgert, von der psychoneurotischen Komponente 
im Krankheitsbilde abzusehen und ausschießlich die Aktual- 
neurose zu behandeln. Es gelingt in sehr vielen Fällen, auch 
der mitgerissenen Neurose Herr zu werden, wenn man der 
Neurasthenie zweckmäßig entgegentritt. Eine andere Be- 
urteilung erfordern aber jene Fälle von Psychoneurose, die, 
sei es spontan auftreten, oder nach dem Ablaufe einer aus 
Neurasthenie und Psychoneurose gemengten Erkrankung als 
selbständig übrig bleiben. Wenn ich von „spontanem“ Auf- 
treten einer Psychoneurose gesprochen habe, so meine ich 
damit nicht etwa, daß man bei anamnestischer Nachforschung 
jedes ätiologische Moment vermißt. Dies kann wohl der Fall 
sein, man kann aber auch auf ein indifferentes Moment, eine 
Gemütsbewegung, Schwächung durch somatische Erkrankung 
u. dgl. hingewiesen werden. Doch muß man für alle diese 
Fälle festhalten, daß die eigentliche Ätiologie der Psycho- 
neurosen nicht in diesen Veranlassungen liegt, sondern der 
gewöhnlichen Weise anamnestischer Erhebung unfaßbar bleibt. 

Wie bekannt, ist es diese Lücke, welche man versucht 
hat, durch die Annahme einer besonderen neuropathischen 


199 


Disposition auszufüllen, deren Existenz einer Therapie solcher 
Krankheitszustände freilich nicht viel Aussicht auf Erfolg 
übrig ließe. Die neuropathische Disposition selbst wird als 
Zeichen einer allgemeinen Degeneration aufgefaßt, und somit 
gelangt dieses bequeme Kunstwort zu einer überreichlichen 
Verwendung gegen die armen Kranken, denen zu helfen die 
Ärzte recht ohnmächtig sind. Zum Glück steht es anders. 
Die neuropathische Disposition existiert wohl, aber ich muß 
bestreiten, daß sie zur Erzeugung der Psychoneurose hin- 
reicht. Ich muß ferner bestreiten, daß das Zusammentreffen 
von neuropathischer Disposition und veranlassenden Ursachen 
des späteren Lebens eine ausreichende Ätiologie der Psycho- 
neurosen darstellt. Man ist in der Zurückführung der Krank- 
heitsschicksale des Einzelnen auf die Erlebnisse seiner Ahnen 
zu weit gegangen und hat daran vergessen, daß zwischen der 
Empfängnis und der Reife des Individuums ein langer und 
bedeutsamer Lebensabschnitt hegt, die Kindheit, in welcher 
die Keime zu späterer Erkrankung erworben werden können. 
So ist es tatsächlich bei der Psychoneurose. Ihre wirkliche 
Ätiologie ist zu finden in Erlebnissen der Kindheit, und zwar 
wiederum — und ausschließlich — in Eindrücken, die das 
sexuelle Leben betreffen. Man tut Unrecht daran, das Sexual- 
leben der Kinder völlig zu vernachlässigen; sie sind, so viel 
ich erfahren habe, aller psychischen und vieler somatischen 
Sexualleistungen fähig. So wenig die äußeren Genitalien und 
die beiden Keimdrüsen den ganzen Geschlechtsapparat des 
Menschen darstellen, ebensowenig beginnt sein Geschlechts- 
leben erst mit der Pubertät, wie es der groben Beobachtung 
erscheinen mag. Es ist aber richtig, daß die Organisation 
und Entwicklung der Spezies Mensch eine ausgiebigere 
sexuelle Betätigung im Kindesalter zu vermeiden strebt; es 
scheint, daß die sexuellen Triebkräfte beim Menschen aufge- 
speichert werden sollen, um dann bei ihrer Entfesselung zur 
Zeit der Pubertät großen kulturellen Zwecken zu dienen. 
(Wilh. Fließ.) Aus einem derartigen Zusammenhange läßt 
sich etwa verstehen, warum sexuelle Erlebnisse des Kindes- 
alters pathogen wirken müssen. Sie entfalten ihre Wirkung 
aber nur zum geringsten Maße zur Zeit, da sie vorfallen; 


290 


weit bedeutsamer ist ihre nachträgliche Wirkung, die 
erst in späteren Perioden der na eintreten kann. Diese 
nachträgliche Wirkung geht, wie nicht anders möglich, von 
den Me chic Spuren aus, welche die infantilen Sexual- 
erlebnisse zurückgelassen haben. In dem Intervall zwischen 
dem Erleben dieser Eindrücke und deren Reproduktion (viel- 
mehr dem Erstarken der von ihnen ausgehenden libidinösen 
Impulse) hat nicht nur der somatische Sexualapparat, sondern 
auch der psychische Apparat eine bedeutsame Ausgestaltung 
erfahren, und darum erfolgt auf die Einwirkung jener frühen 
sexuellen Erlebnisse nun eine abnorme psychische Reaktion, 
es entstehen psychopathologische Bildungen. 

In diesen Anleitungen konnte ich nur die Hauptmomente 
anführen, auf welche sich die Theorie der Psychoneurosen 
stützt: die Nachträglichkeit, den infantilen Zustand des Ge- 
schlechtsapparates und des Seeleninstrumentes. Um ein wirk- 
liches Verständnis des Entstehungsmechanismus der Psycho- 
neurosen zu erzielen, brauchte es breiterer Ausführungen ; 
vor alem wäre es unvermeidlich, gewisse Annahmen über die 
Zusammensetzung und die Arbeitsweise des psychischen 
Apparates, die mir neu scheinen, als glaubwürdig hinzustellen. 
In einem Buche über „Traumdeutung“, das ich gegenwärtig 
vorbereite, werde ich die Gelegenheit finden, jene Fundamente 
einer Neurosenpsychologie zu berühren. Der Traum gehört 
nämlich in dieselbe Reihe psychopathologischer Bildungen, 
wie die hysterische fixe Idee, die Zwangsvorstellung und die 
Wahnidee. 

Da die Erscheinungen der Psychoneurosen vermittelst 
der Nachträglichkeit von unbewußten psychischen Spuren aus 
entstehen, werden sie der Psychotherapie zugänglich, die 
allerdings hier andere Wege einschlagen muß als den bis 
jetzt einzig begangenen der Suggestion mit oder ohne Hypnose. 
Auf der von J. Breuer angegebenen „kathartischen“ Me- 
thode fußend, habe ich in den letzten Jahren ein therapeutisches 
Verfahren nahezu ausgearbeitet, welches ich das „psychoana- 
lytische“ heißen will, und dem ich zahlreiche Erfolge verdanke, 
während ich hoffen darf, seine Wirksamkeit noch erheblich 
zu steigern. In den 1895 veröffentlichten Studien über 


201 


Hysterie (mit J. Breuer) sind die ersten Mitteilungen 
über Technik und Tragweite der Methode gegeben worden. 
Seither hat sich Manches, wie ich behaupten darf, zum 
Besseren daran geändert. Während wir damals bescheiden 
aussagten, daß wir nur die Beseitigung von hysterischen 
Symptomen, nicht die Heilung der Hysterie selbst in Angriff 
nehmen könnten, hat sich mir seither diese Unterscheidung 
als inhaltslos herausgestellt, also die Aussicht auf wirkliche 
Heilung der Hysterie und Zwangsvorstellungen ergeben. Es 
hat mich darum recht lebhaft interessiert, in den Publikationen 
von Fachgenossen zu lesen: In diesem Falle habe das sinn- 
reiche, von Breuer und Freud ersonnene Verfahren versagt, 
oder: Die Methode habe nicht gehalten, was sie zu ver- 
sprechen schien. Ich hatte dabei etwa die Empfindungen eines 
Menschen, der in der Zeitung seine Todesanzeige findet, sich 
aber dabei in seinem Besserwissen beruhigt fühlen darf. Das 
Verfahren ist nämlich so schwierig, daß es durchaus erlernt 
werden muß, und ich kann mich nicht besinnen, daß es einer 
meiner Kritiker von mir hätte erlernen wollen, glaube auch 
nicht, daß sie sich, ähnlich wie ich, genug intensiv damit 
beschäftigt haben, um es selbständig auffinden zu können. 
Die Bemerkungen in den Studien über Hysterie sind voll- 
kommen unzureichend, um einem Leser die Beherrschung 
dieser Technik zu ermöglichen, streben solche vollständige 
Unterweisung auch keineswegs an. 

Die psychoanalytische Therapie ist derzeit nicht all- 
gemein anwendbar; ich kenne für sie folgende Einschrän- 
kungen: Sie erfordert ein gewisses Maß von Reife und Ein- 
sicht beim Kranken, taugt daher nicht für kindliche Personen 
oder für erwachsene Schwachsinnige und Ungebildete. Sie 
scheitert bei allzu betagten Personen daran, daß sie bei ihnen, 
dem angehäuften Materiale entsprechend, allzuviel Zeit in 
Anspruch nehmen würde, so daß man bis zur Beendigung der 
Kur in einen Lebensabschnitt geraten würde, für welchen 
auf nervöse Gesundheit nicht mehr Wert gelegt wird. End- 
lich ist sie nur dann möglich, wenn der Kranke einen psychi- 
schen Normalzustand hat, von dem aus sich das pathologische 
Material bewältigen läßt. Während einer hysterischen Ver- 


202 


worrenheit, einer eingeschalteten Manie oder Melancholie ist 
mit den Mitteln der Psychoanalyse nichts zu leisten. Man 
kann solche Fälle dem Verfahren noch unterziehen, nachdem 
man mit den gewöhnlichen Maßregeln die Beruhigung der 
stürmischen Erscheinungen herbeigeführt hat. In der Praxis 
werden überhaupt die chronischen Fälle von Psychoneurosen 
besser der Methode Stand halten, als die Fälle mit akuten 
Krisen, bei denen das Hauptgewicht naturgemäß auf die 
Raschheit der Erledigung fällt. Daher geben auch die hyste- 
rischen Phobien und die verschiedenen Formen der Zwangs- 
neurose das günstigste Arbeitsgebiet für diese neue Therapie. 

Daß die Methode in diese Schranken gebannt ist, erklärt 
sich zum guten Teile aus den Verhältnissen, unter denen ich 
sie ausarbeiten mußte. Mein Material sind eben chronisch 
Nervöse der gebildeteren Stände. Ich halte es für sehr wohl 
möglich, daß sich ergänzende Verfahren für kindliche Personen 
und für das Publikum, welches in den Spitälern Hilfe sucht, 
ausbilden lassen. Ich muß auch anführen, daß ich meine 
Therapie bisher ausschließlich an schweren Fällen von Hysterie 
und Zwangsneurose erprobt habe; wie es sich bei jenen 
leichten Erkrankungsfällen gestalten würde, die man bei 
einer indifferenten Behandlung von wenigen Monaten in 
wenigstens scheinbare Genesung ausgehen sieht, weiß ich 
nicht anzugeben. Wie begreiflich, durfte eine neue Therapie, 
die vielfache Opfer erfordert, nur auf solche Kranke rechnen, 
die bereits die anerkannten Heilmethoden ohne Erfolg ver- 
sucht hatten, oder deren Zustände den Schluß berechtigten, 
sie hätten von diesen angeblich bequemeren und kürzeren 
Heilverfahren nichts zu erwarten. So mußte ich mit einem 
unvollkommenen Instrumente sogleich die schwersten Auf- 
gaben in Angriff nehmen; die Probe ist um so beweiskräftiger 
ausgefallen. 

Die wesentlichen Schwierigkeiten, die sich jetzt noch 
der psychoanalytischen Heilmethode entgegensetzen, liegen 
nicht an ihr selbst, sondern in dem Mangel an Verständnis 
für das Wesen der Psychoneurosen bei Ärzten und Laien. 
Es ist nur das notwendige Korrelat zu dieser vollen 
Unwissenheit, wenn sich die Ärzte für berechtigt halten, 


203 


den Kranken durch die unzutreffendsten Versicherungen zu 
trösten oder zu therapeutischen Maßnahmen zu veranlassen. 
„Kommen Sie für sechs Wochen in meine Anstalt und Sie 
werden Ihre Symptome (Reiseangst, Zwangsvorstellungen etc.) 
verloren haben.“ Tatsächlich ist die Anstalt unentbehrlich 
für die Beruhigung akuter Zufälle im Verlaufe einer Psycho- 
neurose durch Ablenkung, Pflege und Schonung; zur Be- 
seitigung chronischer Zustände leistet sie — nichts, und zwar 
die vornehmen, angeblich wissenschaftlich geleiteten Sanatorien 
ebensowenig wie die gemeinen Wasserheilanstalten. 

Es wäre würdiger und dem Kranken, der sich doch 
schließlich mit seinen Beschwerden abfinden muß, zuträg- 
licher, wenn der Arzt die Wahrheit sprechen würde, wie er 
sie alle Tage kennen lernt: Die Psychoneurosen sind als 
Genus keineswegs leichte Erkrankungen. Wenn eine Hysterie 
anfängt, kann niemand vorher wissen, wann sie ein Ende 
nehmen wird. Man tröstet sich meist vergeblich mit der Pro- 
phezeiung: Eines Tages wird sie plötzlich vorüber sein. Die 
Heilung erweist sich häufig genug als ein bloßes Übereinkommen 
zur gegenseitigen Duldung zwischen dem Gesunden und dem 
Kranken im Patienten oder erfolgt auf dem Wege der Um- 
wandlung eines Symptomes in eine Phobie. Die mühsam be- 
schwichtigte Hysterie des Mädchens lebt nach kurzer Unter- 
brechung durch das junge Eheglück in der Hysterie der Ehe- 
frau wieder auf, nur daß jetzt eine andere Person als früher, 
der Ehemann, durch sein Interesse veranlaßt wird, über den 
Erkrankungsfall zu schweigen. Wo es nicht zu manifester 
Existenzunfähigkeit infolge von Krankheit kommt, da fehlt 
doch fast nie die Einbuße an aller freien Entfaltung der 
Seelenkräfte. Zwangsvorstellungen kehren das ganze Leben 
hindurch wieder; Phobien und andere Willenseinschränkungen 
sind für jede Therapie bisher unbeeinflußbar gewesen. Das 
alles wird dem Laien vorenthalten, und darum ist der Vater 
einer hysterischen Tochter entsetzt, wenn er z. B. einer 
einjährigen Behandlung seines Kindes zustimmen soll, wo 
doch die Krankheit etwa erst einige Monate gedauert hat. 
Der Laie ist sozusagen von der Überflüssigkeit all dieser 
Psychoneurosen tief innerlich überzeugt, er bringt darum dem 


204 


Krankheitsverlaufe keine Geduld und der Therapie keine 
Opferbereitschaft entgegen. Wenn er sich angesichts eines 
Typhus, der drei Wochen anhält, eines Beinbruches, der zur 
Heilung sechs Monate beansprucht, verständiger benimmt, 
wenn ilım die Fortsetzung orthopädischer Maßnahmen durch 
mehrere Jahre einsichtlich erscheint, sobald sich die ersten 
Spuren einer Rückgratsverkrümmung bei seinem Kinde zeigen, 
so rührt dieser Unterschied von dem besseren Verständnisse 
der Ärzte her, die ihr Wissen in ehrlicher Mitteilung dem 
Laien übertragen. Die Aufrichtigkeit der Ärzte und die Ge- 
fügigkeit der Laien wird sich auch für die Psychoneurosen 
herstellen, wenn erst die Einsicht in das Wesen dieser Affek- 
tionen ärztliches Gemeingut geworden ist. Die psychothera- 
peutische Radikalbehandlung derselben wird wohl immer eine 
besondere Schulung erfordern und mit der Ausübung anderer 
ärztlicher Tätigkeit unverträglich sein. Dafür winkt dieser, 
in der Zukunft wohl zahlreichen Klasse von Ärzten Ge- 
legenheit zu rühmlichen Leistungen und eine befriedigende 
Einsicht in das Seelenleben der Menschen. 


XI. 
Über Psychotherapie.) 


Meine Herren! Es sind ungefähr acht Jahre her, seit- 
dem ich über Aufforderung Ihres betrauerten Vorsitzenden 
Professor v. Reder in Ihrem Kreise über das Thema der 
Hysterie sprechen durfte. Ich hatte kurz zuvor (1895) in 
Gemeinschaft mit Dr. Josef Breuer die „Studien über 
Hysterie“ veröffentlicht und den Versuch unternommen, auf 
Grund der neuen Erkenntnis, welche wir diesem Forscher 
verdanken, eine neuartige Behandlungsweise der Neurose 
einzuführen. Erfreulicherweise, darf ich sagen, haben die 
Bemühungen unserer „Studien“ Erfolg gehabt; die in ihnen 
vertretenen Ideen von der Wirkungsweise psychischer Traumen 
durch Zurückhaltung von Affekt und die Auffassung der 
hysterischen Symptome als Erfolge einer aus dem Seelischen 
ins Körperliche versetzten Erregung, Ideen, für welche wir 
die Termini „Abreagieren“ und „Konversion“ geschaffen hatten, 
sind heute allgemein bekannt und verstanden. Es gibt — 
wenigstens in deutschen Landen — keine Darstellung der 
Hysterie, die ihnen nicht bis zu einem gewissen Grade Rechnung 
tragen würde, und keinen Fachgenossen, der nicht zum 
mindesten ein Stück weit mit dieser Lehre ginge. Und doch 
mögen diese Sätze und diese Termini, solange sie noch frisch 
waren, befremdend genug geklungen haben! 

Ich kann nicht dasselbe von dem therapeutischen Ver- 
fahren sagen, das gleichzeitig mit unserer Lehre den Fach- 
genossen vorgeschlagen wurde. Dasselbe kämpft noch heute 
um seine Anerkennung. Man mag spezielle Gründe dafür 
anrufen. Die Technik des Verfahrens war damals noch un- 


!) Wiener Medizinische Presse, 1905, Nr. 1. (Vortrag, gehalten im 
Wiener mediz. Doktorenkollegium am 12. Dezember 1904.) 


206 


ausgebildet; ich vermochte es nicht, dem ärztlichen Leser des 
Buches jene Anweisungen zu geben, welche ihn befähigt 
hätten, eine derartige Behandlung vollständig durchzuführen. 
Aber gewiß wirken auch Gründe allgemeiner Natur mit. 
Vielen Ärzten erscheint noch heute die Psychotherapie als 
ein Produkt des modernen Mystizismus und im Vergleiche 
mit unseren physikalisch-chemischen Heilmitteln, deren An- 
wendung auf physiologische Einsichten gegründet ist, als 
geradezu unwissenschaftlich, des Interesses eines Naturforschers 
unwürdig. Gestatten Sie mir nun, vor Ihnen die Sache der 
Psychotherapie zu führen und hervorzuheben, was an dieser 
Verurteilung als Unrecht oder Irrtum bezeichnet werden kann. 

Lassen Sie mich also fürs erste daran mahnen, daß die 
Psychotherapie kein modernes Heilverfahren ist. Im Gegen- 
teile, sie ist die älteste Therapie, deren sich die Medizin 
bedient hat. In dem lehrreichen Werke von Löwenfeld 
(Lehrbuch der gesamten Psychotherapie) können Sie nach- 
lesen, welches die Methoden der primitiven und der antiken 
Medizin waren. Sie werden dieselben zum größten Teile der 
Psychotherapie zuordnen müssen; man versetzte die Kranken 
zum Zwecke der Heilung in den Zustand der „gläubigen 
Erwartung“, der uns heute noch das nämliche leistet. Auch 
nachdem die Ärzte andere Heilmittel aufgefunden haben, 
sind psychotherapeutische Bestrebungen der einen oder der 
anderen Art in der Medizin niemals untergegangen. 

Fürs zweite mache ich Sie darauf aufmerksam, daß wir 
Ärzte auf die Psychotherapie schon darum nicht verzichten 
können, weil eine andere beim Heilungsvorgang sehr in Be- 
tracht kommende Partei — nämlich die Kranken — nicht 
die Absicht hat, auf sie zu verzichten. Sie wissen, welche 
Aufklärungen wir hierüber der Schule von Nancy (Liebault, 
Bernheim) verdanken. Ein von der psychischen Disposition 
der Kranken abhängiger Faktor tritt, ohne daß wir es be- 
absichtigen, zur Wirkung eines jeden vom Arzte eingeleiteten 
Heilverfahrens hinzu, meist im begünstigenden, oft auch im 
hemmenden Sinne. Wir haben für diese Tatsache das Wort 
„Buggestion“ anzuwenden gelernt, und Moebius hat uns 
belehrt, daß die Unverläßlichkeit, die wir an so manchen 


207 


unserer Heilmethoden beklagen, gerade auf die störende Ein- 
wirkung dieses übermächtigen Momentes zurückzuführen ist. 
Wir Ärzte, Sie alle, treiben also beständig Psychotherapie, 
auch wo Sie es nicht wissen und nicht beabsichtigen; nur 
hat es einen Nachteil, daß Sie den psychischen Faktor in 
Ihrer Einwirkung auf den Kranken so ganz dem Kranken 
überlassen. Er wird auf diese Weise unkontrollierbar, un- 
dosierbar, der Steigerung unfähig. Ist es dann nicht ein be- 
rechtigtes Streben des Arztes, sich dieses Faktors zu be- 
mächtigen, sich seiner mit Absicht zu bedienen, ihn zu lenken 
und zu verstärken? Nichts anderes als dies ist es, was die 
wissenschaftliche Psychotherapie Ihnen zumutet. 

Zu dritt, meine Herren Kollegen, will ich Sie auf die 
altbekannte Erfahrung verweisen, daß gewisse Leiden und 
ganz besonders die Psychoneurosen, seelischen Einflüssen weit 
zugänglicher sind als jeder anderen Medikation. Es ist keine 
moderne Rede, sondern ein Ausspruch alter Ärzte, daß diese 
Krankheiten nicht das Medikament heilt, sondern der Arzt, 
d. h. wohl die Persönlichkeit des Arztes, insofern er psychi- 
schen Einfluß durch sie ausübt. Ich weiß wohl, meine Herren 
Kollegen, daß bei Ihnen jene Anschauung sehr beliebt ist, 
welcher der Ästhetiker Vischer in seiner Faustparodie (Faust, 
der Tragödie III. Teil) klassischen Ausdruck geliehen hat: 

»Ich weiß, das Physikalische 
Wirkt öfters aufs Moralische.“ 

Aber sollte es nicht adäquater sein und häufiger zutreffen, 
daß man aufs Moralische eines Menschen mit moralischen, 
d. h. psychischen Mitteln einwirken kann? 

Es gibt viele Arten und Wege der Psychotherapie. 
Alle sind gut, die zum Ziele der Heilung führen. Unsere 
gewöhnliche Tröstung: Es wird schon wieder gut werden! 
mit der wir den Kranken gegenüber so freigebig sind, ent- 
spricht einer der psychotherapeutischen Methoden; nur sind 
wir bei tieferer Einsicht in das Wesen der Neurosen nicht 
genötigt gewesen, uns auf die Tröstung einzuschränken. Wir 
haben die Technik der hypnotischen Suggestion, der Psycho- 
therapie durch Ablenkung, durch Übung, durch Hervorrufung 
zweckdienlicher Affekte entwickelt. Ich verachte keine der- 


208 


selben und würde sie alle unter geeigneten Bedingungen 
ausüben. Wenn ich in Wirklichkeit mich auf ein einziges 
Heilverfahren beschränkt habe, auf die von Breuer „kathar- 
tisch“ genannte Methode, die ich lieber die „analytische“ 
heiße, so sind bloß subjektive Motive für mich maßgebend 
gewesen. Infolge meines Anteils an der Aufstellung dieser 
Therapie fühle ich die persönliche Verpflichtung, mich ihrer 
Erforschung und dem Ausbau ihrer Technik zu widmen. Ich 
darf behaupten, die analytische Methode der Psychotherapie 
ist diejenige, welche am eindringlichsten wirkt, am weitesten 
trägt, durch welche man die ausgiebigste Veränderung des 
Kranken erzielt. Wenn ich für einen Moment den thera- 
peutischen Standpunkt verlasse, kann ich für sie geltend 
machen, daß sie die interessanteste ist, uns allein etwas über 
die Entstehung und den Zusammenhang der Krankheits- 
erscheinungen lehrt. Infolge der Einsichten in den Mecha- 
nismus des seelischen Krankseins, die sie uns eröffnet, könnte 
sie allein imstande sein, über sich selbst hinaus zu führen 
und uns den Weg zu noch anderen Arten therapeutischer 
Beeinflussung zu weisen. 

In bezug auf diese kathartische oder analytische Me- 
thode der Psychotherapie gestatten Sie mir nun, einige Irr- 
tümer zu verbessern und einige Aufklärungen zu geben. 

a) Ich merke, daß diese Methode sehr häufig mit der 
hypnotischen Suggestivbehandlung verwechselt wird, merke 
es daran, daß verhältnismäßig häufig auch Kollegen, deren 
Vertrauensmann ich sonst nicht bin, Kranke zu mir schicken, 
refraktäre Kranke natürlich, mit dem Auftrage, ich solle sie 
hypnotisieren. Nun habe ich seit etwa S Jahren keine Hypnose 
mehr zu Zwecken der Therapie ausgeübt (vereinzelte Versuche 
ausgenommen) und pflege solche Sendungen mit dem Rate, 
wer auf die Hypnose baut, möge sie selbst machen, zu retour- 
nieren. In Wahrheit besteht zwischen der suggestiven Technik 
und der analytischen der größtmögliche Gegensatz, jener 
Gegensatz, den der große Leonardo da Vinci für die Künste 
in die Formeln per via di porre und per via di levare 
gefaßt hat. Die Malerei, sagt Leonardo, arbeitet per via di 
porre; sie setzt nämlich Farbenhäufchen hin, wo sie früher 


209 


nicht waren, auf die nicht farbige Leinwand; die Skulptur 
dagegen geht per via di levare vor, sie nimmt nämlich vom 
Stein so viel weg, als die Oberfläche der in ihm enthaltenen 
Statue noch bedeckt. Ganz ähnlich, meine Herren, sucht die 
Suggestivtechnik per via di porre zu wirken, sie kümmert 
sich nicht um Herkunft, Kraft und Bedeutung der Krankheits- 
symptome, sondern legt etwas auf, die Suggestion nämlich, 
wovon sie erwartet, daß es stark genug sein wird, die 
pathogene Idee an der Äußerung zu hindern. Die analytische 
Therapie dagegen will nicht auflegen, nichts Neues einführen, 
sondern wegnehmen, herausschaffen, und zu diesem Zwecke 
bekümmert sie sich um die Genese der krankhaften Symptome 
und den psychischen Zusammenhang der pathogenen Idee, 
deren Wegschaffung ihr Ziel ist. Auf diesem Wege der 
Forschung hat sie unserem Verständnis so bedeutende Förde- 
rung gebracht. Ich habe die Suggestionstechnik und mit ihr 
die Hypnose so frühzeitig aufgegeben, weil ich daran ver- 
zweifelte, die Suggestion so stark und so haltbar zu machen, 
wie es für die dauernde Heilung notwendig wäre. In allen 
schweren Fällen sah ich die darauf gelegte Suggestion wieder 
abbröckeln, und dann war das Kranksein oder ein dasselbe 
Ersetzendes wieder da. Außerdem mache ich dieser Technik 
den Vorwurf, daß sie uns die Einsicht in das psychische 
Kräftespiel verhüllt, z. B. uns den Widerstand nicht er- 
kennen läßt, mit dem die Kranken an ihrer Krankheit fest- 
halten, mit dem sie sich also auch gegen die Genesung 
sträuben, und der doch allein das Verständnis ihres Be- 
nehmens im Leben ermöglicht. 

db) Es scheint mir der Irrtum unter den Kollegen weit 
verbreitet zu sein, daß die Technik der Forschung nach den 
Krankheitsanlässen und die Beseitigung der Erscheinungen 
durch diese Erforschung leicht und selbstverständlich sei. 
Ich schließe dies daraus, daß noch keiner von den vielen, 
die sich für meine Therapie interessieren und sichere Urteile 
über dieselbe von sich geben, mich je gefragt hat, wie 
ich es eigentlich mache. Das kann doch nur den einzigen 
Grund haben, daB sie meinen, es sei nichts zu fragen, es 
verstehe sich ganz von selbst. Auch höre ich Mitunter mit 

Freud, Neurosenlehre. 14 


210 


Erstaunen, daß auf dieser oder jener Abteilung eines Spitals 
ein junger Arzt von seinem Chef den Auftrag erhalten hat, 
bei einer Hysterischen eine „Psychoanalyse“ zu unternehmen. 
Ich bin überzeugt, man würde ihm nicht einen exstirpierten 
Tumor zur Untersuchung überlassen, ohne sich vorher ver- 
sichert zu haben, daß er mit der histologischen Technik 
vertraut ist. Ebenso erreicht mich die Nachricht, dieser oder 
jener Kollege richte sich Sprechstunden mit einem Patienten 
ein, um eine psychische Kur mit ihm zu machen, während 
ich sicher bin, daß er die Technik einer solchen Kur nicht 
kennt. Er muß also erwarten, daß ihm der Kranke seine 
Geheimnisse entgegenbringen wird, oder sucht das Heil in 
irgend einer Art von Beichte oder Anvertrauen. Es würde 
mich nicht wundern, wenn der so behandelte Kranke dabei 
eher zu Schaden als zum Vorteil käme. Das seelische Instru- 
ment ist nämlich nicht gar leicht zu spielen. Ich muß bei 
solchen Anlässen an die Rede eines weltberühmten Neurotikers 
denken, der freilich nie in der Behandlung eines Arztes ge- 
standen, der nur in der Phantasie eines Dichters gelebt hat. 
Ich meine den Prinzen Hamlet von Dänemark. Der .König 
hat die beiden Höflinge Rosenkranz und Güldenstern 
über ihn geschickt, um ihn auszuforschen, ihm das Geheimnis 
seiner Verstimmung zu entreißen. Er wehrt sie ab; da werden 
Flöten auf die Bühne gebracht. Hamlet nimmt eine Flöte 
und bittet den einen seiner Quäler, auf ihr zu spielen, es 
sei so leicht wie lügen. Der Höfling weigert sich, denn er 
kennt keinen Griff, und da er zu dem Versuch des Flöten- 
spiels nicht zu bewegen ist, bricht Hamlet endlich los: „Nun 
seht ihr, welch ein nichtswürdiges Ding ihr aus mir macht? 
Ihr wollt auf mir spielen; ihr wollt in das Herz meines 
Geheimnisses dringen; ihr wollt mich von meiner tiefsten 
Note bis zum Gipfel meiner Stimme hinauf prüfen, und in 
diesem kleinen Instrument hier ist viel Musik, eine vortreff- 
liche Stimme, dennoch könnt ihr es nicht zum Sprechen 
bringen. Wetter, denkt ihr, daß ich leichter zu spielen 
bin als eine Flöte? Nennt mich was für ein Instru- 
ment ihr wollt, ihr könnt mich zwar verstimmen, 
aber nicht auf mir spielen“ (II. Akt, 2\. 


211 


c) Sie werden aus gewissen meiner Bemerkungen er- 
raten haben, daß der analytischen Kur manche Eigen- 
schaften anhaften, die sie von dem Ideal einer Therapie 
ferne halten. Tuto, cito, iucunde; das Forschen und Suchen 
deutet nicht eben auf Raschheit des Erfolges, und die Er- 
wähnung des Widerstandes bereitet Sie auf die Erwartung 
von Unannehmlichkeiten vor. Gewiß, die psychoanalytische 
Behandlung stellt an den Kranken wie an den Arzt hohe 
Ansprüche; von ersterem verlangt sie das Opfer voller 
Aufrichtigkeit, gestaltet sich für ihn zeitraubend und daher 
auch kostspielig; für den Arzt ist sie gleichfalls zeitraubend 
und wegen der Technik, die er zu erlernen und auszuüben 
hat, ziemlich mühselig. Ich finde es auch selbst ganz be- 
rechtigt, daß man bequemere Heilmethoden in Anwendung 
bringt, solange man eben die Aussicht hat, mit diesen letz- 
teren etwas zu erreichen. Auf diesen Punkt kommt es allein 
an; erzielt man mit dem mühevolleren und langwierigeren 
Verfahren erheblich mehr als mit dem kurzen und leichten, 
so ist das erstere trotz alledem gerechtfertigt. Denken Sie, 
meine Herren, um wieviel die Finsentherapie des Lupus 
unbegquemer und kostspieliger ist als das früher gebräuchliche 
Ätzen und Schaben, und doch bedeutet es einen großen Fort- 
schritt, bloß weil es mehr leistet; es heilt nämlich den Lupus 
radikal. Nun will ich den Vergleich nicht gerade durchsetzen ; 
aber ein ähnliches Vorrecht darf doch die psychoanalytische 
Methode für sich in Anspruch nelımen. In Wirklichkeit habe 
ich meine therapeutische Methode nur an schweren und 
schwersten Fällen ausarbeiten und versuchen können; mein 
Material waren zuerst nur Kranke, die alles erfolglos ver- 
sucht und durch Jahre in Anstalten geweilt hatten. Ich habe 
kaum Erfahrung genug gesammelt, um Ihnen sagen zu können, 
wie sich meine Therapie bei jenen leichteren, episodisch auf- 
tretenden Erkrankungen verhält, die wir unter den verschieden- 
artigsten Einflüssen und auch spontan abheilen sehen. Die 
psychoanalytische Therapie ist an dauernd existenzunfähigen 
Kranken und für solche geschaffen worden, und ihr Triumph 
ist es, daß sie eine befriedigende Anzahl von solchen dauernd 
existenzfähig macht. Gegen diesen Erfolg erscheint dann 

14* 


212 


aller Aufwand geringfügig. Wir können uns nicht verhehlen, 
was wir vor den Kranken zu verleugnen pflegen, daß eine 
schwere Neurose in ihrer Bedeutung für das ihr unterworfene 
Individuum hinter keiner Kachexie, keinem der gefürchteten 
Allgemeinleiden zurücksteht. 

d) Die Indikationen und Gegenanzeigen dieser Behand- 
lung sind infolge der vielen praktischen Beschränkungen, die 
meine Tätigkeit betroffen haben, kaum endgiltig anzugeben. 
Indes will ich versuchen, einige Punkte mit Ihnen zu erörtern: 
1. Man übersehe nicht über die Krankheit den sonstigen 
Wert einer Person und weise Kranke zurück, welche nicht 
einen gewissen Bildungsgrad und einen einigermaßen verläß- 
lichen Charakter besitzen. Man darf nicht vergessen, daß es 
auch Gesunde gibt, die nichts taugen, und daß man nur allzu 
leicht geneigt ist, bei solchen minderwertigen Personen alles, 
was sie existenzunfähig macht, auf die Krankheit zu schieben, 
wenn sie irgend einen Anflug von Neurose zeigen. Ich stehe 
auf dem Standpunkt, daß die Neurose ihren Träger keines- 
wegs zum Degenere stempelt, daß sie sich aber häufig genug 
mit den Erscheinungen der Degeneration vergesellschaftet an 
demselben Individuum findet. Die analytische Psychotherapie 
ist nun kein Verfahren zur Behandlung der neuropathischen 
Degeneration, sie findet im Gegenteile an derselben ihre 
Schranke. Sie ist auch bei ‘Personen nicht anwendbar, die 
sich nicht selbst durch ihre Leiden zur Therapie gedrängt 
fühlen, sondern sich einer solchen nur infolge des Macht- 
gebotes ihrer Angehörigen unterziehen. Die Eigenschaft, auf 
die es für die Brauchbarkeit zur psychoanalytischen Behand- 
lung ankommt, die Erziehbarkeit, werden wir noch von einem 
anderen Gesichtspunkte würdigen müssen. 

2. Wenn man sicher gehen will, beschränke man seine 
Auswahl auf Personen, die einen Normalzustand haben, da 
man sich im psychoanalytischen Verfahren von diesem aus 
des Krankhaften bemächtigt. Psychosen, Zustände von Ver- 
worrenheit und tiefgreifender (ich möchte sagen: toxischer) 
Verstimmung sind also für die Psychoanalyse, wenigstens wie 
sie bis jetzt ausgeübt wird, ungeeignet. Ich halte es für 
durchaus nicht ausgeschlossen, daß man bei geeigneter Ab- 


213 


änderung des Verfahrens sich über diese Gegenindikation 
hinaussetzen und sa eine Psychotherapie der Psychosen in 
Angriff nehmen könne. 

3. Das Alter der Kranken spielt bei der Auswahl zur 
psychoanalytischen Behandlung insoferne eine Rolle, als bei 
Personen nahe an oder über 50 Jahre einerseits die Plastizität 
der seelischen Vorgänge zu fehlen pflegt, auf welche die 
Therapie rechnet — alte Leute sind nicht mehr erziehbar — 
und als anderseits das Material, welches durchzuarbeiten ist, 
die Behandlungsdauer ins Unabsehbare verlängert. Die Alters- 
grenze nach unten ist nur individuell zu bestimmen; jugend- 
liche Personen noch vor der Pubertät sind oft ausgezeichnet 
zu beeinflussen. 

4. Man wird nicht zur Psychoanalyse greifen, wenn es 
sich um die rasche Beseitigung drohender Erscheinungen 
handelt, also z. B. bei einer hysterischen Anorexie. 

Sie werden nun den Eindruck gewonnen haben, daß das 
Anwendungsgebiet der analytischen Psychotherapie ein sehr 
beschränktes ist, da Sie eigentlich nichts anders als Gegen- 
anzeigen von mir gehört haben. Nichtsdestoweniger bleiben 
Fälle und Krankheitsformen genug übrig, an denen diese 
Therapie sich erproben kann, alle chronischen Formen von 
Hysterie mit Resterscheinungen, das große Gebiet der Zwangs- 
zustände und Abulien u. dgl. 

Erfreulich ist es, daß man gerade den wertvollsten und 
sonst höchstentwickelten Personen auf solche Weise am 
ehesten Hilfe bringen kann. Wo aber mit der analytischen 
Psychotherapie nur wenig auszurichten war, da, darf man 
getrost behaupten, hätte irgend welche andere Behandlung 
sicherlich gar nichts zustande gebracht. 

e) Sie werden mich gewiß fragen wollen, wie es bei 
Anwendung der Psychoanalyse mit der Möglichkeit, Schaden 
zu stiften, bestellt ist. Ich kann Ihnen darauf erwidern, wenn 
Sie nur billig urteilen wollen, diesem Verfahren dasselbe 
kritische Wohlwollen entgegenbringen, das Sie für unsere 
anderen therapeutischen Methoden bereit haben, so werden 
Sie meiner Meinung zustimmen müssen, daß bei einer mit 
Verständnig geleiteten analytischen Kur ein Schaden für den 


214 


Kranken nicht zu befürchten ist. Anders wird vielleicht 
urteilen, wer als Laie gewohnt ist, alles, was sich in einem 
Krankheitsfalle begibt, der Behandlung zur Last zu legen. 
Es ist ja nicht lange her, daß unseren Wasserheilanstalten 
ein ähnliches Vorurteil entgegenstand. So mancher, dem man 
riet, eine solche Anstalt aufzusuchen, wurde bedenklich, weil 
er einen Bekannten gehabt hatte, der als Nervöser in die 
Anstalt kam und dort verrückt wurde. Es handelte sich, wie 
Sie erraten, um Fälle von beginnender allgemeiner Paralyse, 
die man im Anfangsstadium noch in einer Woasserheilanstalt 
unterbringen konnte, und die dort ihren unaufhaltsamen Ver- 
lauf bis zur manifesten Geistesstörung genommen hatten ; für 
die Laien war das Wasser Schuld und Urheber dieser trau- 
rigen Veränderung. Wo es sich um neuartige Beeinflussungen 
handelt, halten sich auch Ärzte nicht immer von solchen 
Urteilsfehlern frei. Ich erinnere mich, einmal bei einer Frau 
den Versuch mit Psychotherapie gemacht zu haben, bei der 
ein gutes Stück ihrer Existenz in der Abwechslung von Manie 
und Melancholie verflossen war. Ich übernahm sie zu Ende 
einer Melancholie; es schien zwei Wochen lang gut zu gehen; 
in der dritten standen wir bereits zu Beginn der neuen Manie. 
Es war dies sicherlich eine spontane Veränderung des Krank- 
heitsbildes, denn zwei Wochen sind keine Zeit, in welcher 
die analytische Psychotherapie irgend etwas zu leisten unter- 
nehmen kann, aber der hervorragende — jetzt schon ver- 
storbene — Arzt, der mit mir die Kranke zu sehen bekam, 
konnte sich doch nicht der Bemerkung enthalten, daB an 
dieser „Verschlechterung“ die Psychotherapie Schuld sein 
dürfte. Ich bin ganz überzeugt, daß er sich unter anderen 
Bedingungen kritischer erwiesen hätte. 

f) Zum Schlusse, meine Herren Kollegen, muß ich mir 
sagen, es geht doch nicht an, Ihre Aufmerksamkeit so lange 
zugunsten der analytischen Psychotherapie in Anspruch zu 
nehmen, ohne Ihnen zu sagen, worin diese "Behandlung be- 
steht, und worauf sie sich gründet. Ich kann es zwar, da ich 
kurz sein muß, nur mit einer Andeutung tun. Diese Therapie 
ist also auf die Einsicht gegründet, daß unbewußte Vor- 
stellungen — besser: die Unbewußtheit gewisser seelischer 


215 


Vorgänge — die nächste Ursache der krankhaften Symptome 
ist. Eine solche Überzeugung vertreten wir gemeinsam mit 
der französischen Schule (Janet), die übrigens in arger 
Schematisierung das hysterische Symptom auf die unbewußte 
idee fixe zurückführt. Fürchten Sie nun nicht, daß wir dabei 
zu tief in die dunkelste Philosophie hineingeraten werden. 
Unser Unbewußtes ist nicht ganz dasselbe wie das der Philo- 
sophen, und überdies wollen die meisten Philosophen vom 
„unbewußten Psychischen“ nichts wissen. Stellen Sie sich 
aber auf unseren Standpunkt, so werden Sie einsehen, daß 
die Übersetzung dieses Unbewußten im Seelenleben der 
Kranken in ein Bewußtes den Erfolg haben muß, deren Ab- 
weichung vom Normalen zu korrigieren und den Zwang auf- 
zuheben, unter dem ihr Seelenleben steht. Denn der bewußte 
Wille reicht so weit als die bewußten psychischen Vorgänge, 
und jeder psychische Zwang ist durch das Unbewußte be- 
gründet. Sie brauchen auch niemals zu fürchten, daß der 
Kranke unter der Erschütterung Schaden nehme, welche der 
Eintritt des Unbewußten in sein Bewußtsein mit sich bringt, 
denn Sie können es sich theoretisch zurechtlegen, daß die 
somatische und affektive Wirkung der bewußt gewordenen 
Regung niemals so groß werden kann wie die der unbewußten. 
Wir beherrschen alle unsere Regungen doch nur dadurch, 
daß wir unsere höchsten, mit Bewußtsein verbundenen Seelen- 
leistungen auf sie wenden. 

Sie können aber auch einen anderen Gesichtspunkt für 
das Verständnis der psychoanalytischen Behandlung wählen. 
Die Aufdeckung und Übersetzung des Unbewußten geht unter 
beständigem Widerstand von seiten der Kranken vor sich. 
Das Auftauchen dieses Unbewußten ist mit Unlust verbunden, 
und wegen dieser Unlust wird es von ihm immer wieder zu- 
rückgewiesen. In diesen Konflikt im Seelenleben des Kranken 
greifen Sie nun ein; gelingt es Ihnen, den Kranken dazu zu 
bringen, daß er aus Motiven besserer Einsicht etwas akzep- 
tiert, was er zufolge der automatischen Unlustregulierung 
bisher zurückgewiesen (verdrängt) hat, so haben Sie ein 
Stück Erziehungsarbeit an ihm geleistet. Es ist ja schon 
Erziehung, wenn Sie einen Menschen, der nicht gern früh 


216 


morgens das Bett verläßt, dazu bewegen, es doch zu nn Als 
eine Weiche Nacherziehung zur Überwindunginnerer 
Widerstände können Sie nun die psychoanalytische Behand- 
lung ganz allgemein auffassen. In keinem Punkte aber ist 
solche Nacherziehung bei den Nervösen mehr vonnöten als 
betreffs des seelischen Elementes in ihrem Sexualleben. Nirgends 
haben ja Kultur und Erziehung so großen Schaden gestiftet 
wie gerade hier, und hier sind auch, wie Ihnen die Erfahrung 
zeigen wird, die beherrschbaren Ätiologien der Neurosen zu 
finden; das andere ätiologische Element, der konstitutionelle 
Beitrag, ist uns ja als etwas Unabänderliches gegeben. Hieraus 
erwächst aber eine wichtige an den Arzt zu stellende An- 
forderung. Er muß nicht nur selbst ein integrer Charakter 
sein — „das Moralische versteht sich ja von selbst“, wie die 
Hauptperson in Th. Vischer’s „Auch Einer“ zu sagen 
pflegt —; er muß auch für seine eigene Person die Mischung 
von Lüsternheit und Prüderie überwunden haben, mit welcher 
leider so viele andere den sexuellen Problemen entgegen- 
zutreten gewohnt sind. 

Hier ist vielleicht der Platz für eine weitere Bemerkung. 
Ich weiß, daß meine Betonung der Rolle des Sexuellen für 
die Entstehung der Psychoneurosen in weiteren Kreisen be- 
kannt geworden ist. Ich weiß aber auch, daß Einschränkungen 
und nähere Bestimmungen beim großen Publikum wenig 
nützen; die Menge hat für Wenig Raum in ihrem Gedächtnis 
und behält von einer Behauptung doch nur den rohen Kern, 
schafft sich ein leicht zu merkendes Extrem. Es mag auch 
manchen Ärzten so ergangen sein, daß ihnen als Inhalt meiner 
Lehre vorschwebt, ich führe die Neurosen in letzter Linie 
auf sexuelle Eintbehrung zurück. An dieser fehlt es nicht 
unter den Lebensbedingungen unserer Gesellschaft. Wie nahe 
mag es nun bei solcher Voraussetzung liegen, den mühseligen 
Umweg über die psychische Kur zu vermeiden und direkt 
die Heilung anzustreben, indem man die sexuelle Betätigung 
als Heilmittel empfiehlt? Ich weiß nun nicht, was mich be- 
wegen könnte, diese Folgerung zu unterdrücken, wenn sie 
berechtigt wäre. Die Sache liegt aber anders. Die sexuelle 
Bedürftigkeit und Entbehrung, das ist bloß der eine Faktor, 


217 


der beim Mechanismus der Neurose ins Spiel tritt; bestünde 
er allein, so würde nicht Krankheit, sondern Ausschweifung 
die Folge sein. Der andere, ebenso unerläßliche Faktor, an 
den man allzu bereitwillig vergißt, ist die Sexualabneigung 
der Neurotiker, ihre Unfähigkeit zum Lieben, jener psychische 
Zug, den ich „Verdrängung“ genannt habe. Erst aus dem 
Konflikt zwischen beiden Strebungen geht die neurotische 
Erkrankung hervor, und darum kann der Rat der sexuellen 
Betätigung bei den Psychoneurosen eigentlich nur selten als 
guter Rat bezeichnet werden. 

Lassen Sie mich mit dieser abwehrenden Bemerkung 
schließen. Wir wollen hoffen, daß Ihr von jedem feindseligen 
Vorurteil gereinigtes Interesse für die Psychotherapie uns 
darin unterstützen wird, auch in der Behandlung der schweren 
Fälle von Psychoneurosen Erfreuliches zu leisten. 


X. 


Die Freud’sche psychoanalytische Methode.') 


„Die eigentümliche Methode der Psychotherapie, die 
Freud ausübt und als Psychoanalyse bezeichnet, ist aus 
dem sogenannten kathartischen Verfahren hervorgegangen, 
über welches er seinerzeit in den „Studien über Hysterie“ 
1895 in Gemeinschaft mit J. Breuer berichtet hat. Die 
kathartische Therapie war eine Erfindung Breuer’s, der mit 
ihrer Hilfe zuerst etwa ein Dezennium vorher eine hysterische 
Kranke hergestellt und dabei Einsicht in die Pathogenese 
ihrer Symptome gewonnen hatte. Infolge einer persönlichen 
Anregung Breuer’s nahm dann Freud das Verfahren wieder 
auf und erprobte es an einer größeren Anzahl von Kranken. 

Das kathartische Verfahren setzte voraus, daß der Patient 
hypnotisierbar sei und beruhte auf der Erweiterung des Be- 
wußtseins, die in der Hypnose eintritt. Es setzte sich die 
Beseitigung der Krankheitssymptome zum Ziele und erreichte 
dies, indem es den Patienten sich in den psychischen Zustand 
zurückversetzen ließ, in welchem das Symptom zum ersten 
Male aufgetreten war. Es tauchten dann bei dem hypnotisierten 
Kranken Erinnerungen, Gedanken und Impulse auf, die in 
seinem Bewußtsein bisher ausgefallen waren, und wenn er 
diese seine seelischen Vorgänge unter intensiven Affekt- 
äußerungen dem Arzte mitgeteilt hatte, war das Symptom 
überwunden, die Wiederkehr desselben aufgehoben. Diese 
regelmäßig zu wiederholende Erfahrung erläuterten die beiden 
Autoren in ihrer gemeinsamen Arbeit dahin, daß das Symptom 
an Stelle von unterdrückten und nicht zum Bewußtsein ge- 
langten psychischen Vorgängen stehe, also eine Umwandlung 
(„Konversion“) der letzteren darstelle. Die therapeutische 


1) Aus: Löwenfeld, Psychische Zwangserscheinungen, 1904. 


219 


Wirksamkeit ihres Verfahrens erklärten sie sich aus der 
Abfuhr des bis dahin gleichsam „eingeklemmten“ Affektes, 
der an den unterdrückten seelischen Aktionen gehaftet hatte 
(„Abreagieren“). Das einfache Schema des therapeutischen 
Eingriffs komplizierte sich aber nahezu alle Male, indem 
sich zeigte, daß nicht ein einzelner („traumatischer*) Ein- 
druck, sondern meist eine schwer zu übersehende Reihe von 
solchen an der Entstehung des Symptoms beteiligt sei. 

Der Hauptcharakter der kathartischen Methode, der sie 
in Gegensatz zu allen anderen Verfahren der Psychotherapie 
setzt, liegt also darin, daß bei ihr die therapeutische Wirk- 
samkeit nicht einem suggestiven Verbot des Arztes über- 
tragen wird. Sie erwartet vielmehr, daß die Symptome von 
selbst verschwinden werden, wenn es dem Eingriff, der sich 
auf gewisse Voraussetzungen über den psychischen Mecha- 
nismus beruft, gelungen ist, seelische Vorgänge zu einem 
anderen als dem bisherigen Verlauf zu bringen, der in die 
Symptombildung eingemündet hat. 

Die Abänderungen, welche Freud an dem kathartischen 
Verfahren Breuer’s vornahm, waren zunächst Änderungen 
der Technik; diese brachten aber neue Ergebnisse und haben 
in weiterer Folge zu einer andersartigen, wiewohl der früheren 
nicht widersprechenden, Auffassung der therapeutischen Arbeit 
genötigt. 

Hatte die kathartische Methode bereits auf die Suggestion 
verzichtet, so unternahm Freud den weiteren Schritt, auch 
die Hypnose aufzugeben. Er behandelt gegenwärtig seine 
Kranken, indem er sie ohne andersartige Beeinflussung eine 
bequeme Rückenlage auf einem Ruhebett einnehmen läßt, 
während er selbst ihrem Anblick entzogen auf einem Stuhle 
hinter ihnen sitzt. Auch den Verschluß der Augen fordert er 
von ihnen nicht und vermeidet jede Berührung sowie jede 
andere Prozedur, die an Hypnose mahnen könnte. Eine 
solche Sitzung verläuft also wie ein Gespräch zwischen zwei 
gleich wachen Personen, von denen die eine sich jede Muskel- 
anstrengung und jeden ablenkenden Sinneseindruck erspart, 
die sie in der Konzentration ihrer Aufmerksamkeit auf ihre 
eigene seelische Tätigkeit stören könnten. 


220 


Da das Hypnotisiertwerden, trotz aller Geschicklichkeit 
des Arztes, bekanntlich in der Willkür des Patienten liegt, 
und eine große Anzahl neurotischer Personen durch kein 
Verfahren in Hypnose zu versetzen ist, so war durch den 
Verzicht auf die Hypnose die Anwendbarkeit des Verfahrens 
auf eine uneingeschränkte Anzahl von Kranken gesichert. 
Andererseits fiel die Erweiterung des Bewußtseins weg, 
welche dem Arzt gerade jenes psychische Material an Er- 
innerungen und Vorstellungen geliefert hatte, mit dessen 
Hilfe sich die Umsetzung der Symptome und die Befreiung 
der Affekte vollziehen ließ. Wenn für diesen Ausfall kein 
Ersatz zu schaffen war, konnte auch von einer therapeutischen 
Einwirkung keine Rede sein. 

Einen solchen völlig ausreichenden Ersatz fand nun 
Freud in den Einfällen der Kranken, d.h. in den ungewollten, 
meist als störend empfundenen und darum unter gewöhnlichen 
Verhältnissen beseitigten Gedanken, die den Zusammenhang 
einer beabsichtigten Darstellung zu durchkreuzen pflegen. Um 
sich dieser Einfälle zu bemächtigen, fordert er die Kranken 
auf, sich in ihren Mitteilungen gehen zu lassen, „wie man 
es etwa in einem Gespräch tut, bei welchem man aus dem 
Hundertsten in das Tausendste gerät“. Er schärft ihnen, ehe 
er sie zur detaillierten Erzählung ihrer Krankengeschichte 
auffordert, ein, alles mit zu sagen, was ihnen dabei durch 
den Kopf geht, auch wenn sie meinen, es sei unwichtig, oder 
es gehöre nicht dazu, oder es sei unsinnig. Mit besonderem 
Nachdruck aber wird von ihnen verlangt, daß sie keinen 
Gedanken oder Einfall darum von der Mitteilung ausschließen, 
weil ihnen diese Mitteilung beschämend oder peinlich ist. Bei 
den Bemühungen, dieses Material an sonst vernachlässigten 
Einfällen zu sammeln, machte nun Freud die Beobachtungen, 
die für seine ganze Auffassung bestimmend geworden sind. Schon 
bei der Erzählung der Krankengeschichte stellen sich bei den 
Kranken Lücken der Erinnerung heraus, sei es, daß tatsächliche 
Vorgänge vergessen worden, sei es, daß zeitliche Beziehungen 
verwirrt oder Kausalzusammenhänge zerrissen worden sind, 
so daß sich unbegreifliche Effekte ergeben. Ohne Amnesie 
irgend einer Art gibt es keine neurotische Krankengeschichte. 


221 


Drängt man den Erzählenden, diese Lücken seines Gedächt- 
nisses durch angestrengte Arbeit der Aufmerksamkeit auszu-. 
füllen, so merkt man, daß die hierzu sich einstellenden Ein- 
fälle von ihm mit allen Mitteln der Kritik zurückgedrängt. 
werden, bis er endlich das direkte Unbehagen verspürt, wenn 
sich die Erinnerung wirklich eingesellt hat. Aus dieser Erfahrung 
schließt Freud, daß die Amnesien das Ergebnis eines Vorgangs. 
sind, den er Verdrängung heißt, und als dessen Motiv er 
Unlustgefühle erkennt. Die psychischen Kräfte, welche diese Ver- 
drängung herbeigeführt haben, meint er in dem Widerstand, 
der sich gegen die Wiederherstellung erhebt, zu verspüren. 

Das Moment des Widerstandes ist eines der Fundamente 
seiner Theorie geworden. Die sonst unter allerlei Vorwänden 
(wie sie die obige Formel aufzählt) beseitigten Einfälle be- 
trachtet er aber als Abkömmlinge der verdrängten psychischen 
Gebilde (Gedanken und Regungen), als Entstellungen derselben 
infolge des gegen ihre Reproduktion bestehenden Widerstandes. 

Je größer der Widerstand, desto ausgiebiger diese Ent- 
stellung. In dieser Beziehung der unbeabsichtigten Einfälle. 
zum verdrängten psychischen Material ruht nun ihr Wert für 
die therapeutische Technik. Wenn man ein Verfahren besitzt, 
welches ermöglicht, von den Einfällen aus zu dem Verdrängten, 
von den Entstellungen zum Entstellten zu gelangen, so kann 
man auch ohne Hypnose das früher Unbewußte im Seelenlebeu 
dem Bewußtsein zugänglich machen. 

Freud hat darauf eine Deutungskunst ausgebildet, 
welcher diese Leistung zufällt, die gleichsam aus den Erzen 
der unbeabsichtigten Einfälle den Metallgehalt an verdrängten 
Gedanken darstellen soll. Objekt; dieser Deutungsarbeit sind 
nicht allein die Einfälle der Kranken, sondern auch seine 
Träume, die den direktesten Zugang zur Kenntnis des Un- 
bewußten eröffnen, seine unbeabsichtigten, wie planlosen 
Handlungen (Symptomhandlungen) und die Irrungen seiner 
Leistungen im Alltagsleben (Versprechen, Vergreifen u. dgl.). 
Die Details dieser Deutungs- oder Übersetzungstechnik sind 
von Freud noch nicht veröffentlicht worden. Es sind nach 
seinen Andeutungen eine Reihe von empirisch gewonnenen 
Regeln, wie aus den Einfällen das unbewußte Material zu 


222 


konstruieren ist, Anweisungen, wie man es zu verstehen habe, 
wenn die Einfälle des Patienten versagen, und Erfahrungen 
über die wichtigsten typischen Widerstände, die sich im Laufe 
einer solchen Behandlung einstellen. Ein umfangreiches Buch 
über „Traumdeutung“, 1900 von Freud publiziert, ist als 
Vorläufer einer solchen Einführung in die Technik anzusehen. 

Man könnte aus diesen Andeutungen über die Technik 
der psychoanalytischen Methode schließen, daß deren Erfinder 
sich überflüssige Mühe verursacht und Unrecht getan hat, 
das wenig komplizierte hypnotische Verfahren zu verlassen. 
Aber einerseits ist die Technik der Psychoanalyse viel leichter 
auszuüben, wenn man sie einmal erlernt hat, als es bei einer 
Beschreibung den Anschein hat, anderseits führt kein 
anderer Weg zum Ziele, und darum ist der mühselige Weg 
noch der kürzeste. Der Hypnose ist vorzuwerfen, daß sie 
den Widerstand verdeckt und dadurch dem Arzt den Einblick 
in das Spiel der psychischen Kräfte verwehrt hat. Sie räumt 
aber mit dem Widerstande nicht auf, sondern weicht ihm 
nur aus und ergibt dagegen nur unvollständige Auskünfte 
und nur vorübergehende Erfolge. 

Die Aufgabe, welche die psychoanalytische Methode zu 
lösen bestrebt ist, läßt sich in verschiedenen Formeln aus- 
drücken, die aber ihrem Wesen nach äquivalent sind. Man 
kann sagen: Aufgabe der Kur sei, die Amnesien aufzuheben. 
Wenn alle Erinnerungslücken ausgefüllt, alle rätselhafteu 
Effekte des psychischen Lebens aufgeklärt sind, ist der Fort- 
bestand, ja eine Neubildung des Leidens unmöglich gemacht. 
Man kann die Bedingung anders fassen: es seien alle Ver- 
drängungen rückgängig zu machen; der psychische Zustand 
ist dann derselbe, in dem alle Amnesien ausgefüllt sind. 
Weittragender ist eine andere Fassung: es handle sich darum, 
das Unbewußte dem Bewußtsein zugänglich zu machen, was 
durch Überwindung der Widerstände geschieht. Man darf 
aber dabei nicht vergessen, daß ein solcher Idealzustand 
auch beim normalen Menschen nicht besteht, und daß man 
nur selten in die Lage kommen kann, die Behandlung an- 
nähernd so weit zu treiben. So wie Gesundheit und Krankheit 
nicht prinzipiell geschieden, sondern nur durch eine praktisch 


223 


bestimmbare Summationsgrenze gesondert sind, so wird man 
sich auch nie etwas anderes zum Ziel der Behandlung setzen 
als die praktische Genesung des Kranken, die Herstellung 
seiner Leistungs- und Genußfähigheit. Bei unvollständiger 
Kur oder unvollkommenem Erfolge derselben erreicht man 
vor allem eine bedeutende Hebung des psychischen Allgemein- 
zustandes, während die Symptome, aber mit geminderter Be- 
deutung für den Kranken, fortbestehen können, ohne ihn zu 
einem Kranken zu stempeln. 

Das therapeutische Verfahren bleibt, von geringen. Mo- 
difikationen abgesehen, das nämliche für alle Symptombilder 
der vielgestaltigen Hysterie und ebenso für alle Ausbildungen 
der Zwangsneurose. Von einer unbeschränkten Anwendbarkeit 
desselben ist aber keine Rede. Die Natur der psychoanaly- 
tischen Methode schafft Indikationen und Gegenanzeigen 
sowohl von seiten der zu behandelnden Personen, als auch 
mit Rücksicht auf das Krankheitsbild. Am günstigsten. für 
die Psychoanalyse sind die chronischen Fälle von Psycho- 
neurosen mit wenig stürmischen oder gefahrdrohenden 
Symptomen, also zunächst alle Arten der Zwangsneurose, 
Zwangsdenken und Zwangsliandeln, und Fälle von Hysterie, 
in denen Phobien und Abulien die Hauptrolle spielen, weiter- 
hin aber auch alle somatischen Ausprägungen der Hysterie, 
insoferne nicht, wie bei der Anorexie, rasche Beseitigung der 
Symptome zur Hauptaufgabe des Arztes wird. Bei akuten 
Fällen von Hysterie wird man den Eintritt eines ruhigeren 
Stadiums abzuwarten haben; in allen Fällen, bei denen die 
nervöse Erschöpfung obenan steht, wird man ein Verfahren 
vermeiden, welches selbst Anstrengung erfordert, nur lang- 
same Fortschritte zeitigt und auf die Fortdauer der Symptome 
eine Zeitlang keine Rücksicht nehmen kann. 

An die Person, die man mit Vorteil der Psychoanalyse 
unterziehen soll, sind mehrfache Forderungen zu stellen. Sie 
muß erstens eines psychischen Normalzustandes fähig sein; 
in Zeiten der Verworrenheit oder melancholischer Depression 
ist auch bei einer Hysterie nichts auszurichten. Man darf 
ferner ein gewisses Maß natürlicher Intelligenz und ethischer 
Entwicklung fordern; bei wertlosen Personen läßt den Arzt 


224 


bald das Interesse im Stiche, welches ihn zur Vertiefung in 
das Seelenleben des Kranken befähigt. Ausgeprägte Charakter- 
verbildungen, Züge von wirklich degenerativer Konstitution 
äußern sich bei der Kur als Quelle von kaum zu über- 
windenden Widerständen. Insoweit setzt überhaupt die 
Konstitution eine Grenze für die Heilbarkeit durch Psycho- 
therapie. Auch eine Altersstufe in der Nähe des fünften 
Dezenniums schafft ungünstige Bedingungen für die Psycho- 
analyse. Die Masse des psychischen Materials ist dann nicht 
mehr zu bewältigen, die zur Herstellung erforderliche Zeit 
wird zu lang, und die Fähigkeit, psychische Vorgänge rück- 
gängig zu machen, beginnt zu erlahmen. 

Trotz aller dieser Einschränkungen ist die Anzahl der 
für die Psychoanalyse geeigneten Personen eine außerordentlich 
große, und die Erweiterung unseres therapeutischen Könnens 
durch dieses Verfahren nach den Behauptungen Freuds eine 
sehr beträchtliche. Freud beansprucht lange Zeiträume, 
ı/, Jahr bis 3 Jahre für eine wirksame Behandlung; er gibt 
aber die Auskunft, daß er bisher infolge verschiedener leicht 
zu erratender Umstände meist nur in die Lage gekommen 
ist, seine Behandlung an sehr schweren Fällen zu erproben, 
Personen mit vieljähriger Krankheitsdauer und völliger 
Leistungsunfähigkeit, die, durch alle Behandlungen getäuscht, 
gleichsam eine letzte Zuflucht bei seinem neuen und viel 
angezweifelten Verfahren gesucht haben. In Fällen leichterer 
Erkrankung dürfte sich die Behandlungsdauer sehr verkürzen 
und ein außerordentlicher Gewinn an Vorbeugung für die 
Zukunft erzielen lassen.* 


XIV. 
Meine Ansichten über die Rolle der 
Sexualität in der Atiologie der Neurosen’). 


„Ich bin der Meinung, daß man meine Theorie über die 
ätiologische Bedeutung des sexuellen Momentes für die Neu- 
rosen am besten würdigt, wenn man ihrer Entwicklung nach- 
geht. Ich habe nämlich keineswegs das Bestreben, abzuleugnen, 
daß sie eine Entwicklung durchgemacht und sich während 
derselben verändert hat. Die Fachgenossen könnten in diesem 
Zugeständnis die Gewähr finden, daß diese Theorie nichts 
anderes ist, als der Niederschlag fortgesetzter und vertiefter 
Erfahrungen. Was im Gegensatze hierzu der Spekulation ent- 
sprungen ist, das kann allerdings leicht mit einem Schlage 
vollständig und dann unveränderlich auftreten. 

Die Theorie bezog sich ursprünglich bloß auf die als 
„Neurasthenie* zusammengefaßten Krankheitsbilder, unter 
denen mir zwei, gelegentlich auch rein auftretende Typen, 
auffielen, die ich als „eigentliche Neurasthenie“ und 
als „Angstneurose* beschrieben habe. Es war ja immer 
bekannt, daß sexuelle Momente in der Verursachung dieser 
Formen eine Rolle spielen können, aber man fand dieselben 
weder regelmäßig wirksam, noch dachte man daran, ihnen 
einen Vorrang vor anderen ätiologischen Einflüssen einzu- 
räumen. Ich wurde zunächst von der Häufigkeit grober 
Störungen in der Vita sexualis der Nervösen überrascht; je 
mehr ich darauf ausging, solche Störungen zu suchen, wobei 
ich mir vorhielt, daß die Menschen alle in sexuellen Dingen 
die Wahrheit verhehlen, und je geschickter ich wurde, das 
Examen trotz einer anfänglichen Verneinung fortzusetzen, 


1) Aus: Löwenfeld, „Sexualleben und Nervenleiden“, IV. Auft., 1906. 
Freud, Neurosenlehre. 15 


226 


desto regelmäßiger ließen sich solche krankmachende Momente 
aus dem Sexualleben auffinden, bis mir zu deren Allgemein- 
heit wenig zu fehlen schien. Man mußte aber von vornherein 
auf ein ähnlich häufiges Vorkommen sexueller Unregelmäßig- 
keiten unter dem Drucke der sozialen Verhältnisse in unserer 
Gesellschaft gefaßt sein, und konnte im Zweifel bleiben, 
welchesMaß von Abweichung von der normalen Sexualfunktion 
als Krankheitsursache betrachtet werden dürfe. Ich konnte 
daher auf den regelmäßigen Nachweis sexueller Noxen nur 
weniger Wert legen als auf eine zweite Erfahrung, die mir 
eindeutiger erschien. Es ergab sich, daß die Form der Er- 
krankung, ob Neurasthenie oder Angstneurose, eine konstante 
Beziehung zur Art der sexuellen Schädlichkeit zeige. In den 
typischen Fällen der Neurasthenie war regelmäßig Masturbation 
oder gehäufte Pollutionen, bei der Angstneurose waren Fak- 
toren wie der Ooitus interruptus, die „frustrane Erregung“ 
u. a. nachweisbar, an denen das Moment der ungenügenden 
Abfuhr der erzeugten Libido das Gemeinsame schien. Erst 
seit dieser leicht zu machenden und beliebig oft zu bestäti- 
genden Erfahrung hatte ich den Mut, für die sexuellen Ein- 
flüsse eine bevorzugte Stellung in der Ätiologie der Neurosen 
zu beanspruchen. Es kam hinzu, daß bei den so häufigen 
Mischformen von Neurasthenie und Angstneurose auch die 
Vermengung der für die beiden Formen angenommenen Ätio- 
logien aufzuzeigen war und daß eine solche Zweiteilung in 
der Erscheinungsform der Neurose zu dem polaren Charakter 
der Sexualität (männlich und weiblich) gut zu stimmen 
schien. 

Zur gleichen Zeit, während ich der Sexualität diese Be- 
deutung für die Entstehung der einfachen Neurosen zuwies!), 
huldigte ich noch in betreff der Psychoneurosen (Hysterie 
und Zwangsvorstellungen) einer rein psychologischen Theorie, 
in welcher das sexuelle Moment nicht anders als andere 
emotionelle Quellen in Betracht kam. Ich hatte im Verein 
mit J. Breuer und im Anschluß an Beobachtungen, die er 

!) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 


Symptomenkomplex als „Angstneurose“ abzutrennen. Neurol. Cen- 
tralblatt, 1895. 


227 


gut ein Dezennium vorher an einer hysterischen Kranken 
gemacht hatte, den Mechanismus der Entstehung hysterischer 
Symptome mittels des Erweckens von Erinnerungen im hyp- 
notischen Zustande studiert, und wir waren zu Aufschlüssen 
gelangt, welche gestatteten, die Brücke von der traumatischen 
Hysterie Charcot’s zur gemeinen, nicht traumatischen, zu 
schlagen!). Wir waren zur Auffassung gelangt, daß die hyste- 
rischen Symptome Dauerwirkungen von psychischen Traumen 
sind, deren zugehörige Affektgröße durch besondere Bedin- 
gungen von bewußter Bearbeitung abgedrängt worden ist 
und sich darum einen abnormen Weg in die Körperinnervation 
gebahnt hat. Die Termini „eingeklemmter Affekt“, 
„Konversion“ und „Abreagieren“ fassen das Kenn- 
zeichnende dieser Anschauung zusammen. 

Bei den nahen Beziehungen der Psychoneurosen zu den 
einfachen Neurosen, die ja so weit gehen, daß dem Ungeübten 
die diagnostische Unterscheidung nicht immer leicht fällt, 
konnte es aber nicht ausbleiben, daß die für das eine Gebiet 
gewonnene Erkenntnis auch für-das andere Platz griff. Über- 
dies führte, von solcher Beeinflussung abgesehen, auch die 
Vertiefung in den psychischen Mechanismus der hysterischen 
Symptome zu dem gleichen Ergebnis. Wenn man nämlich 
bei dem von Breuer und mir eingesetzten „kathartischen“ 
Verfahren den psychischen Traumen, von denen sich die 
hysterischen Symptome ableiteten, immer weiter nachspürte, 
gelangte man endlich zu Erlebnissen, welche der Kindheit 
des Kranken angehörten und sein Sexualleben betrafen, und 
zwar auch in solchen Fällen, in denen eine banale Emotion 
nicht sexueller Natur den Ausbruch der Krankheit veranlaßt 
hatte. Ohne diese sexuellen Traumen der Kinderzeit in Be- 
tracht zu ziehen, konnte man weder die Symptome aufklären, 
deren Determinierung verständlich finden, noch deren Wieder- 
kehr verhüten. Somit schien die unvergleichliche Bedeutung 
sexueller Erlebnisse für die Ätiologie der Psychoneurosen als 
unzweifelhaft festgestellt, und diese Tatsache ist auch bis 
heute einer der Grundpfeiler der T’heorie geblieben. 


) Studien über Hysterie, 1905. 
15* 


228 


Wenn man diese Theorie so darstellt, die Ursache der 
lebenslangen hysterischen Neurose liege in den meist au sich 
geringfügigen sexuellen Erlebnissen der frühen Kinderzeit, so 
mag sie allerdings befremdend genug klingen. Nimmt man 
aber auf die historische Entwicklung der Lehre Rücksicht, 
verlegt den Hauptinhalt derselben in den Satz, die Hysterie 
sei der Ausdruck eines besonderen Verhaltens der Sexual- 
funktion des Individuums, und dies Verhalten werde bereits 
durch die ersten in der Kindheit einwirkenden Einflüsse und 
Erlebnisse maßgebend bestimmt, so sind wir zwar um ein 
Paradoxon ärmer, aber um ein Motiv bereichert worden, den 
bisher arg vernachlässigten, höchst bedeutsamen Nachwirkungen 
der Kindheitseindrücke überhaupt unsere Aufmerksamkeit zu 
schenken. 

Indem ich mir vorbehalte, die Frage, ob man in den 
sexuellen Kindererlebnissen die Ätiologie der Hysterie (und 
Zwangsneurose) sehen dürfe, weiter unten gründlicher zu be- 
handeln, kehre ich zu der Gestaltung der Theorie zurück, 
welche diese in einigen kleinen, vorläufigen Publikationen 
der Jahre 1895 und 1896 angenommen hat!). Die Hervorhebung 
der angenommenen ätiologischen Momente gestattete damals, 
die gemeinen Neurosen als Erkrankungen mit aktueller Ätiologie 
den Psychoneurosen gegenüberzustellen, deren Ätiologie 
vor allem in den sexuellen Erlebnissen der Vorzeit zu suchen 
war. Die Lehre gipfelte in dem Satze: Bei normaler Vita 
sexualis ist eine Neurose unmöglich. 

Wenn ich auch diese Sätze noch heute nicht für unrichtig 
halte, so ist es doch nicht zu verwundern, daß ich im zehn 
Jahren fortgesetzter Bemühung um die Erkenntnis dieser 
Verhältnisse über meinen damaligen Standpunkt ein gutes 
Stück weit hinausgekommen bin und mich heute in der Lage 
glaube, die Unvollständigkeit, die Verschiebungen und die 
Mißverständnisse, an denen die Lehre damals litt, durch ein- 
gehendere Erfahrung zu korrigieren. Ein Zufall des damals 
noch spärlichen Materials hatte mir eine unverhältnismäßig 

ı) Weitere Bemerkungen über die Abwehr, Neuropsychosen, Neurol. 


Centralblatt, 1896. — Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener klinische 
Rundschau, 1896. 


229 


große Anzahl von Fällen zugeführt, in deren Kindergeschichte 
die sexuelle Verführung durch Erwachsene oder andere ältere 
Kinder die Hauptrolle spielte. Ich überschätzte die Häufigkeit 
dieser (sonst nicht anzuzweifelnden) Vorkommnisse, überdies 
da ich zu jener Zeit nicht imstande war, die Erinnerungs- 
täuschungen der Hysterischen über ihre Kindheit von den 
Spuren der wirklichen Vorgänge sicher zu unterscheiden, 
während ich seitdem gelernt habe, so manche Verführungs- 
phantasie als Abwehrversuch gegen die Erinnerung der eigenen 
sexuellen Betätigung (Kindermasturbation) aufzulösen. Mit 
dieser Aufklärung entfiel die Betonung des „traumatischen* 
Elementes an den sexuellen Kindererlebnissen, und es blieb 
die Einsicht übrig, daß die infantile Sexualbetätigung (ob 
spontan oder provoziert) dem späteren Sexualleben nach der 
Reife die Richtung vorschreibt. Dieselbe Aufklärung, die ja 
den bedeutsamsten meiner anfänglichen Irrtümer korrigierte, 
mußte auch die Auffassung von Mechanismus der hysterischen 
Symptome verändern. Dieselben erschienen nun nicht mehr 
als direkte Abkömmlinge der verdrängten Erinnerungen an 
sexuelle Kindheitserlebnisse, sondern zwischen die Symptome 
und die infantilen Eindrücke schoben sich nun die (meist in 
den Pubertätsjahren produzierten) Phantasien (Erinnerungs- 
dichtungen) der Kranken ein, die auf der einen Seite sich 
aus und über den Kindheitserinnerungen aufbauten, auf der ’' 
anderen sich unmittelbar in die Symptome umsetzten. Erst 
mit der Einführung des Elementes der hysterischen Phantasien 
wurde das Gefüge der Neurose und deren Beziehung zum 
Leben der Kranken durchsichtig; auch ergab sich eine wirk- 
lich überraschende Analogie zwischen diesen unbewußten 
Phantasien der Hysteriker und den als Wahn bewußt ge- 
wordenen Dichtungen bei der Paranoia. 

Nach dieser Korrektur waren die „infantilen Sexual- 
traumen“ in gewissem Sinne durch den „Infantilismus der 
Sexualität“ ersetzt. Eine zweite Abänderung der ursprüng- 
lichen Theorie lag nicht ferne. Mit der angenommenen 
Häufigkeit der Verführung in der Kindheit entfiel auch die 
übergroße Betonung der accidentellen Beeinflussung der 
Sexualität, welcher ich bei der Verursachung des Krankseins 


230 


die Hauptrolle zuschieben wollte, ohne darum konstitutionelle 
und hereditäre Momente zu leugnen. Ich hatte sogar gehofft, 
das Problem der Neurosenwahl, die Entscheidung darüber, 
welcher Form von Psychoneurose der Kranke verfallen solle, 
durch die Einzelheiten der sexuellen Kindererlebnisse zu 
lösen, und damals — wenn auch mit Zurückhaltung — gemeint, 
daß passives Verhalten bei diesen Szenen die spezifische 
Disposition zur Hysterie, aktives dagegen die für die Zwangs- 
neurose ergebe. Auf diese Auffassung mußte ich später völlig 
Verzicht leisten, wenngleich manches Tatsächliche den geahnten 
Zusammenhang zwischen Passivität und Hysterie, Aktivität 
und Zwangsneurose in irgend einer Weise aufrecht zu halten 
gebietet. Mit dem Rücktritt der accidentellen Einflüsse des 
Erlebens mußten die Momente der Konstitution und Heredität 
wieder die Oberhand behaupten, aber mit dem Unterschiede 
gegen die sonst herrschende Anschauung, daß bei mir die 
„sexuelle Konstitution“ an die Stelle der allgemeinen neuro- 
pathischen Disposition trat. In meinen jüngst erschienen „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie* (1905) habe ich den Ver- 
such gemacht, die Mannigfaltigkeiten dieser sexuellen Kon- 
stitution sowie die Zusammengesetztheit des Sexualtriebs 
überhaupt und dessen Herkunft aus verschiedenen Beitrags- 
quellen im Organismus zu schildern. 

Immer noch im Zusammenhange mit der veränderten 
Auffassung der „sexuellen Kindertraumen“ entwickelte sich 
nun die Theorie nach einer Richtung weiter, die schon in 
den Veröffentlichungen der Jahre 1894—96 angezeigt worden 
war. Ich hatte bereits damals, und noch ehe die Sexualität 
in die ihr gebührende Stellung in der Ätiologie eingesetzt 
war, als Bedingung für die pathogene Wirksamkeit eines 
Erlebnisses angegeben, daß dieses dem Ich unerträglich er- 
scheinen und ein Bestreben zur Abwehr hervorrufen müsse!). 
Auf diese Abwehr hatte ich die psychische Spaltung — oder 
wie man damals sagte: die Bewußtseinsspaltung — der Hysterie 


) Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen 
Theorie der acquierierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangs- 
vorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen. Neurol. Central- 
blatt, 1894. 


231 


zurückgeführt. Gelang die Abwehr, so war das unerträgliche 
Erlebnis mit seinen Affektfolgen aus dem Bewußtsein und der 
Erinnerung des Ichs vertrieben; unter gewissen Verhältnissen. 
entfaltete aber das Vertriebene als ein nun Unbewußtes seine 
Wirksamkeit und kehrte mittels der Symptome und der an ihnen 
haftenden Affekte ins Bewußtsein zurück, so daß die Erkrankung 
einem Mißglücken der Abwehr entsprach. Diese Auffassung 
hatte das Verdienst, auf das Spiel der psychischen Kräfte 
einzugehen und somit die seelischen Vorgänge der Hysterie 
den normalen anzunähern, anstatt die Charakteristik der Neurose 
in eine rätselhafte und weiter nicht analysierbare Störung zu 
verlegen. 

Als nun weitere Erkundigungen bei normal gebliebenen 
Personen das unerwartete Ergebnis lieferten, daß deren sexuelle 
Kindergeschichte sich nicht wesentlich von dem Kinderleben 
der Neurotiker zu unterscheiden brauche, daß speziell die 
Rolle der Verführung bei ersteren die gleiche sei, traten die 
accıidentelleu Einflüsse noch mehr gegen den der „Ver- 
drängung“ (wie ich anstatt „Abwehr“ zu sagen begann) 
zurück. Es kam also nicht darauf an, was ein Individuum in 
seiner Kindheit an sexuellen Erregungen erfahren hatte, sondern 
vor allem auf seine Reaktion gegen diese Erlebnisse, ob es 
diese Eindrücke mit der „Verdrängung“ beantwortet habe 
oder nicht. Bei spontaner infantiler Sexualbetätigung ließ sich 
zeigen, daß dieselbe häufig im Laufe der Entwicklung durch 
einen Akt der Verdrängung abgebrochen wurde. Das geschlechts- 
reife neurotische Individuum brachte so ein Stück „Sexual-' 
verdrängung“ regelmäßig aus seiner Kindheit mit, das bei den 
Anforderungen des realen Lebens zur Äußerung kam, und 
die Psychoanalysen Hysterischer zeigten, daß ihre Erkrankung 
ein Erfolg des Konflikts zwischen der Libido und der Sexual- 
verdrängung sei, und daß ihre Symptome den Wert von 
Kompromissen zwischen beiden seelischen Strömungen haben. 

Ohne eine ausführliche Erörterung meiner Vorstellungen 
von der Verdrängung könnte ich diesen Teil der Theorie 
nicht weiter aufklären. Es genüge, hier auf meine „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie” (1905) hinzuweisen, wo 
ich auf die somatischen Vorgänge, in denen das Wesen der 


292 


Sexualität zu suchen ist, ein allerdings erst spärliches Licht 
zu werfen versucht habe. Ich habe dort ausgeführt, daß die 
konstitutionelle sexuelle Anlage des Kindes eine ungleich 
buntere ist, als man erwarten konnte, daß sie „polymorph 
pervers“ genannt zu werden verdient, und daß aus dieser 
Anlage durch Verdrängung gewisser Komponenten das so- 
genannte normale Verhalten der Sexualfunktion hervorgeht. 
Ich konnte durch den Hinweis auf die infantilen Charaktere 
der Sexualität eine einfache Verknüpfung zwischen Gesundheit, 
Perversion und Neurose herstellen. Die Norm ergab sich aus 
der Verdrängung gewisser Partialtriebe und Komponenten der 
infantilen Anlagen und der Unterordnung der übrigen unter 
das Primat der Genitalzonen im Dienste der Fortpflanzungs- 
funktion; die Perversionen entsprachen Störungen dieser 
Zusammenfassung durch die übermächtige zwangsartige Ent- 
wicklung einzelner dieser Partialtriebe, und die Neurose führte 
sich auf eine zu weitgehende Verdrängung der libidinöseu 
Strebungen zurück. Da fast alle perversen Triebe der infantilen 
Anlage als symptombildende Kräfte bei der Neurose nach- 
weisbar sind, sich aber bei ihr im Zustande der Verdrängung 
befinden, konnte ich die Neurose als das „Negativ“ der Per- 
version bezeichnen. 

Ich halte es der Hervorhebung wert, daß meine An- 
schauungen über die Ätiologie der Psychoneurosen bei allen 
Wandlungen doch zwei Gesichtspunkte nie verleugnet oder 
verlassen haben, die Schätzung der Sexualität und des 
Infantilismus. Sonst sind an die Stelle accidenteller Ein- 
flüsse konstitutionelle Momente, für die rein psychologisch 
gemeinte „Abwehr“ ist die organische „Sexualverdrängung“ 
eingetreten. Sollte nun jemand fragen, wo ein zwingender 
Beweis für die behauptete ätiologische Bedeutung sexueller 
Faktoren bei den Psychoneurosen zu finden sei, da man 
doch diese Erkrankungen auf die banalsten Gemütsbewegungen 
und selbst auf somatische Anlässe hin ausbrechen sieht, auf 
eine spezifische Ätiologie in Gestalt besonderer Kindererleb- 
nisse verzichten muß, so nenne ich die psychoanalytische 
Erforschung der Neurotiker als die Quelle, aus welcher die 
bestrittene Überzeugung zufließt. Man erfährt, wenn man 


233 


sich dieser unersetzlichen Untersuchungsmethode bedient, 
daß die Symptome die Sexualbetätigung der 
Kranken darstellen, die ganze oder eine partielle, aus 
den Quellen normaler oder perverser Partialtriebe der Sexua- 
lität. Nicht nur, daß ein guter Teil der hysterischen Sympto- 
matologie direkt aus den Äußerungen der sexuellen Erregtheit 
herstammt, nicht nur, daß eine Reihe von erogenen Zonen 
in der Neurose in Verstärkung infantiler Eigenschaften sich 
zur Bedeutung von Genitalien erhebt; die kompliziertesten 
Symptome selbst enthüllen sich als die konvertierten Dar- 
stellungen von Phantasien, welche eine sexuelle Situation 
zum Inhalte haben. Wer die Sprache der Hysterie zu deuten 
versteht, kann vernehmen, daß die Neurose nur von der| 
verdrängten Sexualität der Kranken handelt. Man wolle nur, 
die Sexualfunktion in ihrem richtigen, durch die infantile 
Anlage umschriebenen Umfange verstehen. Wo eine banale 
Emotion zur Verursachung der Erkrankung gerechnet werden 
muß, weist die Analyse regelmäßig nach, daß die nicht 
fehlende sexuelle Komponente des traumatischen Erlebnisses 
die pathogene Wirkung ausgeübt hat. 

Wir sind unversehens von der Frage nach der Ver- 
ursachung der Psychoneurosen zum Problem ihres Wesens 
vorgedrungen. Will man dem Rechnung tragen, was man 
durch die Psychoanalyse erfahren hat, so kann man nur 
sagen, das Wesen dieser Erkrankungen liege in Störungen 
der Sexualvorgänge, jener Vorgänge im Organismus, welche 
die Bildung und Verwendung des geschlechtlichen Libido 
bestimmen. Es ist kaum zu vermeiden, daß man sich diese 
Vorgänge in letzter Linie als chemische vorstelle, so dab 
man in den sogenannten aktuellen Neurosen die somatischen, 
in den Psychoneurosen außerdem noch die psychischen Wir- 
kungen der Störungen im Sexualstoffwechsel erkennen dürfte. 
Die Ähnlichkeit der Neurosen mit den Intoxikations- und 
Abstinenzerscheinungen nach gewissen Alkaloiden, mit dem 
M. Basedowi und M. Addisoni drängt sich ohneweiters 
klinisch auf, und sowie man diese beiden letzteren Erkran- 
kungen nicht mehr als „Nervenkrankheiten“ beschreiben darf, 
so werden wohl auch bald die echten „Neurosen“ ihrer 


234 


Namengebung zum Trotze aus dieser Klasse entfernt werden 
müssen. - 

Zur Ätiologie der Neurosen gehört dann alles, was 
schädigend auf die der Sexualfunktion dienenden Vorgänge 
einwirken kann. In erster Linie also die Noxen, welche die 
Sexualfunktion selbst betreffen, insoferne diese von der mit 
Kultur und Erziehung veränderlichen Sexualkonstitution als 
Schädlichkeiten angenommen werden. In zweiter Linie stehen 
alle andersartigen Noxen und Traumen, welche sekundär durch 
Allgemeinschädigung des Organismus die Sexualvorgänge in 
demselben zu schädigen vermögen. Man vergesse aber nicht, 
daß das ätiologische Problem bei den Neurosen mindestens 
ebenso kompliziert ist wie sonst beider Krankheitsverursachung. 
Eine einzige pathogene Einwirkung ist fast niemals hinreichend; 
zu allermeist wird eine Mehrheit von ätiologischen Momenten 
erfordert, die einander unterstützen, die man also nicht in 
Gegensatz zu einander bringen darf. Dafür ist auch der Zu- 
stand des neurotischen Krankseins von dem der Gesundheit 
nicht scharf geschieden. Die Erkrankung ist das Ergebnis 
einer Summation, und das Maß der ätiologischen Bedingungen 
kann von irgend einer Seite her voll gemacht werden. Die 
Ätiologie der Neurosen ausschließlich in der Heredität oder 
in der Konstitution zu suchen, wäre keine geringere Ein- 
seitigkeit, als wenn man einzig die accidentellen Beeinflus- 
sungen der Sexualität im Leben zur Ätiologie erheben wollte, 
wenn sich doch die Aufklärung ergibt, daß das Wesen dieser 
Erkrankungen nur in einer Störung der Sexualvorgänge im 
Organismus gelegen ist. u 


Wien, Juni 1905. 


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ter > Abwehr-Neuropsycho- 
/ Übe Berechtigung, v. d. Neur- 
henie einen bestimmten Syraptomeu- 
nplex als „Angstneu rose“ abzutrennen 
Obsessions et phobies / Zur Kritik d. 
urose /. Weitere Bemerk. üb. die 


exualität in d. Ätiol. d. Neurosen) 


z al 
| . Die Traumdentung. (1.0. Hip.) 


iu i 


Die Traumdeutung (7. u. 8. Kap.) / Über 
den Traum / Beiträge zur Traumlohre 
(Märchenstoffe in Träumen / Ein Trauın 


als Beweisutittel / Traun u. Telepathie / 


Bemerk. z. Theor. u. Prax. d. Traumdtg.) 
IV 
ZurPsychopathol. d. Alltagslebens/Das 


Interesse an d. PsA. / Über PsAnalyse / 


Zur Geschichte der psa. Bewegung 


V 


Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / 
Arbeiten z. Sexualleben u. z. Neurosen- 
iehre (Meine Ansichten üb. d. Rolle d. 
Sexnalität ind. Ätiologie d. Neurosen / 
Zur sex. Aufklärungd. Kinder / Die „kul- 
tnrelle* Sexualmoral u. d. Nervosität / 
Üb. infantile Sexualtheorien / Beiträge z. 
Psychologie d: Liebeslebens: UÜb. einen 


.bes. Typus d. Objektwahl beim Manne. 


Über d. allgemeinste Erniedrigung des 
Liebeslebens. Das Tabu d. Virginität ! 
Die infantile Genitalorganisation / Zwei 
Kinderlügen / Gedankenässoziation eines 
4 jährigen Kindes / Hyster. Phantasien u. 
ihre Beziehung z. Bisexualität / Über den 
hyster. Anfall / Charakter u. Analerotik / 
Üb. Triebuinsetzungen, insbes. d. Anal- 
erotik / Die Disposition z. Zwangsneurose 
/ Mitteilung eines der psychoanalytisch. 
Theorie widersprechenden Falles v. Para- 
11oia / Die psychogene Sehstörung in psy- 
choanalyt. Auffassung | Eine Beziehung 
z.w., eineın Symboln. einem Symptom/Üb. 
die Psychogenese eines Falles v. weibl. 
Homosexualität / „Ein Kind wird ge- 
schlagen“ / Das ökonom. Problem d. Ma- 
sochisnius / Üb. einige neurot. Mechanis- 
men bei Eifersucht, Paranoia u. Homo- 


hr-Neuropsychosen / 1’heredite et, 
en 1. des uevroses / 7. Atiol. d. Hysterie 
/Di 


sale / Die Verdrän 
Metapsychol. Er 
Trauer u.Melanch: 


a 


Über Psychotherapie/D 
cen d. psa. ‘Therapie / 
Die Handhabung d. T 
PsA./Zur Dynamik d. 
schläge f. d. Arztbei 
Üb. fausse reconnaissance 
Arbeit / Zur Einleit. d. B 
innern, Wiederholen u. 
Bemerk. üb. d. Übeı 

d. psa. Therapie/ Zur V 
Technik) / Zur Einf. d. N 
seits d. Lustprinzips / 
gie usIch-Analyse / Das I 


ey 
Vorlesungen z.Einf.ind.Ps; 


: vim 
Krankengeschichten (Bruc! 
Hysterieanalyse / Analyse d. 
5j. Kuaben / Üb. einen Fall 
neurose/Psychoanalyt. B 
autobiog.. beschr. Fall v 
d. Geschichte einer infan 


IX 


Der Witz n. s. Beziehung 
/Der Wahn u. d. Träume 
Gradiva / Eine Kindhe 

Leonardo da 


Totem u. Tabu /Arbeiten z 
d. Psychoanalyse (Tatb 
stik u.PsA. / Zwangshandl 
gionsübung /Üb. d, Gegensin 
’ Der Dichter u. d. Plıantasie 
Parallele z. ein. plast. Zwang 
/ Das Motiv d. Kästchenwv: 
d. Michelangelo / Einige 
aus d. psychoanalyt. Arb: 
üb, Krieg u. Tod / Eine 
PsA./Eine Kincheitserin. 
tung u. Wahrheit“ / Das | 
Eine Teufelsneuros 


xl 
Nachträge / Bibliographie 


Verlag von Franz Deuticke in Leipzig und Wien. 


/mr Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie von Dr. Sigm. 
Freud. — 1891. Preis RK 3.60, M. 8.—. 

Zur Kenntnis der eerebralen Diplegien des Kindesalters (im 
Anschluß an die Little’sche Krankheit). Von Dr. Sigm, Freud, Privat- 
dozent an der Universität in Wien. — 1893. Preis K 7.20, M. 6.— 


Stndien über Hysterie. Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freund 
in Wien. — '1895. Preis K 8.40, M. 7.— 


Die  lentaıre: 5 Von Dr. Sigm. Freud. —. 1900. Preis K 10.80, 
M. 9.—. 


Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Von Prof. 
Dr. Sigm. Freud. — 1005. Preis R6— MS. 


Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
— 1905. Preis RK 2.40, M. 2.—. 


Die Suegestion und ihre Heilwirkung. Von Dr. H. Bernheim, 
Professor. an der Faculte de medeeine in Nancy. Autorisierte deutsche 
- Ausgabe von Dr. Siem. Freud, Dozent für Nervenkrankheiten an der 
Universität in Wien. Zweite umgearbeitete Auflage, besorgt von 
Dr. Max Keane: — 18%. I K6—, M 5—. 


Nene Studien über Hypnotismus, Suggestion ud Prychil 


therapie. Von Dr. H. Bernheim, Professor an der Facults de me- 
decine in Nancy. Übersetzt von Dr. Sigm. Freud, Privatdozent an 
der Universität in Wien. — 1892. Preis K 9.60, M. 8.—. 


Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, 
insbesondere über Hysterie. Von J. M. Chareot. Autorisierte 
deutsche Ausgabe von Dr. Sigm. Freud, Dozent für Nervenkrank- 
heiten an der k. k. Universität in Wien. — 1886. Preis K 10.80, 
M. 9.—. 


Poliklinische Vorträge von Professor J. M. Chareot. I. Band, Schul- 
jahr 1887—1888. Übersetzt von Dr. Sigm. Freud,, Privatdozent an 
der Universitat in Wien. II. Band, Schuljahr 1888- 1889. Übersetzt 
von Br. Max Kahane in Wien. — 1892—1898,. — Preis pro Bass 
K 14.40, M. 12.—. r